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Dynamik des Deutschen Wortschatzes in narrativen Interviews mit Israelis österreichischer Herkunft. Perspektiven für die DaF/DaZ-Didaktik

Author: Ramona Pellegrino (Università di Genova)

  • Dynamik des Deutschen Wortschatzes in narrativen Interviews mit Israelis österreichischer Herkunft. Perspektiven für die DaF/DaZ-Didaktik

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    Dynamik des Deutschen Wortschatzes in narrativen Interviews mit Israelis österreichischer Herkunft. Perspektiven für die DaF/DaZ-Didaktik

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Abstract

Die narrativen Interviews des Israelkorpus bieten nicht nur Einsicht in die Lebenswege der deutschsprachigen jüdischen Bevölkerung, sondern auch in deren Sprachgebrauch in den 1920er und 1930er Jahren. Der vorliegende Beitrag fokussiert auf die in Österreich aufgewachsenen Sprecher_innen, deren Sprachgebrauch vermutlich durch das österreichische Deutsch geprägt ist. Aus einer quantitativ-qualitativen Perspektive soll untersucht werden, was für Archaismen (Ausdrücke, deren Gebrauchshäufigkeit abgenommen hat und die deshalb als ‚veraltet‘ wahrgenommen werden) und Historismen (Bezeichnungen für historische Objekte und Phänomene, die es heutzutage nicht mehr gibt) im anhand der familiären Biografien erfassten Subkorpus vorkommen. Schließlich soll darüber reflektiert werden, wie die ermittelten Lexeme an Schulen behandelt werden können, um (Sprach)geschichte zu betreiben.

The narrative interviews of the Israelkorpus provide insights not only into the life paths of German-speaking Jews but also into their language usage in the 1920s and 1930s. This paper focuses on those speakers who grew up in Austria, whose language use is likely influenced by Austrian German. From a quantitative-qualitative perspective, the study aims to investigate which archaisms (expressions whose frequency of use has decreased, and which are therefore perceived as ‘obsolete’) and historicisms (terms for historical objects and phenomena that no longer exist) are found in the sub-corpus, which is based on family biographies. Finally, it will reflect on how the identified lexemes can be used in schools to explore (language) history.

Keywords: Israelkorpus, narrative Interviews, Archaismen, Historismen, österreichisches Deutsch, narrative interviews, archaisms, historicisms, Austrian German

How to Cite:

Pellegrino, R., (2025) “Dynamik des Deutschen Wortschatzes in narrativen Interviews mit Israelis österreichischer Herkunft. Perspektiven für die DaF/DaZ-Didaktik”, Korpora Deutsch als Fremdsprache 5(1), 10–35. doi: https://doi.org/10.48694/kordaf.4316

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2025-08-08

Peer Reviewed

1. Einleitung

Gegenstand der Untersuchung sind ausgewählte Interviews des sog. Israelkorpus (IK), narrative autobiographische Interviews mit deutschsprachigen Israelis, die vorwiegend in den 1930er und 1940er Jahren aus Mitteleuropa nach Palästina bzw. Israel flohen, sowie mit ihren Kindern und weiteren Sprecher_innen der zweiten Generation (vgl. Betten 1995; Betten / Du-nour 2000). Die Interviews mit der ersten Generation ermöglichen es nicht nur, Einblicke in die Lebenswege der deutschsprachigen jüdischen Bevölkerung vor und nach der Emigration aus Europa zu bekommen (vgl. Farges 2023: 26–27), sondern auch in ihren damaligen Sprachgebrauch (vgl. u.a. Betten 1996, 2013, 2014, 2016; Betten / Du-nour 2000). Das kann sowohl aus sprachhistorischer als auch aus didaktischer Sicht wertvoll sein.

Ein bislang nur sporadisch beachteter Aspekt in der lexikalischen Forschung zum IK ist die Tatsache, dass einige Begriffe, die von den Sprecher_innen verwendet werden, sich auf Sachverhalte beziehen, die heutzutage anders benannt werden oder gar nicht mehr existieren. In diesem Zusammenhang bilden die Sprecher_innen, die in Österreich geboren und/oder aufgewachsen sind, eine besonders interessante Untergruppe, da ihr Sprachgebrauch nicht nur Einsicht in eine ‚vergangene Welt‘, sondern auch in die Besonderheiten des österreichischen Deutschen (vgl. u.a. Ammon 1995) gewähren kann. Die mit ihnen geführten Interviews bilden das Untersuchungskorpus der vorliegenden Studie.

Im Beitrag soll unter Berücksichtigung korpuslinguistischer Ansätze den Fragen nachgegangen werden: 1) was für Begriffe, die sich auf vergangene, evtl. nicht mehr existierende Gegenstände und Sachverhalte beziehen, im anhand der familiären Biografien erfassten Untersuchungskorpus vorkommen; 2) welche dieser Ausdrücke für den österreichischen Sprach- und Kulturraum charakteristisch sind. Außerdem soll darüber reflektiert werden, wie die ausgewählten Wörter in der DaF/DaZ-Didaktik behandelt werden können.

Der Artikel ist wie folgt aufgebaut: Zunächst werden das Untersuchungskorpus (§ 2) und der theoretische Rahmen sowie der methodische Ansatz (§ 3) dargestellt, anschließend werden die Ergebnisse der quantitativ-qualitativen Datenanalyse präsentiert (§ 4) und es werden Überlegungen zur didaktischen Vermittlung der ermittelten Lexeme angestellt (§ 5). Schließlich werden die zentralen Aspekte des Beitrags zusammengefasst und Anregungen für zukünftige Forschungen vorgeschlagen (§ 6).

2. Untersuchungskorpus

Das IK umfasst insgesamt 318 narrative autobiographische Interviews mit jüdischen Emigrant_innen aus deutschsprachigen Gebieten Mitteleuropas und mit Nachkommen deutschsprachiger Jüd_innen. Die Interviews wurden in den Jahren 1989–2019 von der Sprachwissenschaftlerin Anne Betten und ihrem Team geführt und sind über die Datenbank für Gesprochenes Deutsch (DGD) des Leibniz-Instituts für Deutsche Sprache in Mannheim (IDS)1 zugänglich. Dort ist das IK in drei Korpora unterteilt: Emigrantendeutsch in Israel (IS)2 und Emigrantendeutsch in Israel: Wiener in Jerusalem (ISW)3 umfassen jeweils 188 und 28 Interviews mit insgesamt 209 Sprecher_innen der ersten Generation, Zweite Generation deutschsprachiger Migranten in Israel (ISZ)4 enthält 100 Interviews mit 66 Sprecher_innen der zweiten Generation. Aufgrund des Forschungsschwerpunkts dieser Untersuchung wird letzteres nicht in die Analyse miteinbezogen.

Der Hauptteil der Interviews mit der ersten Generation wurde 1989–1994 im Rahmen des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projekts Sprachbewahrung nach der Emigration – Das Deutsch der 20er Jahre in Israel geführt, dessen Ziel es war, die erstaunliche Sprachbewahrung der nach Palästina/Israel emigrierten Jüd_innen nachzuweisen und zu analysieren (zur Entstehungsgeschichte des IK vgl. Betten 1995, 2023)5. Nachdem nämlich über 60.000 Jüd_innen ab 1933 aus Deutschland und Österreich nach Palästina/Israel geflohen waren, entstand dort eine deutsche Sprachinsel, die v.a. durch die hohe Sprachkultur, die die Einwanderer_innen mitgebracht hatten, gekennzeichnet war (vgl. Betten 2007: 33). Das trifft auch auf die IK-Interviewten zu, denn sie haben die Sprache ihrer Kindheit, ihrer schulischen und akademischen Ausbildung sowie ihres beruflichen und gesellschaftlichen Lebens vor der Emigration beibehalten und sie aus vielfältigen Gründen weiterverwendet. Obwohl ihre Emigration aus den deutschsprachigen Gebieten Europas zur Zeit des Interviews manchmal sogar 60 Jahre zurücklag, sprachen sie ein Deutsch, das sie in ihrem familiären und gesellschaftlichen Umfeld erworben hatten und das in der Regel stark an schriftsprachlichen Konstruktionsmustern orientiert war (vgl. Betten 1995: 4–5). Das IK kann demnach nicht nur als ein kulturhistorisches Archiv (vgl. Farges 2023), sondern v.a. auch als eine Sammlung sprachlicher Dokumente einer besonderen Sprachinsel-Varietät verstanden werden (vgl. Betten 2007), wobei es sich bei dieser Varietät um ein „gepflegtes, schönes, akkurates, weitgehend dialektfreies, an der Schrift- bzw. Literatursprache orientiertes Deutsch“ (Betten 2014: 5) handelt, das von den Interviewten „als ‚das gute alte Weimarer Deutsch‘ bzw., wenn es Österreicher waren, als ‚Burgtheaterdeutsch‘“ (ebd.: 6) verstanden bzw. dargestellt wird6.

