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Artikel zum Themenschwerpunkt: Grammatik im Fokus: Theorie – Empirie – Vermittlung, hrsg. von Anna Volodina und Lutz Gunkel

„Obwohl – so ganz sicher bin ich auch wieder nicht“. Beobachtungen zur Wandlung eines Subjunktors 

Author
  • „Obwohl – so ganz sicher bin ich auch wieder nicht“. Beobachtungen zur Wandlung eines Subjunktors 

    Artikel zum Themenschwerpunkt: Grammatik im Fokus: Theorie – Empirie – Vermittlung, hrsg. von Anna Volodina und Lutz Gunkel

    „Obwohl – so ganz sicher bin ich auch wieder nicht“. Beobachtungen zur Wandlung eines Subjunktors 

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Abstract

Ähnlich wie der Konnektor weil hat auch obwohl eine Veränderung durchlaufen, die neben der Verwendung als konzessiver Subjunktor nunmehr auch eine mit Verbzweitsatz stehende Lesart als ‚korrigierende‘ Relation erlaubt. Diese Verwendung ist, wie gemeinhin angenommen wird, auf die gesprochene und informelle Sprache beschränkt. Korpora gesprochener Sprache sind vergleichsweise klein, so dass bisherige empirische Arbeiten auf eher geringen Datenmengen beruhten. In Anlehnung an Moraldo (2012a) verwenden wir ein Twitter Korpus als ‚Annäherung‘ an die gesprochene Sprache und werten die Verwendungen von obwohl in einem allerdings erheblich größeren Korpus von 24 Millionen Tweets aus. Auf Basis einer kleinen Literaturstudie führen uns die Ergebnisse – in Anlehnung an Breindl (2004) – zu einer Einordnung der Verwendungen von obwohl anhand der von Sweetser (1990) vorgeschlagenen Verknüpfungsebenen propositional, epistemisch und illokutiv.

Ähnlich wie der Konnektor weil hat auch obwohl eine Veränderung durchlaufen, die neben der Verwendung als konzessiver Subjunktor nunmehr auch eine mit Verbzweitsatz stehende Lesart als ‚korrigierende‘ Relation erlaubt. Diese Verwendung ist, wie gemeinhin angenommen wird, auf die gesprochene und informelle Sprache beschränkt. Korpora gesprochener Sprache sind vergleichsweise klein, so dass bisherige empirische Arbeiten auf eher geringen Datenmengen beruhten. In Anlehnung an Moraldo (2012a) verwenden wir ein Twitter Korpus als ‚Annäherung‘ an die gesprochene Sprache und werten die Verwendungen von obwohl in einem allerdings erheblich größeren Korpus von 24 Millionen Tweets aus. Auf Basis einer kleinen Literaturstudie führen uns die Ergebnisse – in Anlehnung an Breindl (2004) – zu einer Einordnung der Verwendungen von obwohl anhand der von Sweetser (1990) vorgeschlagenen Verknüpfungsebenen propositional, epistemisch und illokutiv.

Keywords: obwohl, Konzession, Verbzweitsatz, Diskursmarker, concession, verb-second sentence, discourse marker

How to Cite:

Stede, M., (2026) “„Obwohl – so ganz sicher bin ich auch wieder nicht“. Beobachtungen zur Wandlung eines Subjunktors ”, Korpora Deutsch als Fremdsprache 6(1), 123–134. doi: https://doi.org/10.48694/kordaf.6170

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2026-08-10

Peer Reviewed

1. Einleitung

Die folgende Szene konnte ich an einem Sommernachmittag am Rande des Potsdamer Universitätscampus Golm beobachten:

Eine Bushaltestelle unter einer Bahnbrücke, dort direkt in der Mitte. Unter den Wartenden ist eine Mutter mit einem etwa 8-jährigen Jungen, der einen Heliumballon an einer Schnur hält. Plötzlich entgleitet ihm die Schnur, der Ballon steigt nach oben in Richtung Betondecke, bewegt sich dabei aber auch in die Windrichtung. Der Junge setzt an, der Schnur und dem Ballon nachzulaufen, doch nach zwei Sekunden äußert er „obwohl--“, bricht den Rettungsversuch ab und kehrt ohne weitere Erläuterung zur Mutter zurück.

Erkundigt man sich bei deutschen Muttersprachler:innen nach der Bedeutung von obwohl, erhält man – in mehr oder minder sachkundiger Formulierung – stets die Angabe, die auch der gängigen Lehrmeinung entspricht: ein Konnektor, der einen konzessiven Zusammenhang ausdrückt. Mithin erfüllt er die zum Beispiel im Handbuch der deutschen Konnektoren (vgl. Pasch et al. 2003) formulierten Bedingungen für die Kategorie Konnektor, von denen eine lautet, dass die Bedeutung eine zweistellige Relation darstellt, so wie etwa in diesem Fall:

    1. (1)
    1. Das Seminar fand heute statt, obwohl die meisten Studierenden wegen der Erkältungswelle nicht anwesend waren.

Wie bringen wir diese Vorgabe mit der oben beschriebenen ‚Belegstelle‘ des 8-jährigen Ballonbesitzers in Einklang? Dass ein situativer Kontext Elision in sprachlichen Äußerungen gestattet oder gar nahelegt, ist eine Binsenweisheit, aber kann ein Konnektor eines seiner beiden Argumente komplett entbehren, oder sogar alle beide? Noch dazu ein Konnektor mit komplexen Verwendungsbedingungen: Es liegen angenommene ‚Normalzusammenhänge‘ zugrunde (Seminare werden gemeinhin abgesagt, wenn zu wenige Teilnehmende da sind); dazu kommen ‚Gegengründe‘, die den Normalzusammenhang außer Kraft setzen (es war die letzte Woche des Semesters und die Dozentin wollte die Zusammenfassung der gelernten Inhalte nicht ausfallen lassen).

Dieser Beitrag geht einer Spur nach, die für obwohl eine Bedeutungsverschiebung konstatiert, wie sie für den kausalen Konnektor weil ausgiebig (und kontrovers) untersucht ist, nämlich die umgangssprachliche Verwendung mit einem Verbzweitsatz.

