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Grammatikerwerb in DaF und DaZ: Lernerkorpuslinguistische Zugänge

Themenausgabe der Zeitschrift KorDaF

Katrin Wisniewski, Justus-Liebig-Universität Gießen 

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Hintergrund

Lernerkorpora sind systematisch erstellte und aufbereitete, möglichst frei verfügbare digitale L2-Datensammlungen (Granger, Gilquin & Meunier, 2015). In einem umfassenden Verständnis sollen aber auch Korpora mit Daten zu Sprecher:innen, die sich eine Varietät / ein Register einer bereits (mehr oder weniger) beherrschten L1 aneignen (z.B. Bildungs- bzw. Wissenschaftssprache) als Lernerkorpora begriffen werden.

In den letzten Jahren hat sich die Anzahl und Vielfalt solcher Lernerkorpora des Deutschen stetig vergrößert. Auch wenn diese u.a. hinsichtlich ihrer Größe Lernerkorpora mit L2 Englisch nach wie vor hinterherhinken, ermöglicht das vorliegende Spektrum geschriebener (vgl. etwa die Korpora Falko, MERLIN, KanDel oder DISKO), gesprochener (vgl. unter anderem BeMaTaC, DaZ-AF, GeWiss, natürlich auch das ESF- oder das P-Moll-Korpus) und multimodaler Korpora (zu nennen sind beispielsweise MULTILIT, SWIKO, MIKO) doch mittlerweile umfassende, auch korpusübergreifende systematische korpuslinguistische Analysen ganz unterschiedlicher interimsprachlicher Phänomene.  Auch die Möglichkeiten sprachtechnologisch gestützter Analyseverfahren haben sich deutlich verbessert (vgl. Weiss & Meurers, 2021, für eine Beispielstudie und Picoral, Staples & Reppen, 2021 für eine evaluierende Übersicht verschiedener Tools), wenn auch erneut nicht in dem Englischen vergleichbaren Maße. Gleichzeitig ist nicht abzustreiten, dass weiterhin enorme methodologische Herausforderungen und erhebliche Lücken in der Lernerkorpuslandschaft bestehen (vgl. etwa Wisniewski, im Druck).

Vor dem Hintergrund der insgesamt erfreulichen und sehr dynamischen Entwicklung soll sich eine thematische Ausgabe der neu gegründeten Zeitschrift KorDaF der lernerkorpuslinguistischen Erforschung des Grammatikerwerbs im Deutschen als L2widmen. 

Lernerkorpusforschung wird, mit teils erheblichen technischen, methodischen und inhaltlichen Unterschieden, aber auch großen Schnittmengen, sowohl in DaF als auch in DaZ betrieben (vgl. etwa Wisniewski, im Druck). Der Themenschwerpunkt richtet sich deshalb und auch wegen der tatsächlich häufig kaum voneinander trennbaren Lehr-Lernkonstellationen in DaF bzw. DaZ explizit an Kolleginnen und Kollegen beider Schwerpunktbereiche.  

Der Themenausgabe liegt ein breites Verständnis von Grammatik zugrunde. Beiträge können etwa den Erwerb und Gebrauch basaler kerngrammatischer morphosyntaktischer Kategorien, den Erwerb und Gebrauch von Satzbauplänen oder grundlegende grammatische Funktionen aufgreifen (z.B. Negation, Finitheit) und somit die in Hulstijns Kompetenzmodell als basic language cognition bezeichnete Erwerbsdomäne avisieren (vgl. Hulstijn, 2019). Genauso können Gegenstände aber auch aus dem Bereich der higher language cognition stammen. Zu nennen wären hier exemplarisch text- bzw. diskursgrammatische Aspekte (vor allem im Kontext von Bildungs- und/oder Wissenschaftssprache), auch Grammatik in der Interaktion. Darüber hinaus sind auch weniger erforschte Untersuchungsgegenstände an Interfaces wie beispielsweise, aber nicht ausschließlich, der Syntax-Pragmatik-Schnittstelle (z.B. informationsstruktureller Natur) ein wichtiges Desiderat. Unterstrichen sei ferner, dass eine strikte Trennung von Lexikon und Grammatik hier nicht als sinnvoll betrachtet wird. Vielmehr stehen in gebrauchsbasierten Frameworks, innerhalb derer Lernerkorpusstudien  sehr häufig situiert sind, vielschichtige Form-Funktions-Beziehungen von mehr oder weniger komplexen, häufigen und salienten Konstruktionen im Vordergrund. Erwünscht sind zudem explizit Beiträge unterschiedlicher sprach- bzw. spracherwerbstheoretischer Zugehörigkeit.

