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Artikel zum Themenschwerpunkt: Grammatik im Fokus: Theorie – Empirie – Vermittlung, hrsg. von Anna Volodina und Lutz Gunkel

Vom Irrelevanzkonditional zum freien Thema: ob…oder-Phrasen im linken Außenfeld

Author
  • Vom Irrelevanzkonditional zum freien Thema: ob…oder-Phrasen im linken Außenfeld

    Artikel zum Themenschwerpunkt: Grammatik im Fokus: Theorie – Empirie – Vermittlung, hrsg. von Anna Volodina und Lutz Gunkel

    Vom Irrelevanzkonditional zum freien Thema: ob…oder-Phrasen im linken Außenfeld

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Abstract

Die nicht-integrierte Stellung von Irrelevanzkonditionalen, aber auch von Sprechaktadverbialen im linken Außenfeld spiegelt ikonisch die unabhängige Gültigkeit ihres Bezugssatzes wider. In dem Beitrag wird gezeigt, dass Phrasen mit der Form von alternativen Irrelevanzkonditionalen, die durch ob…oder oder auch durch sei es eingeleitet sind, im linken Außenfeld als Freie Themen fungieren können, die nicht alternative Bedingungen, sondern eine Aufzählung von im folgenden Satz behandelten Einheiten beinhalten. Sie treten häufig in Subheadlines auf, wo sie einen Leseanreiz bieten sollen. Irrelevanzkonditionale im linken Außenfeld weisen unterschiedliche Grade der Desintegration auf: Propositionsbezogene sind weniger desintegriert als sprechaktbezogene und diese sind wiederum weniger desintegriert als Freie Themen. 

The position of concessive conditionals and of speech act adverbials in the left periphery iconically reflects the independent validity of the following sentence. It is shown that phrases in the form of alternative concessive conditionals introduced by ob…oder or sei es can function in the left peripheral field as hanging topics that do not contain alternative conditions, but rather a list of units that are dealt with in the following sentence. They often appear in subtitles, where they serve as an incentive to read. Left peripheral elements exhibit varying degrees of disintegration: propositional concessive conditionals are less disintegrated than those referring to speech acts, which in turn are less disintegrated than hanging topics.

Keywords: linke Satzperipherie, Sprechaktadverbial, Konditionalsatz, Desintegration, Irrelevanzkonditional, gebundenes Topik, Hanging Topic, left periphery, speech act adverbial, disintegration, conditional clause, concessive conditional, hanging topic

How to Cite:

Pittner, K., (2026) “Vom Irrelevanzkonditional zum freien Thema: ob…oder-Phrasen im linken Außenfeld”, Korpora Deutsch als Fremdsprache 6(1), 135–147. doi: https://doi.org/10.48694/kordaf.6162

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2026-08-10

Peer Reviewed

1. Einleitung

Der Beitrag beschäftigt sich mit ob…oder-Phrasen im linken Außenfeld und zeigt, dass sie formale Eigenschaften mit Irrelevanzkonditionalen teilen und als Freie Themen fungieren können. Das Thema liegt an der Schnittstelle verschiedener Arbeitsgebiete von Eva Breindl, da sie sich zum einen als eine der Autorinnen des Handbuchs der deutschen Konnektoren (HdK) intensiv mit Konnektoren beschäftigt hat und zum anderen die Position vor dem Vorfeld und das Topik behandelt hat (vgl. Breindl 2008, 2009). Die Grundlage der Untersuchung bildet ein Sample von Sätzen mit ob…oder-Phrasen, die Eigenschaften freier Topiks aufweisen. Sie stammen aus dem Zeitungskorpus des DWDS und wurden durch Fundstücke aus verschiedenen Publikationen ergänzt.

Zunächst werden Faktoren aufgezeigt, die die Positionierung von Adverbialsätzen im linken Außenfeld bedingen oder begünstigen, die vor allem Irrelevanzkonditionale und Adverbialsätze mit Sprechaktbezug betreffen. Im Anschluss daran wird die Funktion von durch irrelevanzkonditionale Konnektoren wie ob… oder und sei es… eingeleiteten Phrasen als Freie Themen beschrieben, die keine Bedingungen nennen, sondern Einheiten aufzählen, die für den folgenden Satz relevant sind und das Interesse wecken sollen. Bei den im linken Außenfeld befindlichen Elementen können zudem unterschiedliche Grade der Desintegration festgestellt werden: Irrelevanzkonditionale mit Bezug auf die Proposition sind am wenigsten desintegriert, solche mit Sprechaktbezug etwas stärker und am stärksten desintegriert sind die Freien Themen. Abschließend wird ein Brückenkontext skizziert, der eine Uminterpretation von irrelevanzkonditionalen Phrasen in Freie Themen ermöglicht und ein Blick auf die Textfunktionen der Freien Themen mit ob…oder geworfen.

