1. Von Reihenfolgen und ihren Teilen
Beim Lesen von Texten kommt Sprache als eine Folge von Wörtern, also Zeichen zwischen Leerzeichen, auf uns zu. Die grammatischen Bäume der verschiedensten Beschreibungen wandeln diese Reihenfolge in Hierarchien um (vgl. Hörmann 1978: 430). Für die Wahrnehmung geht es aber zunächst einmal darum, zu erkennen, was zusammengehört und – andersherum – Grenzen und Übergänge im sprachlichen Verlauf zu erkennen. Und auch wenn wir uns beim Lesen im Hin- und Herblicken unserer Restrukturierung versichern können, müssen wir trotzdem an der Reihenfolge bleiben, um wie man so sagt, den Faden nicht zu verlieren (vgl. Primus 2018: 38). Es gibt Mittel verschiedener Art, um diese Grenzen und Übergänge sichtbar zu machen, grammatikalisierte und von den Schreibenden freier zu nutzende. Wie diese Sichtbarkeit aussieht, und welche Rolle hier bestimmte Mittel verschiedener linguistischer Ebenen spielen, darüber soll in diesem Beitrag nachgedacht werden.
2. Grenzen und Übergänge
2.1 Standardfälle
Was sind die Mittel, die uns in Texten helfen, zu sehen, wo wir im Ablauf des Textes stehen, was wir gegebenenfalls noch zu erwarten haben und wo ein Abschluss oder ein Übergang erreicht ist?
Gewisse konventionelle Elemente setzen Markierungen, über die wir nicht weiter nachdenken müssen. So zeigen uns jedenfalls die satz- und satzteilmarkierenden Satzzeichen, dass wir uns an einer sprachlich gesetzten Grenze befinden. In den für den Satzmodus zentralen Kennzeichnungen des Satzschlusses bestätigen und modulieren sie zudem den Tatbestand, dass ein äußerungsrelevantes Ende erreicht ist. Aber das ist nicht in allen Fällen so. Schon Doppelpunkte, mehr noch Kommata, Gedankenstriche und weitere Sonderzeichen sind interpretierbar. Das sieht man, wenn man Texte betrachtet, in denen diese Mittel gezielt genutzt werden, wie das etwa in dem folgenden Ausschnitt der Fall ist.
- (1)
- Bei Voltaire darf man sich nicht zu schade sein, seine kunstvollen Anekdoten und Kurzromane als Anbietungsform philosophischer Gedanklichkeit zu respektieren; und nicht nur das: zu genießen. In einem seiner exotischsten Romane, den »Lettres d‘Amabed«, hat er dem Bewußtsein der Aufklärung, viel Zeit – und noch mehr Zeit als die des über seinen Zenit fortgeschrittenen Jahrhunderts – zu benötigen, um Helligkeit genug zu schaffen, possierlichen Ausdruck gegeben. (Blumenberg 1986: 219)
Die Hinweise der Zeichensetzung in diesem Text gehen über das hinaus, was orthographisch verpflichtend ist (vgl. Duden 2022: §§ 544 und 729) und auch damals war. Schon die Setzung eines Semikolons am Ende der ersten eigentlich abgeschlossenen Einheit signalisiert nicht nur diesen Abschluss, sondern verweist darauf, dass da noch etwas nicht ganz davon zu Trennendes kommt1 – strukturell die Infinitivkonstruktion zu genießen. Allerdings wird dann eine metakommunikative Ankündigung mit anaphorischem Rückbezug (das) eingeschoben und mit dem Doppelpunkt abgeschlossen, also mit einer orthographischen Ankündigung eines das Ganze noch steigernden Endes2. Diese Art der Markierung zeugt zweifellos vom stilistischen Willen, durch Retardierung die Erwartung der Lesenden zu steigern. Ebenso deutlich, wenn auch in der Form konventioneller, ist dieser Effekt bei der mit Gedankenstrichen markierten Parenthese im zweiten Satz. Hier wird die Erwartungshaltung, die mit der Setzung des finiten Hilfsverbs hat eröffnet wird, noch einmal ausgesetzt; und über die beiden zu-Infinitivkonstruktionen hin ist der Weg zum schließenden Ende nicht ganz leicht nachzuverfolgen.
Expliziter als die Mittel der Interpunktion sind die definitorisch mit Konjunktoren verbundenen grammatischen Grenz- und Verbindungshinweise3. Sie sind bei- oder unterordnendes Gelenk im Übergang zwischen propositionalen Entitäten, und sie indizieren kategoriale Beziehungen zwischen den beteiligten Elementen. Die Beziehungen, die mit diesen verknüpfenden Elementen ausgedrückt werden, sind eher allgemein gefasst, der konkrete Kontext spezifiziert die einzelne Interpretation; sie kann auch gegebenenfalls undifferenziert bleiben, wenn die genaue Differenzierung keine Rolle spielt. Fachliche Texte nutzen diese Mittel ausführlich, wenn sie in eher diskursiv argumentierenden und aggregativ formulierten Phasen auf starke nominale Integration verzichten. Das folgende Beispiel ist ein Text solch eines Typs.