Was die Interviewten österreichischer Herkunft betrifft, so bilden sie die zweitgrößte Gruppe nach den im Deutschen Reich geborenen Sprecher_innen der ersten Generation (vgl. Pellegrino 2023a: 16, 2023b: 6). Ihr Sprachgebrauch wurde bislang nur ansatzweise analysiert (vgl. u.a. Mauser 2000; Gierlinger 2005). Die vorliegende Untersuchung schließt v.a. an einige jüngere Studien an (vgl. Pellegrino 2023a, 2023b, 2023c), die die IK-Interviews mit ‚Österreicher_innen‘ erstmals als eigenständiges Subkorpus – z.T. aus korpuslinguistischer Perspektive (vgl. v.a. Pellegrino 2025) – untersucht haben. Für die Analyse werden sowohl die Interviews mit 30 Sprecher_innen, die in Österreich7 geboren wurden, als auch die mit sechs weiteren Interviewten, die zwar in anderen Kronländern der Habsburgermonarchie geboren wurden aber in Österreich aufgewachsen sind, berücksichtigt. Das Untersuchungskorpus umfasst somit 20 Interviews mit 15 Sprecher_innen aus dem Korpus IS sowie alle 28 Interviews mit 21 Sprecher_innen österreichischer Herkunft des Korpus ISW8, d.h. insgesamt 48 Interviews mit 18 Sprecherinnen und 18 Sprechern.

Die wichtigsten Daten zum Untersuchungskorpus sind in Tabelle 1 aufgeführt:

Tabelle 1

Die wichtigsten Informationen zum Untersuchungskorpus

Subkorpus Erhebungsjahre9 Zahl der Sprecher_innen Zahl der Interviews Dauer
IS 1989-2010 15 20 30h 27 min 39s
ISW 1998-2011 21 28 51h 12min 13s

Die folgende Tabelle gibt Auskunft über die Geburtsjahre der Sprecher_innen des Untersuchungskorpus:

Tabelle 2
Tabelle 2

Anzahl der Interviewten nach Geburtsjahr und Subkorpus

In Tabelle 2 wird zunächst deutlich, dass die Mehrheit der österreichischen IS-Interviewten vor 1920, der größte Teil der ISW-Sprecher_innen dagegen nach 1920 geboren wurde, d.h. die ersteren waren in der Regel älter, als sie interviewt wurden. Noch bedeutender ist allerdings, dass die Interviewten des Untersuchungskorpus in den 1920er und 1930er Jahren aufwuchsen und durch den damaligen Sprachgebrauch geprägt wurden, wodurch ihre Interviews als wertvolle Zeugnisse der deutschen Sprache dieser Jahrzehnte betrachtet werden können.

3. Theoretischer Rahmen und methodischer Ansatz

3.1 Sprachbiografien und Wortschatzanalyse im diachronen Kontext

In vorherigen Studien wurde gezeigt, dass die IK-Interviews als Sprachbiografien verstanden werden können (vgl. Betten mehrfach, z.B. 2013; Pellegrino 2023a, 2023b), wobei unter ‚Sprachbiografie‘ einerseits die „erinnernde[] Rekonstruktion der sprachbiografisch relevanten Erfahrungen“ (Tophinke 2002: 1), die mit dem Erlernen von Sprachen und Sprachvarietäten sowie mit Sprachpraxis und -einstellungen verbunden sind, andererseits die „sprachliche Rekonstruktion“ (ebd.) dieser Erfahrungen verstanden werden kann. In Bezug auf die Rekonstruktion einer Sprachbiografie hat Busch (2013, 2015) betont, dass an den jeweiligen sozialen Räumen, in denen Sprecher_innen mit einer Sprache oder Sprachvarietät in Kontakt treten, bestimmte Regeln des Sprachgebrauchs gelten (vgl. auch Busch 2013: 18), und dass bei der Wahl sprachlicher Mittel sowohl soziale Faktoren als auch Spracheinstellungen – Meinungen, Wertungen, Einschätzungen und Empfindungen, die mit Sprache(n) verbunden sind (vgl. Busch 2013) – eine wichtige Rolle spielen.

Sprachbiografien können aus diachroner bzw. historischer Perspektive betrachtet werden, indem u.a. untersucht wird, wie Veränderungen auf gesellschaftlich-politischer Ebene sich im Sprachgebrauch eines Individuums widerspiegeln (vgl. Fix 2010: 11). Gerade narrative Interviews wie das IK können dabei als wertvolle „Zeugnisse von Sprachgebrauch und Sprachgebrauchsgeschichte“ (ebd.: 10) dienen, v.a. wenn im Rahmen der Erzählung Selbstbeobachtungen zum eigenen Sprachwandel geäußert werden (zu derartigen Selbstbeobachtungen in schriftlichen autobiographischen Texten vgl. Nencioni 1982 und De Mauro 2006).

In Hinblick auf eine diachrone Analyse des Wortschatzes erweist sich die Differenzierung zwischen Archaismen und Historismen als besonders nützlich (vgl. Ludwig 1997, 2000). Archaismen können als Ausdrücke verstanden werden, deren Gebrauchshäufigkeit abgenommen hat und die deshalb als veraltet oder veraltend wahrgenommen werden, obwohl sie auch in der Gegenwart noch verstanden und z.T. als Stilmittel verwendet werden können (für einen Überblick über die Definitionen von ‚Archaismus‘ vgl. Ludwig 1997: 70–71). In Gegenwartswörterbüchern – z.B. im Digitalen Wörterbuch der Deutschen Sprache (DWDS) und im online-Duden – werden Archaismen mit den zeitlichen Markern ‚veraltet‘ und ‚veraltend‘ gekennzeichnet. Ludwig (1997: 73, 2000: 126) weist darauf hin, dass die Grenzziehung zwischen den beiden Markierungsprädikaten nicht eindeutig ist; der online-Duden unterscheidet sie wie folgt:

So bedeutet die Markierung „veraltend“, dass das damit bezeichnete Wort nicht mehr zur allgemein benutzten Gegenwartssprache gehört, sondern meist von der älteren Generation verwendet wird (z. B. arbeitsam, Sommerfrische).

Wörter, die allenfalls noch in älteren literarischen Texten zu finden sind, ansonsten aber nicht mehr oder wenn, dann mit ironischer oder scherzhafter Absicht verwendet werden, erhalten die Markierung „veraltet“ (z. B. derowegen, Muhme).10

Historismen können als eine spezifische Art der Archaismen verstanden werden. Es handelt sich um Bezeichnungen für historische Gegenstände und Phänomene, die heutzutage nicht mehr existieren (vgl. Ludwig 1997: 73). Im online-Duden werden sie mit der Angabe ‚historisch‘11,‚früher‘ (z.B. beim Lemma Trümmerfrau12) oder ‚Geschichte‘ (z.B. Doge13) markiert, im DWDS findet sich m.W. ausschließlich die Markierung ‚historisch‘14. Im Gegensatz zu den sprachbezogenen Markierungen ‚veraltet‘ und ‚veraltend‘ sind ‚historisch‘ und ‚früher‘ sachbezogene Markierungsprädikate, da sie sich auf das Denotat selbst und nicht auf dessen sprachliche Bezeichnung beziehen (vgl. Ludwig 2000: 129).

Dem didaktischen Potenzial von Archaismen und Historismen wurde bislang kaum Beachtung geschenkt. Im vorliegenden Artikel sollen am Beispiel der identifizierten Lexeme Überlegungen angestellt werden, wie Archaismen und Historismen im DaF/DaZ-Unterricht insbesondere in Hinblick auf Sprachgeschichte und Sprachwandel (vgl. u.a. Siehr / Berner 2009; Moraldo 2023), Geschichtsvermittlung (vgl. u.a. Koreik 2012; Langer 2017) und kulturelles Lernen (vgl. u.a. Altmayer 2017; Haase / Höller 2017) behandelt werden können. Ergänzend zur diachronen Perspektive ist daran zu erinnern, dass die Sprecher_innen des Untersuchungskorpus in Österreich geboren und/oder aufgewachsen sind; das deutet darauf hin, dass ihre Sprachbiografien vom österreichischen Deutsch geprägt sind, was aus didaktischer Perspektive ebenfalls von Bedeutung sein könnte (vgl. u.a. Muhr 1996a, 1996b; Muhr / Schrodt 1997).

3.2 Methodische Schritte

Um Archaismen und Historismen zu ermitteln, wurde das Untersuchungskorpus aus korpuslinguistischer Perspektive analysiert (vgl. u.a. Lemnitzer / Zinsmeister 2015). Damit knüpft die vorliegende Studie an Forschungsarbeiten an, in denen nachgewiesen wurde, dass korpuslinguistische Ansätze für die Erforschung kultur- und sozialwissenschaftlicher Zusammenhänge (vgl. z.B. Scharloth 2018), (sprach)geschichtlicher Fragen (vgl. u.a. Flinz 2023) sowie in der Untersuchung digitaler Sprachinselkorpora (vgl. Boas / Fingerhuth 2018, u.a. zum IK) fruchtbar angewandt werden können.