    1. (2)
    1. Das Seminar fand heute trotz der wenigen Leute statt, weil man kann das doch nicht einfach so ausfallen lassen.

Für obwohl (und ebenfalls für wobei) lässt sich eine ganz ähnliche Entwicklung feststellen. In der gesprochenen, informellen Sprache ist eine Verwendung wie diese inzwischen gängig:

    1. (3)
    1. Klar gehe ich ins Seminar – obwohl, so richtig viel Lust habe ich grad nicht dazu.

Hier ändert sich nicht nur das syntaktische Verhalten von obwohl, sondern auch die Bedeutung: Der nachfolgende Satz konzediert nicht, sondern ‚korrigiert‘ den unmittelbar vorangehenden Satz. Dies scheint ein interessanter Unterschied zu weil, dessen Bedeutung auch in der V2-Verwendung dieselbe ist.

Im Folgenden stellen wir eine kleine Korpusstudie vor, die Evidenz für obwohl-V2-Verwendungen zusammenträgt. Bekanntlich sind gesprochensprachliche Korpora aber vergleichsweise rar und klein, weshalb wir Twitter/X als ‚Ersatz‘ Datenquelle verwenden und eine entsprechende Methode vorstellen. Kap. 2 gibt zunächst einen kurzen Überblick über bisherige Arbeiten zu obwohl-V2, danach beschreibt Kap. 3 die Korpusrecherche und diskutiert die Ergebnisse. Abschließend thematisiert Kap. 4 zunächst die Frage nach den unterschiedlichen Verwendungen von Bedeutungen von obwohl und geht dann noch einmal auf die methodische Annahme des mündlichen Status von Twitter-Daten ein.

2. Die Ausgangslage

2.1 Die Relation ‚Konzession‘

Unstrittig ist obwohl ein lexikalischer Marker – womöglich der ‚kanonische‘ Marker – der Relation Konzession und kann zum Beispiel so verwendet werden:

    1. (4)
    1. Obwohl die Bedeutung von Konnektoren manchmal schwammig ist, mag Ute diese Wörter sehr.

Obwohl leitet als Subjunktor einen adverbialen Nebensatz ein, der in (4) dem Hauptsatz vorangeht, es sind aber beide Abfolgen gleichermaßen möglich (vgl. (1)). In einer umfassenden Darstellung der Relation Konzession und der Möglichkeiten ihrer Verbalisierung im Deutschen gibt Breindl (2004: 4) unter Rückgriff auf die einschlägige Literatur diese Definition an:

assertiert:p ∧ q

(diskurs-)präsupponiert:p´ → ¬ q´

In (4) wird demnach assertiert, dass (i) Konnektoren mitunter schwammige Bedeutung haben und dass (ii) Ute Konnektoren mag. Der Beitrag von obwohl ist das Signal, dass eine möglicherweise generalisierte Bedeutung der beiden Konnekte in einer ‚Gegengrund‘ Beziehung zueinander steht; hier kann man das formulieren als: Wenn Wörter schwammige Bedeutung haben, mag Ute diese Wörter nicht. Oder – je nach Interpretation – als weitergehende Generalisierung: Wenn etwas schwammig ist, mag Ute es nicht. Dieser Zusammenhang wird als Normalitätsannahme mitkommuniziert1; auch Hörende, denen Ute bisher nicht bekannt ist, werden diese Einschätzung des oder der Sprecherin wahrnehmen. Das macht die Konzession im Vergleich zu anderen Relationen (etwa temporale oder kausale) zu einer kognitiv komplexen Angelegenheit.

2.2 Einige Vorarbeiten zu obwohl-V2

Wir geben hier einen knappen Überblick über bisherige Arbeiten zur Herausbildung der obwohl-V2 Konstruktion; für eine ausführlichere Darstellung siehe z.B. Moraldo (2012b). Nachdem erste Beobachtungen gegen Ende des letzten Jahrhunderts in der Literatur diskutiert wurden, nahm Günthner (1999, 2000) eine ausführlichere Analyse vor, der eine Auswertung von 67 Protokollen spontansprachlicher Unterhaltungen zugrunde lag. Günthner (2000: 444ff.) spricht vom „korrektiven obwohl“, das zwischen zwei Hauptsätzen steht und eine Reihe von Funktionen erfüllen kann: Korrigieren der eigenen Aussage im ersten Satz oder der Aussage eines Gesprächspartners; Verneinen einer Implikatur, die aus dem ersten Satz abgeleitet werden könnte; Änderung der Perspektive in einer Argumentation; oder auch die Verbindung zu einer nonverbalen Handlung. Damit habe sich obwohl vom konzessiven Subjunktor zu einer koordinierenden Konjunktion und weiter zu einem (korrektiven) Diskursmarker entwickelt, und zu deren Eigenschaften zähle unter anderem:

  • - Vorkommen vorwiegend in mündlicher Sprache,

  • - äußerungsinitiale Position,

  • - Optionalität,

  • - Entkoppelung von oder nur lockere Anbindung an die syntaktische Struktur; mithin keine grammatikalische Funktion.

Das Kriterium der Optionalität ist wahrscheinlich diskussionswürdig, weil ein so wichtiger Schritt wie eine Selbstkorrektur m.E. nicht vollkommen implizit bleiben kann, sondern von der Sprecherin in der einen oder anderen Form signalisiert werden muss; ein Diskursmarker ist dafür eine Möglichkeit.

Interessant ist der Vorschlag von Günthner (2000), eine Dreiteilung der Lesarten von obwohl anzunehmen: Die erste ist der (im engeren Sinne) konzessive Subjunktor, die dritte ist der (im engeren Sinne) korrektive Diskursmarker. Dazwischen steht nach ihrer Ansicht eine einschränkende Lesart von obwohl, die sowohl mit VL als auch V2-Stellung auftreten kann. Übertragen ins Hochdeutsche sind die von Günthner angeführten Beispiele:

    1. (5)
    1. Der hat viel für die gemacht, obwohl es da schon auch eine Grenze für ihn gab.
    1. (6)
    1. Der ist sicher nicht schrill, was sicherlich der Fall ist, obwohl ich kenne nicht sein Gesamtwerk, seine Musik ist zeitgenössisch, aber nicht dogmatisch.