- (2)
- Gilt beispielsweise: »Die einen steigen ab, während die anderen aufsteigen«? oder vielmehr: »Die einen steigen ab, weil die anderen aufsteigen«? Ob es um das Verhältnis zwischen Stadt und Land, Akademikern und traditioneller Mittelklasse […] geht: Dass die einen […] in der gesellschaftlichen Dynamik verloren haben oder zu verlieren drohen, während die anderen gewinnen, und zwar womöglich auf Kosten der ersten Gruppe, ist ein Knotenpunkt spätmoderner Debatten. (Reckwitz 2025: 409)
Dass es bei Subjunktoren um allgemeine Kategorien und nicht in allen Fällen eindeutige Zuordnungen geht, mag die Verwendung der Subjunktoren weil und während in Text (2) zeigen4. Zunächst ist (auch im vorhergehenden Kontext) unklar, ob der Subjunktor während im ersten Zitat temporal oder kausal zu lesen ist. Erst in der Gegenüberstellung mit dem Subjunktor weil im zweiten Zitat wird eine adversative Lesart plausibler; sie bleibt es dann auch bei der weiteren Verwendung von während gegen Ende des Textes. Die irrelevanzkonditionale Verknüpfung durch den „konjunktionalen Einzelgänger“ ob führt in eine „obligatorisch desintegrierte Struktur“ mit implizit fragendem Charakter (vgl. Breindl / Volodina / Waßner 2014: 973–976). Die durch sie eingeleitete Aufzählung von Alternativen wird dann auch noch durch den Doppelpunkt als abgeschlossen markiert, aber eben auch als offen für etwas Gleichartiges. Diese implizierte Antwort wird in dem Inhaltssatz mit dem Subjunktor dass (vgl. Gunkel et al. 2017: 1366) gegeben, der auch durch die Zeichensetzung als gleichartig gekennzeichnet wird, nur eben als ‚tatsachenfeststellend‘(wahr) gegenüber dem ‚fragenden‘ bzw. wahrheitswertunbestimmten ob. Das passt zu dem Tatbestand, dass es sich bei diesem Konjunktoren-Paar um die einzigen Subjunktorsätze „in Term-Funktion“ (Zifonun / Hoffmann / Strecker 1997: 2241 und 2261) handelt; der dass-Satz ist ein Komplement zu dem Hauptsatzrest5 am Ende. Man sieht, wie die Subjunktoren strukturell wie semantisch den Bogen bis zum Ende spannen.
2.2 Und darüber hinaus
Das Feld der Elemente, die propositionale Elemente miteinander verbinden, ist, wie die Forschung zu den Konnektoren gezeigt hat, weiter und variabler als das, was in den endlichen Listen von Konjunktoren auftaucht. Für unsere bisherigen Fragen hat das keinen Unterschied gemacht. Wir wollen jetzt noch exemplarisch an einem weiteren Text Fragen zu einer entsprechenden Funktion stärker verdichteter Konstruktionen und fester Wendungen nachgehen6.
- (3)
- Wie bereits gesagt, bin ich der Auffassung, dass es einer Soziologie der Verluste nicht darum gehen kann, die allgemeinen Diagnosen der Kulturkritik fortzuschreiben, vielmehr sollte ihr Interesse der Tatsache gelten, dass Subjekte und soziale Gruppen in bestimmten Konstellationen selbst solche Sinn- und Erfahrungsverluste verspüren. (Reckwitz 2025: 72–73)
Auch hier haben wir es mit einem Text zu tun, der zwar prinzipiell durch verbal ausgeführte Propositionen geprägt ist und damit auch durch die Verbindung durch Konjunkionen. Allerdings handelt es sich weitgehend um Verbindungen mit faktiv interpretierten Nomenkomplementen (vgl. Zifonun / Hoffmann / Strecker 1997: 1978 und 2246); zwei von den Substantiven Auffassung und Tatsache gesteuerte dass-Sätze und eine Infinitivkonstruktion zu dem Pronominaladverb darum (in der verbalen Fügung es geht (dar)um). Sowohl die Substantive dieses Typs wie die verbale Fügung weisen in der Fügung voraus, und betonen, die auf die ‚Als-wahr‘-Setzung der Nebensatzpropositionen durch den Autor. Die strategische Setzung der beiden Nominalisierungen ordnet die dass-Nebensätze metakommunikativ als individuell bzw. objektiv evident ein, die verbale Fügung leistet Analoges im Hinblick auf die Infinitivkonstruktion, allerdings wird ihr Inhalt durch die vorgängige Negation als ein Gegenpunkt zur eigenen (individuellen; „Auffassung“) Stellung markiert