Mögliche Themen und Fragestellungen

Thematisch ist eine große Bandbreite an Schwerpunkten denkbar und erwünscht. Einige seien exemplarisch genannt:

Der Lernerkorpusforschung wird häufig eine mangelnde Rückkoppelung an Theorien und Hypothesen der L2-Erwerbsforschung vorgeworfen (herausgegriffen seien etwa Aspect Hypothesis, Shallow Structure Hypothesis, Processability Hierarchy), und die vermeintlich attraktive Nutzung von Lernerkorpora in der L2-Erwerbsforschung ist weniger weit verbreitet als anzunehmen (vgl. Le Bruyn & Paquot, 2021). Beiträge, die über rein deskriptive Analysen hinaus auch explizit Erwerbshypothesen testen, explorieren, ausdifferenzieren und/oder in Frage stellen, sind deshalb von besonderem Interesse.  

Während ‚Fortschritt‘ im DaZ-Kontext häufig als rein zeitlich determiniert operationalisiert wird, kommt im gesteuerten Grammatikerwerb (instructed second language acquisition, Loewen & Sato, 2017) der Beschreibung sprachlicher Kompetenzenentscheidende Bedeutung zu, häufig mithilfe der Niveaustufen des Gemeinsamen europäischen Referenzrahmens für Sprachen(GER; Europarat 2001, 2020). Weiterhin besteht ein Mangel an lernerkorpusbasierten Studien, die das Sprachhandeln von Lernenden (in grammatischer Hinsicht) belastbar auf die GER-Stufen beziehen (vgl. demgegenüber das English Profilehttps://www.englishprofile.org/). Sowohl Arbeiten zu konkreten Analysetools (z.B. Textklassifikatoren) als auch empirische Studien zu linguistischen Korrelaten von GER-Niveaustufen oder anderen Kompetenzbeschreibungen sind im Themenheft deshalb sehr willkommen. 

In anderen Kontexten bietet sich das Niveaustufensystem des GER weniger als Progressionsindikator an, insbesondere bei der Analyse von bildungs- und wissenschaftssprachlichen Texten und Diskursen. Hier wäre unter anderem zunächst modellierend zu fragen, anhand welcher Norm sich die grammatische Entwicklung von (L1- oder L2-),Noviz:innen‘ überhaupt fassen lässt (vgl. zur Problematik Fandrych & Wallner, im Druck), welche Indikatoren sie valide erfassen und wie eine kompetenzbezogene, d.h. entscheidend auch funktionale Beschreibung mit Fokus Grammatik (z.B. im Sinne von Can do-Formulierungen) hier aussehen könnte.

Auch Beiträge, die mit dem derzeit äußerst intensiv beforschten Komplexitäts-Paradigma bzw. dem allgemeineren CAF-Framework (Complexity, Accuracy, Fluency) arbeiten, sind besonders willkommen. Hier liegen bereits einige korpusbasierte Studien für das Deutsche vor (vgl. exemplarisch Schellhardt & Schroeder, 2016; Vyatkina et al., 2015), die allerdings Raum für weitere Analysen lassen (bspw. zur Abhängigkeit grammatischer Komplexität von Aufgabenstellungen oder der Modalität, zur Relevanz, Funktionalität und Charakteristika einzelner NP-Ausbaustrategien bzw. Attributtypen). Gleichzeitig zeigt sich auch hier großes Potenzial für die Anwendung NLP-gestützter Analyseverfahren.

Eine so zentrale wie schwer zu fassende Stellgröße des L2-Erwerbs ist die Rolle des Input bzw. das Wechselverhältnis von Input und Output (z.B. beim alignment in der Unterrichtsinteraktion). Beiträge, die Inputfaktoren berücksichtigen, sind ebenfalls von großem Interesse für den Themenschwerpunkt.

Insgesamt sind Studien mit Bezug zu lernendenexternen Variablen, bspw. Modalitätseffekte (Grammatik in geschriebener & gesprochener Sprache) oder Aufgaben- und Registerunterschiede, genauso relevant wie Beiträge zu individuellen Einflussfaktoren (z.B. zu sprachlernbiographischen, sprachkompetenzbezogenen, aber auch weiteren, etwa kognitiven, volitionalen oder motivationalen Variablen). 

Abgesehen von neuen empirischen (auch gemischtmethodischen) Studien zu den oben gennannten und vielen weiteren denkbaren Aspekten des Grammatikerwerbs in Deutsch als L2 bzw. Arbeiten zu computerlinguistischen Analysetools sind auch Replikationsstudien hochwillkommen. Etliche das Fach konstituierende Erkenntnisse zum Grammatikerwerb im Deutschen als L2 beruhen auf nicht öffentlich zugänglichen Daten, die oftmals von wenigen Sprecher:innen produziert wurden und mit heutzutage als unzureichend eingeschätzten statistischen Verfahren ausgewertet wurden. Replizierende Studien dazu stehen noch zur Gänze aus. 

