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Artikel zum Themenschwerpunkt: Grammatik im Fokus: Theorie – Empirie – Vermittlung, hrsg. von Anna Volodina und Lutz Gunkel

Variationen im Vorfeld aus textlinguistischer und didaktischer Perspektive

Authors
  • Variationen im Vorfeld aus textlinguistischer und didaktischer Perspektive

    Artikel zum Themenschwerpunkt: Grammatik im Fokus: Theorie – Empirie – Vermittlung, hrsg. von Anna Volodina und Lutz Gunkel

    Variationen im Vorfeld aus textlinguistischer und didaktischer Perspektive

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Abstract

Der vorliegende Beitrag widmet sich einem interessanten und textlinguistisch noch wenig untersuchten Phänomen der Wortstellung im Deutschen, nämlich der Besetzung des Vorfelds durch infinite Prädiktatsteile, genauer durch Partizipien II und prädikative Adjektive. Diese Stellung gilt allgemein als markierte Vorfeldbesetzung. Im Beitrag wird mithilfe von korpusbasierten empirischen Analysen gezeigt, dass in bestimmten Textsorten diese Besetzung des Vorfelds nicht markiert ist, sondern textsortenspezifisch unauffällig. Die Gründe dafür und die damit verbundenen textuellen Funktionen werden herausgearbeitet. Partizipien II und prädikative Adjektive im Vorfeld stellen somit eine häufige stilistische Option in bestimmten Textsorten dar, hier detailliert gezeigt an Wikipedia-Lexikonartikeln. Deshalb sollte ihnen auch in der Didaktik mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden.

In this article, we examine an interesting phenomenon of word order in German which has yet to be thoroughly studied from a text-linguistic perspective, namely the positioning of non-finite predicate elements – more specifically: past participles and predicative adjectives – in clause-initial position. This positioning is generally considered as markedword order. Using corpus-based empirical analyses, we demonstrate that in certain text types, this word order is not marked but rather inconspicuous due to the nature of the text type. We discuss the potential reasons for this and identify the textual functions associated with this positioning. Using Wikipedia encyclopedia articles, we show that past participles and predicative adjectives in clause-initial position represent a common stylistic option in certain text types. For this reason, they should also be given greater attention in language teaching contexts.

Keywords: Vorfeld, infiniter Prädikatsteil, Textstrukturierung, Progression, Korpusanalyse, clause-initial position, non-finite predicate elements, text structure, thematic progression, corpus analysis

How to Cite:

Fandrych, C. & Thurmair, M., (2026) “Variationen im Vorfeld aus textlinguistischer und didaktischer Perspektive”, Korpora Deutsch als Fremdsprache 6(1), 148–174. doi: https://doi.org/10.48694/kordaf.6174

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2026-08-10

Peer Reviewed

1. Einleitung

Die Wortstellung im Deutschen zeichnet sich bekanntermaßen durch einige Besonderheiten aus, die sie auch für den Spracherwerb herausfordernd machen: Zu diesen Besonderheiten gehört zum einen eine für die meisten Lernenden ungewöhnliche, aber durchaus stabile Konstruktion, nämlich die Verbalklammer. Zum anderen aber ist die Wortstellung von einigen wenigen relativ strikten Regeln, gleichzeitig aber auch von sehr viel Stellungsfreiheit gekennzeichnet, die Lernende auf allen Niveaus vor spezifische Herausforderungen stellt. Ausgehend von der Verbalklammer im Deutschen lassen sich drei topologische Felder bestimmen: das Vorfeld (vor dem klammeröffnenden, also finiten Verb(teil)), das Mittelfeld (zwischen den beiden klammerbildenden Elementen, also zwischen finitem und infinitem Prädikatsteil) und das Nachfeld (nach dem klammerschließenden Prädikatsteil).

Das Vorfeld nun birgt für die Lernenden die Schwierigkeit, dass es (im Aussagesatz) von genau einem Satzglied besetzt sein muss1. Dies stellt für Lernende etwa dann ein Problem dar, wenn das Vorfeld von einem Adverbial besetzt ist und das Subjekt dann im Mittelfeld steht bzw. stehen muss. Nicht zufällig stellt diese Verbstellung (meist unglücklich als ‚Inversion‘ bezeichnet) eine wichtige Stufe im Spracherwerb dar (vgl. u.a. Grießhaber 2006, 2012; kritisch dazu Schwendemann 2023). Beispiele wie (a) und (b) sind deshalb typische nicht zielsprachengerechte Strukturen von Lernenden, gerade am Anfang des Spracherwerbs; Breindl (2015: 364) spricht hier von der „Hauptfehlerquelle […] Verbdrittstellung“. Für – meist ja nicht linguistisch vorgebildete – Lernende ist zudem das Konzept Satzglied und die Frage nach dessen Umfang schwierig: dass z.B. ein Pronomen, eine (erweiterte) Nominalgruppe oder eine satzwertige Konstruktion zu derselben Kategorie gehören sollen, erschließt sich nicht ohne weiteres. Nebensätze, die im Vorfeld stehen, stellen ganz besondere Herausforderungen für Lernende dar, da die Satzstruktur des Hauptsatzes durch sie besonders unübersichtlich wird (vgl. Fandrych / Thurmair 2021: 254). Auch hier sind typische Abweichungen dann Äußerungen wie (c) und (d). Ein weiteres Problem stellt die Vorfeldbesetzung nach Konjunktionen dar, denn diese zählen eben nicht zur Vorfeldbesetzung – sie stehen ja zwischen den verbundenen Sätzen; dies führt dann zu abweichenden Strukturen wie (e) und (f) (vgl. dazu genauer auch Fandrych / Thurmair 2021: 244-257):

  • (a) In Japan die meisten Leuten beachten Höflichkeitsregeln. (Beleg nach Lipsky 2010, L1=Japanisch)

  • (b) Am anfang man muss mehrere informationen über die Familie geben und sehen ob sie eine nette und verständnisse Familie sind. (MERLIN_German, Niveau B2, L1=Italienisch)

  • (c) Wenn Ausländer es lernen, sie sind Japaner. (Beleg nach Lipsky 2010, L1=Japanisch)

  • (d) Wie habe ich schon eine mal betonen, man überlegen soll bzw. sich erkundigen soll, welche Regel in dem Gastlandes herrschen, um sie nich zu verbrechen. (MERLIN_German, Niveau B2, L1=Polnisch)

  • (e) Ich habe eine Arbeit in Neuburg und brauche ich Neue wohnung bei nächste woche 20.03.2012. (MERLIN_German, Niveau A2, L1=Englisch)

  • (f) Ich bin bereit schon mit der Arbeit anzufangen aber habe ich noch ein paar fragen über der Arbeits Stunden und Arbeitszeit. (MERLIN_German, Niveau A2, L1=Polnisch)

Eine weitere Herausforderung ist nun die Frage, was denn genau im Vorfeld stehen muss bzw. kann, also welche Satzglieder dort auftreten können. Von der Informationsstruktur her gilt das Vorfeld im allgemeinen als Position, die thematische Elemente enthält. Dazu rechnen wir insbesondere Elemente, welche der Wiederaufnahme oder dem Bezug auf Aspekte aus dem vorangegangenen Text / Gespräch oder damit eng verbundenen Konzepten dienen, oder die einen Bezug auf kontextuell erschließbare Elemente herstellen. Daneben stehen hier Elemente, welche der Themensetzung bzw. Thematisierung von ebenfalls (kon-)textuell erwartbaren Aspekten dienen2. Hier zeigt sich sehr deutlich, dass die konkrete Besetzung in einem Text eng mit der (thematischen) Struktur dieses Textes und der Art, in welcher die Vorfeldfunktionen genutzt werden, zusammenhängt; dementsprechend sollte sie auch mit Blick auf die Texteinbettung vermittelt werden. In der Literatur, auch der didaktisch orientierten, wird hier im Allgemeinen unterschieden zwischen der unmarkierten Vorfeldbesetzung, die mit vielen Kontexten verträglich ist, und den markierten, besonderen Vorfeldbesetzungen, die spezifische Kontexte erfordern (so schon bei Zifonun / Hoffmann /Strecker 1997: 1583-1638, die von „strukturell unmarkierter“ und „strukturell markierter“ Vorfeldbesetzung sprechen, oder Fandrych 2003). Dabei gilt allgemein das Vorfeld mit seiner Besetzung als „textgrammatische Schaltstelle“ (Fandrych 2003; Fandrych / Thurmair 2025: 95), sozusagen als Scharnier: Es gibt an, wie der Anschluss an den Vortext zu sehen ist, es kann daneben auch eine Vororientierung auf das Folgende geben (was wir auch als „Einordnung“ bezeichnen; dazu dienen etwa Adverbien verschiedener Art, aber auch Attribute von Nominalphrasen, die inhaltlich bereits auf das im Satz Folgende vororientieren). Die zentralen Funktionen sind also Anschlusssetzung und Einordnung/Vororientierung (vgl. Fandrych 2003: 183-184; Fandrych / Thurmair 2025: 95). Diese Funktionen passen genau zu der unmarkierten, der Standardbesetzung des Vorfelds, nämlich der Besetzung mit entweder dem Subjekt oder einem Adverbiale.

1.1 Standardbesetzungen

Nach Fuß (2022: 57) stehen etwa in der Hälfte der Fälle (50-55 %) das Subjekt und in 35 % Adverbiale im Vorfeld (vgl. auch Sahel / Jonischkait 2008 mit genaueren Zahlen). Subjekte bezeichnen im Deutschen oft das Thema, schließen also an den Vortext an und geben – wie auch Adverbiale – eine vorausgreifende Einordnung. Was diese Standardbesetzung betrifft, so sind hier für die genauere Verteilung der syntaktischen Funktionen weitere textlinguistische Aspekte von Bedeutung; die Frage, in welcher kategorialen Form das Subjekt oder das Adverbial auftritt (z.B. satzförmig oder nicht) und die konkrete Textsorte: So ist es z.B. eine für Wissenschaftstexte typische Struktur, im Vorfeld mittels eines satzförmigen Adverbials einen Rahmen zu setzen, der dann ausgefüllt wird. Zum anderen spielt auch die Position des Satzes im Text eine Rolle, denn der Einordnungsrahmen, der im Vorfeld gesetzt wird, kann auch für ganze Textabschnitte oder ganze Texte gelten. Das lässt vermuten, dass der Anteil von Adverbialen an Text- oder Abschnittsanfängen höher ist. In Lehrwerken und Lernergrammatiken dominiert – gerade am Beginn des Spracherwerbs – das Subjekt als Vorfeldbesetzung (vgl. Thurmair 2022), es kommen vor allem SVO-Sätze vor. Und auch die Lernenden verwenden bei der Textproduktion auch auf höheren Kompetenz-Niveaus vornehmlich das Subjekt als Satzanfang, sie halten also am Subjekt fest und stellen im Verhältnis zu selten Adverbiale in das Vorfeld (das zeigen die Untersuchungen von Walter / Doolittle 2012, daneben Rosén 2006 oder Haukås / Hoheisel 2013). Die Longitudinalstudie von Walter / Doolittle (2012) etwa hat herausgearbeitet, dass die Lernenden im Erwerbsverlauf zwar beobachtbare Vorfeld¬fort¬schritte machen und die Vorfelder komplexer werden, dass dies aber keine höhere Varianz syntaktischer Funktionen bedeutet. Texte, deren Sätze fortlaufend mit dem Subjekt beginnen, sind zwar grammatisch nicht falsch, aber textgrammatisch und stilistisch nicht immer angemessen und auch nicht sprachtypisch. Derartige Texte wirken oft monoton. Aus Sicht der Sprachvermittlung bedeutet das, dass auch bei der unauffälligen Standardvorfeldbesetzung für andere Vorfeldbesetzungen, nämlich solche mit Adverbialien, sensibilisiert werden sollte.

1.2 Markierte Vorfeldbesetzungen

Als markierte Nicht-Standardbesetzungen des Vorfelds, die spezielle Funktionen haben, in spezifischen Kontexten auftreten und insgesamt deutlich seltener sind, gelten die Besetzung des Vorfelds mit einem Objekt, die Besetzung mit infiniten Prädikatsteilen (Partizip, Infinitiv, Prädikative), die allein oder mit unterschiedlich umfangreichen Teilen des Prädikats auftreten (siehe genauer Fuß 2022: 58-59), Satzgliedteile (vgl. Fuß 2022: 64-66) und mehrfache Vorfeldbesetzung bzw. scheinbar mehrfache Vorfeldbesetzung (vgl. Müller 2003, 2005; Bildhauer 2011; Müller / Bildhauer / Cook 2012; Fuß 2022: 71-73). Diese Vorfeldbesetzungen spielen in der linguistischen Literatur eine deutlich wahrnehmbare Rolle (vgl. z.B. Ide 2001 sowie die Beiträge in Dalmas / Fabricius-Hansen / Schwinn 2016), im Bereich der Sprachvermittlung werden sie allerdings nach unserer Erfahrung kaum thematisiert (siehe dazu auch Lipsky 2010). Das ist sicher gut nachvollziehbar für frühe Stadien des Spracherwerbs, stellt allerdings spätestens auf höheren Niveaus ein beachtliches Defizit dar (vgl. dazu für italophone Lernende Ballestracci 2010).