Man sieht zudem einen deutlich metakommunikativ verlangsamten Einstieg: Vor dem eigentlichen Inhalt steht ein anaphorischer (wie bereits gesagt) und ein ausführlicher kataphorischer Verweis in Form eines verbonominalen Prädikats (bin ich der Auffassung). In beiden Fällen werden einigermaßen feste Ausdrücke verwendet. Sie können in ihrer Kürze und Üblichkeit praktisch gleichzeitig wahrgenommen werden, die mögliche Varianz ist gering. So sind in den Korpora des IDS7 die häufigsten Alternativen zu gesagt in diesem Kontext erwähnt, berichtet, angekündigt und gemeldet. Sie scheinen aber alle etwas Differenzierteres zu meinen. Gerade die Konstruktion wie bereits gesagt scheint der unmarkierteste Fall zu sein. Sie ist nah an dem Typ der metakommunikativen Konnektoren, für die festgestellt wird:
- (4)
- Den Löwenanteil stellen dabei Partizipialphrasen aus einem Verbum dicendi und einem modifizierenden Adverbiale […] wobei gesagt im Gebrauch das bei weitem häufigste Partizip ist. (Breindl / Volodina / Waßner 2014: 1132)
Wir werden mit einem rituellen Muster darauf verwiesen, dass wir auf etwas (schon einmal Geäußertes) zu warten haben. Dieses schon Gesagte wird aber davor noch metakommunikativ explizit als gefestigte Meinung des Autors kenntlich gemacht, und zwar mit der Fügung der Auffassung sein. Auch hier handelt es sich um eine gängige Konstruktion – Alternanzen zu Auffassung sind nach Auskunft von DeReKo Meinung, Überzeugung, und vielleicht noch feste Überzeugung8. Man kann vielleicht diese drei nominalen Optionen als eine Steigerung im Hinblick auf die betonte Geltung betrachten, wobei Auffassung – etwas objektiver als Meinung und weniger grundsätzlich als Überzeugung – eine irgendwie sachbezogene Mitte bildet. Jedenfalls ist die Abfolge von Finitum und nominalem Prädikatsteil so eng und auch die Genitivrektion so lexikalisiert, dass hier ein festes Muster abläuft, bei dem die fusionierte Information der Form bin das ich bei der Eindeutigkeit der Form bin fast als Verdopplung erscheinen lässt9. Im Vergleich kann man sehen, dass es sich hier um einen spezifisch metakommunikativ instruierenden Typ von Nominalisierung geht. Im, wenn man so will, ‚echten‘ Nominalstil, in dem auch die in (3) propositional ausgedrückten Elemente in nominalen Attributen zu relationalen Nomina erscheinen, ist die Informationsverteilung umgekehrt: nominalisiert wird der verbale Kern, gefolgt von den Komplementen, die als nominale Attribute realisiert werden. So ist das z.B. im folgenden Zitat, das eine ähnliche argumentative Konstellation wie (3) hat – ebenfalls im Kontext eines „Zurückweisungskonnektors“10, hier sondern.
- (5)
- Hier geht es nicht um die Fortschreibung bestehender Trends, sondern um das Betreten von Neuland. (Nürnberger Nachrichten, 30.04.2009: 2)
Man sieht im Vergleich, dass es in (3) nicht um eine entsprechende Effizienz in der nominalen Verdichtung mit den kompakten nominalen Attributen geht. Das korreliert natürlich mit der jeweiligen Funktion. In (5) geht es grob gesagt um ein Resümieren durch eine kurze Benennung, im konkreten Kontext um die Antwort auf eine Interviewfrage, in der die alternative Deutung schon aufgerufen wird. Der Aufwand der Steuerung in (3) entspricht dem Sichtbarmachen der kommunikativen Intention, eine argumentative Konstellation unter Akzentuierung der eigenen Position in Szene zu setzen. Es wird vor allem durch die beiden Nominalisierungen (aber auch das Pronominaladverb darum in der verbalen Fügung) um Signale, die auf die verbhaltigen Teile (dass-Sätze, Infinitivkonstruktion) verweisen, deren Inhalte so als argumentative Positionen gesetzt werden, die über den Charakter der einleitenden Elemente im Hinblick auf Wahrheit und Gültigkeit eingeordnet werden.
