1. Autobiographische Korpora: zur Einleitung1
Korpuslinguistische Untersuchungen haben seit Anfang des 21. Jahrhunderts eine immer stärkere Rolle in der Sprachforschung eingenommen und sind zum festen Teil der meisten linguistischen Subdisziplinen geworden (vgl. Kupietz / Schmidt 2018: 1; vgl. auch Mair 2018). Im Vergleich zu anderen Bereichen sind Korpora tatsächlich „das methodologische Alleinstellungsmerkmal der Linguistik: Es ist für die Linguistik distinktiv, dass für sie die Rohdaten authentischer gesellschaftlicher Praxis, also Texte und Interaktionen, das Untersuchungsmaterial und der Gegenstand ihrer Beschreibungen und Erklärungen sind“ (Deppermann et al. 2023: IX). Auch der Sprachbildung und -vermittlung (vgl. z.B. Lüdeling / Walter 2009; Römer 2011) sowohl im schulischen als auch im universitären Bereich bringt die Arbeit mit Korpora einen Mehrwert. Dass Korpora „sowohl ein großes wissenschaftliches, aber auch didaktisch-pädagogisches sowie darüber hinaus unterrichtsmethodisches Potenzial [bieten]“ (Flinz et al. 2021: 1) ist längst kein Novum mehr, sichern sie doch „interessante und neue Zugänge für die Sprachbeschreibung, die Fremd- und Zweitsprachenerwerbsforschung, die Entwicklung von Nachschlagewerken, von Lehr- und Unterrichtsmaterialien sowie für die Anwendung und Unterrichtspraxis“ (ebd.). Dennoch herrscht immer noch eine gewisse Zurückhaltung vor, Korpora in der Lehr- und Sprachpraxis einzusetzen (vgl. Boulton 2020 und Flinz 2021 u.a.; vgl. aber Beißwenger et al. 2025).
Die (deutschsprachige) Korpuslandschaft ist vielfältig: Korpora können geschrieben, gesprochen oder multimodal sein; sie können einsprachige, zweisprachige oder mehrsprachige Daten enthalten, vergleichbar oder parallel sein2. In allen Fällen können sie (u.a. in Unterrichtssituationen) eingesetzt werden, um die Auseinandersetzung mit authentischen Daten zu fördern (vgl. z.B. Flinz 2024 und Beißwenger et al. 2025).
In der vorliegender Themenausgabe richtet sich das analytische Interesse auf die Untersuchung von Korpora gesprochener Sprache (vgl. Imo / Weidner 2018), deren Betrachtung in Lehrwerken schon von Fandrych / Tschirner (2007) gefordert wurde, u.a. im Hinblick auf die Entwicklung mündlicher Kompetenzen (Hören und Sprechen): „Damit sind Korpora der (medial) gesprochenen Sprache von ausschlaggebendem Interesse, wobei hier die Organisation derartiger Korpora einen Zugriff nach Diskurs- bzw. Gesprächstypen ebenso ermöglichen muss wie nach bestimmten pragmatischen, situativen und rollenspezifischen Faktoren“ (ebd.: 200). Sie eignen sich für die Erforschung
[der] Spezifik der Sprachverwendung in unterschiedlichen Domänen und Ausprägungen des sprachlichen Handelns z. B.: geschriebene vs. gesprochene Sprache, Jugendsprache, Alltagssprache vs. Sprache im Beruf oder Institutionen, Sprachverwendung unterschiedlichen sozialen Gruppen, Sprache in redigierten Texten vs. in Alltagsgesprächen, geschriebene Standardsprache vs. Sprache in privaten Messenger-Chats und in sozialen Netzwerken). (Beißwenger et al. 2025: 3)
Sie stellen nützliche Ressourcen zur Untersuchung des Vorkommens sprachlicher Ausdrücke und des Wandels sprachlich-kommunikativer Praktiken dar (vgl. ebd.: 2-3). Zudem ermöglichen sie die Berücksichtigung gesprochensprachlicher Phänomene und können auch zwecks sprachkontrastiver Analysen eingesetzt werden; allerdings werden die (in den Lehrwerken bisher unsystematisch behandelten) Besonderheiten der Mündlichkeit häufig noch in Bezug auf eine schriftsprachlich orientierte Norm betrachtet (vgl. Fandrych / Meißner / Wallner 2021; vgl. auch Moraldo / Missaglia 2013).