Wir wollen uns im Folgenden auf die markierten Besetzungen durch infinite Prädikatsteile im Vorfeld konzentrieren und insbesondere die Verwendung von Partizipien II und prädikativen Adjektiven im Vorfeld genauer beleuchten. Die damit oft verbundenen Diskussionen darüber, ob im Vorfeld mehr oder weniger als ein Satzglied stehen kann, werden wir nicht weiter aufgreifen. Eine umfangreiche Belegsammlung für diese markierten Vorfeldbesetzungen findet sich in jüngerer Zeit bei Bassola / Schwinn (2016) oder Fuß (2022: 56-70). Als typisch für diese markierten Vorfeldbesetzungen gilt, dass die entsprechenden Elemente, gerade weil sie nicht in ihrer üblichen Position stehen, durch die Positionierung im Vorfeld fokussiert und hervorgehoben werden (vgl. etwa Zifonun / Hoffmann / Strecker 1997: 1605-1638; Eroms 2000: 355; Ide 2001; Speyer 2008: 461-462; Bassola / Schwinn 2016: 257). Die Fokussierung dient der Steuerung der Aufmerksamkeit, der Textstrukturierung, häufig auch der Kontrastierung oder der Korrektur. Die Vorfeldbesetzung enthält also in solchen Fällen Elemente, die auf ungewöhnlichere Art an Vorinformation oder Hörer-Leser-Erwartungen anknüpfen, also nicht der einfachen Wiederaufnahme / Anknüpfung oder Thematisierung dienen. Dennoch findet auch in Fällen von Elementen, die einen Kontrast oder eine Korrektur ausdrücken, eine Anschlusssetzung an den Vortext und eine Einordnung statt, wenn auch unter spezifischeren Kontext¬bedingungen: Durch die ungewöhnliche Vorfeldbesetzung entsteht ein besonderer Fokus, der in einem spezifischen Zusammenhang mit dem Kontext, den vermuteten Lese- bzw. Hörerwartungen bzw. mit dem Vortext steht. Das Vorfeld ist also nicht der Ort für völlig neue rhematische Information, sondern knüpft auch in diesen Fällen an etwas Erwartbares an oder verbalisiert etwas, das als Anschluss an den Kontext gelesen werden kann bzw. soll.

Um dies genauer zu beleuchten, muss nicht nur der Kontext ausführlicher betrachtet werden, sondern auch die jeweilige Textsorte berücksichtigt werden. Wir gehen davon aus, dass es textuelle Umgebungen gibt, in denen die so genannte markierte Vorfeldposition aus noch genauer herauszuarbeitenden Gründen unauffällig und daher textsortenspezifisch ist. Entsprechend sind in solchen Kontexten Vorfeldbesetzungen mit infiniten Prädikatsteilen erwartbar und gehören zum Inventar stilistischer Optionen, die durchaus intensiv genutzt werden. Das wollen wir im folgenden Beitrag an einigen Beispielen zeigen.

In der Literatur wird das textuelle Umfeld allerdings nicht immer vollständig miteinbezogen und auch die Textsorte nur punktuell berücksichtigt. Dennoch lassen sich einige Hinweise finden. So bearbeiten Menzel / Eisenberg (2002) ausdrücklich die besondere Wortstellung in journalistischen Texten und auch Bassola / Schwinn (2016) nennen journalistische Texte als eine mögliche Domäne markierter Vorfeldbesetzungen, deren Funktion es dann sei, Aufmerksamkeit zu heischen. In diesem Fall könnte man auch durchaus davon ausgehen, dass die Autor/-innen bewusst eine bestimmte stilistische Option einsetzen.

Etwas genauer beschäftigt sich Ide (2001) mit den textuellen Bedingungen. Er untersucht die „Auflösung der Verbalklammer durch die Verlegung des Nachverbs ins Vorfeld und ihre Funktionen im Textaufbau“ (Ide 2001: 289). Dabei geht er vom Weinrichschen Modell (vgl. Weinrich 2007) aus, in dem der Begriff „Nachverb“ alle klammerschließenden Elemente fasst, und in dem verschiedene Klammertypen unterschieden werden. Ide untersucht speziell die Grammatikalklammer mit den Subtypen Tempus-, Passiv-, Modal- und die von ihm etablierte Kausalklammer sowie Kopulaklammern mit Adjektiv. Nicht berücksichtigt wird die sogenannte Lexikalklammer (das sind im Wesentlichen trennbare Verben und Funktionsverbgefüge). Für die von ihm untersuchten Fälle stellt Ide (2001) nun fest, dass diese ‚Klammerauflösung‘ ein Mittel der Aufmerksamkeitslenkung ist und dem Spannungsaufbau dient. Dabei arbeitet er zum einen heraus, dass das Nachverb im Vorfeld für den nachfolgenden Satz, also nach rechts, als Thema fungiert und nach links – also in Bezug auf den Vortext – textpragmatisch drei Funktionen erfüllen kann: Es kann kontrastierend, konstituierend oder konstatierend sein.

Die kontrastierende Verwendung entspricht der, die in der Literatur vielfach belegt wurde: Hier finden sich bei Ide (2001) vor allem Adjektive, teils auch mit Komparativ oder mit Negation. Interessant – und deutlich über die sonstigen Aussagen hinausgehend – ist die konstituierende Verwendung; hier ist ein außersprachlicher Wissensrahmen anzunehmen, aus dem durch das Nachverb Elemente, etwa Teilaspekte einer Entität oder einer Szene herausgegriffen werden, über die dann etwas ausgesagt wird (vgl. Ide 2001: 315). Diese Teilaspekte sind aber als solche immer erwartbar, also diskursiv präsent (dazu im Folgenden mehr). Die dritte Funktion, die konstatierende Verwendung, meint Fälle, in denen das ins Vorfeld gestellte Nachverb eine denkbare Schlussfolgerung darstellt – häufig handelt es sich um eine Art metakommunikative bzw. bewertende oder kommentierende Aussage.

2. Einige Funktionen der Besetzung des Vorfelds mit dem Partizip II

Im Folgenden wollen wir nun anhand einiger unterschiedlicher Fälle etwas näher wichtige textsortenspezifische Funktionen insbesondere von Partizipien im Vorfeld herausarbeiten und dabei auch die Frage nach der Markiertheit dieser Stellungsvariante reflektieren.

2.1 Partizipien II im Vorfeld als Mittel der Textstrukturierung

Eine häufiger zu beobachtende Quelle für Partizipien im Vorfeld sind zusammenfassende kürzere Sachtexte, die komplexere Sachverhalte wiedergeben. So findet sich in Beispiel (1) eine Inhaltsangabe einer Dokumentation im Fernsehprogramm. Das Textmusterwissen schafft einen Erwartungsrahmen bezüglich der dort vorkommenden Handlungen und der Textprogression. Die im Textbeispiel vorangestellten Prädikatsteile (Partizipien II sowie der infinite Teil einer Kollokation) benennen nun genau diese erwartbaren Handlungen und folgen somit auch einer erwartbaren Textstruktur; gleichzeitig bilden sie ein thematisches Gerüst. Das heißt auch, dass diese im Vorfeld positionierten Partizipien keine neue, rhematische Information darstellen und nicht besonders fokussiert sind. Mit dieser Vorfeldbesetzung wird auch ermöglicht, dass die fokussierten Referenten am Satzende stehen.

    1. (1)
    1. Wie stellt sich die CDU in Zukunft auf? Der Film von Ben Bolz, Philipp Grüll und Lucas Stratmann begleitet die Parteiprominenz nach der verlorenen Bundestagswahl 2021 auf den wichtigsten Etappen. Zu Wort kommen neben Friedrich Merz auch Karin Prien, Carsten Linnemann und Hendrik Wüst. Begleitet hat das Kamerateam die CDU-Köpfe auch in ihrem privaten Umfeld. Beleuchtet werden unter anderem inhaltliche und strategische Fragen nach Frauenquote, Positionierung zur AfD und Populismus. (SZ Fernsehprogramm, 23.-29.4.2024)

Das Gleiche gilt für (2), ein Abstract eines wissenschaftlichen Artikels mit ebenfalls im Vorfeld platzierten infiniten Prädikatsteilen. Beispiele wie (3) markieren die Textstruktur ebenfalls mit im Vorfeld positionierten Partizipien, die im Kontext erwartbare Handlungen darstellen.

    1. (2)
    1. Der folgende Aufsatz beschäftigt sich mit der Entwicklung der starken Verben im Deutschen. Betrachtet werden dabei alle Vorkommen in Texten zwischen dem 14. und dem 18. Jhdt. Untersucht wird insbesondere die Frage, inwieweit die Frequenz in verschiedenen Textsorten eine Rolle spielt. Diskutiert wird auch die regionale Variation des Gebrauchs. (von Fandrych / Thurmair 2025: 97)
    1. (3)
    1. Diese Diplomarbeit gibt Einblick in die Schulwirklichkeit im 18. Jahrhundert im Zuge der Reformen von Maria Theresia und Joseph II. Untersucht wird unter anderem die Frage nach den Fortschritten, die die Reformen am Bildungssektor brachten und auf welche Probleme die Herrschenden bei der Umsetzung der Reformen gestoßen sind. Des weiteren wird auf die Entwicklungen in der Mädchen- und Frauenbildung im Zuge dieser Neugestaltung des Bildungssektors eingegangen. (Quelle: https://utheses.univie.ac.at/detail/29710#)

2.2 Infinite Prädikatsteile im Vorfeld in Sachtexten: Markierung der Textprogression

Anhand der oben genannten Beispiele ist bereits deutlich geworden, dass bestimmte Textsorten offenbar eine Affinität zur Nutzung der Stellungsvariante ‚Infiniter Prädikatsteil im Vorfeld (InfPV)‘ haben. Insbesondere Sachtexte und verschiedene journalistische Texte scheinen hierfür besonders einschlägig zu sein. Dies zeigt ein Blick in verschiedene Arten von Texten, die wichtige Bauwerke, Persönlichkeiten oder Sehenswürdigkeiten online präsentieren – also Sachtexte mit einem gewissen touristischen Werbecharakter (vgl. Beispiele 4-7). Sie haben gemeinsam, dass es sich um Objektbeschreibungen handelt, mit denen interessierten Besucher/-innen oder Leser/-innen aus Sicht der Verfasser/-innen besonders zentrale Wissensbestände zu diesen Objekten in geraffter Form vermittelt werden sollen. Sie reagieren damit auf die angenommene Erwartungshaltung der Leser/-innen, Informationen zur Geschichte, Lage, Beschaffenheit und zu besonders beachtenswerten Aspekten dieser Objekte zu erfahren. Mit infiniten Prädikatsteilen im Vorfeld kann die thematische Progression, die durch die Textfunktion naheliegt, nun in einer spezifischen Weise abgearbeitet werden: Sie rufen durch ihre Vorfeldposition Themenaspekte auf (häufig ist dies mit einem Wechsel zu einem neuen Unterthema verbunden), denen dann spezifischere (rhematische) Information hinzugefügt wird. Dafür eignen sich in besonderer Weise Passiv- und Prädikativkonstruktionen:

    1. (4)
    1. Walhalla Regensburg – die bayerische Akropolis
    2. Die Walhalla in Regensburg ist eine Gedenkstätte für herausragende Persönlichkeiten der deutschen Geschichte. Sie wurde von König Ludwig I. initiiert und 1842 fertiggestellt. Der Bau erinnert an den griechischen Parthenon-Tempel. Im Inneren beherbergt die Walhalla Büsten und Gedenktafeln, die bedeutende deutsche Persönlichkeiten ehren. Beliebt ist die Walhalla für ihren beeindruckenden Ausblick auf die Donau und die Umgebung. (…)
    3. Warum wurde die Walhalla Regensburg gebaut?
    4. Der Bau des Ruhmestempels war politisch gewollt. Nach der Niederlage gegen Napoleon und der Auflösung des Heiligen Römischen Reiches sollte ein Denkmal zur Schaffung des Selbstbewußtseins der Deutschen gebaut werden. Mächtig musste es sein, erhaben und etwas besonderes. Geplant wurde die deutsche Hall of Fame seit 1810. (https://www.walhalla.info/, 27.08.2025, Originalversion)

Im ersten Abschnitt werden sukzessive wichtige Merkmale des beschriebenen Bauwerks genannt (Zweck / Funktion des Gebäudes, Auftraggeber, Jahr der Fertigstellung, Gestaltung und Inhalte des Gebäudes), die für die Textsorte typisch sind. Die Konstruktion Beliebt ist die Walhalla … greift mit dem prädikativen Adjektiv im Vorfeld eine weitere im Kontext von Sehenswürdigkeiten erwartbare Information auf; durch die Vorfeld-Stellung wird die Satzklammer aufgelöst, wodurch die eigentlich rhematische Information, nämlich der beeindruckende Ausblick, ans Satzende und damit an die rhematisch besonders hervorgehobene Position rückt. Ähnlich verhält es sich mit den prädikativen Adjektiven im zweiten hier abgedruckten Absatz dieses Textes: Dass ein politisch gewollter Ruhmestempel zur Schaffung des Selbstbewußtseins der Deutschen mächtig und erhaben sein solle, ist erwartbar oder zumindest naheliegend. Mit dem Partizip II im Vorfeld des folgenden Satzes (Geplant) wird ein weiteres Unterthema eröffnet: die Planung. Auch hier hat die InfPV-Konstruktion die Funktion, das Unterthema zu setzen, wodurch die rhematische neue Information ganz an das Satzende rückt (seit 1810). Die jeweiligen Subjekte der Sätze mit InfPV-Konstruktion führen dabei jeweils keine neuen Referenten ein, sondern greifen bereits eingeführte Referenten durch Wiederholung (die Walhalla), pronominale Aufnahme (es) und Text-Synonyme (die deutsche Hall of Fame) wieder auf.