Für die Analyse wurden einige Funktionen der Software MAXQDA (vgl. Kuckartz / Rädiker 2019), die sich in der IK-Forschung bereits bewährt hat (vgl. u.a. Luppi / Pellegrino 2023; Pellegrino 2023a, 2023c, 2025) verwendet. Eine der Grundfunktionen von MAXQDA besteht darin, Segmente von Text-, Audio- und Videodateien (in diesem Fall von Interview-Transkripten) zu ‚codieren‘, d.h. zu markieren und einem bestimmten Code zuzuordnen. Angesichts dieser Möglichkeit konnte sowohl das gesamte Korpus als auch ein Teil spezifischer Textstellen, die durch manuelle Vorarbeit mit einem bestimmten Code versehen wurden, aus korpuslinguistischer Sicht untersucht werden.

Zunächst wurde eine Kontextanalyse der folgenden KWiCs (keywords in context) im gesamten Untersuchungskorpus durchgeführt: damals, früher sagte, heute sagt, hieß und nannte. Dieses Vorgehen ging von der Annahme aus, dass in den extrahierten Kontexten metalinguistische Reflexionen der Sprecher_innen sowohl zu ihrem eigenen Sprachwandel als auch zu allgemeinen Veränderungen im Sprachgebrauch auftreten würden. Bei der KWiC-Analyse anhand eines weiteren Suchbegriffs, gesagt, wurden dagegen ausschließlich die Segmente berücksichtigt, die mit der Kodierung Einstellung zur Sprache/Sprachreflexionen markiert worden waren. Dadurch sollten Ergebnisse, die für die vorliegende Untersuchung wenig repräsentativ sind (z.B. wenn die Interviewten Dialoge wiedergeben), ausgeschlossen werden.

Durch die qualitative Analyse der Kontexte, in denen die ausgewählten Suchwörter vorkommen, konnten einige Lexeme ermittelt werden, die mithilfe von lexikographischen Quellen wie korpusbasierten Wörterbüchern – v.a. DWDS und online-Duden – untersucht wurden. Um zu bestimmen, ob sie als Archaismen oder Historismen klassifiziert werden können, wurde beim Konsultieren der lexikographischen Quellen insbesondere auf das Vorhandensein der sprach- und sachbezogenen Markierungsprädikate ‚veraltet‘, ‚veraltend‘, ‚historisch‘ und ‚früher’ geachtet (vgl. Abschnitt 3.1). Angaben zur Worthäufigkeit haben ebenfalls aufschlussreiche Erkenntnisse geliefert. Dazu sei angemerkt, dass die Worthäufigkeit im online-Duden auf Basis des Dudenkorpus – einer Zusammenstellung digitaler Texte aus dem deutschsprachigen Raum, die über 5 Milliarden Wortformen aus unterschiedlichen geschriebenen Texten enthält (u.a. Romanen, Sachbüchern und Zeitungsartikeln) – erstellt und auf einer Skala von 1 (= das Wort ist durchschnittlich weniger als einmal in einer Mio. Wortformen des Dudenkorpus belegt) bis 5 (= das Wort ist häufiger als 1.000 Mal in einer Mio. Wortformen belegt) angezeigt wird15. Beim DWDS wird die Worthäufigkeit sowohl anhand der absoluten Häufigkeit des Wortes als auch des Verhältnisses dieser Zahl zum Gesamtkorpus – das aus den Korpora DWDS-Kernkorpus, Metakorpus WebXL, DWDS-Zeitungskorpus und Wikipedia-Korpus besteht – berechnet; im DWDS bildet das Frequenzbarometer eine logarithmische Skala von 1 (Frequenz: 978) bis 7 (Frequenz: 793.084.908) ab16. Auch die im DWDS angegebene Wortverlaufskurve hat sich als hilfreich herausgestellt: Sie zeigt die Auftretenshäufigkeit eines Lemmas über einen gewissen Zeitraum (bis 400 Jahre) auf der Grundlage von historischen sowie Gegenwartskorpora – z.B. dem DWDS-Zeitungskorpus (ab 1946), dem ZDL-Regionalkorpus (ab 1993), dem DWDS-Kernkorpus (1900–1999) und dem DWDS-Kernkorpus 21 (2000–2010) – auf17.

Das Heranziehen lexikographischer Quellen hat es nicht nur ermöglicht, Informationen zum diachronen Verlauf der Lexeme, sondern z.T. auch zu deren diatopischen Verteilung zu sammeln, was für die Beantwortung der zweiten Forschungsfrage (welche Archaismen bzw. Historismen für den österreichischen Sprach- und Kulturraum charakteristisch sind) relevant war. In diesem Zusammenhang war die im DWDS und im online-Duden vermerkte Markierung ‚österreichisch‘ von besonderer Bedeutung. In Ergänzung dazu wurden auch andere Quellen – u.a. Ebner (2008) – verwendet.

4. Ergebnisse der quantitativ-qualitativen Analyse

4.1 Ergebnisse der KWiC- und der Kontextanalyse

Wie bereits erwähnt, wurde zunächst eine Kontextanalyse der Suchbegriffe damals, früher sagte, heute sagt, hieß und nannte im gesamten Untersuchungskorpus durchgeführt. Da die Suchoption ‚nur ganze Wörter‘ nicht aktiviert wurde, umfasst die Trefferliste (s. Tabelle 3) auch Kontexte, in denen der jeweilige Suchbegriff als Bestandteil anderer Wörter erscheint. So beinhaltet beispielsweise die Anzahl der Treffer für den Suchbegriff nannte auch Wortformen wie genannte, sogenannte, sogenannten usw. Aus diesem Grund – aber auch um die zu analysierenden Kontexte auf den vergangenen Sprachgebrauch zu beschränken – wurde damals nannte als Suchbegriff ergänzt. Die quantitativen Ergebnisse der KWiC-Analyse sind in der folgenden Tabelle zusammengefasst:

Tabelle 3

Quantitative Ergebnisse der KWiC-Analyse im gesamten Untersuchungskorpus

Suchbegriff Treffer Dokumente
damals 1.114 47
nannte 164 32
hieß 121 33
damals nannte 3 3
heute sagt 3 3
früher sagte 0 0

Dass das allgemeine Adverb damals in nahezu allen Dokumenten des Untersuchungskorpus vorkommt (47 von 48), ist wenig überraschend, da die Interviewten meist über Erlebnisse erzählen, die zeitlich weit zurückliegen (v.a. ihre Kindheit und Jugend in Österreich sowie ihre Emigration nach Palästina/Israel). Die Mehrwortkombination damals nannte kommt zwar wesentlich seltener vor, liefert jedoch besonders relevante Erkenntnisse in Bezug auf die Forschungsfragen, indem sie einen eventuellen Sprachwandel bzw. Veränderungen im Sprachgebrauch aus diachroner Perspektive deutlicher erkennen lässt. Ein Beispiel dafür sind die folgenden Auszüge aus den zwei relevantesten Treffern der KWiC-Analyse mit damals nannte:

    1. (1)
    1. Im Frühjahr da sollte die illegale Reise losgehen und da hatten wir eine Überseekiste, eine große, so einen Container würde man heute sagen. Damals nannte man das einen Lift, ja. Geschickt mit Möbeln und Sachen, von denen man dachte, dass man sie hier gebrauchen könnte. (Interview mit Alice Schwarz-Gardos, IS_E_0011418)
    1. (2)
    1. Damals nannte man das französisch Autostopp. Also trampen nennt man das hier. (Interview mit Arieh Karnon, IS_E_00139)

In den beiden wiedergegebenen Auszügen steht damals nannte im Zusammenhang mit den Substantiven Lift und Autostopp. Aus dem Kontext geht somit hervor, dass die Interviewten diese Begriffe als veraltet, nicht gebräuchlich oder nicht allgemein verständlich gegenüber den jeweiligen Synonymen Container bzw. trampen wahrnehmen.

Wie aus Tabelle 3 ersichtlich ist, gibt es zu früher sagte überhaupt keine Ergebnisse, zu damals nannte dagegen drei Treffer in ebenso vielen Dokumenten. Dieses Ergebnis könnte darauf hindeuten, dass die Sprecher_innen beim Verweis auf den damaligen Sprachgebrauch eher die Benennung bestimmter Gegenstände oder Sachverhalte thematisieren – was auf das Vorhandensein von Archaismen und/oder Historismen hindeuten könnte – und seltener (oder gar nicht) auf ‚überholte‘ Redensarten oder Redewendungen eingehen.