3. Wegweisende Grammatik
3.1 In Stellungsfeldern leben
Wir haben bisher hauptsächlich von den Verknüpfungen besprochen, bei denen propositionalen Gruppen und ihre Einbettung eine Rolle spielen. Man kann einen entsprechenden funktionalen Blick auch in die satzförmigen Strukturen hinein wenden und versuchen, auch die grammatischen Kategorisierungen und Relationen als Elemente zu verstehen, die den geordneten Weg durch jene Wortgruppen weisen, an denen sie Anteil haben. Für das Deutsche mit seinem Profil aus fusionierenden und analytischen Elementen und der Organisation in Stellungsfeldern bietet sich solch eine Lesart besonders an11. Dabei geschieht zweierlei gleichzeitig: Es gibt Hinweise auf Folgeelemente bzw. auf die Stellung in einer Folge von zusammenhängenden Markern, die letztlich das Ganze der jeweiligen Wortgruppe ausmachen12 und es gibt Hinweise, die an einzelnen Stellen mögliche Optionen als mehr oder minder plausibel erscheinen lassen.
Man kann sich fast beliebige Texte ansehen, wenn man zeigen will, wie uns erstens beim Weg durch die Wortgruppen die Umbrüche grammatisch angezeigt werden, wie zweitens das Zusammenwirken auf die Elemente der Wortgruppen verteilter Informationselemente in den im Deutschen angelegten Distanzbeziehungen (‚Klammern‘) funktioniert, wo in einer Wortgruppe wir sind und wann ihr Ende erreicht ist, und wie drittens strukturelle Vorgaben zu einer Normalstellung und zur grundsätzlichen Informationsstruktur die Erwartungen über den sprachlichen Fortgang bestimmen.
3.2 Auf Satzebene
An dem folgenden Ausschnitt aus einer umfänglichen historischen Abhandlung – also einem von einem präteritalen Erzählmodus gehaltenen bildungssprachlichen Text – soll zunächst auf der propositionalen Ebene gezeigt werden, wie das funktioniert und wie sich die Informationen überlagern.
- (6)
- Zur gleichen Zeit, als der Kaiser sich den Reisestuhl neben der Straße aufstellen und die zur Planung seiner bevorstehenden Operationen dienenden Landkarten mit Nadeln auf einem Tisch feststecken ließ, war allerdings von Südosten her der Beginn einer heftigen Kanonade zu hören: Bei dem anderthalb Stunden entfernten Dorf Liebertwolkwitz waren Alliierte der Böhmischen Armee und Franzosen unter Murats Führung in ein erstes großes Gefecht eingetreten. (Platthaus 2013: 25)
Natürlich tun auf der obersten Ebene die Konnektoren bzw. adverbiale Bestimmungen ihre Pflicht. Der terminale Subjunktor als nimmt hier explikativ erklärend das temporale Supplement zur gleichen Zeit auf (die mit dem Adjektiv gleichen auf den Vortext Bezug nimmt). Der mit diesem Klammerelement eingeleitete Nebensatz endet mit dem kausativen Prädikat feststecken ließ. Der „nicht positionsbeschränkte Adverbkonnektor“ (Breindl / Volodina / Waßner 2014: 1174) allerdings knüpft – adversativ – an den Vortext an. Geschlossen wird das durch war eröffnete Mittelfeld dieser sententialen Einheit durch eine Infinitivkonstruktion mit dem Verbindungselement zu13. Der schließende Doppelpunkt fungiert als Konnektor. Die genaue Ausrichtung der „Doppelpunktexpansion“ (Duden 2022: § 547) bleibt offen. In unserem Fall geht es um eine erklärende Begründung für die in der „Doppelpunktkonstruktion“ (ebd.) geschilderte Wahrnehmung. Bei dem folgenden zweiten Gesamtsatz besetzt ein komplexes lokales Supplement das Vorfeld, wieder leitet waren mit der Information über Tempus, Modus und Numerus das Mittelfeld ein, in dem eine koordinierte Subjektphrase und ein direktionales Komplement in erwartbarer Reihenfolge auftreten und das mit dem Partizip II zur Tempusform geschlossen wird (vgl. Eichinger 1995: 223–232; Duden 2022: § 869).