Ähnlich verhält es sich auch in den nächsten Belegen: In (5) setzt Gebaut wurde es ein neues, erwartbares Unterthema, wiederum mit dem Effekt der Endstellung des Rhemas und einer pronominalen Aufnahme des im Artikel besprochenen Gegenstands. In (6) wird mit Dargestellt wird eine zentrale Funktion des Mahnmals thematisch aufgegriffen – eine historische Begebenheit, hier ein Bombenattentat, künstlerisch darzustellen und daran zu erinnern. Das Subjekt der InfPV-Konstruktion nimmt wiederum das zentrale Thema des Attentats auf, nämlich die Bombe und ihre große zerstörerische Kraft. Auch in (7), Forciert wurde das Anliegen zu einem Denkmal …, führt das Partizip II ein Unterthema ein, das die Entstehungsgeschichte des beschriebenen Gegenstands weiter spezifiziert; das Subjekt greift wiederum das Hauptthema des Textes auf, die Konstruktion ermöglicht so die Endstellung der rhematischen Information (dadurch, dass …):

    1. (5)
    1. Olympiastadion München
    2. Laura Puttkamer
    3. Das Münchner Olympiastadion mit seinem markanten Zeltdach ist heute eines der modernen Wahrzeichen der bayerischen Landeshauptstadt. Gebaut wurde es 1972 für die Olympischen Sommerspiele. 1974 siegte die deutsche Nationalmannschaft hier bei der Fußball-WM und bis 2005 war das Olympiastadion die Heimstätte des FC Bayern München. Alles über das berühmte Stadion lesen Sie hier. … (https://www.baumeister.de/olympiastadion-muenchen/, 27.08.2025)
    1. (6)
    1. Denkmal für die Wiesn-Opfer
    2. Der Bildhauer Friedrich Koller verleiht dem Gedenken an die Opfer des Oktoberfest-Attentats 1980 wieder einen würdigen Rahmen. (…)
    3. Im Laufe der Zeit hat sich das Erscheinungsbild des Denkmal-Ortes aus vielerlei funktionalen Zwängen heraus stark verändert, so dass es zuletzt dem Anlass des Gedenkens und auch der Intention des Künstlers nicht mehr gerecht wurde. Um dem Gedenken den würdigen Rahmen zurück zu geben, wurde der Urheber Friedrich Koller mit der Umgestaltung betraut. (…)
    4. Die Wandschale ist - wie von Bombensplittern getroffen - durchlöchert. In den umgebenden Bodenbelag wurden Metallsplitter eingelegt. Dargestellt wird die verheerende Wucht der detonierten Bombe. Gleichzeitig wird der über die „Splitter“ im Boden Gehende an die Willkür des Attentates erinnert - an die Möglichkeit, dass wir alle Opfer sein könnten. An der mehrfach durchlöcherten archaischen Figur der stählernen Wandschale, welche die Stele wie ein schützender Mantel umgibt, zeichnen sich symbolisch die Verletzungen ab, die durch die Gewalttat hervorgerufen wurden. (https://stadt.muenchen.de/infos/denkmaeler-muenchen.html, 27.08.2025)
    1. (7)
    1. Rosa-Luxemburg-Denkmal
    2. (…) Objektgeschichte
    3. Der Vorgängerbau der heute den Zoologischen Garten mit dem Erweiterungsgelände verbindenden Brücke (…) war im Zweiten Weltkrieg zerstört worden. Im Sommer 1978 schrieb man einen Wettbewerb zum Neubau der Fußgängerbrücke aus, aus dem ein Entwurf des Architektenehepaares Ralf Schüler und Ursulina Schüler-Witte hervorging. Man wählte die Form einer hochliegenden internen Zooverbindung mit zwei parallellaufenden Übergängen. Der Baubeginn war im Jahre 1983. Während der Neuerrichtung der Brücke setzten sich die Architekten stark dafür ein, dass die Ermordung Rosa Luxemburgs im Jahre 1919 nur wenige Meter von der Brücke entfernt bei der Gestaltung des Uferteils nicht unbeachtet bleiben sollte. Forciert wurde das Anliegen zu einem Denkmal dadurch, dass im Mai 1985 eine Gedenkplatte für Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht an der Corneliusbrücke durch einen vermutlich rechtsextremen Anschlag gesprengt wurde. (https://bildhauerei-in-berlin.de/bildwerk/rosa-luxemburg-denkmal-6313/, 27.8. 2025)

Prinzipiell könnte die Funktion der InfPV in einigen der hier gezeigten Belegen auch von anderen Satzglied-Arten übernommen werden, so etwa Ihre Beliebtheit verdankt die Walhalla auch dem beeindruckenden Ausblick …; Die Planung der deutschen Hall of Fame erfolgte seit 1810 (4), Der Bau erfolgte 1972 für die Olympischen Sommerspiele (5), Die Darstellung zeigt die verheerende Wucht der detonierten Bombe (6). Auffällig ist, dass in solchen alternativen Formulierungen jeweils der Possessiv- oder Definitartikel gewählt werden würde, was auf die prinzipielle Zugänglichkeit und Erwartbarkeit der jeweiligen Konzepte für die Leserin bzw. den Leser hindeutet. All das zeigt, dass es sich bei der InfPV-Konstruktion in solchen Sachtexten offenbar nicht um besonders markierte Verwendungen handelt; vielmehr bieten InfPV-Konstruktionen in diesen Textsorten den Vorteil, textuelle Anschlüsse im Vorfeld zu platzieren, die offenbar konzeptuell erwartbare Aspekte, häufig auch neue Unterthemen, benennen und so topologisch eine stärkere Hervorhebung des jeweiligen Rhemas zu ermöglichen.

Im Folgenden wollen wir nun korpusbasiert stichprobenartig überprüfen, ob sich die Analyse, dass die InfPV-Konstruktion in bestimmten Textsorten unmarkiert und für die Thema-Rhema-Gliederung gerade funktional ist, auch anhand der Frequenz bestimmter Verben zeigen lässt.

2.3 Detailanalyse: Infinite Prädikatsteile im Vorfeld in der Textsorte Wikipedia-Lexikonartikel

Ausgangspunkt für die folgende Analyse war die – dort kontrastiv angelegte – Untersuchung der Vorfeldbesetzungen in Wikipedia-Artikeln von Augustin 2016. Wikipedia-Artikel kann man als relativ homogene Textsorte betrachten, die in Textstruktur und Textfunktion traditionelleren (gedruckten) Lexikonartikeln ähnelt (vgl. Fandrych / Thurmair 2011). Dabei bestimmt das Denotat des Stichworts maßgeblich die Textstruktur, die gegebenen Informationen und die sprachlichen Merkmale. Augustin hat nun unter anderem festgestellt, dass es in den Wikipedia-Artikeln eine hohe Frequenz von Temporaladverbialien im Vorfeld gibt – obwohl z.B. die stilistischen Vorgaben auf der deutschen Wikipedia-Seite u.a. folgenden Ratschlag zur Satzgliedstellung enthalten: „Subjekt-Prädikat-Objekt ist nie verkehrt“ (Augustin 2016: 12). Ganz offensichtlich erfordern die Wikipedia-Artikel maßgeblich temporale (oft chronologisch organisierte) Einordnungen, welche für das Denotat typische Handlungen, Entwicklungen oder Prozesse situieren, also etwa die Geburt, das Aufwachsen, die Ausbildung und die wichtigsten Lebensstationen bei Personen, die Gründung und Entwicklung bei Institutionen, Städten und Ländern, die wichtigsten Entwicklungsschritte bei technischen Geräten oder Erfindungen etc. Andere denkbare Strukturierungsmöglichkeiten sind die räumliche Gestalt, die Funktions- und Verwendungsweisen oder die besonderen Eigenschaften von Denotaten. Die Denotate projizieren in eine vorhersehbare thematische Abfolge, die dann u.a. mithilfe von Partizipien II oder prädikativen Adjektiven in unmarkierter Weise im Vorfeld aufgerufen werden kann, was gleichzeitig einen ‚Rhemaschub‘ (Platzierung des Rhemas am Satzende) bewirkt. Die Unmarkiert¬heit dieser Konstruktion in derartigen Textsorten sollte sich, so unsere Annahme, auch quantitativ zeigen lassen, insofern, als die Erststellung des infiniten Prädikatsteils in unmarkierter Verwendung bei für die Textsorte einschlägigen Verben und prädikativen Adjektiven deutlich häufiger auftreten sollte als dies bisher textsortenübergreifend beschrieben wurde.

Für unsere Untersuchung haben wir stichprobenartig Partizipien II und (prädikative) Adjektive im Vorfeld analysiert. Nach einer qualitativen ersten Durchsicht eines recht breiten Spektrums von Wikipedia-Artikeln wurden 16 als besonders einschlägig erachtete Verben bzw. ihre Partizipien und neun Adjektive exemplarisch für die quantitative Analyse ausgewählt3. Die Auswahl für diese Pilotstuide basiert also nicht auf einer umfassenden quantitativen Analyse aller im Wikipedia-Korpus auftretenden Verben und prädikativen Adjektive – dies müsste in einer weiterführenden Studie systematischer erfolgen. Grammatisch betrachtet sind die Konstruktionsmuster für Partizipien im Vorfeld einmal passivisch, nämlich Partizip II + wurde, und einmal aktivisch, nämlich Partizip II + hat. Damit liegen zwei Konstruktionsmuster vor, die sich nicht nur hinsichtlich des Genus Verbi, sondern auch im Tempus unterscheiden: Präteritum vs. Perfekt. Das mag eine gewisse Verzerrung mit sich bringen, da in den von uns untersuchten Sachtexten ‚Wikipedia-Artikel‘ das Präteritum gegenüber dem Perfekt die dominante Tempusform ist. Andererseits ist nicht auszuschließen, dass in manchen Fällen der Verwendung eines aktivischen Prädikats gerade die Möglichkeit, durch Vorfeldpositionierung des Partizips einen Spannungsbogen aufzubauen, zur Wahl einer Klammerkonstruktion und damit zur Wahl einer Perfektform führt. Am Beispiel zweier Verben, die in aktivischer Verwendung die höchsten Werte für die Vorfeldstellung des Partizips aufweisen, nämlich anfangen und beginnen, soll dies gezeigt werden.

    1. (8)
    1. [Angelica Ladurner]
    2. Ausbildung
    3. Ladurner spielt seit ihrem 12. Lebensjahr Theater. Begonnen hat sie am Tiroler Landestheater als Knabe in Mozarts Zauberflöte, es folgten dort zahlreiche weitere Kinderrollen. Am Konservatorium Innsbruck studierte sie Block- und Querflöte. Ihre Schauspiel- und Gesangsausbildung erhielt Ladurner bei Sonja Höfer, Helmut Wlasak und Annelies Hückl. (WPD24/A0098.30920 Angelica Ladurner, In: Wikipedia - URL:http://de.wikipedia.org/wiki/Angelica_Ladurner: Wikipedia, 2024)

In Beispiel (8) werden die einzelnen Karrierestationen der beschriebenen Person eingeleitet mit der Konstruktion Begonnen hat sie …, einer aktivischen Perfektform; alle weiteren Tempusformen sind – wie in einer solchen Textsorte zu erwarten – im Präteritum (hier ebenfalls unterstrichen). Formal lässt sich die Wahl der Perfektform damit begründen, dass sie Klammerbildung erfordert und damit einen Spannungsbogen ermöglicht; die alternative Formulierung im Präteritum könnte nur lauten: Sie begann am Tiroler Landestheater als Knabe … oder – ungewöhnlicher: Am Tiroler Landestheater begann sie als Knabe … Im ersten Fall werden die Informationen informationsstrukturell recht unauffällig gereiht, im zweiten Fall würde die rhematische Information verteilt positioniert, wobei das Adverbiale am Tiroler Landestheater im Vorfeld rhematisiert ist und eine Erwartung auf weitere Theaterstationen weckt. Die (hier gewählte) InfPV-Stellung dagegen baut eine textsortenadäquate Spannung auf. Für das Perfekt ließe sich allerdings auch funktional argumentieren: Perfektformen werden häufig zur Einleitung eines Textes oder eines Textabschnittes verwendet (vgl. z.B. Marschall 1995; Willkop 2003; Weinrich 2007: 224). Dem Perfekt wird allgemein eine textstrukturierende Funktion zugeschrieben, aber auch die Funktion der Reliefgebung (vgl. Willkop 2003: 249-254): Mit dem besprechenden (Nähe-)Tempus Perfekt (vgl. Weinrich 2007) kann eine gespannte Rezeptionshaltung, eine erwartungsvolle Spannung aufgebaut werden. In Beispielen wie (8) wirken also diese Funktion des Perfekts mit seiner Klammerhaftigkeit und der Möglichkeit der InfPV-Stellung gut zusammen. Darüber hinaus passt dies auch gerade zur Bedeutung von beginnen sehr gut.