Ergänzend wurde eine Kontextanalyse des allgemeinen Begriffs gesagt ausschließlich in den mit dem Code Einstellung zur Sprache/Sprachreflexionen markierten Segmenten durchgeführt, um die Suche auf Kontexte einzuschränken, in denen es speziell um (meta)sprachliche Reflexionen geht. Die Ergebnisse dieser KWiC-Analyse sind in Tabelle 4 aufgeführt:

Tabelle 4

Quantitative Ergebnisse der KWiC-Analyse in ausgewählten Segmenten

Suchbegriff Treffer Dokumente
gesagt 16 7

Durch diese gezielte Analyse konnten Kontexte herausgefiltert werden, in denen Überlegungen zu Veränderungen im Sprachgebrauch angestellt wurden, wie z.B. in folgenden Beispielen:

    1. (3)
    1. Die Sprache hat sich ja auch geändert, hat sich sicher. Aber ich/ Es fällt mir in den Nachrichten oft auf. Weil zum Beispiel ist mir unlängst aufgefallen, hat er gesagt: „Ne und da haben sie gepusht.“ „Gepusht“ ist Englisch, ja. (Interview mit Jeanette Goldstein, ISW_E_00009)
    1. (4)
    1. Zum Beispiel meine Schwägerin spricht vielleicht ein besseres Deutsch und sie sagt „bei uns zu Hause hat man nie das gesagt und das gesagt“, wenn ich mal einen Dialektausdruck verwende. (Interview mit Jeanette Goldstein, ISW_E_00009)

Diese Textstellen haben keine potenziellen Archaismen und Historismen zum Vorschein gebracht, sondern spiegeln vielmehr das Ideal des ‚guten, reinen, dialektfreien‘ Deutsch wider, das der puristischen Spracheinstellung (vgl. Busch 2013, 2015) der IK-Interviewten entspricht (vgl. u.a. Betten 1995, 2014; Leonardi 2023; Pellegrino 2023a, 2023b, 2023c; vgl. außerdem Abschnitt 2.).

Die manuelle Analyse der Kontexte, in denen die ausgewählten Suchbegriffe auftreten, hat das Ermitteln der folgenden, aus (sprach)geschichtlicher Perspektive relevanten Lexeme ermöglicht:

Tabelle 5

Relevante, durch die Kontextanalyse ermittelte Lexeme

Lexem Treffer Dokumente Zahl der Sprecher_innen
Lift 24 9 9
Autostopp 4 4 2
Gauleiter 4 2 2

Die drei Lexeme Lift, Autostopp und Gauleiter werden im nächsten Abschnitt näher betrachtet. Darüber hinaus wird auf den Ausdruck Sommerfrische eingegangen, da dieser im online-Duden als Beispiel für Begriffe mit der zeitlichen Markierung ‚veraltend‘ genannt wird (vgl. Abschnitt 3.1) und eine KWiC-Analyse ergeben hat, dass er im Untersuchungskorpus mehrmals vorkommt (s. Tabelle 6).

Tabelle 6

Informationen zu einem weiteren berücksichtigten Lexem

Lexem Treffer Dokumente Zahl derSprecher_innen
Sommerfrische 6 2 1

4.2 Analyse und Kategorisierung der ermittelten Lexeme

In diesem Abschnitt werden die vier ermittelten Lexeme aus diachroner und diatopischer Perspektive untersucht. Das Hauptziel besteht darin, zu beurteilen, ob sie als Archaismen, Historismen und/oder als ‚besonders österreichisch‘ klassifiziert werden können.

4.2.1 Lift

Das Lexem Lift wird in neun Interviews insgesamt 24-mal verwendet (vgl. Tabelle 5). Im Gegensatz zu einem alltäglichen Kommunikationsrahmen nutzen die IK-Interviewten das Wort Lift nur selten im Sinne von Aufzug – lediglich an vier von 24 Stellen in zwei Interviews mit unterschiedlichen Sprecher_innen. In den meisten Fällen beziehen sie sich dagegen auf große Holzkisten, die sie mit ihren Habseligkeiten füllten, bevor sie nach Palästina auswanderten, wie den folgenden Beispielen entnommen werden kann (vgl. außerdem Auszug 1):

    1. (5)
    1. Ich hab etwas mitgebracht, doch das war im Lift drin, meine ganzen Klassiker, alles war da drin, alles. (Interview Anne Betten mit Alice Schwarz-Gardos, IS_E_00114)
    1. (6)
    1. Ich hatte in den beiden Koffern nur das Notwendigste aber wir sind in die Türkei ausgewandert mit drei Lifts. Da hatten wir noch alle Möbel und Bücher und Bilder, alles Mögliche noch. […] Unsere Lifts sind nicht angekommen, sind wahnsinnig lang unterwegs gewesen, und unsere ganze Winterkleidung war drinnen. Wir sind im Sommer weg, die Winterkleider im Lift gehabt. (Interview Monika Neuhofer und Eva Schmidhuber mit Anitta Goldschmidt, ISW_E_00007)
    1. (7)
    1. Ich glaub, wir schickten auch einen halben Lift voll mit unsern Kleidern und solchen Sachen. Und Porzellan haben wir geschickt. (Interview Birgit Schiefersteiner und Hanne Syverstuen mit Ora Lang, ISW_E_00017)
    1. (8)
    1. Die Familie meines Mannes konnte noch die Möbel und Teppiche und Bilder aus Wien bringen in den Lift, und wir waren ganz schön eingerichtet. (Interview Michaela Metz mit Jeanette Goldstein, ISW_E_00026)

In einem narrativen Interview kann das Erzählen über Gegenstände eine identitätsstiftende Funktion erfüllen (vgl. Thüne 2009) und zwar v.a. dann, wenn es sich um Dinge handelt, die eine wichtige Rolle im Leben der erzählenden Person spielen. In dieser Hinsicht scheint es wenig überraschend, dass zahlreiche Sprecher_innen des Untersuchungskorpus thematisieren, wie sie ihre persönlichen Besitztümer nach Palästina/Israel mitgenommen oder verschickt haben. Bemerkenswert ist jedoch, dass rund ein Fünftel von ihnen erwähnt, ihren Besitz in sog. Lifts transportiert zu haben. Dies deutet darauf hin, dass diese Erfahrung eine große Bedeutung im Leben der Interviewten eingenommen hat. Schließlich muss berücksichtigt werden, dass die Sprecher_innen und ihre Familien die wichtigsten Gegenstände ihres alten Lebens in Österreich in ihre neue Heimat bringen wollten, und dass einige Kisten ihr Ziel nicht erreichten – manchmal wurden sie bereits im Herkunftshafen beschlagnahmt –, was neben dem Verlust von Gegenständen, die für die Betroffenen einen emotionalen Wert besaßen, auch praktische Probleme mit sich brachte (dieser Aspekt wird u.a. von Anitta Goldschmitt in Beispiel 6 hinsichtlich der Kleidung, die der Jahreszeit nicht angemessen war, thematisiert).

Eine Überprüfung im DWDS und im online-Duden hat bestätigt, dass Lift als Kurzform des aus dem Englischen entlehnten Begriffs Liftvan einen „Spezialmöbelwagen für Umzüge nach Übersee ohne Umladung“19 bezeichnet. Sowohl das DWDS als auch der online-Duden bewerten die Häufigkeit dieses Wortes als ‚selten‘, markieren ihn aber weder als ‚veraltet‘ bzw. ‚veraltend‘ noch als ‚historisch‘. Zusätzliche Recherchen in weiteren, nicht lexikographischen Quellen haben ergeben, dass Lift v.a. im Kontext der jüdischen Emigration aus Europa verwendet wurde (vgl. Urban-Fahr 1998: 262) und dass Lifts in einigen Häfen sogar ‚Judenkisten‘ genannt wurden (vgl. Münder-Führing 2022). Schließlich waren ab 1933 für Jüd_innen, die auswandern wollten,

[d]etaillierte Packlisten […] der Gestapo vorzulegen und hohe Abgaben zu zahlen. Das Übersiedlungsgut – in Lifts und Kisten verstaut – verließ Deutschland mit Frachtschiffen meist über die Häfen Hamburg und Bremen. Das Transportgut wurde von Speditionen in den Hafen verbracht und lagerte dort bis zur Verschiffung.