2. Adverbialsätze im linken Außenfeld

Vorangestellte Adverbialsätze können entweder als normale Satzkonstituente im Vorfeld stehen, oder sie stehen linksversetzt und werden dann durch ein Resumptivum wie so oder dann im Vorfeld wieder aufgenommen. Eine dritte Möglichkeit ist, dass sie nicht-integriert in einer Position stehen, die auch Vorvorfeld (vgl. Thim-Mabrey 1988) oder Nullstelle (vgl. z.B. Breindl 2009) genannt wird und bei Zifonun / Hoffmann / Strecker (1997) im linken Außenfeld verortet wird1. Nicht-integriert stehen können Irrelevanzkonditionalsätze, unter bestimmten Bedingungen auch Konzessiv- und Konditionalsätze sowie Sprechaktadverbiale. Im Folgenden werden Irrelevanzkonditionale und Konditionale mit Bezug auf die Proposition und Sprechaktadverbiale näher betrachtet, die für die hier untersuchte Thematik relevant sind.

2.1 Irrelevanzkonditionale und Konditionale mit Propositionsbezug

Das Irrelevanzkonditional wird auch als konzessives Konditional bezeichnet, da es sowohl Eigenschaften mit Konzessiv- als auch mit Konditionalgefügen teilt (vgl. z.B. König / van der Auwera 1998). Mit den Konditionalen haben die Irrelevanzkonditionale gemeinsam, dass sie eine Beziehung zwischen Antezedens und Konsequens herstellen. In einem Irrelevanzkonditionalsatz werden mehrere Bedingungen genannt, die für die Gültigkeit der Matrixproposition jedoch nicht von Belang sind. Mit den Konzessivsätzen haben Irrelevanzkonditionale gemeinsam, dass die Matrixproposition (Apodosis) faktisch ist. Zudem kann eine der Bedingungen im Antezedens einen Fall bezeichnen, der die Wahrheit des Konsequens unwahrscheinlich macht und sie normalerweise nicht erwarten ließe. Wie König / Eisenberg (1984: 315) feststellen, wird im Gegensatz zu Konditionalsätzen „bei den Irrelevanzkonditionalen eine konditionale Beziehung nicht zwischen zwei, sondern zwischen einer Menge von Propositionen im Vorsatz und einer Proposition im Nachsatz ausgedrückt“ (Hervorhebung im Original). Dass dabei das Antezedens „eine Menge von Propositionen“ beinhaltet, kann auf verschiedene Weise zustande kommen. Entweder es werden explizit verschiedene Propositionen als Alternativen genannt wie in (1a), oder aber es ist ein quantifizierender Ausdruck enthalten, der verschiedene Möglichkeiten bereitstellt und durch den Kontext nicht eingeschränkt ist, weswegen er auch als „free choice-Ausdruck“ bezeichnet wird (1b). Durch auch und immer oder die Kombination von beiden wird der w-Ausdruck auf eine indefinit-generalisierende Referenz festgelegt. Zudem kann durch eine inkludierende Fokuspartikel in Kombination mit wenn eine Menge von Alternativen bezeichnet werden, von denen eine besonders unwahrscheinlich ist (1c). Das HdK (vgl. Breindl 2014: 972-973) unterscheidet entsprechend alternative, universale und skalare Irrelevanzkonditionale.

Als Ausdrucksformen für Irrelevanzkonditionale können auftreten:

    1. (1)
    1. a.
    1. Alternative Irrelevanzkonditionale (Disjunktion: ob p oder ~p, q)
    2. Ob die Sonne scheint oder nicht, ich gehe spazieren.
    3. Sei es, dass Rotgrün, sei es, dass Schwarzgelb, sei es, dass eine große Koalition in Berlin regiert, die Rahmenbedingungen werden anderswo gesetzt. (Breindl 2014: 972)
    1.  
    1. b.
    1. Universale Irrelevanzkonditionale (∀x (wenn px, q))
    2. Was sie ihm auch anbot, er war nicht zufrieden.
    3. So viel er auch verdient, es reicht ihm nicht.
    1.  
    1. c.
    1. Skalare Irrelevanzkonditionale (inkludierende Fokuspartikel + wenn):
    2. Auch/sogar/selbst wenn er Präsident der USA wäre, wäre sein Ehrgeiz nicht zufriedengestellt.