    1. (9)
    1. [Keiko Agena]
    2. Leben und Karriere
    3. Angefangen hat Keiko Agena im Alter von zehn Jahren auf einer kleinen Theaterbühne. Sie entdeckte ihr Talent und begann – unterstützt von ihren Eltern – an Vorsprechen teilzunehmen und in Theaterstücken mitzuwirken. Nach ihrem Highschoolabschluss studierte Agena Drama am Whitman College in Walla Walla (WPD24/K0006.77559 Keiko Agena, In: Wikipedia - URL:http://de.wikipedia.org/wiki/Keiko_Agena: Wikipedia, 2024)

In Beispiel (9) beginnt der Abschnitt, der die Laufbahn der beschriebenen Schauspielerin darstellt, ebenfalls mit einer Perfektform, bei der das Partizip im Vorfeld steht. Alle folgenden Tempusformen sind wieder – genau wie in (8) – textsortenadäquate Präteritumsformen. Für die Wahl der Perfektform Angefangen hat kann auch wieder damit argumentiert werden, dass nur dann eine entsprechende Vorfeldposition möglich ist; zwar ist anfangen im Unterschied zum oben beschriebenen Verb beginnen ein trennbares Verb, aber die Variante An fing Keiko Agena im Alter von … ist nicht adäquat. Verbpartikeln können nur dann im Vorfeld positioniert werden, wenn sie noch deutlich erkennbare eigene (adverbiale oder adjektivische) Bedeutung tragen; wie in Fest steht, dass … oder Hinzu kommt noch … oder – markiert Auf steigt der Strahl …, nicht aber mit dem Verbzusatz an: *An fing sie im Alter von 10 Jahren. Dementsprechend müsste in (9) oben dann bei Präteriumverwendung der Text heißen: Keiko Agena fing im Alter von zehn Jahren auf einer kleinen Theaterbühne an, was den Textaufbau deutlich verändert und eine weniger dynamische Informationsverteilung bietet.

Für die im Folgenden dargestellte quantitative Stichprobe haben wir das Wikipedia 24-Korpus des IDS genutzt4. Es ist Teil von DeReKo und umfasst 2.914.750 Texte mit 1.383.893.555 Token aus den Jahren 2006-2024. Auf der Basis einer vorherigen qualitativen Analyse verschiedener Einträge haben wir eine Auswahl von Verben und prädikativen Adjektiven getroffen, die wir exemplarisch auf ihr Vorkommen im Vorfeld bzw. in der Klammerstellung hin quantitativ untersucht haben. Inspiriert war unserer Analyse von Hoberg (1981, zitiert nach Ide 2001), die angibt, das Nachverb sei statistisch nur in 0,37 % der Fälle im Vorfeld zu finden. In unserer Unter¬suchung stand allerdings die Frage im Mittelpunkt, wie sich bei den von uns ausgewählten text¬sortentypischen Verben bzw. prädikativen Adjektiven das Verhältnis von Vorfeld-Verwendung und Verwendung als klammerschließendes Element in der Satzklammer gestaltet.

Unsere Stichprobenanalyse haben wir anhand der bereits genannten drei Konstruktionsmuster durchgeführt: Partizip II + wurde, Partizip II + hat sowie Adjektiv + war / waren5. Die Aussagekraft der Untersuchung wird dadurch einschränkt, dass Erweiterungen der InfPV-Elemente durch weitere Satzglieder (wie etwa Neu begründet wurde oder Besonders vorbildlich waren …) nicht berücksichtigt wurden.

Der Suchausdruck für die InfPV-Stellung hatte die folgende Struktur:

Angefangen /+w1 hat

Dabei muss in der cosmas2-Maske die Option „Groß- / Kleinschreibung beachten für 1. Zeichen“ aktiviert sein. Für die Distanzstellung lautete der Suchausdruck6:

#NHIT((hat %w0 (, ODER -)) /+w8,s0 angefangen) %w0 (, ODER -)

Damit wurden alle Strukturen mit bis zu acht Token innerhalb der Klammerstruktur gefunden. Der Suchausdruck beschränkt die Treffer auf das gemeinsame Vorkommen der Klammerelemente in einem Satz und schließt Fälle aus, in denen diese in verschiedenen Teilsätzen vorkommen (etwa Haupt- und Nebensatz) oder ein Ausdruck als Teil einer Parenthese ebenfalls nicht zur Klammerstruktur gehört (Ausschluss von Kommata und Gedankenstrichen zwischen den gesuchten Ausdrücken). Die manuelle Überprüfung der Suchergebnisse zeigt, dass so nur sehr wenige Fehltreffer entstanden (etwa bei koordinierten Strukturen wie Die Kirchengemeinde Glems hat auch einen Kirchenchor (gegründet 1921) mit heute ca. 20 Sängerinnen)7.

Die Ergebnisse der Stichproben bestätigen aus unserer Sicht die Annahme der weitgehenden Unmarkiertheit bestimmter thematisch einschlägiger Verben in der Textsorte Wikipedia-Eintrag. Besonders deutlich wird dies bei den Passivkonstruktionen im Präteritum:

    1. (10)
    1. (Wikipedia 24-Korpus, IDS, Passiv mit wurde, ausgewählte Verben:

Die Tabelle zeigt, dass bei acht von den 16 hier untersuchten Verben der Anteil von InfPV-Stellungen bei über 10 % der Vorkommen lag, bei einem Viertel (vier Verben) sogar bei 20 % oder mehr. Die Verteilung der InfPV-Stellung scheint nicht direkt mit der Gesamtfrequenz der Verben im Korpus zu korrelieren – das frequenteste Verb, gründen, liegt im unteren Mittelfeld (Platz 11) mit immerhin noch knapp 8 % der Vorkommen mit InfPV-Stellung, das vergleichs¬weise frequente Verb schreiben findet sich mit 17,5 % auf Platz 5. Allerdings werden die unteren vier Plätze allesamt von hochfrequenten Verben belegt.

Ein etwas anderes Bild zeigt sich bei den Perfekt-Aktiv-Konstruktionen:

    1. (11)
    1. Wikipedia 24-Korpus, IDS, Perfekt mit hat, ausgewählte Verben:

Die Gesamtfrequenz der Aktiv-Verwendungen ist deutlich geringer, Passivstrukturen mit wurde sind textsortenspezifisch deutlich einschlägiger – dies entspricht den oben angestellten textsortenbezogenen Überlegungen. Bei sechs der 16 Verben, die in Tabelle 1 (wurde) teils mit erheblichem Anteil InfPV-Konstruktionen bilden, finden sich in der Aktiv-Perfekt-Konstruktion keine entsprechenden Belege. Besonders auffällig ist der Unterschied bei tragen: 27,66 % InfPV-Konstruktionen mit wurde stehen null Fälle mit hat gegenüber. Umgekehrt finden sich aber auch Verben wie anfangen, die mit hat deutlich häufiger zu InfPV-Konstruktionen tendieren (21,27 % im Vergleich zu 9 % mit wurde). Dies könnte mit der oben angesprochenen Funktion der Perfektformen bestimmter Verben zusammenhängen, einen themeneinleitenden Rahmen zu setzen. Insgesamt wird deutlich, dass die wurde-Konstruktionen deutlich frequenter und auch für die InfPV-Wortstellung einschlägiger sind als die Aktiv-Perfekt-Konstruktionen.

Tabelle 1

InfPV- und Klammerstellung ausgewählter Verben im Wikipedia-Korpus

Beleg Infinit im VV Beleg Distanzstellung Prozentsatz Infinit im Vorfeld
Begründet wurde 1.478 wurde … begründet 2.027 42,16 %
Getragen wurde 686 wurde … getragen 1.794 27,66 %
Gelistet wurde 87 wurde … gelistet 287 23,26 %
Geleitet wurde 493 wurde … geleitet 1.976 19,96 %
Geschrieben wurde 758 wurde … geschrieben 3.573 17,5 %
Gestiftet wurde 386 wurde … gestiftet 1.991 16,24 %
Gesendet wurde 212 wurde … gesendet 1.396 13,18 %
Gewertet wurde 264 wurde … gewertet 1.921 12,08 %
Angefangen wurde 9 wurde … angefangen 91 9 %
Konzipiert wurde 119 wurde … konzipiert 1.364 8,02 %
Gegründet wurde 6.940 wurde … gegründet 80.800 7,91 %
Gewidmet wurde 63 wurde … gewidmet 923 6,39 %
Erbaut wurde 1.618 wurde … erbaut 28.569 5,36 %
Geschaffen wurde 349 wurde … geschaffen 9.550 3,52 %
Geboren wurde 1.273 wurde … geboren 43.112 2,87 %
Begonnen wurde 384 wurde … begonnen 13.152 2,83 %
Tabelle 2

InfPV- und Klammerstellung ausgewählter Verben im Aktiv Perfekt im Wikipedia-Korpus

Beleg Infinit im VV Beleg Distanzstellung Prozentsatz Infinit im Vorfeld
Angefangen hat 70 hat … angefangen 259 21,27 %
Begonnen hat 201 hat … begonnen 1.277 13,60 %
Erbaut hat 12 hat … erbaut 85 12,37 %
Begründet hat 17 hat … begründet 136 11,11 %
Gestiftet hat 16 hat … gestiftet 112 12,50 %
Gewidmet hat 16 hat … gewidmet 358 4,28 %
Geschaffen hat 37 hat … geschaffen 1.099 3,25 %
Geschrieben hat 43 hat … geschrieben 2.065 2,05 %
Gegründet hat 16 hat … gegründet 851 1,84 %
Geleitet hat 1 hat … geleitet 231 0,43 %
Gewertet hat 0 hat … gewertet 1 0 %
Gesendet hat 0 hat … gesendet 20 0 %
Konzipiert hat 0 hat … konzipiert 90 0 %
Geboren hat 0 hat … geboren 164 0 %
Getragen hat 0 hat … getragen 136 0 %
Gelistet hat 0 hat … gelistet 137 0 %

Ausgehend von den fünf häufigsten Partizipien aus der oben angeführten Tabelle 1, bei der wir als Analyseform das Passiv Präteritum gesucht haben, haben wir zusätzlich die Tempus¬formen Präsens, Perfekt und Plusquamperfekt im Korpus gesucht und hier ebenfalls Vorfeld¬stellung und Distanzstellung miteinander verglichen. Unsere Hypothese war, dass die Parti¬zipien bzw. die zugrundeliegenden Verben selbst quantitativ im Korpus sehr unter¬schiedlich verteilt sind, genauso wie die verschiedenen Tempora, dass sich aber die Prozentzahlen der Vorfeldstellung gegenüber der Distanzstellung nicht wesentlich ändern sollten. Die Ergebnisse dieser Korpusanalyse zeigt Tabelle 3.

    1. (12)
    1. Wikipedia 24-Korpus, IDS, Vergleich der Passivformen in allen Tempora der fünf häufigsten Verben
Tabelle 3

InfPV- und Klammerstellung im Passiv in allen Tempora der fünf häufigsten Verben aus Tabelle 1 im Vergleich

Beleg Infinit im VF Beleg Distanz-stellung Prozentsatz Infinit im Vorfeld
Begründet wurde 1478 wurde … begründet 2.027 42,16 %
Begründet wird 691 wird … begründet 703 49,5 %
Begründet worden ist 0 ist … begründet worden 11 --
Begründet worden war 2 war… begründet worden 21 8,6 %
Getragen wurde 686 wurde … getragen 1.794 27,66 %
Getragen wird 433 wird … getragen 3.164 12,0 %
Getragen worden ist 0 ist … getragen worden 9 --
Getragen worden war 0 war … getragen worden 16 --
Gelistet wurde 87 wurde … gelistet 287 23,26 %
Gelistet wird 20 wird … gelistet 481 3,9 %
Gelistet worden ist 0 ist …gelistet worden 1 --
Gelistet worden war 0 war… gelistet worden 1 --
Geleitet wurde 493 wurde … geleitet 1.976 19,96 %
Geleitet wird 685 wird … geleitet 3.062 18,2 %
Geleitet worden ist 0 ist … geleitet worden 6 --
Geleitet worden war 0 war … geleitet worden 10 --
Geschrieben wurde 758 wurde … geschrieben 3.573 17,5%
Geschrieben wird 39 wird.. geschrieben 2.001 1,9 %
Geschrieben worden ist 1 ist … geschrieben worden 75 1,3 %
Geschrieben worden war 2 war… geschrieben worden 49 3,9 %

Dabei wird deutlich, dass neben dem Passiv Präteritum überhaupt nur noch das Passiv Präsens in nennenswerter Form vorkommt, Passiv Perfekt und Plusquamperfekt sind bei allen Verben marginal. Im Vergleich der häufigen Formen Präteritum und Präsens ist interessanterweise bei den Partizipformen Begründet wurde / wird und Geleitet wurde / wird der Prozentsatz der InfPV-Stellung relativ ähnlich; das gewählte Tempus verändert hier also (quantitativ) nichts. Bei Getragen wurde und Getragen wird sind mit 27,26 % zu 12 % Vorfeldstellung die Werte sichtbar verschoben und bei gelistet und geschrieben sind die InfPV-Stellungen im Präsens signifikant geringer als im Präteritum. Die Ursache dafür muss einer anderen Untersuchung vorbehalten bleiben.