Mit Kriegsbeginn im September 1939 stellte man die zivile Schifffahrt weitestgehend ein. […] Ab Frühjahr 1940 beschlagnahmte die Gestapo das Übersiedlungsgut, um deren Inhalt zu „verwerten“ und die Erlöse dem Deutschen Reich zukommen zu lassen.20

Vergleicht man die Verlaufskurven der synonymischen Ausdrücke Liftvan, Transportkiste und Container ab 1900 (Abbildung 1), so fällt auf, dass Container seit Ende der 1950er Jahre und v.a. seit den 1970er Jahren mit Abstand am häufigsten verwendet wird:

Abbildung 1
Abbildung 1

Verlaufskurve der synonymischen Ausdrücke Liftvan, Transportkiste und Container

In Bezug auf die eventuelle Klassifizierung von Lift bzw. Liftvan als Archaismus oder Historismus lässt sich sagen, dass der Ausdruck vergleichsweise selten verwendet wird, was aus Abbildung 1 eindeutig hervorgeht. Zudem verdeutlicht der Satz in Beispiel (1) „[d]amals nannte man das einen Lift“, dass der Begriff – zumindest in Alice Schwarz-Gardos’ Wahrnehmung – nicht als ‚aktuelle‘ Bezeichnung für einen „Spezialmöbelwagen für Umzüge nach Übersee“ (laut online-Duden- und DWDS-Definition), sondern als ‚veraltet‘ empfunden wird. Schließlich sollte berücksichtigt werden, dass Lift eng mit der jüdischen Zwangsemigration der 1930er Jahre verbunden ist. Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen könnte der Ausdruck als Archaismus, wenn nicht sogar als Historismus klassifiziert werden. Gleichzeitig kann er jedoch nicht als ‚besonders österreichisch‘ betrachtet werden, da er im gesamten deutschsprachigen Raum – insbesondere in den deutschen Häfen – Verwendung fand.

4.2.2 Autostopp

Das Wort Autostopp wird von zwei Interviewten insgesamt viermal erwähnt (vgl. Tabelle 5). Die in Beispiel (2) wiedergegebene Aussage Arieh Karnons „damals nannte man das Autostopp“ lässt vermuten, dass der Interviewte den Begriff als nicht mehr zeitgemäß empfindet. Wie dem Dialog zwischen dem Sprecher (AK) und der Interviewerin Kristine Hecker (KH) in Auszug (9), der direkt an die in (2) wiedergegebene Interview-Passage anschließt, entnommen werden kann, spielt noch ein weiterer Aspekt eine Rolle: Zur Zeit des Interviews ist Arieh Karnon dem deutschsprachigen Raum seit Jahrzehnten fern und ist wahrscheinlich deshalb nicht sicher, wie das aktuelle deutschsprachige Äquivalent von Autostopp lautet.

    1. (9)
    1. AK: […] Wie heißt es auf Hochdeutsch? Wenn man Autos anhält auf der Straße?
    2. KH: Ähm.
    3. AK: Das weiß ich nicht.
    4. KH: Trampen.
    5. AK: Noch immer trampen? Sagt man noch trampen? (Interview Kristine Hecker mit Arieh Karnon, IS_E_00139)

Möglicherweise geht der Sprecher zunächst davon aus, dass der aus dem Englischen entlehnte Ausdruck trampen v.a. von den in Israel lebenden Deutschsprachler_innen verwendet wird (s. das Deiktikon hier in „Trampen nennt man das hier“ in Beispiel 2), da das Land von der englischen Sprache stark geprägt ist, was auf die Zeit des britischen Mandats zurückzuführen ist. Wahrscheinlich reagiert er deshalb überrascht, als er erfährt, dass trampen zum aktuellen Sprachgebrauch im deutschsprachigen Raum gehört.

Im Unterschied zu Arieh Karnon äußert der zweite Sprecher, der den Ausdruck Autostopp verwendet (Ari Rath), keine metasprachlichen Bemerkungen dazu.

Weder das DWDS21 noch der online-Duden22 kennzeichnen das aus dem Französischen entlehnte Substantiv Autostopp bzw. den Ausdruck per Autostopp als ‚veraltet‘ oder ‚veraltend‘, allerdings stufen sie seine Verwendung als ‚selten‘ ein: Die Worthäufigkeit wird in der Duden-Skala auf Stufe 1, in der DWDS-Skala auf Stufe 2 klassifiziert. Anhand der Wortverlaufskurve in Abbildung 2 kann zudem beobachtet werden, dass Autostopp nach seinem Höhepunkt um das Jahr 1934 deutlich seltener – v.a. im Vergleich zum Synonym Anhalter und z.T. auch zum Verb trampen – verwendet wurde:

Abbildung 2
Abbildung 2

Verlaufskurve der synonymischen Ausdrücke Autostopp, Anhalter und trampen

Um zu klären, ob Autostopp als Archaismus oder Historismus eingestuft werden kann, obwohl er weder im DWDS noch im online-Duden als ‚veraltet‘ oder ‚veraltend‘ gekennzeichnet ist, wurden weitere Recherchen durchgeführt. Eine Suchanfrage im Deutschen Referenzkorpus DeReKo (vgl. Kupietz / Keibel 2009) hat ergeben, dass das Wort Autostopp lediglich 303 Mal in den Korpora aus Deutschland, die insgesamt etwa 8 Milliarden Wörter aus 650 unterschiedlichen geschriebenen Korpora umfassen, erwähnt wird. Um festzustellen, ob Autostopp in der mündlichen Kommunikation eventuell häufiger verwendet wird, wurde das Forschungs- und Lehrkorpus Gesprochenes Deutsch (FOLK)23, das authentische Gespräche in verschiedenen privaten, institutionellen und öffentlichen Kontexten umfasst (vgl. Reineke / Deppermann / Schmidt 2023), herangezogen. Das FOLK, das seit 2008 kontinuierlich erweitert wird, besteht derzeit aus 436 Gesprächen mit 1381 Sprecher_innen und insgesamt 3.450.408 Tokens (Stand: Oktober 2024). Eine KWiC-Analyse anhand des Suchbegriffs Autostopp hat keine Treffer ergeben. Diese zusätzlichen Untersuchungen bestätigen somit, dass der Ausdruck nicht mehr Teil des gegenwärtigen Sprachgebrauchs ist – womöglich auch, weil weniger Menschen „als unentgeltlich in einem Personen- oder Lastkraftwagen mitgenommener Mitfahrer“24 reisen – und verdeutlichen, dass er durchaus als Archaismus aufgefasst werden könnte.

Schließlich sei noch angemerkt, dass der online-Duden keine Informationen zur diatopischen oder diaphasischen Konnotation von Autostopp und seinen synonymischen Ausdrücken Anhalter und trampen liefert. Laut DWDS ist Autostopp dagegen v.a. in Österreich sowie in der Schweiz und per Anhalter besonders in Deutschland verbreitet, während das Verb trampen als ‚umgangssprachlich‘ gilt25. Eine KWiC-Analyse in den Korpora aus Österreich, die zum DeReKo gehören, hat gezeigt, dass Autostopp häufiger in Österreich als in Deutschland verwendet wird: Die Suchanfrage hat mehr Treffer ergeben (449 im Gegensatz zu den 303 in den Korpora aus Deutschland), obwohl die Anzahl der Korpora (165 vs. 650) und die Gesamtzahl der Wörter (knapp 1,4 Milliarden vs. 8 Milliarden) sowie die Zeitspanne, über die sich die Veröffentlichung der Texte erstreckt (1991–2023 vs. 1772–2023), deutlich geringer ist.

4.2.3 Gauleiter

Der Begriff Gauleiter wird viermal in zwei verschiedenen Interviews erwähnt (vgl. Tabelle 5). Besonders hervorzuheben ist die folgende Passage, die dem Interview mit Alice Schwarz-Gardos entnommen wurde und in der das Attribut sogenannt als ‚indirekter‘ Suchbegriff der KWiC-Analyse vorkommt (vgl. Abschnitt 4.1):

    1. (10)
    1. […] in der Geschichte über David Frankfurter. Das war ein junger Jude, der den sogenannten Gauleiter für die Schweiz, der vorgesehen war, Gauleiter für die Schweiz zu werden, äh zu Beginn des Krieges erschossen hat und dafür zu einer langjährigen Gefängnisstrafe verurteilt wurde. (Interview Anne Betten mit Alice Schwarz-Gardos, IS_E_00114)

In Auszug (10) erzählt Alice Schwarz-Gardos von der Zeit, als das israelische Fernsehen keine Filme in deutscher Sprache ausstrahlte, auch nicht die Verfilmung des Attentats auf den Landesgruppenleiter der NSDAP-Auslandsorganisation (AO) Wilhelm Gustloff, der 1936 vom jüdischen Studenten David Frankfurter getötet wurde (vgl. Fuhrer 2012). Um auf den Landesgruppenleiter der NSDAP/AO zu verweisen, verwendet die Sprecherin den Begriff Gauleiter. Dieser ist hier nicht einfach als „Leiter einer Ortsgruppe einer (in Gaue gegliederten) Organisation“26, sondern in einer spezifischeren Bedeutung als ein „(dem Führer Adolf Hitler unmittelbar unterstehender) Hoheitsträger, Inhaber der obersten staatlichen und administrativen Ämter eines Gaues der NSDAP“27 zu verstehen. Da sich der Begriff in diesem Sinne auf einen im Nationalsozialismus existierenden Sachverhalt bezieht, wird sein Gebrauch sowohl im DWDS als auch im online-Duden als ‚nationalsozialistisch‘ markiert28. Dass die Verwendung von Gauleiter eng mit der Zeit des Nationalsozialismus verknüpft ist, wird durch andere Quellen (vgl. u.a. Finger 2006; Longerich 2024) und die DWDS-Wortverlaufskurve (Abbildung 3) zusätzlich bestätigt:

Abbildung 3
Abbildung 3

Verlaufskurve des Wortes Gauleiter

Die Wortverlaufskurve in Abbildung 3 zeigt eindeutig, dass der Begriff Gauleiter v.a. zwischen Mitte der 1930er und Mitte der 1940er Jahre – d.h. hauptsächlich in der NS-Zeit29 – verbreitet war und seitdem so gut wie nicht mehr verwendet wurde. Der auffallende Anstieg im Jahre 1946 lässt sich nachvollziehen, wenn man die Korpustreffer in der Verlaufskurve auf der DWDS-Seite genauer analysiert: Von den 1.417 Treffern für dieses Jahr entfallen die meisten auf Texte, die sich mit den Nürnberger Prozessen befassen, wobei der Hauptkriegsverbrecherprozess, der von November 1945 bis Oktober 1946 stattfand, eine zentrale Rolle spielte. Daraus lässt sich ableiten, dass einige der Angeklagten ehemalige Gauleiter gewesen sein müssen.

