1. Das Korpus: Geschichte und Aufbau
Das Austrian Heritage Archive Korpus (AHA-Korpus) ist Teil eines umfangreichen Projekts, das das Austrian Heritage Archive Ende der 1990er Jahre gemeinsam mit dem Leo Baeck Institut New York und dem Leo Baeck Institut Jerusalem durchgeführt hat (vgl. Klösch 2002: 235-239; Lichtblau 2012: 135-156). Damit sollte das Leben der österreichischen Jüdinnen und Juden dokumentiert werden, die aufgrund des Nationalsozialismus gezwungen waren, zu fliehen, und in die USA oder in das damalige Palästina flüchteten.
Zur Durchführung des Projekts wurden junge österreichische Freiwillige, die vom Verein Gedenkdienst ausgebildet wurden, im Rahmen des Zivilersatzdienstes für ein Jahr an das Leo Baeck Institut New York geschickt. Sie haben dort die Lebensgeschichten dieser österreichisch-jüdischen Emigrant:innen und Holocaust-Überlebenden in den USA und in Palästina/Israel mithilfe von Interviews (vgl. Loch / Rosenthal 2002: 221-232; Lucius-Hoene / Deppermann 2002) dokumentiert. Neben den Interviews wurden Dokumente wie Briefe, Tagebücher, Memoiren und Fotos gesammelt.
Im Mittelpunkt dieses Projekts stehen die Lebensgeschichten der ‚kleinen Leute‘ mit ihren Erzählungen über Verfolgung, Vertreibung, Emigration, Identität sowie Integration und Akkulturation in den USA bzw. in Palästina/Israel. Derzeit umfasst der Bestand der Austrian Heritage Collection in den USA und in Israel mehr als 700 Lebensgeschichten.
Während alle Materialien auf den Websites der Institute zur Verfügung stehen, ist nur ein begrenzter Teil der Transkripte (40) zugänglich, da sie von ehrenamtlichen Mitarbeitern angefertigt werden. Das Korpus, auf dem die vorliegenden Beobachtungen beruhen, basiert auf diesen Transkriptionen und verwandten Materialien. Es geht um 22 Audio- und 18 Videointerviews sowie das dazugehörende biografische Material. In Tabelle 1 sind die Daten des gesamten Korpus zusammengefasst.
Daten des Korpus Austrian Heritage Archive (AHA)
Teilnehmer | 2192 österreichische Migranten, die nach 1920 geboren wurden, mit Ausnahme einiger, die älter sind. Von diesen Teilnehmern lebten 2140 zum Zeitpunkt der Befragung in den USA (1617 wurden in Wien geboren, 99 in Polen, 37 in Böhmen, Mähren und der Tschechoslowakei, 10 in der Bukowina, 16 in Ungarn, 19 in Deutschland und erhielten später die österreichische Staatsbürgerschaft, 34 in Niederösterreich, 15 im Burgenland, 16 im übrigen Österreich, 15 in der Steiermark, 4 in Tirol und 3 in Karnien). |
Zeitraum, in dem die Interviews geführt wurden | 1996-2002 (einige Interviews wurden in späteren Jahren bis 2014 geführt) |
Dauer der Interviews | 2-4 Stunden |
Sprache(n) der Interviews | Deutsch (29 Interviews), Englisch (19 Interviews), Hebräisch (3 Interviews) |
Gesamtzahl der bisher transkribierten und auf der AHA-Website zugänglichen Interviews | 40 |
2. Nutzung des Korpus
In Abbildung 1 ist die Seite des Austrian Heritage Archive dargestellt, auf der die Interviews zu finden sind:
Website des Austrian Heritage Archive1
Auf dieser Einstiegsseite sind Fotos der Befragten mit ihren Namen abgebildet: Klickt man auf eines dieser Fotos, gelangt man auf die Seite der befragten Person, die alle Materialien zu ihrer Geschichte, Audio- und/oder Videodateien, Transkripte und andere persönliche Dokumente enthält (Abbildung 2):
Seite eines Interviews2
Wie bereits bei der Vorstellung des Korpus erwähnt, sind alle Materialien frei zugänglich, sowohl die PDF- als auch die Audiodateien der Interviews. Die Transkripte wurden ohne besondere Konventionen erstellt und geben nur den Text sowie seine Dauer wieder (Abbildung 3):
Anfang des Interviews mit Herbert Blankstein3
Die Dauer in Minuten ist auch am Ende jeder Seite angegeben (Abbildung 4). Das Fehlen von Konventionen mag zunächst problematisch erscheinen, kann sich jedoch als Vorteil erweisen, weil es dem Benutzer die Freiheit lässt, das Material zusammen mit der Audiodatei optimal zu verwenden.
Ende der ersten Seite des Interviews mit Herbert Blankstein4
Die Struktur dieser Dateien ermöglicht es, verschiedene Plattformen wie Sketch Engine zu nutzen, um Vorkommen, Kookkurrenzen usw. mit Bezug auf Thematiken wie Spracherleben (vgl. Busch 2010: 9-33), Spracheinstellung, Mehrsprachigkeit (vgl. Franceschini / Miecznikowski 2004; Ferron 2024: 217-240), Code-Switching, Sprachwandel, Verbalisierung von Traumata oder Erfahrungen von Antisemitismus zu untersuchen. Diesbezüglich bezeugen diese Interviews nicht nur den Spracherwerb oder die Sprachkompetenz der jeweiligen befragten Person zu einem bestimmten Zeitpunkt oder im Laufe ihres Lebens, sondern auch die Verbindung zwischen den körperlichen und emotionalen Dimensionen des Sprachhandelns und den sprachlichen Praktiken in der Gesellschaft, in der sie lebte/lebt (vgl. Lucius-Hoene 2000; Blommaert 2009: 415-441; Busch 2012: 503-523).