Abschließend soll noch kurz ein Blick auf die Frequenz einiger einschlägiger prädikativer Adjektiv-Konstruktionen geworfen werden. Hierzu haben wir stichprobenartig neun Adjektive ausgewählt, von denen vermutet werden könnte, dass sie textsortenspezifisch in einschlägiger Weise prädikativ verwendet werden. Die Ergebnisse zeigt Tabelle 4:

    1. (13)
    1. Wikipedia 24-Korpus, IDS, Prädikative Adjektive mit war / waren
Tabelle 4

InfPV- und Klammerstellung bei ausgewählten Adjektiv+Kopulaverb-Konstruktionen im Wikipedia-Korpus

Beleg Infinit im VV Beleg Distanzstellung Prozentsatz Infinit im Vorfeld
Auffällig war(en) 373 war(en) … auffällig 127 74,65 %
Bedeutend war(en) 296 war(en) … bedeutend 724 29,02 %
Beeindruckend war(en) 29 war(en) … beeindruckend 91 24,16 %
Interessant war(en) 66 war(en) … interessant 276 23,91 %
Berühmt war(en) 187 War(en)… berühmt 636 22,72 %
Vorbildlich war(en) 8 war(en) … vorbildlich 40 16,66 %
Erschreckend war(en) 1 war(en) … erschreckend 13 7,1 %
Bekannt war(en) 931 war(en) … bekannt 14.857 5,9 %
Überzeugend war(en) 2 war(en) … überzeugend 162 1,21 %

Es wird deutlich, dass bestimmte Adjektive offenbar konstruktionsartig mit InfPV-Stellung verwendet werden, insbesondere Auffällig war(en), aber auch Bedeutend / Beeindruckend / Berühmt war(en). Auch sie sind dazu geeignet, textsortenspezifisch erwartbare Unterthemen im Vorfeld einzuführen und so zur Textprogression beizutragen, gleichzeitig für stilistische Variation zu sorgen. Bei Berücksichtigung erweiterter prädikativer Adjektive (etwa besonders beeindruckend war …) würde sich der Prozentsatz der InfPV-Konstruktionen noch weiter erhöhen. Auch dieses Muster ist also – jedenfalls bei bestimmten prädikativ auftretenden Adjektiven – textsortenspezifisch nicht als markiert anzusehen, sondern kommt vergleichs¬weise häufig vor. Eine systematischere Untersuchung müsste dies für weitere einschlägige Adjektive überprüfen.

2.4 Qualitative Analyse ausgewählter Fälle mit Partizip II im Vorfeld

Im Folgenden sollen ausgewählte Fälle mit Vorfeldstellung des Partizips aus dem Wikipedia 24-Korpus des IDS genauer analysiert werden. Dabei haben wir vor allem solche Vorkommen ausgewählt, bei denen der Anteil der InfPV-Stellung besonders hoch ist, der Anteil insgesamt besonders hoch ist und/oder ein Vergleich zwischen Passiv- und Aktivformen vielversprechend erscheint.

1) Getragen wurde

Das Prädikat getragen wurde zeigt mit 28 % einen relativ hohen Anteil an Fällen mit der InfPV-Stellung. Es wird zum einen verwendet im Zusammenhang mit Artikeln, die sich auf Orden, Medaillen, Abzeichen etc. beziehen. Bei diesen Artikeln ist die „Trageweise“ (für die es oft sogar eine eigene Überschrift gibt) ein wichtiges Beschreibungskriterium und damit eine erwartbare und relevante Information. Dabei geht es meist um die Modalität des Tragens (wie in Bsp. 14), manchmal auch um die Gelegenheiten, zu denen das Objekt angelegt wurde (siehe 15). Das Partizip im Vorfeld wirkt textstrukturierend, greift also die erwartbare Information auf und schafft einen Spannungsbogen bis zum Rhema. Dass hier Passiv verwendet wird, ist ebenfalls textstrukturell erklärbar, das Agens spielt keine Rolle – es sei denn, es gibt spezifische Träger, wie in (14) die Frauen.

    1. (14)
    1. [Karl-Olga-Medaille]
    2. Die Karl-Olga-Medaille wurde von Königin Olga von Württemberg mit der Zustimmung ihres Mannes Karl I. zur Feier des 25-jährigen Regierungsjubiläums von König Karl am 16. Juni 1889 gestiftet. Die Auszeichnung wurde an Männer und Frauen verliehen, die sich im Dienst des Deutschen Roten Kreuzes zur Pflege verwundeter und erkrankter Soldaten besonders ausgezeichnet hatten. […]
    3. […]
    4. Trageweise
    5. Getragen wurde die Auszeichnung am Band auf der linken Brustseite. Frauen, die mit der Auszeichnung bedacht wurden, trugen sie an einer Damenschleife. (WPD24/K0024.57033 Karl-Olga-Medaille, In: Wikipedia – URL:http://de.wikipedia.org/wiki/Karl-Olga-Medaille: Wikipedia, 2024)
    1. (15)
    1. [Karl-Marx-Orden]
    2. Die Zacken des Sterns sind ebenfalls rot gehalten und mit Gold eingefasst. Getragen wurde der Orden an einer weinroten pentagonalen Stoffspange an der linken Brustseite des Beliehenen zu Tagungen, zum 1. Mai, zum 8. Mai (Tag der Befreiung), 7. Oktober (Tag der Republik) oder sonstigen besonders außergewöhnlichen Anlässen wie Staatsakte oder Festsitzungen. (WPD24/K0002.18929 Karl-Marx-Orden, In: Wikipedia - URL:http://de.wikipedia.org/wiki/Karl-Marx-Orden: Wikipedia, 2024)

Neben den angesprochenen Verwendungen erscheinen auch viele Textbeispiele, bei denen das Verb tragen mit übertragener Bedeutung verwendet wird und sich auf Institutionen (Staat, Kloster, Stiftung etc.) oder andere Entitäten (Aufstand, Bürgerinitiative, Kult oder Ähnliches) bezieht; in diesen Fällen wird das Agens (realisiert durch eine von-Phrase) durch die Vorfeldstellung des Partizips in die rhematische Endposition gebracht, es liegt ein Rhemaschub vor (s. 16):

    1. (16)
    1. [Königreich Preußen]
    2. Die schwach entwickelte Staatlichkeit galt gleichermaßen für alle damaligen Staaten weltweit. Bereits zu dieser Zeit entwickelte sich in Preußen eine prägnante Ausformung eines Rechtsstaats, die zu dieser Zeit als vorbildlich galt (vgl. Müller-Arnold-Fall). Getragen wurde der Staat vornehmlich von seiner professionalisierten Beamtenschaft. Der preußische Staat trug daher Züge eines typisierten Beamtenstaats mit ausgeprägter Bürokratie (WPD24/K0000.21362 Königreich Preußen, In: Wikipedia – URL:http://de.wikipedia.org/wiki/Königreich_Preußen: Wikipedia, 2024)

2) Geleitet wurde

Bei den Beispielen mit dem Partizip geleitet im Vorfeld (20 % der Vorkommen) handelt es sich im Allgemeinen um Lemmata, die sich mit Organisationseinheiten befassen: Parteien, Gemeindewesen, Schulen, Klöster/Konvente, Lager (s. 17, 18) oder bei denen eine solche Struktur innerhalb des Artikels vorkommt (Beispiel 19). Die Nennung der leitenden Instanz bzw. Person gehört zum Textmusterwissen, stellt also eine erwartbare Information dar.

    1. (17)
    1. [Kommunistische Partei Deutschlands]
    2. Die KPD konstituierte sich während einer dreitägigen Gründungskonferenz vom 30. Dezember 1918 bis zum 1. Januar 1919 im Festsaal des Preußischen Landtags durch den Zusammenschluss des Spartakusbundes, der sich zuvor mit der USPD entzweit hatte, mit den Bremer Linksradikalen, einer Radikalisierung der Bremer Ortsgruppe der SPD, und anderen Linksgruppen. Geleitet wurde die Gründungsversammlung von Wilhelm Pieck und Jacob Walcher. (WPD24/K0000.12766 Kommunistische Partei Deutschlands, In: Wikipedia – URL:http://de.wikipedia.org/wiki/Kommunistische_Partei_Deutschlands: Wikipedia, 2024)
    1. (18)
    1. [Kloster Heilig Geist]
    2. Das Spital war nur dem Bischof unterstellt. Aufgabe von Priestern, Laienbrüdern und -schwes¬tern, die den Konvent bildeten und Keuschheit, Armut und Gehorsam gelobten, war die Pflege von Kranken in einem Krankengebäude und – für schwerere Fälle – in einem Siechenhaus. Geleitet wurde der Konvent von einem von den Brüdern gewählten (Laien-)Meister, der weit¬gehende Vollmachten hatte; (WPD24/K0005.05841 Kloster Heilig Geist (Eichstätt), In: Wiki¬pedia - URL:http://de.wikipedia.org/wiki/Kloster_Heilig_Geist_(Eichstätt): Wikipedia, 2024)
    1. (19)
    1. [Kurfürstentum Sachsen]
    2. Um die Einkünfte zu sichern und straffer zu organisieren, wurden ab 1506 allmählich Amtserbbücher für die einzelnen Ämter angelegt. In ihnen wurden alle landesherrlichen Besitzungen, Rechte und Einkünfte aufgeschrieben und verschafften dem Kurfürsten und seinen Räten einen Überblick über die Ämter. Geleitet wurde das Amt ursprünglich von einem dem Ritterstand angehörigen Vogt (Vocatus). (WPD24/K0000.50598 Kurfürstentum Sachsen, In: Wikipedia – URL:http://de.wikipedia.org/wiki/Kurfürstentum_Sachsen: Wikipedia, 2024)

Würde in diesen Fällen das Partizip nicht im Vorfeld stehen, müsste es – aufgrund der Passivform, die ja obligatorisch zur Klammerbildung führt –, an die klammerschließende Position rücken, wodurch die rhematische Schlussstellung der entsprechenden Textteile unmöglich gemacht würde.

3) Gegründet wurde

Die Vorfeldstellung des Prädikats Gegründet wurde tritt wenig überraschend sehr häufig bei Artikeln auf, die Institutionen, Organisationen oder Ähnliches beschreiben, die nicht von selbst entstehen, sondern aktiv geschaffen werden: Klöster, Theater, Museen, Stiftungen, Firmen, Forschungsinstitute, Banken, Städte/Orte, aber auch personelle Vereinigungen wie Musikgruppen, Sportmannschaften oder Ähnliches. Der Abschnitt mit InfPV-Stellung steht in den Wikipedia-Artikeln oft unter der Überschrift ‚Geschichte‘. Dabei werden unterschiedliche Aspekte, die bei einer Gründung relevant sind, genannt: das Datum, die Person, der Ort oder auch der Name (siehe die Belege 20-22). Der Textteil als solches gehört in diesem Fall zum Textmuster Lexikonartikel und stellt somit eine erwartbare Information dar, die den Text auch strukturiert. Auch hier entsteht durch die Vorfeldstellung des Partizips ein Spannungsbogen, der die Endposition der rhematischen Information und damit einen Rhemaschub ermöglicht.

    1. (20)
    1. [Liga ACB]
    2. Die Liga ACB ist die höchste spanische Basketballliga, die sportlich und wirtschaftlich zu den stärksten in Europa gehört. Gegründet wurde die spanische Liga im Jahre 1956 unter dem Namen Liga Española de Baloncesto (WPD24/L0007.10027 Liga ACB, In: Wikipedia - URL:http://de.wikipedia.org/wiki/Liga_ACB: Wikipedia, 2024)
    1. (21)
    1. [Münchner Turmschreiber]
    2. Gegründet wurde die Gruppe 1959 durch Hanns Vogel mit sieben weiteren Autoren im linken Isartorturm, wo auch das „Valentin-Musäum“ eingerichtet wurde. (WPD24/M0010.64354 Münchner Turmschreiber, In: Wikipedia - URL:http://de.wikipedia.org/wiki/Münchner_Turmschreiber: Wikipedia, 2024)
    1. (22)
    1. [Abens]
    2. Abens ist nach Altomünster, Waging am See und Otting die viertälteste Pfarrei des Erzbistums München und Freising. Gegründet wurde sie von Adalunc und seinem Sohn Hununc de Abunsma im Jahr 759. Dies war der Anlass der ersten urkundlichen Erwähnung Abens in den Traditionen des Hochstifts Freising. (WPD24/A0101.54978 Abens (Au in der Hallertau), In: Wikipedia - URL:http://de.wikipedia.org/wiki/Abens_(Au_in_der_Hallertau): Wikipedia, 2024)

4) Gegründet hat

Während bei den bisherigen Vorfeldpartizipien immer eine passivische Struktur vorlag (also Partizip im Vorfeld kombiniert mit dem finiten Verb wurde), sind bei einigen Partizipien auch aktivische Strukturen nachweisbar. So finden sich im Wikipedia-Korpus einige wenige Belege mit aktivischem Gegründet hat. Dabei zeigt sich, dass wiederum das Auftreten von gegründet mit der erwartbaren Informationsgestaltung der entsprechenden Denotate der Stichworte in den Artikeln zu tun hat (auch hier Firmen, Institutionen oder Bands), dass aber die Information über den Urheber, also das Agens, hier ebenfalls Neuigkeitscharakter hat, auch nicht vorbereitet ist und deshalb gut durch die gewählte Positionierung in die hervorgehobene Rhema-Position versetzt werden kann (Rhemaschub), wie in (23) und (24) die zusätzlich unterstrichenen Elemente.

    1. (23)
    1. [Bad Kissingen]
    2. Die Kissinger Oblaten gibt es seit 1928 und werden von der Familie Zintl seit 1937 hergestellt. Gegründet hat das Familienunternehmen Alois Zintl. Ursprünglich kommen die Oblaten aus Karlsbad als Karlsbader Oblaten. (WPD24/B0000.42726 Bad Kissingen, In: Wikipedia - URL:http://de.wikipedia.org/wiki/Bad_Kissingen: Wikipedia, 2024)
    1. (24)
    1. [Colegio Imperial]
    2. Gegründet hat das Jesuitenkolleg Pedro de Ribadeneyra 1560 kurz nach dem Tod des Ordensgründers, Ignatius von Loyola. Es fiel in die Zeit des Machtgewinns des Madrider Hofes. (WPD24/C0112.50147 Colegio Imperial de Madrid, In: Wikipedia - URL:http://de.wikipedia.org/wiki/Colegio_Imperial_de_Madrid: Wikipedia, 2024)

Thematisch-strukturell kann es auch sein, dass das Agens bereits bekannt ist und als handelnde Instanz erwähnt wird (wie in 25), dann aber bestimmte Umstände der Gründung relevant sind.