Dass der Begriff Gauleiter aus der Perspektive der Erzählzeit (vgl. Müller 1947) als durch den Nationalsozialismus ‚belastet‘ gilt, könnte erklären, warum Alice Schwarz-Gardos dem Substantiv das Attribut sogenannt voranstellt (Auszug 10). Ähnliches findet sich übrigens auch in einem weiteren, nicht zum Untersuchungskorpus gehörenden IK-Interview wieder: Die in Breslau geborene Sprecherin Hilde Rudberg (IS_E_00109) erwähnt den Ausdruck Gauleiter und weist dabei auf ihre Benennungsschwierigkeit direkt hin: „Er war, wie man das damals genannt hat – ich ich wunder mich bis heute über den Ausdruck, aber ich hab keinen andern – er war Gauleiter äh für für Schlesien vom Hechaluz [Weltorganisation verschiedener chaluzischer Bewegungen]“ (Betten / Mauser 2002: 188, Kursiv im Original).

Aus den oben angeführten Überlegungen heraus scheint es angemessen, den Begriff Gauleiter als Historismus einzustufen, der nicht ausschließlich auf Österreich beschränkt ist (vgl. dazu Finger 2006). Diese Einschätzung wird bestätigt, wenn man das Determinans des Determinativkompositum Gauleiter näher betrachtet. Der Begriff Gau wurde nach seiner Aneignung durch den Nationalsozialismus stark mit dem Regime in Verbindung gebracht, obwohl er schon vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten verwendet worden war (vgl. Heine 2014). Sowohl das DWDS als auch der online-Duden geben zwei Bedeutungen von Gau an: Während die eine („in sich geschlossene Landschaft, großer landschaftlicher Bezirk“30) als ‚besonders historisch‘ markiert ist, gilt die zweite als ‚nationalsozialistisch‘, da sie sich gezielt auf eine „regionale Organisationseinheit der NSDAP unterhalb der Reichs- und oberhalb der Kreisebene“31 bezieht. Die dritte, ausschließlich vom DWDS gebotene Definition „Verwaltungsbezirk des Bundeslands Salzburg“32 ist im untersuchten Kontext nicht relevant.

4.2.4 Sommerfrische

Der Begriff Sommerfrische wird sechsmal von einem einzigen Sprecher, Ari Rath, in zwei seiner fünf Interviews verwendet (vgl. Tabelle 6). Als Beispiele werden die folgenden Textpassagen angeführt:

    1. (11)
    1. […] im Sommer ‘35, ich kann die Sommer, unsere Sommer, immer nach Sommerfrischen zählen, man ist ja immer mit Kind und Kegel buchstäblich für zwei Monate da, von Edlach, Semmering, Velden äh Bad Aussee und so weiter. (Interview Anne Betten mit Ari Rath, ISW_E_00019)
    1. (12)
    1. […] und dann ist er jedes Jahr im Sommer für zwei Monate auf Sommerfrische gefahren. (Interview Michaela Metz mit Ari Rath, ISW_E_00028)
    1. (13)
    1. […] man ist jedes Jahr auf Sommerfrische gefahren, natürlich äh Skiferien und und am Semmering zumindest fünf sechsmal […] im Jahr. (Interview Michaela Metz mit Ari Rath, ISW_E_00028)

Das Substantiv Sommerfrische kann als synonymischer Ausdruck für Sommerurlaub verstanden werden, allerdings ist es nach dem Deutschen Wörterbuch der Brüder Grimm insbesondere als „erholungsaufenthalt der städter auf dem lande zur sommerzeit“ (Grimm / Grimm 1902: 1526) sowie als Ort für den Erholungsaufenthalt selbst (vgl. ebd.) zu verstehen. Die Bedeutungsentwicklung dieses Lexems ist eng an die Geschichte des modernen Tourismus gekoppelt, denn seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts beschreibt Sommerfrische eine Art des Reisens, die primär der Erholung diente und vorwiegend vom Bürgertum unternommen wurde (vgl. Götsch 2002: 9). Interessanterweise könnte dieser semantische Bedeutungswandel vom Italienischen beeinflusst worden sein:

‚frescura‘ (die frische) nennen die leute hier (am Gardasee) sowohl die zeitperiode, während deren sie auf dem lande leben als auch den landsitz selbst (vgl. frescura, frescata, kühle luft, die kühle. Kramer a.a.o. 477b). […] aus diesem italienischen fresco und frescura haben die deutschen Tiroler von Meran und Botzen ihre ‚sommerfrischen‘ (sommerwohnungen) hergenommen“ (Grimm / Grimm 1902: 1526).

Dass sich Sommerfrische v.a. nach 1850 etabliert hat, zeigt die Wortverlaufskurve in Abbildung 4, in der die Häufigkeit des Begriffs über vier Jahrhunderte hinweg (1600–1999) abgebildet ist:

Abbildung 4
Abbildung 4

Verlaufskurve des Wortes Sommerfrische in der Zeit 1600–1999

Aus Abbildung 4 sowie aus der Verlaufskurve in Abbildung 5, die den Gebrauch des Begriffs von 1900 bis heute detaillierter darstellt, geht hervor, dass die Verwendung von Sommerfrische v.a. seit Ende der 1930er Jahre deutlich zurückgegangen ist. Entsprechend wird Sommerfrische sowohl im DWDS als auch im online-Duden als ‚veraltend‘33 markiert und kann daher als Archaismus klassifiziert werden.

Abbildung 5
Abbildung 5

Verlaufskurve des Wortes Sommerfrische in der Zeit 1900–2024

Die Tradition der Sommerfrische war in Österreich – und wohl auch in Deutschland – tief verankert und diente besonders den wohlhabenden Schichten als Ausdruck ihres gesellschaftlichen Rangs (vgl. u.a. Payer 2018). Der Gebrauch von Sommerfrische wird weder im DWDS noch im online-Duden als ‚besonders österreichisch‘ gekennzeichnet. Allerdings fällt auf, dass „in die Sommerfrische fahren“34 als charakteristische Wortkombination für Sommerfrische angegeben wird, während in den Interviews des Untersuchungskorpus die Präposition auf statt in verwendet wird („auf Sommerfrische“ in den Beispielen 12 und 13). Der Sprachgebrauch des IK-Sprechers spiegelt wider, dass die Formulierung auf Sommerfrische – analog zu auf Urlaub – eine bairische, insbesondere österreichische Variante ist. Somit ist nicht das Lexem Sommerfrische, sondern vielmehr die Kollokation auf Sommerfrische als besonders typisch für Österreich anzusehen.

5. Überlegungen zum Einsatz der ermittelten Lexeme im DaF/DaZ-Unterricht

Die in Abschnitt 4. durch eine Kombination aus quantitativ-qualitativer KWiC- und Kontextanalyse ermittelten Lexeme bieten vielseitige Einsatzmöglichkeiten im DaF/DaZ-Unterricht. Je nach inhaltlichem Schwerpunkt der Unterrichtseinheit können sie den Lernenden auf unterschiedliche Weise zugänglich gemacht werden. In diesem Abschnitt werden einige kurze Anregungen vorgestellt, wie die vier analysierten Lexeme in die DaF/DaZ-Didaktik integriert werden können.