Für Irrelevanzkonditionale ist die nicht-integrierte Stellung vor dem Vorfeld weitaus am häufigsten. Während Zaefferer (1987) davon ausgeht, dass Irrelevanzkonditionale immer vor dem Vorfeld stehen, differenzieren König / van der Auwera (1988: 118ff.) zwischen den verschiedenen Erscheinungsformen: ob…oder-Sätze stehen immer nicht-integriert, während bei universalen Irrelevanzkonditionalen mit einem „free choice“-Ausdruck die nicht-integrierte Stellung lediglich bevorzugt sei2. Bei Sätzen mit selbst/sogar/auch wenn ist die nicht-integrierte Stellung dagegen seltener als bei den anderen Typen von Irrelevanzkonditionalen (vgl. König / van der Auwera 1988: 119).

Hinsichtlich ihrer Relation zum Bezugssatz haben die alternativen und universalen Irrelevanzkonditionale eine Art Zwischenstatus zwischen Hypo- und Parataxe. Zum einen sind sie durch ein typischerweise subordinierendes Element eingeleitet und weisen Verbendstellung auf, zum anderen sind sie topologisch desintegriert (vgl. Zifonun / Hoffmann / Strecker 1997: 2322)3. Die nicht-integrierte Stellung, auf die ein Verbzweitsatz folgt, der als unabhängiger Satz stehen könnte, kann als ikonische Markierung der von den Antezedensbedingungen unabhängig gültigen Wahrheit des Bezugssatzes gesehen werden (vgl. Breindl 2014: 967; Leuschner 2005).

Die nicht-integrierte Stellung kann bisweilen disambiguierend sein und die Interpretation als Irrelevanzkonditional erst bedingen, wie in (2b):

    1. (2)
    1. a.
    1. Wo auch immer du wohnst, musst du Steuern zahlen.
    1.  
    1. b.
    1. Wo auch immer du wohnst, du musst Steuern zahlen.

Hier ist die Stellung ganz entscheidend für die Interpretation. Während (2a) besagt, dass man an dem Ort Steuern zahlen muss, in dem man wohnt, unabhängig davon, wo dieser Ort liegt, besagt (2b), dass man, egal wo man wohnt, Steuern zahlen muss. Im Fall von (2a) liegt ein freier Relativsatz vor; dort könnte eingefügt werden, was die lokaladverbiale Funktion verdeutlicht (Wo auch immer du wohnst, dort musst du Steuern zahlen). In (2b) dagegen wird eine Bedingung genannt, die für die Gültigkeit des Bezugssatzes jedoch nicht relevant ist. Es liegt ein Irrelevanzkonditional vor.

Bei den Ausdrucksmitteln, die alleine nicht eindeutig Irrelevanzkonditionalsätze kennzeichnen können (auch wenn, w-Element+auch immer), spielt die syntaktische Integration oder Nicht-Integration des Satzes, in dem sie vorkommen, also eine große Rolle für die Interpretation. Als Irrelevanzkonditionalsätze können diese Sätze im Allgemeinen nur nicht-integriert, d.h. im linken Außenfeld, parenthetisch im Mittelfeld oder als eigene Informationseinheit im Nachfeld auftreten.

Unter bestimmten Bedingungen können auch Konditionalsätze mit Bezug auf die Proposition nicht-integriert im linken Außenfeld stehen. Ein Faktor, der die nicht-integrierte Stellung begünstigt, ist, dass es sich um eine nicht-verwirklichte Bedingung handelt (vgl. Heidolph / Flämig / Motsch 1981: 798 „irrealer Konditionalsatz“):

    1. (3)
    1. Wenn ich dich eher getroffen hätte, ich wäre nie nach Greifswald gefahren.

Hier kommt ein Faktor ins Spiel, den König / van der Auwera (1988: 111) als „getrennte Assertierbarkeit“ benannt haben. Darunter verstehen sie, dass das Konsequens als eine eigenständige Assertion auftreten könnte. Im Fall von irrealen Konditionalsätzen kann das Konsequens unabhängig vom Antezedens assertiert werden, da durch den Konjunktiv II der Inhalt als hypothetisch gekennzeichnet ist.