    1. (25)
    1. Jutta Wiegmann leitete von 1997 bis Ende 2022 das Institut für Schauspiel, Film- und Fernsehberufe (iSFF) in Berlin. Gegründet hat sie das Institut gemeinsam mit Wolfgang Uber, dem damaligen Direktor der VHS Berlin Tiergarten im Jahre 1997. (WPD24/J0126.35808 Jutta Wiegmann, In: Wikipedia - URL:http://de.wikipedia.org/wiki/Jutta_Wiegmann: Wikipedia, 2024)

5) Begründet wurde – Begründet hat

In der Passivvariante weist das Prädikat mit begründet (also die Form Begründet wurde) mit 42,16 % den höchsten Anteil an Partizipstellungen im Vorfeld auf. Dies lässt sich möglicherweise auch mit der Bedeutung des Verbs erklären. Das Verb begründen wird in (mindestens) zwei verschiedenen Bedeutungen verwendet, nämlich einmal ‚den Grund für etwas legen bzw. eine Grundlage schaffen‘ (z.B. so im DUDEN-Wörterbuch8) und zum anderen ‚einen Grund für etwas angeben‘. Entsprechend der beiden Bedeutungen finden sich die hier interessierenden Belege bei sehr unterschiedlichen Denotaten und entsprechend vielen unterschiedlich strukturierten Lemmata. Die erste Bedeutung, die oft auch der von ‚gründen‘ oder ‚fußen auf‘ ähnelt, tritt – wie wir auch oben schon bei ‚gegründet wurde‘ gezeigt haben – vor allem bei verschiedenen Institutionen auf. Hier gehört das Faktum der Grundlegung zum Textmuster eines Lexikonartikels. Die Voranstellung des Partizips lässt sich auf dieses Textmusterwissen zurückführen, die rhematische Information ist entweder eine Zeitangabe (wie in 26) oder auch die Angabe von handelnden Personen.

    1. (26)
    1. [Königreich Jaén]
    2. Das Königreich Jaén (spanisch: Reino de Jaén) war ein mit dem Königreich Kastilien-Léon verbundenes Herrschaftsgebiet im heutigen Spanien.
    3. Geschichte
    4. Begründet wurde das Königreich im Jahr 1246, als König Ferdinand III. der Heilige von Kastilien im Zuge der Reconquista das islamisch-maurische Taifa-Königreich von Jaén eroberte. (WPD24/K0061.55693 Königreich Jaén (Krone Kastilien), In: Wikipedia - URL:http://de.wikipedia.org/wiki/Königreich_Jaén_(Krone_Kastilien): Wikipedia, 2024)

Interessanter im Zusammenhang mit der Form Begründet wurde sind die Belege mit der zweiten Bedeutung, nämlich ‚einen Grund angeben‘. Hier findet sich eine breite Palette an unterschiedlichen Lemmata. Deren gemeinsame Struktur ist folgende: Es wird eine bestimmte Handlung beschrieben, die im Zusammenhang mit dem Denotat relevant ist, die aber nicht unbedingt erwartbar ist. Im Anschluss daran wird dafür eine Begründung angegeben, die nun sehr häufig mit Begründet wurde eingeleitet wird, meist gefolgt von einem anaphorischen dies bzw. das (s. 27, 28, 29) oder einem entsprechenden anaphorisch gebrauchten abstrakten Nomen wie Handlung, Antrag etc. (s. 30), das die entsprechende Handlung zusammenfasst. So entsteht auch textuelle Kohärenz. Die Voranstellung des Partizips lässt sich einmal damit begründen, dass durch die vorangegangene Handlung lokal eine Erwartung für eine Begründung entsteht – oft sind es Handlungen, die nach einer Begründung verlangen: so in (27) die Tatsache, dass die Regierung eine Abstimmung nicht berücksichtigt oder in (29), dass von einer in diesem Kontext üblichen Handlungsweise abgewichen wird. Eine weitere, strukturelle Begründung für die Voranstellung des Partizips kann sein, dass die Begründungen oft relativ umfangreich sind, also z.B. in einem Nebensatz verbalisiert werden, der ohnehin am Satzende stehen müsste (s. 30).

    1. (27)
    1. [Kanton Jura]
    2. Auch die Gemeinden Belprahon und Sorvilier stimmten am 17. September 2017 über einen Wechsel in den Kanton Jura ab, entschieden sich jedoch gegen einen Kantonswechsel. Die Berner Regierung kassierte die Abstimmung von Moutier 2018 ein. Begründet wurde dies mit «Unregelmässigkeiten». (WPD24/K0000.27022 Kanton Jura, In: Wikipedia - URL:http://de.wikipedia.org/wiki/Kanton_Jura: Wikipedia, 2024)
    1. (28)
    1. [Kollnau]
    2. Der Gemeinderat Kollnau ersuchte 1902 bei der Großherzogl. Domänendirektion Karlsruhe den Bau einer eigenen Kirche in Kollnau. Begründet wurde das mit der gestiegenen Einwohnerzahl von 646 im Jahr 1863 auf 2327 im Jahr 1902 und der andernfalls notwendigen Erweiterung der Kirche St. Margarethen in Waldkirch. (WPD24/K0003.73266 Kollnau, In: Wikipedia - URL:http://de.wikipedia.org/wiki/Kollnau: Wikipedia, 2024)
    1. (29)
    1. [Kaiserpokal]
    2. Das Spiel zwischen Nagoya Grampus und Fagiano Okayama wurde am 14. Juli 2021 begonnen und aufgrund eine Gewitters zur Halbzeit abgebrochen. Entgegen der sonst in Japan üblichen Vorgehensweise, in solch einem Fall nur die fehlende Spielzeit nachzuholen, erfolgte eine Neuansetzung der kompletten Partie für den 2. August 2021. Begründet wurde dies mit dem Spielverlauf der ersten Partie (keine Tore, keine Karten) und mit dem Vorhandensein einer größeren Anzahl von verletzten Spielern bei beiden Mannschaften. (WPD24/K0117.38769 Kaiserpokal 2021, In: Wikipedia - URL:http://de.wikipedia.org/wiki/Kaiserpokal_2021: Wikipedia, 2024)
    1. (30)
    1. [Katalonien-Krise]
    2. Am 9. Mai 2018 beantragte der Generalstaatsanwalt von Schleswig-Holstein, den Vollzug der Auslieferungshaft anzuordnen. Begründet wurde der Antrag u. a. damit, dass aufgrund der von den spanischen Behörden nachgelieferten Informationen (insbesondere von Videoaufzeichnungen) nach deutschem Recht auch die Straftatbestände des Hochverrats und des schweren Landfriedensbruchs erfüllt wären. (WPD24/K0102.80789 Katalonien-Krise, In: Wikipedia - URL:http://de.wikipedia.org/wiki/Katalonien-Krise: Wikipedia, 2024)

Die aktivische Variante mit dem Verb begründet wurde von uns in der Perfektform ausgewertet (Begründet hat); sie ist insgesamt sehr selten, was aber daran liegt, dass die Perfektform und auch das Aktiv nicht unbedingt dem Textsortenmuster Lexikonartikel entsprechen. Ungewöhnlich ist also eher das Vorkommen dieser Form gerade bei diesem Verb (s. auch oben Abschnitt 2.3). Was die Position des Partizips betrifft, so finden sich in der Vorfeldvariante (Begründet hat) lediglich 17 Vorkommen, die aber immerhin 11,11 % aller Strukturen ausmachen. Die genauere Charakteristik ist wie oben beschrieben. Bei der Verwendung des Verbs begründen in der Bedeutung ‚einen Grund angeben‘ gibt es eine begründenswerte Handlung, die vorher genannt wird. Im Falle einer aktivischen Variante wird ein Agens genannt, das diese Handlung ausführt (oft ist es auch die Person, der das Lemma gewidmet ist, manchmal auch eine Institution wie das Gericht) und die dann auch die Begründung dafür liefert. Exemplarisch zeigt sich das im Beispiel (31):

    1. (31)
    1. [Schachweltmeisterschaft der Frauen 2017]
    2. Nach Bekanntwerden des Austragungsortes hatte die als amtierende US-Meisterin eigentlich teilnahme¬berechtigte Nazi Paikidze gegen diese Entscheidung protestiert und bekanntgegeben, nicht an der WM teilnehmen zu wollen. Begründet hat sie dies unter anderem mit der Pflicht für Frauen im Iran, in der Öffentlichkeit ein Kopftuch zu tragen. (WPD24/S0097.40700 Schachweltmeisterschaft der Frauen 2017, In: Wikipedia - URL:http://de.wikipedia.org/wiki/Schachweltmeisterschaft_der_Frauen_2017: Wikipedia, 2024)

6) Angefangen hat

Beim Verb anfangen, das insgesamt nicht besonders häufig vorkommt, ist in den Wikipedia-Artikeln das Vorkommen im Aktiv (hier im Perfekt mit 329 Vorkommen) aber wesentlich höher als im Passiv (angefangen wurde: 100 Vorkommen). Dabei ist im Aktiv Perfekt die Vorfeldstellung mit 21,27 % ausnehmend häufig und für die Aktiv-Perfektvarianten auch die höchste (s. Tabelle 2), gefolgt vom semantisch ähnlichen Verb beginnen (hier in der Form Begonnen hat). Eine textuelle Analyse der entsprechenden Belege zeigt, dass die Konstruktion Angefangen hat sehr häufig eine themeneinleitende Funktion hat, die ausführliche Erläuterungen oder Erzählungen vorbereitet; so oben im Beispiel (9) die Beschreibung eines Karriereverlaufs oder in (32) die Geschichte einer Band: in beiden Fällen werden die Handelnden genannt. Sehr häufig wird die Konstruktion Angefangen hat aber auch kombiniert mit einer Proform wie alles (s. 33), was der Beginn einer detaillierten Beschreibung oder Erzählung (allerdings vorwiegend in entsprechenden anderen Textsorten) sein kann. Dies gilt gleichermaßen auch für begonnen hat:

    1. (32)
    1. [Ghymes]
    2. Das Ghymes-Ensemble entstand im Jahr 1984 an der Pädagogischen Hochschule in Nitra aus Musikern, die sich zuvor der Rockmusik, der Klassischen Musik bzw. der Renaissancemusik gewidmet hatten. Sie sollten die Begleitmusik für eine Tanzgruppe spielen, die jedoch nie zustande kam. Ihre Benennung leitet sich von einer gleichnamigen, kleinen Ortschaft (ungarisch Ghymes, seit 1948 slowakisch Jelenec) in der Nähe von Nitra ab.
    3. Angefangen hat das Ensemble mit traditioneller ungarischer Folkmusik aus Siebenbürgen. Sie knüpften damit an die Tanzhaus-Bewegung an, die in den 1970er Jahren die ungarische studentische Subkultur eroberte. (WPD24/G0021.14156 Ghymes, In: Wikipedia - URL:http://de.wikipedia.org/wiki/Ghymes: Wikipedia, 2024)
    1. (33)
    1. [Haindling]
    2. Haindling ist eine vom niederbayerischen Musiker Hans-Jürgen Buchner gegründete Musikgruppe, deren Stil der Neuen Volksmusik zuzurechnen ist. […]
    3. Angefangen hat alles damit, dass Buchner, der von Beruf Töpfermeister ist (und damit bei Musikredak¬teu¬ren regelmäßig den Beinamen „Ton-Künstler“ evoziert), bei der Arbeit nebenbei Musik hören wollte. Da er jedoch einen anderen Musikgeschmack hatte als den zur damaligen Zeit üblichen, begann er seine Musik selbst zu komponieren. Seine Lieder nahm er mit einem Mehrspurrekorder auf Kassette auf. Bei seinen ersten öffentlichen Auftritten 1980 … (WPD24/H0001.33121 Haindling (Band), In: Wikipedia - URL:http://de.wikipedia.org/wiki/Haindling_(Band): Wikipedia, 2024)

Mit Angefangen hat und Begonnen hat liegen also zwei Konstruktionen vor, die sich ideal dazu eignen, ausführlichere Berichte oder Erzählungen einzuleiten. Die InfPV-Stellung ist hier völlig unmarkiert.

Es ist anhand dieser exemplarischen qualitativen Analyse deutlich geworden, dass die InfPV-Konstruktionen zumindest bei den hier besprochenen Verben nicht nur bezüglich ihrer Fre-quenz, sondern auch textstrukturell keine „markierten“, topologisch besonders auffälligen (oder mit einer „intonatorischen Hervorhebung“, Ide 2001: 315) verbundenen Konstruk¬tio¬nen darstellen, sondern der Einführung von textuell-inhaltlich erwartbaren (Unter-)Themen oder sprachlichen Handlungen (etwa Begründungen) dienen. Wie dargestellt, hat dieser Kon¬struktionstyp zudem den Effekt eines ‚Rhemaschubs‘: Es wird die Letztstellung der rhema¬ti¬schen Information ermöglicht, was für die hier besprochene Textsorte Wikipedia-Lexikon¬artikel gerade einschlägig ist. Auch die bei Ide (2001: 315-317) als „konstatierend“ bespro¬chenen Fälle (mit kommentierender oder schlussfolgender Funktion) scheinen hierunter zu fallen.