In geschriebener Form wirkt (5) zunächst wie ein kanonisches Hauptsatz-Nebensatz Paar, doch wies der Originalbeleg zwei separate Intonationskonturen und damit eine prosodische Grenze vor obwohl auf. Bedeutsam ist in dieser Verwendung, dass ihr keine Verletzung einer Normalitätsannahme zugrunde liegt: Das Vorliegen einer Grenze impliziert nicht, dass er (oder man) nicht viel hätte tun sollen. Stattdessen schränkt der zweite Satz das Ausmaß der Bedeutung des ersten ein. Dasselbe geschieht im (semantisch etwas undeutlicheren) Beispiel (6), wo der Sprecher womöglich vermeiden möchte, dass ein ‚falscher Schluss‘ aus dem ersten Satz gezogen wird. – Wir kommen auf diesen Vorschlag des restriktiven obwohl in Kap. 4.1 zurück.

Freywald (2010) hat in gesprochensprachlichen Korpora des IDS Mannheim nach obwohl recherchiert. Sie fand 403 Vorkommen, von denen 37 (9,2 %) in der V2-Konstruktion standen. Der Schwerpunkt von Freywalds Untersuchung ist die Diachronie, sie ordnet die ‚Verschiebung‘ von obwohl in den weiteren Zusammenhang der Veränderung auch anderer sprachlicher Konstruktionen ein. U.a. zeigt sie, dass die Verschiebung von wobei zum Korrekturmarker jünger zu sein scheint als die von obwohl.

Zum Schluss besprechen wir die Arbeiten von Moraldo (2012a, 2012b), an denen wir uns für unsere eigene Korpusstudie methodisch orientieren. Moraldo diskutiert obwohl nicht nur auf den Ebenen Syntax und Semantik, sondern auch auf der Ebene der zum Ausdruck gebrachten Diskursrelation zwischen den beiden Argumenten von obwohl. Zum Übergang vom Subjunktor zum Diskursmarker sagt er: „Zum einen wird dadurch die Diskursrelation, die zwischen zwei Satzgefügen existiert, nicht mehr subordiniert, sondern koordiniert. Zum anderen wird auch keine Einschränkung mehr ausgedrückt, sondern eine Korrektur“ (Moraldo 2012b: 101). Moraldo spricht vom „Korrektivsatz“, den er in der DaF-Literatur als noch nicht genügend gewürdigt ansieht. Dieser sei von der konzessiven Relation mit Subjunktor sowohl grammatisch als auch funktional grundsätzlich verschieden, so dass Moraldo insgesamt eine Zweiteilung ansetzt. In seinem empirischen Artikel zieht Moraldo (2012a) Daten aus Twitter heran, die er als konzeptuell-mündlich und damit als vergleichbar zu Gesprächsprotokollen ansieht. Dieser Schritt erlaubt ihm, eine größere Zahl von obwohl-Belegen zu untersuchen, als es den oben genannten früheren Arbeiten möglich war; Moraldo filtert 1.032 obwohl-Verwendungen heraus, die er auf V2-Stellung überprüft und sie bei 16,7 % der Belege konstatiert. Dies ist ein klares Indiz, dass die fragliche obwohl-Verwendung auch in Tweets nachweisbar ist und dort keineswegs nur ein idiosynkratisches Phänomen darstellt. Moraldo hat sich auch für die graphemische Realisierung der nach obwohl-V2 obligatorischen prosodischen Pause (auf die auch Günthner 2000 und andere bereits hingewiesen hatten) interessiert. Hier fand er eine Reihe von verschiedenen Interpunktionszeichen, deren Häufigkeiten er ebenfalls ermittelte, und die wir im folgenden Abschnitt mit aufführen werden.

3. Die Korpusstudie

Die in Kap. 2.2 genannten empirischen Befunde entstanden auf der Grundlage relativ kleiner Korpusgrößen, was im Falle gesprochener Sprache schlicht durch die begrenzte Verfügbarkeit entsprechender Daten bedingt ist, und im Falle von Twitter zur Zeit von Moraldos Untersuchung vermutlich durch die auferlegten Beschränkungen der automatischen Recherche verursacht war. Unsere Studie möchte daher die früheren Ergebnisse mit einer breiteren Datengrundlage überprüfen. Dazu nutzen wir so wie Moraldo (2012a) das Medium Twitter/X als Annäherung an gesprochensprachliche Daten, und darüber hinaus wählen wir Vergleichsdaten aus dem dwds.de Korpus, die geschriebene Standardsprache repräsentieren.

3.1 Korpora

Das hier verwendete Twitter-Korpus wurde von Scheffler (2014) erhoben. Es enthält ca. 24 Millionen deutschsprachiger Tweets, die im Monat April 2013 verschickt wurden. Das Anliegen der Autorin war, für einen Monat eine nahezu vollständige Erfassung deutschsprachiger Tweets zu realisieren, um damit ein repräsentatives Korpus für den deutschen Teil des Mediums zu gewinnen. Scheffler verwendete eine zweistufige Methode: Zunächst bildete sie eine Liste von 394 Funktionswörtern, Zahlen, etc. (‚Stoppwörter‘) und rief über die Twitter-API alle Nachrichten ab, die mindestens eines dieser Wörter enthielten. Dieser Schritt liefert mutmaßlich einen hohen recall, aber keine zufriedenstellende precision2, weil viele Tweets in anderen Sprachen aus unterschiedlichen Gründen durchaus einmal ein Äquivalent eines deutschen Funktionswortes enthalten können. Schritt 2 bestand deshalb in der Anwendung eines existierenden Sprachfilters (LangID, vgl. Lui / Baldwin 2012), mit dem nicht-deutsche Tweets gefiltert wurden. Die Autorin analysierte diese Methode sorgfältig und geht davon aus, dass sie mehr als 90 % aller im fraglichen Monat tatsächlich versendeten deutschsprachigen Tweets erfasst hat.