Neben der Wirkung der klassischen Verknüpfungsmittel sind es also Klammerstrukturen, aus denen die interne Struktur im Vorangehen allmählich erschlossen werden kann. Innerhalb der Satzklammer helfen uns die Verrechnungsmodalitäten der Morphologie und Morphosyntax, den rechten Weg zu finden. Für die Wegweisung durch das Mittelfeld ist das in unserem Fall relativ einfach. Temporale Supplemente, wie das hier gewählte (zur gleichen Zeit, als…), stellen als Rahmensupplemente einen vergleichsweisen unauffälligen Beginn des Satzes dar. Die Ausdehnung des Attributsatzes gibt allerdings der zeitlichen Verortung viel Raum, bevor mit dem Finitum war das Mittelfeld eröffnet wird, in dessen erster Hälfte direktionale Supplemente einen erwartbaren Platz haben; allerdings ist das Subjekt nach hinten gerückt und lässt von seiner Besetzung her schon eine eher nicht agentische Struktur erwarten (vgl. z. B. Duden 2022: § 909). Diese Wegweisung engt die Optionen für die Schließung des Prädikats nach dem Finitum war ein, das zwar die fusionierte Information über Tempus, Modus und Numerus gibt, darüber hinaus aber verschiedene Optionen offenlässt. In dem temporalen Attributsatz (als…ließ) beginnt das Mittelfeld mit dem Subjekt, was immerhin die Form des Finitums vorhersehen lässt. Das Reflexivpronomen sich, im Kasus formal uneindeutig, wird durch den folgenden Akkusativ sofort zu einem Dativ disambiguiert, der die Orientierung der Handlung auf das Subjekt akzentuiert (vgl. Eichinger 2015b: 95–97; Gunkel et al. 2017: 903–905). Auch der zweite Satz (Bei dem…eingetreten) beginnt mit einem rahmenden Supplement, auf das Hilfsverb der linken Satzklammer folgt unmittelbar das potenziell agentische Subjekt, eine vom Verb regierte direktionale Präpositionalphrase steht wie zu erwarten unmittelbar beim klammerschließenden infiniten Prädikatsteil, ein modales Element steht ebenso erwartbar in der Mitte.
Wenn es dann noch um Fragen der informationsstrukturellen Erwartbarkeit geht, so folgt in diesem Text vieles den Ansprüchen an ein gelassenes Erzählen, es ist nicht mit großen Überraschungen zu rechnen. Dass beide größeren Teilsätze mit einer lokalen Rahmung beginnen, ist nicht überraschend, steuert aber unsere Erwartung im Hinblick auf die textbezogen relative Unauffälligkeit dessen, womit wir im Weiteren rechnen. Es gibt kleinere Irritationen: so die Form sich, die zunächst ambivalent und dann eine Dativerweiterung der erwartbaren Verbvalenz darstellt und die Erwartungen dahingehend modifiziert, was als schließendes verbales Element in Frage kommt. Seit dem reflexiven Dativ-sich ist die Erwartung auf mögliche Prädikate eingeschränkt, so etwas wie die kausative lassen-Konstruktion am Ende ist jedenfalls eine plausible Option. Im Mittelfeld des folgenden Hauptsatzes (war…zu hören) findet sich die von der Normalstellung her unerwartete Reihenfolge eines direktionalen Supplements und dann des Subjekts, mit entsprechend höherem Aufmerksamkeitswert für die letzte Position. Das Subjekt ist kein Agens (‚Vorgang‘), dazu passt ein Prädikat wie die modale Passiversatzform, eine der Konstruktionen, die als Kennzeichen eines bildungssprachlichen Nominalstils gelten (vgl. Weinrich 1993: 163–165, 286–287; Zifonun 2021: 124–126; Duden 2022: §§ 622 und 919).
3.3 Wortbildung und andere Mittel der Integration
Wir haben nun versucht zu zeigen, wie von vorneherein Schlüsse auf das Ende gezogen werden können. Nun ist das Deutsche dafür bekannt, dass man auf das Ende warten muss, um wirklich zu wissen, worum es geht. Das stimmt natürlich, und es gibt einige Konstruktionen, bei denen sich das besonders gut zeigen lässt. Dazu gehören auf jeden Fall die Prädikate mit den trennbaren, den sogenannten Partikelverben. Im Text (2) fällt das nicht so auf, weil die trennbaren Verben dort wegen der komplexen Prädikate ungetrennt in Endstellung auftreten, so dass ihre interne Struktur nicht so relevant ist, werden sie doch gesamthaft als ein Verb in seiner lexikalischen Bedeutung wahrgenommen. Anders ist das, wenn, wie in (7), die Teile dieser Verben – saßen …ab und stellten…auf – die Satzklammer darstellen:
- (7)
- Auf sein Kommando hin saßen die Kavalleristen ab, und jeweils drei von ihnen stellten eine der dreibeinigen Abschussvorrichtungen auf, die dann man einer Rakete bestückt wurde […]. (Platthaus 2013: 299)
Es sind Namen für Aktionen: das Absitzen bei den Pferden und das Aufstellen von Abschussvorrichtungen14. Dass es darum geht, zeigt sich auch an syntaktischen Hinweisen in unserem Text (6), wo der Tisch nicht neben die Straße gestellt wird, sondern aufgestellt – und dann eben neben der Straße15. Wir bekommen Hinweise darauf, dass nicht nur von einer in gewisser Weise beliebigen ortsbezogenen Tätigkeit gesprochen wird, sondern von einer Aktion im Rahmen einer Praktik – sie war im Textabsatz vor dem oben zitierten Textteil angekündigt und benannt worden; von dem „um zwölf Uhr improvisierte[n] Befehlsstand“ (Platthaus 2013: 24) ist dort die Rede16. Dessen Installierung wird in dem als-Nebensatz zunächst grundsätzlich und im koordiniert angeschlossenen zweiten Halbsatz, in der es um die Ausgestaltung des Arbeitsplatzes geht, in relevanten Bestandteilen, beschrieben. Es ist konkret die Rede von den Praktiken des Aufstellens eines Stuhls und des Anbringens von Arbeitsmaterial jeweils an einem bestimmten Ort; durch das Partikelverben aufstellen und die resultative Konstruktion feststecken17 werden die beschriebenen Tätigkeiten als Praktiken gerahmt. Die auf dem Weg sich andeutenden Valenzmuster lassen im ersten Fall ein Prädikat vom Typ ‚installieren‘ und im zweiten eines vom Typ ‚befestigen‘ erwarten. Zudem ist spätestens an dieser Stelle schon klar, dass die Konstruktion mit einem kausativen Prädikat – lassen – enden muss.