2.5 Qualitative Analyse ausgewählter Fälle mit prädikativem Adjektiv im Vorfeld

Bei den prädikativen Adjektiven in InfPV-Konstruktionen wurden sowohl die Singular-Varianten (Auffällig war) als auch die Plural-Varianten (Auffällig waren) analysiert (s. Tabelle 4). Bei allen untersuchten Konstruktionen waren die Singular-Formen deutlich häufiger als die Plural-Formen (auffällig: 288 vs. 85 Belege; bedeutend: 219 vs. 77 Belege; bekannt: 803 vs. 128 Belege). Dies ist sicher darauf zurückzuführen, dass sich diese Konstruktionen häufig auf das Denotat des Stichworts des Wikipedia-Artikels oder einen mit dem Denotat zusammenhängenden Aspekt beziehen; im Falle von Auffällig war kommt die Rolle als Matrixkonstruktion hinzu.

1) Auffällig war(en)

    1. (34)
    1. [Altsächsisches Gräberfeld Liebenau]
    2. Es fanden sich 143 Körpergräber, bei denen die Verstorbenen in Särgen oder in Decken und Felle gewickelt bestattet wurden. Auffällig war, dass es kaum Gräber von Kindern und Jugendlichen gab. In den Gräbern aus der Zeit zwischen 4. und 8. Jahrhundert waren die Toten in Nord-Süd-Richtung bestattet, wobei der Kopf meist nach Süden gebettet war. (WPD24/A0073.37211 Altsächsisches Gräberfeld Liebenau, In: Wikipedia - URL:http://de.wikipedia.org/wiki/Altsächsisches_Gräberfeld_Liebenau: Wikipedia, 2024)

Die Auffällig war + dass-Konstruktion wie in (34) tritt sehr häufig im Korpus auf9. Sie dient dazu, ein Unterthema einzuführen bzw. einen spezifischen Aspekt hervorzuheben, der im Zusammen¬hang mit dem Gegenstand besonders erwähnenswert ist – etwa, weil es unerwartet ist, wie in (34), oder weil es besonders markant oder ausgeprägt ist. Die Matrixkonstruk¬tion ordnet den Sachverhalt als besonders relevantes Wissenselement ein; sie projiziert gleich¬zeitig die dass-Konstruktion, die als Rhema folgt. Erweiterungen der Matrix¬konstruk¬tio¬nen dienen dabei dazu, den hervorgehobenen Sachverhalt noch spezifischer in den jeweiligen Kontext einzuordnen, etwa als etwas, das der Erwartung widerspricht, als Einschränkung des zuvor Gesagten, als weiteres Indiz etc. (Auffällig war dabei / auch / außerdem / darüber hinaus / weiterhin / vor allem / insbesondere / jedoch / allerdings).

Auch in Belegen, in denen Auffällig war nicht als Matrixkonstruktion auftritt, wird häufig durch ein Adverb oder – wie hier – durch eine Fokus-Partikel eine nähere Einordnung des Sachverhalts gegeben:

    1. (35)
    1. [Jay M. Gould]
    2. Die Autoren haben ihre streitbaren Ansichten mit der umfangreichen Auswertung großen Datenmaterials von Gesundheitsbehörden und aus Sterberegistern verifiziert, mit dem Ergebnis, dass nach jeder Freisetzung von Radioaktivität überdurchschnittlich viele Todesfälle zu verzeichnen waren. Auffällig war dies besonders bei Säuglingen und kleinen Kindern und bei Menschen mit Immunschwächekrankheiten. Aus der großen Fülle der vorgetragenen Fakten belegen Gould und Goldman, dass ein Grenzwert, jenseits dessen die radioaktive Strahlenbelastung unbedenklich sei, nicht nachweisbar ist. Das Buch hat zu einer erheblichen öffentlichen Diskussion mit der Nuklearindustrie geführt. (WPD24/J0009.39871 Jay M. Gould, In: Wikipedia - URL:http://de.wikipedia.org/wiki/Jay_M._Gould: Wikipedia, 2024)

Hier treten im Rhema zwei Präpositionalphrasen auf, durch welche die bereits im vorherigen Satz gegebene Information (nach jeder Freisetzung von Radioaktivität [waren] überdurch¬schnittlich viele Todesfälle zu verzeichnen) bezüglich der besonders betroffenen Gruppen von Menschen spezifiziert wird. Auch hier wird also ein Wissenselement durch die InfPV-Konstruktion Auffällig war in Kombination mit dem zurückverweisenden Pronomen dies in den Vortext eingeordnet und als besonders relevant hervorgehoben. Es erfolgt also auch hier ein Anschluss an den Vortext und eine Einordnung des folgenden Rhemas10.

2) Bedeutend war(en)

Mit bedeutend werden – ebenfalls textsortenadäquat – die besonders erwähnenswerten Leistungen, Eigenschaften oder Wirkungen bestimmter Personen, Objekte oder Prozesse / Handlungen hervorgehoben. Bedeutend war(en) ist mit fast 30 % aller Vorkommen der prädikativen Verwendung ebenfalls sehr häufig. Es zeigen sich verschiedene Muster, die gemeinsam haben, dass mit der InfPV-Konstruktion auf einen spezifischen, als besonders relevant eingeschätzten Aspekt näher eingegangen wird. Häufig geht dem zunächst eine allgemeinere Darstellung von Tätigkeiten, Eigenschaften oder Leistungen voraus:

    1. (36)
    1. [Otto Schiff]
    2. So half er zahlreichen jüdischen Flüchtlingen, sich in Großbritannien niederzulassen. Bedeutend war in diesem Zusammenhang insbesondere, dass er die britische Regierung überzeugte, die Einreise jüdischer Flüchtlinge gegen die Zusicherung zu erlauben, dass die Kosten, die diese verursachen würden, nicht am Staat hängen bleiben würden, sondern von den jüdischen Gemeinden und Organisationen getragen werden würde. (WPD24/O0093.46004 Otto Schiff, In: Wikipedia - URL:http://de.wikipedia.org/wiki/Otto_Schiff: Wikipedia, 2024)
    1. (37)
    1. [Meerane]
    2. Im 19. Jahrhundert setzte die Industrialisierung ein, die auf eine seit dem 16. Jahrhundert ansässige Weberei, der Gründung einer Weberzunft 1612 und dem Zuzug niederländischer Weber fußte. Bedeutend war die Fabrikation von wollenen und halbwollenen Damenkleiderstoffen in insgesamt sechs mechanischen Webereien mit 1220 Arbeitern, die Appretur-Färberei und Kammgarnspinnerei. (WPD24/M0002.16804 Meerane, In: Wikipedia - URL:http://de.wikipedia.org/wiki/Meerane: Wikipedia, 2024)
    1. (38)
    1. [Ludwig Bellermann]
    2. In seiner wissenschaftlichen Arbeit befasste er sich intensiv mit Sophokles und Friedrich Schiller, die er mit seinen kommentierten Editionen für den Schulgebrauch erschloss. Bedeutend war sein Beitrag als Herausgeber von Schillers Werken in der Buchreihe Meyers Klassiker-Ausgaben in vierzehn Bänden (1895 bis 1897). (WPD24/L0056.82534 Ludwig Bellermann, In: Wikipedia - URL:http://de.wikipedia.org/wiki/Ludwig_Bellermann: Wikipedia, 2024)

In (36) wird die Funktion des Ausdrucks, einen bestimmten Sachverhalt spezifizierend herauszuheben und einzuordnen, auch durch insbesondere weiter verdeutlicht (nach dem Verweis auf den übergeordneten Zusammenhang). Hier tritt der Ausdruck auch als Matrix¬konstruktion mit einem dass-Satz auf, was insgesamt bei bedeutend jedoch im Vergleich zu auffällig wesentlich seltener vorkommt. Auch in (37) und (38) zeigt sich das Muster, dass auf eine allgemeinere Charakterisierung im Folgesatz mit Bedeutend war ein damit zusam¬men¬hängender spezifischer Aspekt als besonders relevant herausgehoben wird: In (37) wird im InfPV-Satz genauer angegeben, welche Arten der vorher allgemein eingeführten Web- und Textilproduktion in Meerane besonders wichtig waren. In (38) spezifiziert der InfPV-Satz das davor Geäußerte, indem ein konkretes Beispiel (14-bändige Schiller-Ausgabe) genannt wird; mit der Vergleichspartikel als wird die spezifische Rolle der beschriebenen Person verdeutlicht.

In Beleg (39) hingegen wird durch die Konstruktion keine Spezifizierung einer allgemeineren Aussage vorgenommen, sondern eine zusätzliche, als besonders relevant eingeschätzte Leistung angefügt:

    1. (39)
    1. [Judith Baker]
    2. Als ihr einflussreichstes Werk gilt der Aufsatz Trust and Rationality. Bedeutend war aber auch ihre Zusammenarbeit u. a. mit Paul Grice und Philip Clark. […] Die York University, an der sie 30 Jahre unterrichtete, stiftete einen Preis zu ihrem Gedächtnis. (WPD24/J0126.74715 Judith Baker, In: Wikipedia - URL: http://de.wikipedia.org/wiki/Judith_Baker: Wikipedia, 2024)

3) Bekannt war(en)

Zuletzt soll noch ein kurzer Blick auf Bekannt war(en) geworfen werden. Sehr typisch ist insbesondere für die Singular-Konstruktion, dass der Aspekt, das Produkt, die Leistung oder die Rolle, die eine Person oder Institution bekannt gemacht haben, mit dieser Konstruktion hervorgehoben wird. In einer großen Zahl von InfPV-Belege wird dies mithilfe von präpositionalen Fügungen (unter, für, durch) oder mit der Vergleichspartikel als spezifiziert:

    1. (40)
    1. [Llorenç Garcías i Font]
    2. In Barcelona wurde er Mitglied in der Stiftung der katalanischen Institution für Naturgeschichte. Er kehrte dann in seinen Geburtsort zurück und war dort als Apotheker tätig. Bekannt war er unter dem Namen Apotheker Pujamunt. Er arbeitete über 70 Jahre hinweg an einer Studie zur Natur und insbesondere zur Botanik Mallorcas. (WPD24/L0094.80308 Llorenç Garcías i Font, In: Wikipedia - URL:http://de.wikipedia.org/wiki/Llorenç_Garcías_i_Font: Wikipedia, 2024)
    1. (41)
    1. [Maria I.]
    2. Außerdem war sie eine begnadete Reiterin und ging gerne auf die Jagd. Bekannt war sie für ihre Vorliebe für Mode, Juwelen und Kartenspiele, bei denen sie mitunter größere Summen wettete. Ihre Leidenschaft für Tanz sorgte für einen Tadel ihres jüngeren Bruders Eduard, der Catherine Parr schrieb, Maria sollte nicht mehr an fremdländischen Tänzen und allgemeinen Belustigungen teilnehmen, da es sich für eine christliche Prinzessin nicht schicke. Auch musizierte sie leidenschaftlich gern. (WPD24/M0000.69869 Maria I. (England), In: Wikipedia - URL:http://de.wikipedia.org/wiki/Maria_I._(England): Wikipedia, 2024)
    1. (42)
    1. [Brauereien von Heineken]
    2. 2008 wurde sie von Heineken übernommen und 2011 geschlossen. Bekannt war sie vor allem durch die Marke Zlatopramen, die heute noch in anderen Brauereien von Heineken Czech Republik gebraut wird. (WPD24/L0094.13783 Liste der Brauereien von Heineken, In: Wikipedia - URL:http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Brauereien_von_Heineken: Wikipedia, 2024)
    1. (43)
    1. [José Jacinto Cuevas]
    2. Er gründete und leitete die Banda Sinfónica und die Philharmonische Gesellschaft sowie das erste Kammerorchester von Yucatán. Zudem gründete er 1873 das erste Konservatorium in Mérida. Bekannt war er als Komponist der Hymne von Yucatán. Er komponierte weitere Werke, u. a. einen Trauermarsch und Walzer für Klavier. (WPD24/J0128.86980 José Jacinto Cuevas, In: Wikipedia - URL:http://de.wikipedia.org/wiki/José_Jacinto_Cuevas: Wikipedia, 2024)

So dient die Singular-Konstruktion in der überwiegenden Zahl der Fälle der Hervorhebung des spezifischen Aspekts, der etwas oder jemanden bekannt gemacht hat. Daneben finden sich weitaus weniger Fälle, in denen Bekannt war zur Verbalisierung allgemeinen Wissens über eine Institution oder eine Person verwendet wird:

    1. (44)
    1. [Barbara von Gützkow]
    2. So ist durchaus wahrscheinlich, dass eine Gräfin aus dem Hause Gützkow als erste Äbtissin das Kloster Krummin geleitet hat als Übergang bis zu der damals noch jungen Nonne Jutta als Äbtissin. Bekannt war, dass Krummin als Klosterbesitz im Hinblick auf die gesellschaftliche Stellung der Herzogstochter Jutta, Tochter des Bogislaw IV, dotiert war. Die Amtszeit der im Wolliner Kloster erzogenen und in der dortigen Klosterschule ausgebildeten Äbtissin lag in etwa zwischen den Jahren 1323 bis 1336. (WPD24/B0079.02115 Barbara von Gützkow, In: Wikipedia -URL:http://de.wikipedia.org/wiki/Barbara_von_Gützkow: Wikipedia, 2024)
    1. (45)
    1. [BSG Chemie Leipzig]
    2. Die Betriebssportgemeinschaft Chemie Leipzig, kurz BSG Chemie Leipzig oder einfach nur Chemie Leipzig, war ein Leipziger Sportverein aus dem Stadtteil Leutzsch, der als Betriebssportgemeinschaft (BSG) organisiert war. Bekannt war vor allem die Fußballmannschaft. (WPD24/B0002.06342 BSG Chemie Leipzig (1950), In: Wikipedia - URL:http://de.wikipedia.org/wiki/BSG_Chemie_Leipzig_(1950): Wikipedia, 2024)

Die Verwendung als Matrixkonstruktion (Bekannt war, dass …) tritt zwar gelegentlich auf (siehe Beleg 44), ist aber im Verhältnis deutlich weniger häufig als bei Auffällig war, dass; so finden sich von 803 Belegen im Singular nur 22 nicht erweiterte Belege dieses Typs.