Das DWDS-Kernkorpus3 umfasste um Untersuchungszeitpunkt 121 Millionen Wörter aus Textmaterial, das zwischen 1900 und 1999 verfasst wurde. Es schließt eine Reihe verschiedener Textsorten ein, u.a. Belletristik, Zeitungstext, wissenschaftliche Aufsätze und Gebrauchstexte.

3.2 Recherche

Die Recherche im Twitter Korpus ergibt über 26.000 Vorkommen von obwohl, also ein Vielfaches der von Moraldo gefundenen Menge (1.032), und eine zu große Anzahl für eine manuelle Durchsicht. Da unsere beiden Korpora keine syntaktischen Annotationen aufweisen, können wir die Belegstellen für obwohl mit V2-Stellung nur heuristisch ermitteln. Dafür nutzen wir die von Moraldo (2012a) aufgefundenen Interpunktionszeichen, mit denen Twitter-Nutzende in seinem Korpus die (eigentlich prosodische) ‚Pause‘ markiert haben. So liefert unser Twitter Korpus beispielsweise für die Suche nach obwohl gefolgt von einem Komma u.a. diesen Treffer:

    1. (7)
    1. (…) Viel Spaß noch mit dem allzu spaßigen Spielmodus "Aura", obwohl, so kann man das ja nicht mehr nennen.

Wie bei jeder heuristischen Vorgehensweise gibt es Fehler, in unserem Fall also Treffer, die nicht mit einer V2 Verwendung einhergehen, sondern schlicht ungrammatisch sind. Ein Beispiel:

    1. (8)
    1. (…) egal was du versuchst du verlierst -du obwohl, du dir mühe gibst bist schuld … -_-

Eine partielle Durchsicht zeigt, dass diese Fälle rar zu sein scheinen, wir haben diese mögliche Problemquelle jedoch nicht weiter quantitativ untersucht. Die anderen von Moraldo vorgefundenen Pause-Marker sind: Punkt, Sequenz von 2–5 Punkten, Doppelpunkt, Bindestrich. Wegen des vielfältigen Sprachgebrauchs und wegen Tippfehlern werden damit sicherlich nicht alle V2-Verwendungen erfasst, was das zum o.g. Fall (Beispiel (6)) duale Problem darstellt (precision versus recall).

Um die Zahl von völlig unmarkierten obwohl-V2-Verwendungen zumindest abzuschätzen, wählen wir eine zufällige Stichprobe von 200 obwohl Treffern aus, die nicht von einem der Interpunktionszeichen gefolgt werden, und ermitteln deren Anteil der V2-Konstruktionen per vollständiger Durchsicht.

Tabelle 1 zeigt die Recherche-Ergebnisse für das Twitter-Korpus. Nach der Spalte mit der Zahl aller Treffer für den Suchterm folgt der prozentuale Anteil der V2-Sätze, anschließend deren Aufschlüsselung nach den fünf Pause-Markern und der Abschätzung der unmarkierten V2-Sätze. Zeile 1 zeigt zunächst die Suchanfrage {O|o}bwohl, die also keinen Unterschied zwischen Groß- und Kleinschreibung macht (wie es vielfach in Experimenten geschieht). Wie die folgenden beiden Zeilen zeigen, ist der Unterschied zwischen den beiden Varianten allerdings beträchtlich. In der letzten Zeile geben wir zum Vergleich die korrespondierenden Werte aus der Untersuchung von Moraldo (2012a) an.

Tabelle 1

Suchergebnisse für das Twitter Korpus und Vergleichswerte von Moraldo (2012a)4

Suchwort Summe V2 . , : - ohne
{O|o}bwohl 26.703 12,9 6 25 24 5 2 38
obwohl 19.198 7,2 3 27 18 3 1 47
Obwohl 7.505 27,4 8 24 28 6 2 33
Moraldo (2012) 1.032 16,7 6 26 25 5 4 34

Tabelle 2 zeigt die Ergebnisse der Gegenprobe: Kommt obwohl mit einem der Pause-Marker auch in der geschriebenen Standardsprache vor? Alle Werte in der Tabelle sind absolute Trefferzahlen. Wie in Kap. 2 besprochen, wird häufig wobei als zu obwohl paralleler Fall einer Konnektor-Variation gesehen, wir haben im dwds-Korpus auch dafür die Werte ermittelt. Alle Zahlen sind entweder 0 oder kaum höher, und eine Durchsicht der wenigen Belege von obwohl mit Komma, Doppelpunkt und Bindestrich zeigte, dass es sich in der großen Mehrzahl um Romane mit Zitaten gesprochener Sprache handelt.

Tabelle 2

Suchergebnisse für das DWDS Kernkorpus (Anzahlen der Treffer)

Suchwort Summe . , : -
{O|o}bwohl 14.819 0 0 19 3 4
{W|w}obei 15.536 0 0 0 0 0

3.3 Diskussion

Unsere obwohl-Grundmenge ist mit annähernd 27.000 sehr viel größer als die der früheren Studien, wobei wir dafür freilich den Preis der rein automatischen Bestimmung der V2-Belege zahlen. Dies könnte grundsätzlich eine Fehlerquelle sein, doch zwei Indizien sprechen dafür, dass der Fehler nicht sehr groß ist: Zum einen finden wir mit 12,9 % einen ähnlichen Anteil von V2-Verwendungen wie Moraldo mit der manuellen Durchsicht seines kleineren Korpus (16,7 %). Zum anderen ist die prozentuale Verteilung der unterschiedlichen Pause-Markierungen bei uns und bei Moraldo außerordentlich ähnlich: 6/6, 25/26, 24/25, 5/5, 2/4, 38/34. Dies deutet insgesamt auf Plausibilität unserer weitgehend automatischen Filter-Methode hin, die lediglich eine manuelle Durchsicht der Stichprobe ohne Interpunktionszeichen einschloss.