„Gesprochene Sprache ist aus korpusmethodischer Perspektive ein besonderer Gegenstand“ (Fandrych / Meißner / Wallner 2021: 5), da die Transkription von Audio- und Videoaufnahmen, die für Analyse gesprochener Sprache notwendig ist, zeitlich sehr aufwendig ist. Vom Umfang her unterscheiden sich verfügbare mündliche Korpora aus diesem Grund von schriftsprachlichen Korpora (vgl. ebd.). Die Korpuslandschaft ist allerdings im Bereich gesprochener Sprache mittlerweile vielfältiger geworden (vgl. Schmidt et al. 2023) und bietet daher auch für die Unterrichtspraxis ein facettenreiches und breites Spektrum (vgl. Fandrych / Meißner / Wallner 2021: 6); in den letzten Jahren wurden auch neue Zugänge zu mündlichen Korpora geschaffen3. Zu den verfügbaren Korpora zur Untersuchung der gesprochenen Sprache zählen u.a.m.4:
Die über die Datenbank für Gesprochenes Deutsch (DGD) des Leibniz-Instituts für Deutsche Sprache Mannheim5 verfügbaren Korpora (vgl. Kupietz / Schmidt 2015), insbesondere das ständig weiterwachsende Forschungs- und Lehrkorpus Gesprochenes Deutsch (FOLK), „das auch auf internationaler Ebene, mit Ausnahme weniger Korpora […], eine einzigartige, wissenschaftsöffentliche Ressource für konversationsanalytische und interaktionslinguistische Untersuchungen darstellt“ (Reineke / Deppermann / Schmidt 2023: 72);
das Projekt Gesprochenes Deutsch für die Auslandsgermanistik, das unter der Leitung von Susanne Günthner und Wolfang Imo 2010-2012 an der Universität Münster durchgeführt wurde und dessen Ziel es war, „Materialien (Audiodateien und Transkripte) von authentischen Kommunikationssituationen deutscher MuttersprachlerInnen zu erheben, zu transkribieren und zu archivieren, sowie darauf aufbauende Didaktisierungsvorschläge zu entwickeln und für den Unterricht Deutsch-als-Fremdsprache in der Auslandsgermanistik bereit zu stellen“6;
das Korpus Gesprochene Wissenschaftssprache kontrastiv: Deutsch im Vergleich zum Englischen und Polnischen (GeWiss)7, nämlich ein Vergleichskorpus zur gesprochenen Wissenschaftssprache, das Prüfungsgespräche, Referate und Expertenvorträge im Deutschen, Englischen und Polnischen wie auch Expertenvorträge im Italienischen sammelt und z.T. auch über die DGD abrufbar ist (vgl. z.B. Fandrych / Wallner 2023; Wallner 2023).
Ein spezifischer Typ von Korpora gesprochener Sprache stellen autobiographische Korpora8 dar. Diese enthalten autobiographische Erzählungen (vgl. Bruner 1987; Bamberg 2006) oder Interviews (vgl. Breuer et al. 2014), in denen die Sprecher:innen Gedächtnisinhalte abrufen, um ihre Lebensgeschichte oder einen signifikanten Teil davon zu rekonstruieren (vgl. Leonardi et al. 2023). Erzählte Lebensgeschichten, die im Mittelpunkt des Interesses der Biographieforschung stehen (vgl. Rosenthal 1994), oszillieren somit zwischen der vergangenen Dimension des Erlebten und der aktuellen Dimension der erzählerischen Rekonstruktion (vgl. Betten / Thüne / Leonardi 2016). Autobiographische Erzählungen (und Interviews; vgl. hierzu Lucius-Hoene / Deppermann 2004a) sind in den vielfältigsten Themenbereichen untersucht worden. Angesicht der Fülle der Arbeiten, die sich mit autobiographischen Erzählungen bzw. autobiographischen Interviews beschäftigen – und unterschiedliche methodische und thematische Schwerpunkte aufweisen (vgl. Klein 2009) –, muss hier auf Vollständigkeit verzichtet werden. Erwähnenswert sind allerdings die Analysen von Erinnerungsprozessen (vgl. Rosenthal 2006; Fivush / Haden 2008 u.a.m.), Positionierungsaktivitäten (vgl. z.B. Lucius-Hoene / Deppermann 2004b) wie auch die Untersuchung der Re(konstruktion) der narrativen Identität der Sprecher:innen (vgl. Lucius-Hoene / Deppermann 2004a; Griese 2010).