5.1 Kulturelles Lernen und Vermittlung geschichtlicher Inhalte

Wie bereits in Abschnitt 2. erwähnt, lassen sich die IK-Interviews als kulturhistorisches Archiv betrachten (vgl. dazu auch Farges 2023). Dies macht sie zu einem wertvollen Medium für die Vermittlung geschichtlicher Inhalte, insbesondere im Kontext des Nationalsozialismus und der Verfolgung der jüdischen Bevölkerung. Die IK-Interviews können somit entscheidend zum kulturellen bzw. kulturbezogenen Lernen beitragen, das nicht nur faktisches Wissen über die Geschichte des deutschsprachigen Raums, sondern vielmehr Deutungsprozesse und diskursive Aushandlungen von Bedeutungen in der Fremdsprache fokussiert (vgl. Altmayer 2017: 11). Dieser Ansatz geht von der Annahme aus, dass

menschliches Handeln sich nur angemessen beschreiben lässt, wenn man dies nicht von außen tut, sondern die Perspektive der Beteiligten, also der handelnden Menschen selbst einnimmt, wenn man versucht die Bedeutungen zu verstehen, die Menschen sich selbst, ihren Mitmenschen, der sie umgebenden Wirklichkeit und ihrem Handeln in dieser Wirklichkeit zuschreiben, wie diese Bedeutungen entstehen und wie sie in der Interaktion mit anderen Menschen ausgehandelt und vermittelt werden. (ebd.)

In dieser Hinsicht bieten die Begriffe Gauleiter und Lift wertvolle didaktische Anknüpfungspunkte. Eine vertiefte Auseinandersetzung mit Gauleiter kann die organisatorische Struktur des nationalsozialistischen Regimes verdeutlichen. Der Begriff Lift hingegen ermöglicht einen Zugang zur erzwungenen Emigration der jüdischen Bevölkerung in den 1930er und 1940er Jahren. Dabei bietet sich die LostLift-Datenbank35, die im Rahmen des Projekts LIFTProv am Deutschen Schifffahrtsmuseum Bremerhaven entwickelt wurde und die Wege des enteigneten Umzugsguts dokumentiert, als ergänzendes Lehrmaterial an. Anhand der Geschichten der IK-Interviewten, die nach Palästina/Israel emigrierten, könnten zudem weitere Routen der jüdischen Migration thematisiert werden, wie z.B. die sog. Kindertransporte nach Großbritannien (s. das Korpus FEGB – Flucht und Emigration nach Großbritannien, das auch über die DGD zugänglich ist; vgl. dazu Thüne 2019).

Im Hinblick darauf, dass die geschichtlichen Themen, die im Rahmen des DaF/DaZ-Unterrichts gewählt werden, „möglichst einen Aktualitätsbezug aufweisen […] oder einen Erkenntniswert vermitteln sollten, der im Kontext zur Gesamtausbildung der Lernergruppe steht“ (Koreik 2012: 4), lassen sich in Bezug auf das Wort Lift durchaus Parallelen zu aktuellen Migrationsbewegungen ziehen (obwohl es natürlich auch frappierende Unterschiede gibt). Die Auseinandersetzung mit den Schicksalen von Menschen, die aus rassistischen oder politischen Gründen ihre Heimat verlassen mussten, könnte den Lernenden helfen, gegenwärtige Fluchtursachen wie Kriege, Armut und Verfolgung besser zu verstehen und Empathie zu entwickeln. Geschichtliche Themen können so nicht nur das historische Bewusstsein schärfen, sondern auch zu einer erhöhten Diskurskompetenz und Toleranz gegenüber Diversität und Kontroversen beitragen (vgl. Langer 2017: 623). In dieser Hinsicht kann die Reflexion über die Migrationsgeschichten der IK-Interviewten emotionale Kompetenzen fördern und das Mitgefühl der Lernenden gegenüber aktuellen Geflüchteten stärken. Das lässt sich daraus schließen, dass das IK „nicht nur historisch und kulturwissenschaftlich wichtiges Material liefert, sondern vor allem auch ein documentum humanum ist, das Menschen unabhängig von ihrem Alter anspricht, und […] gerade diese Interviews dazu angetan sind, Empathie entstehen zu lassen“ (Betten 2023: 48, kursiv im Original).

5.2 Veränderungen im Sprachgebrauch und Sprachvarietäten

Die vier untersuchten Lexeme bieten ferner wertvolle Anknüpfungspunkte für die Diskussion über Sprachwandel und Varietäten des Deutschen. Sie veranschaulichen, dass Sprache kein starres System ist, sondern sich ständig verändert und stark von außersprachlichen, u.a. kulturhistorischen Ereignissen beeinflusst wird (vgl. Nübling et al. 2006: 3).

Das Wort Sommerfrische etwa beschreibt ein soziokulturelles Phänomen, das eng mit einer spezifischen historischen Epoche verknüpft ist. Es steht für den Erholungsaufenthalt der städtischen bürgerlichen Bevölkerung auf dem Land, eine Praxis, die im 19. Jahrhundert bis zum Aufkommen des modernen Tourismus verbreitet war (vgl. Abschnitt 4.2.4). Anhand des Begriffs Sommerfrische könnten Lernende über weitere veraltete oder veraltende Ausdrücke reflektieren, die einst mit bestimmten Arten des Reisens verbunden waren, heute jedoch nicht mehr gebräuchlich sind. Dies bietet Raum für Überlegungen, wie gesellschaftliche Veränderungen – in diesem Fall die Veränderung der Freizeit- und Urlaubsgewohnheiten – auch sprachlichen Wandel hervorrufen. Darüber hinaus könnte im Unterricht diskutiert werden, welche denotativen und konnotativen Unterschiede zwischen den synonymischen Begriffen Urlaub und Sommerfrische bestehen.

Auch der Gebrauch des Ausdrucks Autostopp ist rückläufig, da die entsprechende Praxis des Fahrens seltener geworden ist. Im Vergleich zu anderen synonymischen Ausdrücken hat sich gezeigt, dass Autostopp insbesondere in Österreich und in der Schweiz verbreitet ist, während Anhalter in Deutschland vorherrscht und trampen umgangssprachlich konnotiert ist (vgl. Abschnitt 4.2.2). Solche Beispiele eignen sich gut, um die Lernenden für die diatopische und diaphasische Variation des Deutschen zu sensibilisieren. Im Unterricht könnten die Lernenden dazu angeregt werden, über weitere Begriffe nachzudenken bzw. es könnten zusätzliche Ausdrücke eingeführt werden, die unterschiedlichen Varietäten des Deutschen angehören und durch die das Spektrum der Variation der deutschen Sprache sichtbar wird.

Besonders im Hinblick auf die Plurizentrizität des Deutschen ist es wichtig, im didaktischen Rahmen auf die unterschiedlichen Standardvarietäten der deutschen Sprache einzugehen. Aus Platzgründen kann hier nicht weiter auf theoretische Ausführungen zur Didaktik des Deutschen als plurizentrische Sprache im DaF/DaZ-Unterricht eingegangen werden (vgl. dazu u.a. Muhr 1996a, 1996b). An dieser Stelle sei v.a. darauf hingewiesen, dass das analysierte Untersuchungskorpus eine Grundlage bietet, um das österreichische Deutsch zu thematisieren. So können Begriffe wie (per) Autostopp im Vergleich zu (per) Anhalter oder die Unterschiede im Gebrauch von Präpositionen bei auf Sommerfrische vs. in die Sommerfrische den Lernenden helfen, die lexikalischen und grammatischen Unterschiede zwischen den Varietäten des Deutschen besser zu verstehen (zur unterschiedlichen Verwendung von Präpositionen im österreichischen Deutsch im Vergleich zum Binnendeutschen vgl. u.a. Ebner 2008: 45–46).

Am Beispiel des Begriffs Gauleiter lässt sich zudem verdeutlichen, wie der Nationalsozialismus bereits existierende Wörter aufgriff und deren Gebrauch so stark prägte, dass sie teilweise als ‚belastet‘ gelten und daher nur selten oder gar nicht mehr verwendet werden. Das Lexem Gauleiter könnte demnach als Ausgangspunkt für die Untersuchung weiterer, durch den Nationalsozialismus belasteter Ausdrücke dienen, etwa durch die Einbeziehung von Victor Klemperers sprachlichen Beobachtungen (vgl. Klemperer 1947; zu Victor Klemperers Tagebüchern vgl. Nowojski / Löser 2019; zum Sprachgebrauch im Nationalsozialismus vgl. außerdem Kämper 2019; für weitere Literaturhinweise zur Sprache im Nationalsozialismus und die Einbeziehung dieses Themas im Deutschunterricht vgl. u.a. Siehr / Seidel 2009). Die Reflexion über den Missbrauch von Sprache im Nationalsozialismus könnte dabei als Ausgangspunkt dienen, um Parallelen zum Sprachgebrauch des gegenwärtigen Populismus zu ziehen, was wiederum das sprachkritische Denken der Lernenden fördern könnte (vgl. Pellegrino / Bürger-Koftis 2021).

6. Fazit

In diesem Beitrag wurden 48 IK-Interviews mit Sprecher_innen österreichischer Herkunft unter Berücksichtigung korpuslinguistischer Ansätze untersucht, um Archaismen und Historismen zu ermitteln und darunter die Ausdrücke zu identifizieren, die für den österreichischen Sprach- und Kulturraum besonders charakteristisch sind. Hierfür wurde eine manuelle Kontextanalyse ausgewählter KWiCs im gesamten Untersuchungskorpus (damals, früher sagte, heute sagt, hieß und nannte) und eine gezielte KWiC-Analyse (Suchbegriff gesagt) in den Segmenten, die mithilfe der Software MAXQDA mit dem Code Einstellung zur Sprache/Sprachreflexionen markiert worden waren, durchgeführt. Dabei hat sich der Suchbegriff nannte – insbesondere in Verbindung mit dem Adverb damals (s. Beispiele 1 und 2) sowie als Bestandteil des Adjektivs sogenannte (s. Beispiel 10) – als besonders aufschlussreich erwiesen.