In ihrer Studie mit IDS Korpora hatte Freywald (2010) einen V2-Anteil von 9,2 % ermittelt. Die Diskrepanz zu den Twitter-Ergebnissen mag womöglich aus den spezifischen Korpora resultieren, aber es wäre natürlich ein interessanter Aspekt, wenn tatsächlich in sozialen Medien wie Twitter die V2-Verwendung noch häufiger wäre als in der gesprochenen Sprache. Diese Frage muss künftigen Studien überlassen werden.

Auch der von uns gefundene beträchtliche Frequenzunterschied zwischen V2-Obwohl und V2-obwohl könnte weiter untersucht werden: Spielt neben dem rechten Kontext (Interpunktions-zeichen) auch der linke Kontext von {O|o}bwohl womöglich eine Rolle für die Bedeutung – verhält sich ein obwohl nach einem Satzende-Punkt anders? Dabei wäre auch der illokutive Status in den Blick zu nehmen, also die Frage, ob Obwohl als Indikator für eine satzwertige Äußerung bzw. eigenständige Illokution gelesen werden kann.

Unsere ‚Gegenprobe‘ hat gezeigt, dass obwohl mit den fraglichen Pause-Markern im dwds- Korpus außerhalb gesprochener Zitate quasi nicht vorkommt. Das lässt zwar die Möglichkeit offen, dass sie ohne Markierung in V2-Verwendung auftreten (oder ganz andere Marker verwendet werden), aber das erscheint wenig wahrscheinlich. Auch die Tatsache, dass wir keinerlei Vorkommen von wobei mit Pause-Markern gefunden haben, spricht dafür, dass die V2-Verwendungen nicht auftreten und sich demzufolge einstweilen tatsächlich auf die gesprochene – oder getwitterte – Sprache beschränken.

4. Fazit

4.1 Wieviele Verwendungen und Bedeutungen hat obwohl?

Im Rückblick fassen wir nun das entstandene Bild von obwohl zusammen. Unstrittig ist seine Grund- und ursprünglich wohl einzige Bedeutung als konzessiver Subjunktor, der als Präsupposition oder Implikatur (siehe Fußnote 1) die Verletzung einer Normalitätsannahme kommuniziert. Unstrittig ist weiterhin, dass es heute in der gesprochenen Sprache eine Verwendung als korrigierender ‚Marker‘ gibt, der zwischen zwei Hauptsätzen steht, dessen grammatischer Status aber nicht ganz eindeutig ist (so spricht etwa Günthner (2000: 453) von einem „cohesive element on the discourse level“).

Strittig ist nun zweierlei: Sind die Bedeutungen der beiden Verwendungen komplett verschieden, oder gibt es einen gemeinsamen Kern? Und ist die etwa von Günthner (2000) vertretene Annahme eines zwischen beiden Verwendungen vermittelnden, einschränkenden obwohl plausibel?

Beginnen wir mit der Frage nach dem gemeinsamen Kern. Dass sie so schwierig ist, hängt auch mit der inhärenten Subjektivität von obwohl-Verwendungen zusammen, auf die Breindl (2004) hinweist: Während zum Beispiel die kausale oder die temporale Diskursrelation einen Weltbezug aufweisen, mit dem sich die Bedeutung eines Konnektors verankert, spielen sich Konzession und Korrektur durchweg in der Vorstellung der Gesprächsbeteiligten ab: Welche Normalitätsannahme ausgelöst wird (Konzession) oder wieviel von der Bedeutung des ersten Satzes zurückgenommen wird (Korrektur), legt die Adressatin in ihrer Interpretation der Äußerung fest. Diese Grund-Subjektivität macht dann auch die analytische Beurteilung von obwohl-Verwendungen subjektiver und oft schwieriger.

Moraldo (2012a, 2012b) gehört zu denjenigen, die aufgrund der syntaktischen Unterschiede die Verschiedenheit der beiden obwohl betonen und sagt „Vor-Vorfeld-Besetzung und Verbzweitstellung bedingen eine eigenständige funktional-pragmatische Verwendungsweise“ (Moraldo 2012b: 198). Ein Primat der Syntax anzunehmen ist allerdings nicht der einzige Weg. Moraldo zitiert als Vertreterin der Gegenposition Wegener (1993), die auch im korrigierenden obwohl einen konzessiven Kern sieht in dem Sinne, dass der obwohl-Satz die ‚Berechtigung‘ des vorangehenden Satzes einschränke. Günthner (2000) formuliert, dass beide Verwendungen das Element einer Dissonanz, einer Inkompatibilität gemeinsam haben (konstatiert aber beim Übergang zu korrigierendem obwohl einen Verlust an semantischer Komplexität). Diese Formulierungen erscheinen ein wenig vage; einen interessanten konkreteren Vorschlag unterbreitete aber Breindl (2004) durch Rückgriff auf die maßgeblich von Sweetser (1990) vorgeschlagene Analyse von Konnektorbedeutungen auf drei verschiedenen Verknüpfungsebenen:

  • - propositional: Beschreibung eines realen Zusammenhangs zwischen zwei Sachverhalten;

  • - epistemisch: Zusammenhang zwischen epistemisch bewerteten Einheiten, z.B. Angabe einer (subjektiven) Begründung;

  • - illokutiv: Zusammenhang zwischen dem Hervorbringen zweier Sprechakte.

Breindl führt die Unterschiede von (allgemein) konzessiven Verknüpfungen auf diesen drei Ebenen im Detail aus und schlägt schließlich für das korrigierende obwohl vor, dass der Sprecher auf der illokutiven Ebene seinen vorangegangenen Sprechakt korrigiert: Dem Muster „[ich äußere:] p, obwohl [ich äußere] q“ liege die Normalitätsannahme zugrunde, dass jemand, der p äußert, gewöhnlich nicht q äußert. Damit sei das Konzessivitätsschema nach wie vor erkennbar und eine diachrone Bedeutungsanreicherung von obwohl (oder auch von wobei) zu einem Korrekturmarker müsse nicht angenommen werden. Wichtig dafür sei die Formulierung des zweiten Satzes (also des internen Konnekts von obwohl) als Hauptsatz, was illokutive Eigenständigkeit ausdrücke und der Hörerin signalisiere, dass eine Verknüpfung auf der Sachverhaltsebene hier nicht in Frage kommt.