Die Beiträge in dieser Themenausgabe befassen sich mit sechs autobiographischen Korpora:
Das Israelkorpus (IK), das aus 316 narrativen autobiographischen Interviews besteht, die von der Sprachwissenschaftlerin Anne Betten (Universität Salzburg) und Mitarbeiterinnen zwischen 1989 und 2019 aufgenommen wurden9 (vgl. Pellegrino und Häußinger in dieser Themenausgabe). Es handelt sich um Gespräche mit Israelis, die v.a. in den 1930er Jahren aus Deutschland und anderen deutschsprachigen annektierten Gebieten aus rassistischen bzw. aus politischen Gründen nach Palästina/Israel emigrieren musste; neben den Interviews mit der Sprecher:innen der ersten Generation wurden ab 1999 auch Interviews mit deutschsprachigen Israelis, d.h. mit der zweiten Generation, geführt;
das Korpus Flucht und Emigration nach Großbritannien (FEGB), das 42 Gespräche enthält, die Eva-Maria Thüne (Universität Bologna) 2017-2018 mit ehemaligen Migrant:innen aus Nazi-Deutschland und den später annektierten Gebieten in Großbritannien aufgenommen hat (vgl. Koesters Gensini und Thüne in dieser Themenausgabe). Die Mehrheit der Interviewten konnte dank der britischen Initiative des ‚Kindertransports‘ auswandern (vgl. Thüne 2019);
das Korpus Fluchtgeschichten aus Ostpreußen (FGOP), das aus drei von Lucia Cinato (Universität Turin) aufgenommenen narrativen autobiographischen Interviews mit drei aus Ostpreußen stammenden Geschwistern besteht (vgl. Cinato in dieser Themenausgabe). Im Zentrum der Erzählungen stehen die Erlebnisse ihrer Flucht vor der Roten Armee und ihre Vertreibung aus der polnisch gewordenen früheren Heimat (vgl. Cinato 2020);
die Sammlung Sprachbiographien (SB) von Fix / Barth (2000), die einen schriftlichen Monolog und 25 nicht digitalisierte sprachbiographische Interviews10 enthält (vgl. Katelhön in dieser Themenausgabe). Sie gibt Einblicke in die sprachlich-kommunikativen Verhältnisse der DDR und deren Entwicklung nach der Wende wie auch in dessen sprachbiographisches Erleben (vgl. Fix 2010);
das Berliner Wendekorpus (BW) von Dittmar / Paul (2019), das 50 Gespräche mit Ost- und Westberliner:innen enthält und dessen Ziel es war, den gesellschaftlichen Umbruch nach dem Fall der Berliner Mauer 1989 als Kollektion individueller und gruppenspezifischer Erfahrungen zu dokumentieren (vgl. Katelhön in dieser Themenausgabe);
das Korpus Austrian Heritage Archive (AHA), das autobiographische Ton- und Videoaufnahmen mit österreichischen Jüd:innen versammelt, die aufgrund des Nationalsozialismus in die USA oder nach Palästina/Israel flüchten mussten (vgl. Ferron in dieser Themenausgabe).
Bis auf die Korpora SB und AHA sind alle anderen Korpora (BW, IS, FEGB, FOGB) im Archiv für Gesprochenes Deutsch (AGD) des Leibniz-Instituts für Deutsche Sprache archiviert und über dessen Plattform DGD nach Anmeldung verfügbar.
Obwohl autobiographische Erzählungen, wie bereits erwähnt, aus vielfältigen Perspektiven untersucht worden sind, fehlt unseres Wissens noch eine dezidierte Betrachtung ihres Forschungs- und Anwendungspotenzials in der Unterrichtspraxis und in der DaF-Didaktik. Mit dieser Themenausgabe möchten wir einen Schritt in diese Richtung gehen und zeigen, wie autobiographische Korpora eine fruchtbare Datenbasis für die Gestaltung von Unterrichtseinheiten darstellen können, u.a. für die Vermittlung und die Analyse der Besonderheiten des gesprochenen Deutschen. Darüber hinaus bieten sie eine Ausgangsbasis für quantitative sowie für qualitative Datenanalysen in die Unterrichtspraxis.