Ferner sind Beiträge mit einem expliziten methodischen bzw. methodologischen Fokus denkbar, die technisch-methodische Voraussetzungen der Lernerkorpusaufbereitung für Analysen zum Grammatikerwerb thematisieren (z.B. manuelle oder automatisierte Annotationsverfahren, Fortschritte & Desiderata, Tools).  


Praktische Informationen

Die Themenausgabe erscheint in der doppelblind peer-reviewten Zeitschrift KorDaF (Ausgabe 4/2022).

Wichtige Termine

o   Abstract (max. 300 Wörter) bis 15. September 2021 an katrin.wisniewski@germanistik.uni-giessen.de

o   Beiträge bis 15. März 2022

o   Stylesheet für die Beiträge online unter: https://kordaf.tujournals.ulb.tu-darmstadt.de/

 

Zitierte Literatur:

Europarat (Hrsg.). (2001). Gemeinsamer Europäischer Referenzrahmen für Sprachen. Lernen, Lehren, Beurteilen. Langenscheidt.

Europarat (Hrsg.). (2020). Gemeinsamer europäischer Referenzrahmen für Sprachen. Begleitband. Klett. http://www.klett-sprachen.de/gemeinsamer-europaeischer-referenzrahmen-fuer-sprachen/t-1/9783126769990

Fandrych, C. & Wallner, F. (im Druck). Funktionale und stilistische Merkmale gesprochener fortgeschrittener Lerner:innensprache: Methodische und konzeptionelle Überlegungen am Beispiel von GeWiss. Zeitschrift für germanistische Linguistik. Themenheft: Gesprochene Lernerkorpora des Deutschen, 1.

Granger, S., Gilquin, G., & Meunier, F. (Hrsg.). (2015). The Cambridge Handbook of Learner Corpus ResearchCUP.

Hulstijn, J. H. (2019). An Individual-Differences Framework for Comparing Nonnative With Native Speakers: Perspectives From BLC Theory. Language Learning69(S1), 157–183. https://doi.org/10.1111/lang.12317

Le Bruyn, B., & Paquot, M. (Hrsg.). (2021). Learner Corpus Research Meets Second Language Acquisition. Cambridge University Press. https://doi.org/10.1017/9781108674577

Loewen, S., & Sato, M. (2017). The Routledge handbook of instructed second language acquisition. Routledge New York.

Picoral, A., Staples, S. & Reppen, R. (2021). Automated annotation of learner English. An evaluation of software tools. IJLCR, 7(1), 17-52.

Schellhardt, C., & Schroeder, C. (2016). Nominalphrasen in deutschen und türkischen Texten mehrsprachiger SchülerInnen. In Deutsche Grammatik im Kontakt in Schule und Unterricht. (S. 241–262). De Gruyter. 

Vyatkina, N., Hirschmann, H., & Golcher, F. (2015). Syntactic modification at early stages of L2 German writing development: A longitudinal learner corpus study. Journal of Second Language Writing29, 28–50.

Weiss, Z. & Meurers, D. (2021). Using proficiency classification to investigate short answer data, cross-data generalizability, and the impact of linguistic analysis quality. IJLCR, 7(1), 83-130.

Wisniewski, K. (im Druck). Gesprochene Lernerkorpora des Deutschen: Ein Überblick. Zeitschrift für germanistische Linguistik. Themenheft: Gesprochene Lernerkorpora des Deutschen, 1.

Zitierte Korpora:

BeMaTaC: http://u.hu-berlin.de/bematac

DaZAF: https://hdl.handle.net/1839/00-0000-0000-0000-69D7-E

DISKO: https://home.uni-leipzig.de/sprastu/korpora/DISKO/

ESF-Korpus: https://hdl.handle.net/1839/00-0000-0000-0004-CCB0-8

Falko: https://hu-berlin.de/falko

GeWiss: https://gewiss.uni-leipzig.de

KanDel: https://hu-berlin.de/kandel

MERLIN: https://merlin-platform.eu/

MIKO : https://home.uni-leipzig.de/sprastu/korpora/miko/

MULTILIT : https://publishup.uni-potsdam.de/frontdoor/index/index/docId/8039

P-Moll-Korpus: https://hdl.handle.net/1839/00-0000-0000-0000-4EAB-A

SWIKO : http://www.institut-mehrsprachigkeit.ch/de/content/schweizer-lernerkorpus-swiko