Der Drei-Ebenen-Ansatz ist auch geeignet, einen Vorschlag von Grote / Lenke / Stede (1997) einzuordnen, der sich nicht auf obwohl konzentriert, sondern eine sprachübergreifende (Englisch/Deutsch) Analyse der Relation Konzession und ihrer linguistischen Markierer vornimmt. Die Autor:innen leiten aus ihrer Untersuchung drei verschiedene pragmatisch-funktionale Klassen der Relation ab, die sich recht gut den Sweetser’schen Ebenen zuordnen lassen5:

  • - Informiere über eine überraschende Korrelation von Sachverhalten: Although it was December, no snow fell and the temperature rose to 20 degrees. = > propositional

  • - Überzeuge durch Zitieren oder Antizipieren von Gegenargumenten: Although you are correct that Windows is cheap I nevertheless wouldn't buy it, [because it has many bugs]. = > epistemisch

  • - Verhindere eine falsche Schlussfolgerung durch die Lesenden: Windows is very cheap. That doesn't mean you should buy it, though, [because it is full of bugs]. = > illokutiv

Der Unterschied zwischen der propositionalen und der epistemischen Ebene wird hier recht deutlich: Auf der epistemischen Ebene haben wir es mit dem ‚Konzedieren‘ im Sinne des ‚Zugestehens‘ eines anderen Standpunkts zu tun, während auf der propositionalen Ebene das Erstaunen über das Zusammentreffen der Ereignisse im Vordergrund steht. Beides kann im Deutschen durch obwohl in Subjunktor-Verwendung ausgedrückt werden. Das ‚Verhindern einer Schlussfolgerung‘ (welches auch von Günthner (2000) als eine Funktion genannt wurde, s. Kap. 2.2) entspricht lt. Grote / Lenke / Stede (1997) einem afterthought, setzt also zwei getrennte Illokutionen inhärent voraus, und scheint daher nicht durch obwohl-VL (Subjunktor) realisierbar.

Obwohl – mitunter ist die illokutive Verknüpfung auch mit VL-Stellung anzutreffen, wie in diesem Beispiel aus unserer Korpusrecherche auf dwds.de:

    1. (9)
    1. Wir leben in einer Zeitenwende, obwohl erst nachfolgende Generationen darüber entscheiden können.

Es ist vermutlich etwas ‚grenzwertig‘ insofern als die Lesenden durch den obwohl-Nebensatz zunächst auf eine falsche Fährte gelockt werden und nach einem propositionalen ‚Gegengrund‘ suchen. Der ist hier aber offenkundig abwesend, wir würden eine Normalitätsannahme „erst spätere Generationen können entscheiden, ob wir in einer Zeitenwende leben ➔ wir leben nicht in einer Zeitenwende“ hier nicht akzeptieren. Erst diese Weigerung löst den Sprung auf die Illokutionsebene aus und legt als beste Interpretation nahe, dass die Sprecherin ihre eigene Behauptung (die ja keinen objektiven Sachverhalt beschreiben kann, sondern inhärent subjektiv ist) ein Stück weit einschränkt.

Und damit führt uns Beispiel (9) auch wieder zu dem in Kap. 2.2 zitierten Vorschlag von Günthner (2000) zurück, wonach zwischen den beiden obwohl-‚Polen‘ eine dritte, einschränkende Verwendung angesiedelt sei, in der obwohl gleichermaßen in V2- und VL-Stellung erscheinen könne. (9) ist für diese Grauzone ein gutes Beispiel, weil es offenkundig die Akzeptabilität der VL-Stellung ‚ausreizt‘, offenkundig eine Einschränkung darstellt, und offenkundig nur auf der Illokutionsebene verstanden werden kann. Eine Hypothese, die mir hier nicht fern scheint, wäre, dass dieses zwischen den Polen vermittelnde obwohl das englische although/though zum Vorbild hat: Einerseits der klassische konzessive Konnektor, andererseits mit though eine Verwendung als Partikel am Äußerungsende, die den vorangehenden Teil klar als ‚afterthought‘ markiert, der – genau wie im o.g. Beispiel zur ‚Verhinderung einer Schlussfolgerung‘ – die Gültigkeit des ihm Vorangegangenen einschränkt.

Wir illustrieren das illokutive VL-obwohl noch mit einem letzten Beispiel, ebenfalls aus unserer dwds.de Recherche, welches ähnlich wie das obige (9) beschaffen ist: obwohl schränkt ein, und trotz Nebensatz funktioniert es nur auf der Illokutionsebene. Es strapaziert unser intuitives Verständnis aber weniger als (9), was vermutlich dem klar ersichtlichen Status als Parenthese sowie der expliziten Illokutionsmarkierung (ich gebe zu) geschuldet sein dürfte.

    1. (10)
    1. Diejenigen, die die Währungsunion wollen, weil sie ihre Vorteile erkannt haben, schweigen noch allzu oft – obwohl ich zugebe, sie schweigen auf eine sehr vornehme Weise – und überlassen denen das Feld, die aus den unterschiedlichsten Motiven die Angst der Bevölkerung vor Europa schüren.

Auch Günthners (2000) Vorschlag lässt sich nun auf die von Sweetser (1990) vorgeschlagenen Ebenen beziehen. Ihr ‚konzessives‘ obwohl, stets in VL-Stellung, entspricht der Verknüpfung auf der propositionalen Ebene, und das ‚korrigierende‘ V2-obwohl der illokutiven Ebene. Für das nach Günthner dazwischen stehende ‚einschränkende‘ obwohl, das gleichermaßen in V2 als auch auch in VL-Stellung auftreten kann, steht primär die epistemische Ebene zur Verfügung (z.B. Einschränkung des Geltungsbereichs einer Feststellung), jedoch auch die illokutive, denn auch ein geäußerter Sprechakt lässt sich natürlich ‚einschränken‘: Ein Versprechen wird abgeschwächt, ein Vorwurf abgemildert, eine Behauptung nachjustiert.