Dieser Ansatz hat zur Identifizierung von vier Archaismen und Historismen geführt und kann m.E. auf weitere, auch größere autobiographische Korpora übertragen werden. Dennoch hat er gewisse Begrenzungen offenbart, wie z.B. die Nichtentdeckung des Lexems Sommerfrische (vgl. Abschnitt 4.1). Dies ist darauf zurückzuführen, dass die gewählten Suchbegriffe die Selbstbeobachtungen der Sprecher_innen widerspiegeln und daher nur solche Wörter erfassen, die von den Sprecher_innen selbst als ‚veraltet‘, ‚veraltend‘ oder ‚historisch‘ wahrgenommen werden. Wenn die Interviewten dagegen Begriffe verwenden, ohne zu signalisieren (oder sich dessen bewusst zu sein), dass es sich um einen nicht mehr aktuellen Sprachgebrauch handelt (wie bei Ari Raths Verwendung von Sommerfrische), könnten die gewählten Suchbegriffe erfolglos bleiben.

In der folgenden Tabelle sind die Ergebnisse der durchgeführten Analyse zusammengefasst. Das Zeichen ‚X‘ steht für die Kennzeichnungen, die in den konsultierten lexikografischen Quellen angegeben sind, ‚(X)‘ für meine eigenen Einschätzungen angesichts der in Abschnitt 4. dargelegten Untersuchung:

Tabelle 7

Überblick über die ermittelten Lexeme aus diachroner und diatopischer Perspektive

Lexem veraltet veraltend historisch bes. österreichisch
Lift (X)
Autostopp (X) X
Gauleiter X
Sommerfrische X mit Präposition auf

Folglich lassen sich Autostopp und Sommerfrische als Archaismen, Lift und Gauleiter als Historismen einordnen. Der Gebrauch von (per) Autostopp und auf Sommerfrische (mit der Präposition auf statt in) ist als besonders österreichisch zu bewerten.

Abschnitt 5. hat Anregungen zur Verwendung der ermittelten Archaismen und Historismen im DaF/DaZ-Unterricht geboten. Ergänzend lässt sich festhalten, dass der Einsatz digitaler Tools wie DWDS und online-Duden nicht nur dabei hilft, den Lernenden zu vermitteln, wie gezielte Informationen zum Gebrauch eines Begriffs recherchiert werden können, sondern auch dazu beiträgt, ihre Medienkompetenz und digital literacy (vgl. Narr / Friedrich 2021) zu fördern.

Zukünftig wäre es von Interesse, die Methode auf das gesamte IK zu übertragen, um zu prüfen, ob die identifizierten Ausdrücke auch in den Interviews mit deutschen Sprecher_innen vorkommen und ob sich weitere Archaismen und Historismen finden lassen. Eine Verfeinerung bzw. Erweiterung der Suchbegriffe für die KWiC-Analyse – z.B. durch die Hinzufügung von Formulierungen wie würde man heute sagen (s. Beispiel 1) – könnte zudem helfen, zusätzliche Lexeme zu entdecken.

Notes

  1. https://dgd.ids-mannheim.de/ (20.10.2024). [^]
  2. PID = http://hdl.handle.net/10932/00-0332-C3A7-393A-8A01-3. [^]
  3. PID = http://hdl.handle.net/10932/00-0332-C42A-423C-2401-D. [^]
  4. PID = http://hdl.handle.net/10932/00-0332-C453-CEDC-B601-2. [^]
  5. Diese Interviews wurden in das IS-Korpus aufgenommen. Zur Entstehung des ISW-Korpus vgl. u.a. Betten (2023: 28-30). [^]
  6. An dieser Stelle sei nur kurz erwähnt, dass einige Sprecher_innen angegeben haben, zur Zeit des Interviews noch deutschsprachige Literatur zu lesen und teilweise durch deutschsprachige Fernsehsendungen Zugang zu ihrer Erstsprache zu haben. [^]
  7. Damit sind das Erzherzogtum Österreich unter der Enns und das Erzherzogtum Österreich ob der Enns, die bis Ende des Ersten Weltkrieges bestanden, sowie die Republik Österreich (ab 1918) gemeint. [^]
  8. Ausgenommen sind die Ehepartner_innen Aaron Alexander, Hanna Baumann und Chava Karniel, da sie in anderen deutschsprachigen Gebieten Europas geboren wurden. [^]
  9. Berücksichtigt werden auch die Jahre der Wiederholungsinterviews mit Sprecher_innen, die mehrfach interviewt wurden (zu den Gründen dafür vgl. u.a. Betten 2023: 25-28). [^]
  10. https://www.duden.de/hilfe/gebrauch (20.10.2024), kursiv im Original. [^]
  11. Vgl. ebd. [^]
  12. Vgl. https://www.duden.de/rechtschreibung/Truemmerfrau (20.10.2024). [^]
  13. Vgl. https://www.duden.de/rechtschreibung/Doge (20.10.2024). [^]
  14. Als Vergleich zu den Angaben zu den Lemmata Trümmerfrau und Doge im Duden vgl. https://www.dwds.de/wb/Tr%C3%BCmmerfrau und https://www.dwds.de/wb/Doge?o=doge (20.10.2024). [^]
  15. Vgl. https://www.duden.de/hilfe/haeufigkeit (20.10.2024). [^]
  16. Vgl. https://www.dwds.de/d/worthaeufigkeit (20.10.2024). [^]
  17. Vgl. https://www.dwds.de/d/plot#wb (20.10.2024). [^]
  18. Dieser Code verweist auf die Sigle, unter der das jeweilige Interview-Ereignis auf der DGD-Website aufgeführt ist. An dieser Stelle sei zudem erwähnt, dass im Rahmen der Analyse die auf der DGD-Seite verfügbaren Interview-Transkripte verwendet wurden. In den in diesem Beitrag wiedergegebenen Auszügen wurden Markierungen zu möglichen paraverbalen Aspekten entfernt, da sie aus der hier angewandten Forschungsperspektive nicht relevant sind. [^]
  19. https://www.duden.de/rechtschreibung/Liftvan und https://www.dwds.de/wb/Liftvan?o=liftvan (20.10.2024), Hervorhebung von mir. [^]
  20. https://www.dsm.museum/forschung/forschungsprojekte/liftprov-der-umgang-mit-uebersiedlungsgut-juedischer-emigranten-in-hamburg (20.10.2024). [^]
  21. Vgl. https://www.dwds.de/wb/Autostopp#1 (20.10.2024). [^]
  22. Vgl. https://www.duden.de/rechtschreibung/Autostopp (20.10.2024). [^]
  23. So wie das IK ist auch das FOLK über die DGD zugänglich. PID = http://hdl.handle.net/10932/00-0332-C1B2-A5E3-2A01-D. [^]
  24. https://www.dwds.de/wb/per%20Autostopp (20.10.2024). [^]
  25. Vgl. https://www.dwds.de/wb/trampen (20.10.2024). [^]
  26. https://www.dwds.de/wb/Gauleiter (20.10.2024). [^]
  27. Ebd. [^]
  28. Vgl. https://www.duden.de/rechtschreibung/Gauleiter (20.10.2024). [^]
  29. 1934 wurde das Wort auch erstmals in den Rechtschreibduden aufgenommen (vgl. ebd.). [^]
  30. https://www.dwds.de/wb/Gau (20.10.2024). [^]
  31. Ebd. [^]
  32. Ebd. [^]
  33. Vgl. https://www.dwds.de/wb/Sommerfrische?o=sommerfrische und https://www.duden.de/rechtschreibung/Sommerfrische (20.10.2024). [^]
  34. Vgl. ebd. [^]
  35. Vgl. https://lostlift.dsm.museum/ (20.10.2024). [^]

Literatur und Ressourcen

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Biographische Notiz

Ramona Pellegrino ist Forschungsstipendiatin an der Universität Bologna, wo sie im Rahmen eines Projekts zur gendergerechten Sprache in der institutionellen Kommunikation tätig ist. Sie ist Mitherausgeberin der Online-Zeitschrift Polyphonie. Mehrsprachigkeit_Kreativität_Schreiben. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Soziolinguistik, Korpuslinguistik, narratologische Forschung, Biographieforschung sowie literarische Mehrsprachigkeit.

Kontaktanschrift:

Ramona Pellegrino

Università di Bologna – Campus Forlì

Corso della Repubblica 136

47121 Forlì

ramona.pellegrino@unibo.it