2. Die Beiträge in dieser Themenausgabe
Ramona Pellegrino greift in ihrem Beitrag unter dem Titel „Dynamik des deutschen Wortschatzes in narrativen Interviews mit Israelis österreichischer Herkunft: Perspektiven für die DaF/DaZ-Didaktik“ auf das IK zurück, genauer gesagt auf die 48 Interviews mit Sprecher:innen, die in Österreich aufgewachsen sind. Durch eine quantitativ-qualitative Analyse mittels der Software MAXQDA (vgl. Kuckartz / Rädiker 2019) identifiziert die Autorin Archaismen und Historismen, die für den österreichischen Sprach- und Kulturraum besonders signifikant sind. Ihr analytisches Interesse gilt insbesondere zwei Archaismen (Autostopp und Sommerfrische) und zwei Historismen (Lift und Gauleiter). Pellegrino zeigt zudem am Beispiel der vier untersuchten Lexeme, wie deren Analyse in der Unterrichtspraxis Anwendung finden könnte, und zwar nicht nur in der Diskussion über Sprachwandel einerseits und Deutsch als plurizentrische Sprache und deren Varietäten andererseits. Die Auseinandersetzung mit Migrationsgeschichten kann nämlich für Lernende und Studierende zudem einen Anlass bilden, über aktuelle Migrationsbewegungen zu reflektieren.
Sabine E. Koesters Gensini setzt sich in ihrem Beitrag „Das didaktische Potential korpusbasierter Gesprächsanalyse im universitären DaF-Unterricht. Ausdruck und Wirkung verbaler Empathie in den narrativen Interviews Flucht und Emigration nach Großbritannien von Eva-Maria Thüne“ mit einigen Interviews des Korpus‘ FEGB auseinander und konzentriert sich auf das Gesprächsverhalten der Interviewerin, insbesondere auf bestimmte Formen empathischen Sprachverhaltens. Das in der Gesprächsanalyse bisher noch weniger präsente Thema des Empathieausdrucks kann auch in die (universitäre) Unterrichtspraxis einfließen: Neben der Analyse gesprochensprachlicher Merkmale zeigt die Betrachtung der Rolle der interviewenden Person, wie sich das Interview als eine ‚Ko-Konstruktion‘ der in der Interviewsituation Beteiligten entwickelt.
Der Beitrag „Reflexion über Übersetzung und Adaption von deutschsprachigen historischen Korpora für ein Italienisches Laienpublikum“ von Lucia Cinato präsentiert das Transkriptions-, Übersetzungs- und Adaptationsverfahren einiger Interviewstellen aus dem Korpus FGOP aus dem Deutschen ins Italienische für die Webseite des Archivs des Historischen Istituto Istoreto (Polo del ʼ900, Turin). Durch ihre Analyse zeigt die Autorin, welche Elemente der gesprochenen Sprache, die in den Gesprächen vorkommen, über die schriftliche Textform bis hin zur Übersetzung erhalten bleiben können. Die Reflektion über einen derartigen sprachlichen Transformationsprozess erweist sich auch für die DaF-Didaktik von besonderem Interesse: Die Auseinandersetzung mit authentischem Sprachgebrauch fördert einerseits das Bewusstsein der Studierenden für die Merkmalen der Mündlichkeit, andererseits trägt sie zur Entwicklung deren Übersetzungs- und Textverständniskompetenz.
In ihrem Beitrag „‚Also diese ... Doppelgesichtigkeit ist immer noch da… ‘“ Individuelle Erinnerungsräume in sprachbiografischen Interviews zur Wende 1989“ führt Peggy Katelhön eine diskurslinguistische Untersuchung von Sprachbiographien aus den Korpora SB und BW durch und zeigt dabei, wie das Thema Sprache und Sprachgebrauch im Umbruchsdiskurs zur Wende eine zentrale Rolle spielt. Die Arbeit an derartigen sprachbiographischen Korpora ergibt auch für die DaF-Unterrichtspraxis einen Mehrwert, da Studierende durch die Auseinandersetzung mit Themen rund um Sprache und Sprachgebrauch immer auch mit sozialen und kulturellen Diskursen konfrontiert werden.