Allerdings findet man auf dem Weg dorthin eine weitere das Deutsche kennzeichnende Struktur, nämlich das sogenannte erweiterte Partizipialattribut (zur Planung…dienenden). Diese Partizipialgruppe ist erkennbar syntaktisch zweifach eingebunden, durch die Kongruenz mit dem Nomen nach ‚oben‘ und durch die eigene Rektion nach ‚unten‘ (vgl. Gunkel et al. 2017: 1807–1808), deswegen wird sie hier mit den satzförmigen Elementen erwähnt. Dieser Konstruktionstyp stellt im Sinne des Ablaufs in der Nominalklammer eine Art retardierendes Element dar, da es auf ein partizipiales oder adjektivisches Zwischenziel kopffinal orientiert ist18. Es geht konkret um die Nominalphrase die zur Planung seiner bevorstehenden Operationen dienenden Landkarten in Text (6). Die Präpositionalphrase zur Planung wirkt an dieser Stelle strukturell unvermittelt, seine Auffälligkeit fordert auf, die durch das linke Klammerelement die gegebene Orientierung einstweilen auszusetzen und parallel nach einem möglichen Ziel bzw. einem passenden Rahmen für diese finale Phrase zu suchen. Denn Landkarten ist auch das Bezugssubstantiv, in dem sich der verbale Rahmen dienen schließt. Im Fall einer finiten Konstruktion wäre es – in der Umsetzung des aktivischen Partizips – der Kandidat für das Subjekt. Tatsächlich ist das nun auch gleichzeitig das erste Substantiv auf dieser Strecke, auf das die als Form des Artikels passt, und das nicht in anderer Weise schon strukturell gebunden ist19.
Die Komplexität der in Text (6) auf das Partizip dienenden zulaufenden Präpositionalphrase verdankt sich der Integration von Propositionen in verdichtenden Wortbildungen, mit den dadurch gegebenen Anschlussmöglichkeiten der Nominalgrammatik. Durch die systematische Möglichkeit, nomina actionis per Wortbildung zu erzeugen, zentral durch das autochthone Suffix {-ung}, wie in Planung, aber auch durch das nichtautochthone Morphem {-ion} wie in Operation (vgl. Mostýn 2025), ergibt sich die Option, propositionale Entitäten in mehrfacher Tiefe einzubinden. Was nun offenbar vor allem in fachsprachlichen Kontexten ein als probat geltendes Mittel ist, die syntaktischen Strukturen durch Verdichtung der in Aussagen einzubettenden Propositionen überschaubarer zu machen. So macht das auch der in (3) schon zitierte soziologische Text an passender – resümierender – Stelle:
- (8)
- Denn Ästhetisierung, Ökonomisierung, Politisierung und Therapeutisierung sind treibende Kräfte innerhalb des Modernisierungsprozesses. Sie sorgen für die gesellschaftliche Spezifizierung der Perspektiven derart, dass im Ergebnis das Ästhetische, das Ökonomische, das Politische und das Therapeutische je typisch moderne »Existenzweisen« mit ihren speziellen Praktiken und Interpretationsweisen darstellen. (Reckwitz 2025: 233)
Die jeweilige Form der deverbalen Nomina – hier {-ung}-Suffigierungen – lässt sich als Vorausverweis darauf lesen, wie die verbalen Inhalte im Text klassifiziert werden. Bei den Vorgangsnomina auf {-ung} werden sie als Teile einer Modernisierung zusammengefasst, die wiederum als Prozess klassifiziert wird, mit einem jener typisch fachsprachlich explizierenden Komposita, in denen ein Substantiv, das ohnehin schon einen Prozess bezeichnet explizit nochmals als solcher kategorisiert wird20. Die Adjektivkonvertate im zweiten Teil – Namen für Eigenschaften – sind geeignet als „Modi“ (-weisen) moderner Existenz gelesen zu werden. Die Wortbildungen bereiten implizit vor, was die klassifikatorischen Komposita Modernisierungsprozess und Existenzweise benennend zusammenfassen. Aber mit den in diesen Formen angelegten Arten von Verweisen kämen wir in ein anderes Thema.