Einen weiteren begünstigenden Faktor, der in Zusammenhang mit der „getrennten Assertierbarkeit“ für wenn-Sätze steht, sehen König / van der Auwera (1988) in einem faktischen Charakter des Konditionalsatzes4. Ein Beispiel für ein faktisches Konditional, bei dem die in beiden Teilsätzen ausgedrückten Sachverhalte nicht hypothetisch sind, liegt in folgendem Satz vor5:

    1. (4)
    1. Wenn ich als Maler schlecht war, als Bildhauer jedenfalls war ich ein Erfolg/eine Katastrophe.

In diesem Beispiel wird deutlich, dass auch prosodische und informationsstrukturelle Faktoren die nicht-integrierte Stellung begünstigen. Hier scheint ein Kontrastakzent auf Bildhauer für die Zulässigkeit der desintegrierten Position des wenn-Satzes ganz entscheidend zu sein. Sowohl Maler als auch Bildhauer erhalten einen Fokusakzent und werden dadurch kontrastierend zueinander in Beziehung gesetzt. Durch den Adverbkonnektor jedenfalls in der „Nacherstposition“, der den Topikwechsel anzeigt und einen Akzent auf dem Bezugsausdruck erzwingt, wird als Bildhauer als „gebundenes Topik“ (Breindl 2008: 27) markiert. Dies ist nur möglich, weil der zweite Teilsatz ein Vorfeld enthält. Hier liegt im Grunde eine adversative Bedeutung vor, für die ein Kontrastakzent in beiden Teilsätzen nötig ist (vgl. Pittner 1999: 297).

Neben der getrennten Assertierbarkeit und dem Vorhandensein gebundener Topiks können auch Emphase und kontrastierende Fokussierung allgemein eine Rolle spielen (vgl. König / van der Auwera 1988: 129, Fn. 5; Pittner 1999: 249, 297). Im folgenden Satz liegt ein Kontrastakzent auf dem Element im Vorfeld des Matrixsatzes6:

    1. (5)
    1. Wenn dieser Satz unter die Literaten käme, steinigen würden sie mich! (König / van der Auwera 1988: 124)

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Irrelevanzkonditionalsätze und Konditionalsätze nicht-integriert im linken Außenfeld stehen können, wenn ihr Bezugssatz unabhängig assertierbar ist. Dies ist der Fall, wenn der Bezugssatz unabhängig vom Adverbialsatz gültig ist. Die nicht-integrierte Stellung des Adverbialsatzes und die Verbzweitstellung im Bezugssatz können als ikonische Markierung seiner unabhängigen Gültigkeit gesehen werden. Durch diese nicht-integrierte Stellung erhält der Bezugssatz seine informationsstrukturelle Unabhängigkeit und eine eigene Topikposition.

2.2 Sprechaktadverbiale

Sprechaktadverbiale beziehen sich nicht auf die Proposition ihres Bezugssatzes, sondern auf die mit ihrem Bezugssatz ausgeführte Handlung. Adverbiale mit Bezug auf den Sprechakt können nicht-integriert vor dem Satz stehen, auf den sie sich beziehen. Auch hier gilt, dass die nicht-integrierte Stellung unabdingbar ist, wenn sonst ein falscher Bezug auf die Proposition zustande kommen würde (vgl. Pittner 1999; s. die folgenden Beispiele aus Zaefferer 1987: 266). In (6a) liegt ein Sprechaktadverbial vor, in (6b) ein propositionsbezogener Konditionalsatz.

    1. (6)
    1. a.
    1. Wenn du mir eine Bemerkung erlaubst: du bist außergewöhnlich guter Laune.
    1.  
    1. b.
    1. Wenn du mir eine Bemerkung erlaubst, bist du außergewöhnlich guter Laune.

Eine disambiguierende Funktion kann die Stellung bei sogenannten Relevanzkonditionalen haben, die angeben, unter welcher Bedingung die Äußerung relevant ist (7a). Wenn der Konditionalsatz im Vorfeld steht, würde ein propositionaler Bezug entstehen (7b), der jedoch nicht intendiert ist, ebenso bei Linksversetzung (7c):

    1. (7)
    1. a.
    1. Wenn du Hunger hast, der Kühlschrank ist voll.
    1.  
    1. b.
    1. *Wenn du Hunger hast, ist der Kühlschrank voll.
    1.  
    1. c.
    1. *Wenn du Hunger hast, dann ist der Kühlschrank voll.