In ihrer Projektvorstellung „Die Metz-Interviews zu Kindheit und Jugend im Israelkorpus“ plädiert Barbara Häußinger dezidiert für die Analyse eines bisher kaum erforschten Teils des IK, nämlich die 17 Interviews, die Michaela Metz, damals Studentin von Anne Betten an der Universität Salzburg, 2010-2011 zum Thema Kindheit und Jugend aufgenommen hat. Häußinger zeigt das Potenzial des Metz-Korpus‘ für eine detaillierte Analyse, etwa um den Zusammenhang zwischen Sprache und Alter und Positionierungsaktivitäten der Interviewten aufzuzeigen. Auch die Metz-Interviews können in der Unterrichtspraxis zur Förderung der Reflexion über aktuelle Situationen gezwungener Migration und Flucht von Kindern und Jugendlichen beitragen.
Die vorliegende Themenausgabe runden zwei Korpusportraits in der Rubrik Korpora ab. Beide beschäftigen sich mit auto- (und sprach-)biographischen Interviews mit jüdischen Emigrant:innen: Isabella Ferron skizziert das AHA-Korpus, während Eva-Maria Thüne ein Portrait des von ihr selbst aufgenommenen FEGB-Korpus‘ bietet. Diese Korpusportraits geben nicht nur einen Überblick über die thematischen Schwerpunkte und Eigenschaften der beiden Korpora, sondern zeigen auch, wie diese im DaF-Unterricht einen Umgang mit Forschungsfragen anbahnen können.
3. Fazit
Die Beiträge in der vorliegenden Themenausgabe verdeutlichen, dass autobiographische Korpora einen Mehrwert für die DaF-Didaktik darstellen können, und zwar unter zahlreichen Perspektiven. Aus linguistischer Hinsicht trägt die Auseinandersetzung mit authentischen Daten zur Verbesserung der Sprachkompetenz wie auch zur Erhöhung der Sensibilität der Studierenden für die in den Lehrmaterialen weitgehend unterrepräsentierten typischen Phänomene der Mündlichkeit bei. Die didaktische Umsetzung von autobiographischen Korpora ist somit eine fruchtbare Ressource sowohl für Lehrende, die sie in der Unterrichtsvorbereitung verwenden können, als auch für Lernende, die die Korpora für selbstständige Recherchen heranziehen können. Dies kann durch die Kombination quantitativer und qualitativer Methoden erfolgen: Durch eine quantitative Analyse kann u.a. die Häufigkeit von gesprochensprachlichen Elementen (z.B. Modalpartikeln) ermittelt werden oder das Vorkommen von relevanten Elementen für die Themenkreise des Untersuchungskorpus‘ (z.B. Wörter aus dem Migrationsdiskus) untersucht werden; durch eine qualitative Analyse kann zudem über die Sprachdaten wie auch über deren Formen und Funktionen im jeweiligen Gebrauchskontext reflektiert werden.
Auch aus interdisziplinärer Perspektive stellen autobiographische Korpora eine ertragreiche Datenbasis in der Unterrichtspraxis dar: Sie ermöglichen es, Schüler:innen und Studierende mit dem individuellen und kollektiven Gedächtnis der Geschichte (in den Beiträgen dieser Themenausgabe des 20. Jahrhunderts) zu konfrontieren, so dass sie das Datenmaterial auch als sprachhistorische Zeugnisse verstehen. Zu zeigen, wie durch den Einsatz von autobiographischen Korpora im DaF-Unterricht Einblicke in historische und in gesellschaftlich relevante Themen und Diskurse, z.B. in den Migrationsdiskurs, gewonnen werden können, ist ein weiteres Ziel dieser Themenausgabe.
Trotz der Schwierigkeit und des Aufwandes, autobiographische Korpora aufzubauen, stellen diese eine relevante Ressource in DaF-Kontexten dar. Durch die facettenreichen Beiträge der vorliegenden Ausgabe hoffen wir, das Potenzial autobiographischer Korpora zur Erarbeitung sprachlicher und diskursrelevanter Phänomene auf unterschiedlichen Analyseebenen hervorzuheben und den Ausbau der (in der DaF-Didaktik eingesetzten) Korpuslandschaft zu befördern.