Autobiographische Erinnerungen, die sprachlich ausgedrückt werden, sind sowohl subjektiv als auch intersubjektiv und verbinden individuelle Stimmen, Praktiken und Diskurse mit Emotionen und körperlichen Spracherfahrungen (vgl. Brockmeier 2020: 33-40). Der sprachliche Kontext der autobiographischen Rekonstruktion, d.h. die Sprache, in der die eigenen Erfahrungen beschrieben werden, ist auch die Sprache der Codierung, in der Erinnerungen wahrgenommen werden, die sich primär auf einer narrativen Ebene konstituieren.
Notes
- https://austrianheritagearchive.at/de/facetedsearch (10.01.2025). [^]
- https://austrianheritagearchive.at/de/interviews/person/633 (10.01.2025). [^]
- https://austrianheritagearchive.at/de/interviews/person/633 (10.01.2025). [^]
- https://austrianheritagearchive.at/de/interviews/person/633 (10.01.2025). [^]
Literatur und Ressourcen
Blommaert, Jan (2009): Language, Asylum, and the National Order. In: Current Anthropology 50: 4, 415–441.
Brockmeier, Jens (2020): Making Language Award: Writing and Narrative. In: Interchange 51: 1, 33–40.
Busch, Brigitta (2010): …und Ihre Sprache? Über die Schwierigkeiten, eine scheinbar einfache Frage zu beantworten. In: Stichproben. Wiener Zeitschrift für kritische Afrikastudien 19, 9–33.
Busch, Brigitta (2012): The Linguistic Repertoire Revisited. In: Applied Linguistics 33: 5, 503–523.
Ferron, Isabella (2024): Il plurilinguismo austro-ungarico nelle interviste narrative dell’Austrian Heritage Archive. In: Ascarelli, Roberta / De Villa, Massimiliano (Hrsg): Mitteleuropa ebraica. Milano: Mimesis, 217–240.
Franceschini, Rita / Miecznikowski, Johanna (Hrsg.) (2004): Leben mit mehreren Sprachen. Sprachbiographien – Vivre avec plusieurs langues. Biographies langagières. Bern: Peter Lang.
Klösch, Christian (2002): The Austrian Heritage Collection at Leo Baeck Institute. Ein wissenschaftliches Projekt zu Dokumentation von Lebensgeschichten vertriebener ÖsterreicherInnen in den USA. In: Horváth, Martin / Legerer, Anton / Pfeifer, Judith / Roth, Stephan (Hrsg.): Jenseits des Schlussstrichs – Gedenkdienst im Diskurs über Österreichs nationalsozialistische Vergangenheit. Wien: Löcker Verlag, 235–239.
Lichtblau, Albert (2012): Community-orientiertes Arbeiten konkret. Die Austrian Heritage Collection in New York. In: Kriebernegg, Ulla / Lamprecht, Gerald / Maierhofer, Roberta / Strutz, Andrea (Hrsg.): “Nach Amerika nämlich!” Jüdische Migrationen in die Amerikas des 19. und 20. Jahrhunderts. Göttingen: Wallstein Verlag, 135–156.
Loch, Ulrike / Rosenthal, Gabriele (2002): Das Narrative Interview. In: Schaeffer, Doris / Müller-Mundt, Ga-briele (Hrsg.): Qualitative Gesundheits- und Pflegeforschung. Bern et al.: Hans Huber Verlag, 221–232.
Lucius-Hoene, Gabriele (2000): Konstruktion und Rekonstruktion narrativer Identität. In: Forum Qualitative Sozialforschung / Forum Qualitative Social Research 1: 2. https://www.qualitative-research.net/index.php/fqs/article/download/1087/2377?inline=1 (10.01.2025).
Lucius-Hoene, Gabriele / Deppermann, Arnulf (2002): Rekonstruktion narrativer Identität. Ein Arbeitsbuch zur Analyse narrativer Interviews. Wiesbaden: Springer.
Biographische Notiz
Isabella Ferron ist RTDB (Senior Researcher) für Deutsche Sprache und Übersetzung an der Abteilung für Sprach- und Kulturwissenschaften der Universität von Modena und Reggio Emilia. Sie war RTDA (Nachwuchsforscherin) für deutsche Sprache und Übersetzung an der Abteilung Politikwissenschaft der Universität Sapienza: Sie hat mit mehreren Universitäten als Lehrbeauftragte zusammengearbeitet (Venedig, Padua, Siena, Mailand und Leipzig) und war Postdoc-Stipendiatin an der Ca’ Foscari Universität von Venedig und am Italienischen Institut für Germanistik (Rom). Ihre Forschungsinteressen liegen in den Bereichen Sprachgeschichte, Politolinguistik, kontrastive (italienisch-deutsch) und kognitive Linguistik, Mehrsprachigkeit.
Kontaktanschrift:
Isabella Ferron
Dipartimento di Studi Linguistici e Culturali
Università degli Studi di Modena e Reggio Emilia
Largo Sant’Eufemia 19
41121 Modena