Zusammenfassend: Eine syntaktisch motivierte Zweiteilung der Bedeutungen von obwohl (wie u.a. von Moraldo 2012a vertreten) erscheint, auch aufgrund unserer Korpusbelege, als zu strikt. Wir sehen stattdessen ein Kontinuum zwischen dem rein-propositionalen Informieren über unerwartete Gleichzeitigkeit von Sachverhalten und dem rein-illokutiven ‚Selbst-Korrigieren‘, zwischen denen mit Günthner (2000) das ‚Einschränken‘ vermittelt. Nun ist aber ‚Einschränken‘ ein weit dehnbarer Begriff, den ja auch schon Wegener (1993) als verbindende Klammer zwischen obwohl-VL und obwohl-V2 gesehen hatte, der sich auf die Sweetser’schen Ebenen epistemisch und illokutiv anwenden lässt, und der dann auch auf die Selbstkorrektur zutrifft6. Die von Günthner angenommene klare Teilung in drei obwohl-Lesarten erscheint daher schwierig, was uns somit, ähnlich wie Breindl (2004), zur Annahme eines Bedeutungsspektrums mit gemeinsamem Kern führt.

4.2 Methode: Twitter als Surrogat für gesprochene Sprache?

Zum Schluss gehen wir noch einmal auf die methodische Entscheidung ein, Twitter-Daten als eine „Annäherung“ an gesprochensprachliche Daten zu verwenden. Bevor Twitter zu X wurde, war es für akademische Zwecke sehr einfach nutzbar und erlaubte Recherchen, mit denen sich repräsentative Ausschnitte des gesamten Nachrichtenaufkommens erfassen ließen, in unserem Fall der von Scheffler (2014) gebildete Ausschnitt fast aller deutschsprachigen Tweets eines Monats. Die Verfügbarkeit einer solch großen Grundmenge (hier: 24 Millionen Tweets) stellt nicht nur für linguistische, sondern auch für sozialwissenschaftliche Studien einen interessanten Ausgangspunkt dar.

Allerdings sollte – gerade für die Linguistik – die große Heterogenität von Twitter-Daten nicht aus den Augen verloren werden. In verschiedenen Forschungsprojekten mit Twitter haben wir über die letzten Jahre beispielsweise gefunden:

  • - unpersönliche Verlautbarungen von Firmen und Institutionen, wie sie auch in gedruckten Materialien erscheinen können;

  • - einen hohen Anteil nahezu „druckreifer“ Sprache auch in Tweets von Einzelpersonen, so in einem Korpus aller Tweets der Mitglieder des deutschen Bundestags einer Legislaturperiode;

  • - interessante und konstruktive inhaltliche Diskussionen innerhalb einer (lockeren) Gruppe, in einem Korpus, das gezielt längere Konversationen (also Folgen von Tweets in reply-to Relation) zum Thema Energiewende erhob;

  • - als ‚Nebenprodukt‘ der Suche nach Konversationen eine große Anzahl von Unterhaltungen kleiner Gruppen von mutmaßlich jungen Menschen, die sich z.B. über die Gestaltung des kommenden Nachmittags verständigten.

Diese Aufzählung ist nurmehr impressionistisch, soll aber verdeutlichen, dass es für Twitter-Daten (wie auch für andere social media), je nach Suchkriterien und Prozedere der Zusammenstellung, nicht einfach anzugeben ist, was sie eigentlich repräsentieren. Die für unsere obwohl-Studie angenommene konzeptuelle Mündlichkeit ist in einer beträchtlichen Teilmenge sicherlich gegeben, doch hat die Auswertung eines großen Twitter Korpus unter diesem Aspekt offenkundig einen schwierigeren Status als die eines sorgfältig erhobenen (kleinen) Gesprächskorpus.

Die Heterogenität von social media Daten macht diese aber keineswegs wertlos, sondern sie fordert dazu auf, den Begriff der Repräsentativität ernst zu nehmen und zu beachten, was sinnvoll gezählt und verglichen werden kann und was eher nicht. Beispielsweise sind ein großer Teil des Tweet-Aufkommens bekanntlich Duplikate – retweets – die sozialwissenschaftlich von großem Interesse sein können (welche Inhalte werden häufig geteilt), aber für andere Zwecke die möglicherweise relevanten Proportionen verschieben. Retweets lassen sich relativ leicht ausfiltern, viel schwieriger ist das aber bei komplett maschinell erzeugten Tweets, deren Anteil im 2014er Korpus noch gering sein dürfte, der aber jetzt in der Zeit der large language models bekanntlich rasant angestiegen ist.

Für unseren Zweck der Auswertung von Tweets als Repräsentant konzeptueller Mündlichkeit könnte für künftige Studien eine methodische Verbesserung darin bestehen, die durch die Suchanfragen gefundenen Tweets zunächst mit einem komplexeren Filter auf den Grad ihrer ‚Mündlichkeit‘ zu prüfen, etwa durch ein statistisches Klassifikationsmodell, das eine Reihe einschlägiger Merkmale gesprochener Sprache berücksichtigt, oder mit Hilfe vortrainierter Sprachmodelle, oder einer Kombination von beidem.

Notes

  1. In der semantischen Forschung ist der Status der mitkommunizierten Implikation als Präsupposition (wie er auch von Di Meola (1997) und anderen angenommen wird) nicht unumstritten. Breindl (2004: 10) präzisiert, diese sei „gerade nicht faktisch und singulär, sondern sinnvoll nur als generisches hypothetisches Konditional zu rekonstruieren“. Scheffler (2008) und Antomo / Steinbach (2013) argumentieren, dass sie als eine konventionelle Implikatur analysiert werden sollte. [^]
  2. Recall: Anteil der gefundenen deutschsprachigen Tweets an den auf Twitter tatsächlich verbreiteten deutschsprachigen Tweets. Precision: Anteil der tatsächlich deutschsprachigen Tweets an allen gefundenen Tweets. [^]
  3. https://www.dwds.de/d/korpora/kern (09.05.2026). [^]
  4. ‚Summe‘ = Anzahl der Treffer; alle anderen Angaben sind gerundete Prozentpunkte. Spalten 4-9 addieren sich (mit Rundung) zu 100 %, stellen also die Aufteilung der V2-Treffer dar. [^]
  5. Wir geben hier die von Grote / Lenke / Stede (1997) genannten Beispiele aus dem Englischen an, unter Hinzufügung der eckigen Klammern um die optionalen begründenden Anteile. Die Autor:innen haben sich ihrerzeit nicht auf Sweetser (1990) bezogen, sondern eine Semantik/Pragmatik-Zweiteilung von Diskursrelationen im Sinne von Mann / Thompson (1988) angenommen. [^]
  6. ‚Vollständige‘ Selbstkorrektur: Ich wähle beim nächsten Mal die CDU. Obwohl, es wird dann wohl doch die FDP werden. ‚Partielle‘ Selbstkorrektur: Ich kann die CDU schlicht und ergreifend nicht leiden. Obwohl, das eine oder andere machen sie ja auch richtig. [^]