4. Schluss
Die Frage war, mit welchen Hinweisen wir durch Texte in ihrem Verlauf geleitet werden. Der Weg zu einigen Antworten auf diese Frage, die in diesem Beitrag versucht werden, orientiert sich grob an linguistischen Ebenen, geht in der textfunktionalen Analyse des Ablaufs im Gebrauch darüber hinaus. So führt er (in Punkt 2) von den gängigen formalen Markierungen der Zeichensetzung über standardisierte morphosyntaktische Verbindungselemente – Konjunktionen – und die funktional verbreitetere Kategorie der Konjunktoren. An dieser Stelle wurde ausgehend von den Strategien der Einbettung verbhaltiger Strukturen (Nebensätze; Infinitivkonstruktionen) in einem argumentierenden fachlichen Text gezeigt, welche strukturellen Folgen sich aus der autorintentionalen Planung ergeben, die dann weit über die Wahl grammatisch festgelegter Verweistypen hinausgeht. Ähnlich geht es im Punkt 3 zunächst um die Rolle der Klammerstrukturen für die Interpretation der Reihenfolge. Anhand eines erzählenden Textes wird gezeigt, wie die Reihenfolge in der Satzklammer, ihre Regularitäten und der Bruch der damit verbundenen Erwartungshaltungen textfunktional und stilistisch genutzt wird. Im zweiten Teil wird der Einsatz von verdichtenden Techniken in Wortbildung und Attribution in den Blick genommen. Es kann mit den Partikelverben und den Präpositionalattributen an die Überlegungen zur Klammerung angeschlossen werden, mit den Nominalisierungen die mehrfach angesprochene Differenzierung zwischen nominalen und verbalen Strukturen noch einmal funktional eingebettet.
Angeregt wurden die in diesem Beitrag teils angedeuteten teils ausgeführten Überlegungen durch die Forschungen zu Konnektoren21, mit denen eine funktional argumentierende Erweiterung des Konzepts der Satzverknüpfer verbunden war. Dadurch wurde eine Vielzahl mehr oder minder fester Elemente in die Diskussion einbezogen. Verknüpfung betraf damit einen viel größeren Bereich; Verknüpfung, Verbindung und Grenzmarkierung erschienen damit als zentrale Konzepte einer gebrauchsorientierten Beschreibung. Damit traf sich diese Anregung mit Überlegungen zum Konzept gebrauchsbasierter Grammatikforschung, wie sie von Beatrice Primus (2018: bes. 29–35) im Rahmen des Konzepts einer emergenten Grammatik diskutiert wird. Bei der funktionalen Betrachtung von Verbindung und Verweis spielt der Bezug auf die Klammerstrukturen, wie sie nicht zuletzt von Harald Weinrich (1993) in die grammatische Beschreibung des Deutschen eingebracht worden sind, eine zentrale Rolle. Bei ihnen stellt Verknüpfung ein zentrales Konzept dar und sie stellen einen zentralen Ansatzpunkt für gebrauchs- und verlaufsorientierte Analysen des Deutschen dar.
Notes
- Im Amtlichen Regelwerk (2024: 134) heißt es „Mit dem Semikolon gereihte Sätze sind gleichartig“, was wohl sinngemäß ebenfalls für die hier vorliegende Konstruktion gilt. [^]
- Zur generellen Funktion s. Amtliches Regelwerk (2025: § 75); auch: Duden (2022: §§ 548 – mit weiterer Literatur – und 547). [^]
- Im Wesentlichen wird es im Folgenden um Subjunktion gehen; Adjunktoren werden kaum und die funktional verwandten Adpositionen nicht behandelt; zu deren Rolle und zu Abgrenzungsfragen s. Gunkel et al. (2017: 1357-1360). [^]
- Im Original kursiv; zur Nutzung der Ambivalenz Temporalität-Kausalität s. Eichinger (2015a: 35; 2015c: 38-39). [^]
- Typischerweise mit einem substantivischen Prädikatsteil, mit dem „auf Wahrheit und Evidenz abgehoben wird“ (Zifonun / Hoffmann / Strecker 1997: 1452); auf die zudem auftretenden Adjunktoren wollen wir nicht weiter eingehen. [^]
- Vgl. die Diskussion über „formulaische Ausdrücke“ in Zeschel / Brakhane / Knöbl (2019: 81-82). [^]
- https://cosmas2.ids-mannheim.de/cosmas2-web/faces/investigation/kook.xhtml (05.11.2025) [^]