Ähnlich wie die Matrixkonstruktion mit dass tritt auch die Pluralverwendunginsgesamt deutlich seltener auf (128 von 931 InfPV-Belegen). Auch sie dient häufiger der allgemeinen Verwendung. Das mag damit zusammen hängen, dass beide Konstruktionen dazu dienen können, von individuellen Einzelfällen und deren bekanntmachenden Eigenschaften zu abstrahieren und Aussagen über den Bekanntheitsgrad an sich zu ermöglichen.

    1. (46)
    1. [Combined Development Agency]
    2. Zur weiteren Entwicklung und Bau von Atomwaffen wurde Uran benötigt. Bekannt waren damals Uran-Lagerstätten in den USA, Kanada, Südafrika und Australien. Der CDA gelang es, die erforderlichen Beschaffungen abzuwickeln und schloss mit Südafrika 1951 und 1953 mit Australien „reine Uranlieferverträge“. (WPD24/C0060.28432 Combined Development Agency, In: Wikipedia - URL:http://de.wikipedia.org/wiki/Combined_Development_Agency: Wikipedia, 2024)
    1. (47)
    1. [Zillertal]
    2. Im 19. Jahrhundert wurde das Zillertal von mehreren Reiseschriftstellern beschrieben. Bekannt waren die Zillertaler Wanderhändler, „Bauerndoktoren“ und Sängerfamilien. In der zweiten Hälfte des 19. Jahr¬hunderts begann mit der Errichtung von Schutzhütten und Wegen das Bergsteigen als Breitensport. (WPD24/Z0001.20386 Zillertal, In: Wikipedia - URL:http://de.wikipedia.org/wiki/Zillertal: Wikipedia, 2024)

Auch Beleg (47) zeigt eine Spezifizierungsfunktion, allerdings im Unterschied zu den Belegen (40-43) nicht über einen präpositionalen Anschluss, sondern als Satzfolge: Es sind die Zillertaler Wanderhändler, „Bauerndoktoren“ und Sängerfamilien, für die das Zillertal durch die Reiseschriftsteller bekannt geworden ist. In (46) hingegen geht es um die Darstellung des allgemein verfügbaren Wissens zu einem bestimmten historischen Zeitpunkt. Dieses Wissen hat textuell eine plausibilisierende Funktion: Es wird begründet, warum genau mit einigen dieser Länder Uranlieferverträge abgeschlossen wurden. Auch hier übernimmt die InfPV-Konstruktion eine unauffällige Rolle, indem sie eine Rahmensetzung vornimmt (Benennung des damals verfügbaren Wissens), vor dessen Hintergrund die zentrale Information (woher konnten die USA Uran bekommen?) ans rhematische Satzende rückt.

3. Fazit und didaktische Relevanz

Wir haben anhand einiger Beispiele aus dem Textsortenspektrum von Sachtexten versucht zu zeigen, dass die Besetzung des Vorfelds mit infiniten Prädikatsteilen, insbesondere mit Partizipien II und prädikativen Adjektiven, keineswegs markiert sein muss, sondern textsortenspezifische Funktionen hat: Sie dient der unmarkierten thematischen Progression, insbesondere durch die Einführung von (textsortenspezifisch erwartbaren) Themen oder Unterthemen, der Einführung von spezifischen Aspekten oder Beispielen, die im vorangehenden Text bereits in einem allgemeineren Zusammenhang vorbereitet wurden, oder auch dem Anschluss von (ebenfalls erwartbaren) sprachlichen Handlungen (etwa Begründungen). Alle InfPV-Konstruktionen haben den Effekt eines ‚Rhemaschubs‘, der bewirkt, dass die textfunktional relevante bzw. neue Information ganz am Ende des Satzes platziert und so besonders hervorgehoben wird. Dadurch kann an diese Information im weiteren Textverlauf auch gut angeschlossen werden. Eine quantitative Überprüfung im Wikipedia-24-Korpus des IDS zeigt, dass diese Konstruktion bei ausgewählten Verben insbesondere im Präteritum Passiv der 3. Person (Begründet / Getragen / Gelistet / Geleitet wurde …) teils hochfrequent ist; deutlich weniger häufig treten Perfekt-Aktiv-Formen der 3. Person auf, aber auch hier sind InfPV-Konstruktionen (Angefangen / Begonnen … hat) bei einer Reihe von Verben keineswegs selten und scheinen auch textfunktional sehr geeignet zu sein, etwa Rahmensetzungen von längeren chronologischen Sequenzen einzuleiten. Bei den prädikativen Adjektiven im Präteritum finden sich teils erstaunlich hohe Frequenzen mit Erststellung des Adjektivs, was auf eine konstruktionsartige Verfestigung deuten kann (Auffällig / Bedeutend / Interessant war …). Dies gilt in besonderem Maße für die Matrixkonstruktion Auffällig war …, dass … Unsere Befunde beziehen sich zunächst, wie gesagt, auf Sachtexte, insbesondere auf Wikipedia-Lexikonartikel, es wäre anhand weiterer Verben und anderer Textsorten zu überprüfen, inwieweit sich ähnliche Tendenzen auch in anderen Kontexten auffinden lassen.

Aufgrund ihrer wichtigen textsortenspezifischen Funktion sollte die InfPV-Konstruktion daher – ähnlich wie auch andere Vorfeldbesetzungen mit Satzgliedern, die nicht das Subjekt sind – im Unterricht des Deutschen als Fremd- und Zweitsprache eine wichtige Rolle spielen. Sie ist hier allerdings bisher – ähnlich wie die Besetzung des Nachfelds – weiterhin ein „blinder Fleck“, wie Breindl (2015: 364) dies bezüglich des Nachfelds treffend formuliert. Gerade in Bildungskontexten, in denen Sachtexte eine dominante Rolle spielen, ist die InfPV-Stellung einschlägig und erfüllt wichtige textuelle Funktionen, die in der Sprachvermittlung thematisiert werden sollten. Allgemein muss, wie Bryant argumentiert, davon ausgegangen werden, dass die Lernenden „Unterstützung […] in Bezug auf Hauptsätze mit alternativen Satzanfängen (und folglich mit dem Subjekt im Mittelfeld), mit trennbaren Verben und mehrteiligen Verbformen …“ benötigten, da „Hauptsätze mit einfachem Verb und Subjekt am Anfang […] im Sprachbad erworben [werden] und […] keineSchwierigkeiten“ bereiteten (Bryant 2021: 137). Auch Haberzettl argumentiert aus sprachkontrastiver Sicht, dass – statt des weitgehend üblichen Vorgehens, Lernende „hauptsächlich mit SVO-Input zu versorgen“, es „stattdessen nützlicher wäre, sie frühzeitig mit dem Deutschen als OV-Sprache bekannt zu machen […]“ (Haberzettl 2021: 157). Wie die oben durchgeführten Untersuchung zeigt, treten aber im Deutschen textsortenspezifisch auch InfPV-Strukturen in unmarkierter und funktionaler Weise auf. Es ist daher gerade in bildungsbezogenen Kontexten (etwa im Schulbereich), in denen dafür einschlägige Textsorten auch schon auf niedrigeren Sprachstufen relevant sind, sinnvoll, die Lernenden früh für solche Strukturen zu sensibilisieren. Dies müsste aus unserer Sicht zunächst textanalytisch-rezeptiv erfolgen: Anhand von Sachtexten verschiedener Art könnte die Vorfeldbesetzung insgesamt behandelt werden, mit einem Schwerpunkt auf der Frage, welche Vorfeldbesetzungen (Satzglieder / Satzgliedteile) in welcher Realisierungsform (z.B. nominal oder pronominal, einfach oder erweitert) an welchen Textstellen überhaupt auftreten und wie sich dies im Sinne der Textprogression und mit Bezug auf die Wortstellungsmöglich¬keiten des Deutschen erklären ließe. Hier könnte dann ein besonderer Blick auf die InfPV-Stellung geworfen werden und es ließen sich die verschiedenen Funktionen herausarbeiten. In einem weiteren Schritt wäre es dann das Ziel, die Nutzung dieser Konstruktion durch die Lernenden an dafür passenden Stellen mit einschlägigen Verben und prädikativen Adjektiven zu fördern und so insgesamt zu einer stärkeren textfunktional passenden Variationskompetenz bei der Vorfeldbesetzung durch die Lernenden beizutragen. Dafür wäre ein konstruktionsdidaktischer Ansatz, wie ihn bspw. Breindl (2021) empfiehlt, in Verbindung mit einer textsortenbezogenen Sprachvermittlung zu empfehlen: „Phrasenlernen statt Wortschatzlernen, und statt abstrakter grammatischer Strukturen sollten lexikalisch spezifizierte Konstruktionen vermittelt werden, die als schemabildende Muster dienen können“. Dies gilt für die hier interessierenden Muster in besonderem Maße für bildungs- und berufsbezogene Sprachlernkontexte.

Notes

  1. Abweichungen davon finden sich im informellen Sprachgebrauch, siehe z.B. Fandrych / Thurmair (2025: 231-235, 362-364) oder Lipsky (2020). [^]
  2. Wir gehen an dieser Stelle nicht ausführlicher auf die begrifflichen und konzeptuellen Unterscheidungen in diesem Bereich ein (etwa zwischen Thema vs. Rhema, given vs. new oder Topic vs. Comment); aus unserer Sicht dienen sowohl Wiederaufnahme („given“) als auch Setzung eines im Sinne der Textprogression erwartbaren (Anschluss-)Themas (Thema / topic) der Thematisierung; diese kann unauffällig (etwa im Falle von Pronomen) oder relativ auffällig (etwa bei Kontrastierung) sein. [^]
  3. Es handelt sich um die Partizipien der Verben anfangen, beginnen, begründen, erbauen, gebären, gründen, konzipieren, leiten, listen, schaffen, schreiben, senden, stiften, tragen, werten und widmen und um die Adjektive auffällig, bedeutend, beeindruckend, bekannt, berühmt, erschreckend, interessant und überzeugend. [^]
  4. Abrufbar unter https://www2.ids-mannheim.de/cosmas2/ (27.08.2025). [^]
  5. Die Pluralformen Partizip II + wurden sowie Partizip II + haben wiesen eine deutlich niedrigere Frequenz auf, ihre Einbeziehung hätte das hier vorgelegte Ergebnis nicht wesentlich verändert, daher wurden sie hier nicht weiter berücksichtigt. [^]
  6. Wir danken Mark Kupietz, Franck Bodmer und Rainer Perkuhn (Leibniz-Institut für Deutsche Sprache) für die Unterstützung bei der Erstellung dieses Suchausdrucks. [^]
  7. Man hätte im Suchausdruck zusätzlich auch Klammern zwischen den Prädikatsteilen ausschließen können, dies hätte aber wiederum eine ganze Reihe von passenden Suchergebnissen herausgefiltert. [^]
  8. Siehe www.duden.de, s.v. begründen. [^]
  9. Es treten 56 nicht erweiterte Formen auf (Auffällig war, dass …); die Frequenzen der Erweiterungen sind wie folgt: auch (7 Treffer), dabei (5 Treffer), jedoch (3 Treffer), vor allem (3 Treffer), insbesondere (2 Treffer) sowie allerdings, weiterhin, außerdem, darüber hinaus und dennoch (je 1 Treffer). Somit sind 28 % der Belege mit Auffällig war (Singular-Variante) Matrixkonstruktionen mit dass-Nebensatz (81 von insgesamt 288 InfVV-Singular-Belegen). [^]
  10. Dabei erinnert Beleg (35) an die Verwendung im medizinischen Bereich, in dem auch häufig von einem auffälligen oder unauffälligen Befund / Verlauf etc. die Rede ist, wobei auffällig meist ‚symptombehaftet‘ meint. [^]

Literatur und Ressourcen

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Biographische Notiz

Christian Fandrych ist Professor für Linguistik des Deutschen als Fremdsprache am Herder-Institut der Universität Leipzig. Schwerpunkte seiner Tätigkeit sind Wortbildung und Wortschatz des Deutschen, Grammatikvermittlung, Wissenschaftssprache, Text- und Gesprächslinguistik sowie Korpuslinguistik im Kontext des Deutschen als Fremd- und Zweitsprache.

Kontaktanschrift:

Christian Fandrych

Herder-Institut, Universität Leipzig

Beethovenstr. 15, 04107 Leipzig

Deutschland

fandrych@uni-leipzig.de

Biographische Notiz

Maria Thurmair ist Professorin für Deutsch als Fremdsprachenphilologie an der Universität Regensburg. Forschungsgebiete sind u.a.: Grammatik und Grammatikvermittlung, Textlinguistik und Textsortenlinguistik, Gesprochene Sprache, Modalpartikeln, Vergleiche.

Kontaktanschrift:

Maria Thurmair

Universität Regensburg, Institut für Germanistik

Universitätsstraße 31, 93053 Regensburg

Deutschland

maria.thurmair@ur.de