Literatur und Ressourcen

Antomo, Mailin / Steinbach, Markus (2013): Zur Semantik von Konzessivsätzen mit „obwohl“. In: Linguistische Berichte 236, 427–453.

Breindl, Eva (2004): Konzessivität und konzessive Konnektoren im Deutschen. In: Deutsche Sprache 32: 1, 2–31.

Di Meola, Claudio (1997): Der Ausdruck der Konzessivität in der deutschen Gegenwartssprache. Theorie und Beschreibung anhand eines Vergleichs mit dem Italienischen. Tübingen: Niemeyer.

Freywald, Ulrike (2010): Obwohl vielleicht war es ganz anders – Vorüberlegungen zum Alter der Verbzweitstellung nach subordinierenden Konjunktionen. In: Ziegler, Arne (Hrsg.): Historische Textgrammatik und Historische Syntax des Deutschen. Traditionen, Innovationen, Perspektiven. Band 1: Diachronie, Althochdeutsch, Mittelhochdeutsch. Berlin / New York: de Gruyter, 55–84.

Grote, Brigitte / Lenke, Nils / Stede, Manfred (1997): Ma(r)king Concessions in English and German. In: Discourse Processes 24: 1, 87–117.

Günthner, Susanne (1999): Entwickelt sich der Konzessivkonnektor obwohl zum Diskursmarker? Grammatikalisierungstendenzen im gesprochenen Deutsch. In: Linguistische Berichte 180, 409–446.

Günthner, Susanne (2000): From concessive connector to discourse marker: The use of obwohl in everyday German interaction. In: Couper-Kuhlen, Elizabeth / Kortmann, Bernd (eds.): Cause – Condition – Concession – Contrast. Cognitive and Discourse Perspectives. Berlin / Boston: de Gruyter, 439–468.

Lui, Marco / Baldwin, Timothy (2012): langid.py: An off-the-shelf language identification tool. In: Proceedings of the 50th Annual Meeting of the Association for Computational Linguistics (ACL 2012) System Demonstrations, 25–30. https://aclanthology.org/P12-3005.pdf (09.05.2026).

Mann, William C. / Thompson, Sandra A. (1988): Rhetorical Structure Theory: Towards a Functional Theory of Text Organization. In: TEXT 8: 3, 243–281.

Moraldo, Sandro M. (2012a): „Obwohl…Korrektur: Polizei HAT Gebäude im coolen Duisburger Innenhafen“. Die Kommunikationsplattform Twitter an der Schnittstelle zwischen Sprechsprachlichkeit und medial bedingter Schriftlichkeit. In: Günthner, Susanne / Imo, Wolfgang / Meer, Dorothee / Schneider, Jan Georg (Hrsg.): Kommunikation und Öffentlichkeit: Sprachwissenschaftliche Potenziale zwischen Empirie und Norm (Germanistische Linguistik 296). Berlin / Boston: de Gruyter, 179–204.

Moraldo, Sandro M. (2012b): Korrektivsätze (obwohl, obgleich, obschon, obzwar) – Zur Grammatik korrektiver Konnektoren und ihrer Bedeutung für den interkulturellen Fremdsprachenunterricht. In: Reeg, Ulrike / Gallo, Pasquale / Moraldo, Sandro M. (Hrsg.): Gesprochene Sprache im DaF-Unterricht. Zur Theorie und Praxis eines Lerngegenstandes. Münster: Waxmann, 99–120.

Pasch, Renate / Brauße, Ursula / Breindl, Eva / Waßner, Ulrich Hermann (2003): Handbuch der deutschen Konnektoren. Linguistische Grundlagen der Beschreibung und syntaktische Merkmale der deutschen Satzverknüpfer (Konjunktionen, Satzadverbien und Partikeln). Berlin / New York: de Gruyter.

Scheffler, Tatjana (2008): Semantic operators in different dimensions. Unveröffentlichte Dissertation, University of Pennsylvania.

Scheffler, Tatjana (2014): A German Twitter Snapshot. In: Proceedings of the Ninth International Conference on Language Resources and Evaluation (LREC’14), 2284–2289. http://www.lrec-conf.org/proceedings/lrec2014/pdf/1146_Paper.pdf (09.05.2026).

Sweetser, Eve (1990): From Etymology to Pragmatics. Metaphorical and Cultural Aspects of Semantic Structure. Cambridge: Cambridge University Press ( = Cambridge Studies in Linguistics 54).

Wegener, Heide (1993): weil – das hat schon seinen Grund. Zur Verbstellung in Kausalsätzen mit weil im gegenwärtigen Deutsch. In: Deutsche Sprache 21: 4, 289–305.

Biographische Notiz

Manfred Stede ist Professor für Angewandte Computerlinguistik an der Universität Potsdam. Er forscht zu unterschiedlichen Ebenen der Textstruktur, etwa zu Koreferenz, rhetorischer Struktur und Argumentationsstruktur. Als computerlinguistische Anwendung verfolgt er die automatische Erkennung solcher Strukturen in Texten und in social media, oft aus der Perspektive sozialwissenschaftlicher Fragestellungen.

Kontaktanschrift:

Prof. Manfred Stede,

Universität Potsdam

Dept. Linguistik, Karl-Liebknecht-Str. 24–25, 14476

stede@uni-potsdam.de