- Vgl. https://cosmas2.ids-mannheim.de/cosmas2-web/faces/investigation/kook.xhtml (05.11.2025); auch die entsprechende Auflistung typischer Nomina in diesem Kontext in Zifonun / Hoffmann / Strecker (1997: 1978). [^]
- Auch wenn hier die Reihenfolge der Grammatik der Verbzweitstellung geschuldet ist, in der möglichen Alternative Wie schon gesagt: ich bin der Auffassung, würde den Verweis in den Text hinein bremsen. [^]
- Vgl. Breindl / Volodina / Waßner (2014: 471-476). [^]
- Vgl. z. B. Zifonun (2021: 191-207). [^]
- Entsprechend der Bedeutung über Wortgruppen hin verteilter Strukturen, welche diese als Einheiten zusammenschließen; ausführlicher für das Nominal diskutiert in Gunkel et al. (2017: 1283-1287); s. dazu z.B. auch schon Fourquet (1977: 35-38). [^]
- So beschrieben als „Medialkonstruktion“ in Duden (2022: § 622). [^]
- S.112011: 68-69; Eichinger (2000: 104-105, 221-222); Duden (2022: § 1202); Konopka (2020: 59, Tabelle 5). [^]
- Jedenfalls ist hier der Dativ gewählt; zur möglichen Variation s. Schmitz (2025). [^]
- Zum komplexen Status von Partikelverben und zu ihrer Funktion vgl. Eichinger (2004: 107-109); s. auch Motsch (2004: 155) und Brandt (2024: 143-146); einen Überblick über den Diskussionsstand gibt Donalies (2018: 317-320). [^]
- Diese Resultativkonstruktionen sind nicht nur orthographisch schwierig, auch ihr Gesamtstatus bleibt diskutabel; vgl. Motsch (2004: 52-53). [^]
- Vgl. dazu, auch sprachvergleichend, Gunkel et al. (2017: 1825-1827); zum selbstgleichen Verhältnis zur expliziten Prädikation s. Eroms (2025: 65-66). [^]
- Wie der Plural seiner… Operationen in unserem Fall. [^]
- Zur generellen Bedeutung dieser Kodierungsweise für die Signalisierung von Fachsprachlichkeit vgl. Eichinger (2025: 26). [^]
- Breindl / Volodina / Waßner (2014) als große Abschlusspublikation des entsprechenden Projekts. [^]
Literatur und Ressourcen
Wissenschaftliche Literatur
Brandt, Patrick (2024): Präfix- und Partikelverben zwischen Morphologie und Syntax. In: Konopka, Marek / Wöllstein, Angelika / Felder, Ekkehard (Hrsg.): Substantivflexion, Attributsätze, Präfix- und Partikelverben (Bausteine einer Korpusgrammatik im Deutschen 3). Heidelberg: Heidelberg University Publishing, 115-154. http://doi.org/10.17885/heiup.bkgd.2024.1.24931.
Breindl, Eva / Volodina, Anna / Waßner, Ulrich Hermann (2014): Handbuch der deutschen Konnektoren 2. Semantik der deutschen Satzverknüpfer (= Schriften des Instituts für Deutsche Sprache 13). Berlin / München / Boston: de Gruyter.
Donalies, Elke (2018): Wetterbeobachter, Zeitlang, wahrsagen, zartfühlend, kurzerhand, dergestalt. Handbuch der Univerbierung. Heidelberg: Winter.
Duden (2022): Die Grammatik. Struktur und Verwendung der deutschen Sprache. Satz – Wortgruppe – Wort. 10. Auflage. Berlin: Bibliographisches Institut.
Eichinger, Ludwig M. (1995): Unter anderem Abhängigkeiten. Texte, Sätze, Klammern und der Ort von Valenz und Dependenz in einer grammatischen Beschreibung des Deutschen. In: Jahrbuch DaF 21, 209-234.
Eichinger, Ludwig M. (2000): Deutsche Wortbildung. Eine Einführung. Tübingen: Narr.
Eichinger, Ludwig M. (2004): Trennbare Verben und Grammatikalisierung – feindliche Brüder. In: Lindemann Beate / Letnes, Ole (Hrsg.): Diathese, Modalität, Deutsch als Fremdsprache. Tübingen: Stauffenburg, 103-121.
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Biographische Notiz
Ludwig M. Eichinger war bis zu seinem Ruhestand im Jahr 2018 Direktor des Leibniz-Instituts für Deutsche Sprache in Mannheim und Ordinarius für Germanistische Linguistik an der Universität Mannheim. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Syntax und Wortbildung, Sprachgeschichte, Regionalsprachforschung, Soziolinguistik, Wissenschaftsgeschichte und Textlinguistik.
Kontaktanschrift:
Prof. Dr. Ludwig M. Eichinger
Schopenhauerstraße 12
68165 Mannheim