Notes
- Der vorliegende Beitrag wurde von den Autorinnen gemeinsam konzipiert und bearbeitet. Rita Luppi hat den Abschnitt 1, Eva-Maria Thüne den Abschnitt 2 verfasst. Das Fazit (Abschnitt 3) haben die Autorinnen gemeinsam verfasst. [^]
- Für einen Überblick über die unterschiedlichen Korpustypologien vgl. Lemnitzer / Zinsmeister (2015: 137-138). [^]
- Siehe insbesondere das Projekt Zugänge zu multimodalen Korpora gesprochener Sprache – Vernetzung und zielgruppenspezifische Ausdifferenzierung (ZuMult), dessen Ziel „die Verbesserung der Zugänglichkeit von digitalen mündlichen Sprachdaten für verschiedene Anwendungen und Zielgruppen“ ist (Schmidt et al. 2023: 1). Hierzu vgl. Schmidt et al. (2023) und die Beiträge in der Themenausgabe 1/2023 der Zeitschrift Korpora Deutsch als Fremdsprache. [^]
- Vgl. für eine Übersicht Imo / Weidner (2018) und Paschke (2018). [^]
- https://dgd.ids-mannheim.de (25.06.2025). [^]
- https://daad-gda.sprache-interaktion.de/?page_id=2 (25.06.2025). [^]
- https://gewiss.uni-leipzig.de/index.php?id=home (25.06.2025). [^]
- Schmidt (2018), der sich mit Gesprächskorpora befasst, nämlich mit Daten, die im Fokus der Konversationsanalyse, der Interaktionalen Linguistik oder der Funktionalen Pragmatik stehen (vgl. ebd.: 211), weist darauf hin, dass sich diese nicht eindeutig von anderen Typologien von Korpora gesprochener Sprache, u.a. denen, die autobiographische oder narrative Interviews sammeln, unterscheiden lassen. Solche terminologische Unterscheidung soll allerdings nicht als absolute taxonomische Abgrenzung verstanden werden: Es geht vielmehr darum, „den Begriff ‚Gesprächskorpus‘ für solche Korpora zu reservieren, bei deren Design, Umsetzung und Anwendung der Gedanke von Sprache im interaktiven Handeln leitend ist“ (ebd.). [^]
- Für einen ausführlichen Überblick vgl. Leonardi et al. (2023). [^]
- Sprachbiographien zählen zu den möglichen Formen von autobiographischen Erzählungen (vgl. Pavlenko 2007). Auch die Interviews des IK (vgl. Betten 2011) und des Korpus‘ FEGB (vgl. Thüne 2019) können als Sprachbiographien kategorisiert und untersucht werden, da im Mittelpunkt des Interesses auch die Rolle von Sprachen als Formen des Identitätsausdrucks steht. [^]
Literatur und Ressourcen
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Biographische Notiz
Rita Luppi ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Bologna. 2020/21 war sie DAAD-Stipendiatin am Leibniz-Institut für Deutsche Sprache Mannheim; 2024/25 absolvierte sie einen Forschungsaufenthalt an der TU Berlin und am Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien (MMZ) in Potsdam. Ihre Forschungsinteressen liegen v.a. im Bereich der Korpuslinguistik, der Pragmatik, insbesondere der Gesprächsanalyse, sowie auf der Analyse des Verhältnisses von Sprache und Migration.
Kontaktanschrift:
Rita Luppi
Università di Bologna
Dipartimento di Lingue, Letterature e Culture Moderne
Via Cartoleria 5
I-40124 Bologna
Biographische Notiz
Eva-Maria Thüne ist Professorin für Deutsche Sprache und Sprachwissenschaft an der Alma Mater Studiorum von Bologna, Italien, und Life Member des Clare Hall College in Cambridge (UK). Ihre Forschungsinteressen liegen in den Bereichen der Gesprochenen Sprache, der Gesprächsanalyse und der Textlinguistik.
Kontaktanschrift:
Eva-Maria Thüne
Universität Bologna
Dipartimento Lilec
Via Cartoleria, 5
I-40123 Bologna