Auch Irrelevanzkonditionale können Sprechaktbezug haben. Mit ihnen werden „mögliche Vollzugsbedingungen für den Sprechakt, der mit der Apodosis vollzogen wird, zur Sprache gebracht und beiseite geschoben“ (Haspelmath / König 1998: 570). Leuschner zufolge zeigen die sprechaktbezogenen Irrelevanzkonditionale an, „dass sich der Sprecher der Gefahr eines Gesichtsverlusts seitens des Hörers bewusst ist“, und er „den gesichtsbedrohenden Sprechakt, der mit der Apodosis vollzogen wird, dennoch als kooperativ erscheinen lassen“ will (Leuschner 2005: 285). Im Fall von alternativen Irrelevanzkonditionalen wird angezeigt, dass Bedingungen für eine erfolgreiche Sprechhandlung erfüllt sein können oder auch nicht, wie in den folgenden Beispielen:

    1. (8)
    1. Und ob man es glaubt oder nicht: Eine vollgeladene Spülmaschine arbeitet energetisch gesehen sparsamer, als wenn man Teller und Tassen regelmäßig „mal eben“ mit der Hand wäscht. (Geld und Gewinn 2/2022, S. 19)
    1. (9)
    1. Ob es Ihnen gefällt oder nicht: Ihr Vortrag war einfach langweilig. (Zaefferer 1987: 267)

Auf den Sprechakt bezogene Irrelevanzkonditionale müssen nicht linksperipher auftreten, sondern können final oder auch satzintern stehen, wie im folgenden Beispiel:

    1. (10)
    1. Man muss dich ja / ob du das nun gerne hörst oder nicht / immer erst ein bisschen aus der Reserve locken. (Leuschner 2005: 285, Hörbeleg)

Sowohl bei den Adverbialsätzen mit Propositionsbezug, die im linken Außenfeld auftreten können, wie auch bei den Sprechaktadverbialen deutet die nicht-integrierte Stellung auf eine vom Adverbialsatz unabhängige Gültigkeit des Bezugssatzes hin. Die Stellung im linken Außenfeld kann dabei disambiguierend wirken in Fällen, wo ein Sprechaktbezug oder die Interpretation als Irrelevanzkonditional nicht eindeutig wäre.

Mit der nicht-integrierten Stellung weisen Irrelevanzkonditionale eine wichtige Eigenschaft von Freien Themen auf. Im folgenden Abschnitt soll gezeigt werden, dass es weitere Eigenschaften gibt, die für eine Funktion von ob…oder-Phrasen als Freie Themen sprechen.

3. Ob …oder-Phrasen im linken Außenfeld

Auf die Zusammenhänge zwischen Konditionalsätzen und Topiks bzw. Freien Themen ist schon verschiedentlich hingewiesen worden. Haiman (1978) zeigt, dass die Marker für Topiks und Konditionalsätze in vielen Sprachen gleich sind und führt aus, dass die Definitionen von Topik und Konditionalsätzen Ähnlichkeiten aufweisen. Topiks wie auch Konditionalsätze stellen „givens“ dar, die einen „frame of reference“ für die Interpretation des folgenden Satzes bilden (Haiman 1978). Ebert / Ebert / Hinterwimmer (2014) argumentieren, dass indikativische Konditionalsätze aboutness-Topiks sind, die ein Thema benennen, über das eine Aussage gemacht wird, und beschreiben Relevanzkonditionale als ‚relevance topics‘. Irrelevanzkonditionale sind m.W. aber noch nicht eingehend unter diesem Gesichtspunkt betrachtet worden. Im Folgenden soll gezeigt werden, dass ob…oder-Phrasen im linken Außenfeld einige Eigenschaften von Freien Themen aufweisen, wie sie Altmann (1981) beschrieben hat.

Im Vergleich mit linksversetzten Elementen sind Freie Themen loser an den Bezugssatz angebunden. Bei der Linksversetzung wird der im linken Außenfeld befindliche Ausdruck durch ein d-Pronomen wieder aufgenommen, das in Kasus, Genus und Numerus mit dem linksversetzten Ausdruck kongruiert und in der Regel im Vorfeld steht. Zwischen Linksversetzung und folgendem Satz tritt keine Pause auf, die linksversetzte Phrase ist auch intonatorisch integriert, während Freie Themen durch eine Pause vom folgenden Satz abgegrenzt sind und eine eigene Intonationskontur aufweisen können7. Freie Themen sind syntaktisch weniger integriert als linksversetzte Elemente und stehen bei gemeinsamem Auftreten davor. Wegen der Pause, die in der gesprochenen Sprache nach einem Freien Thema auftritt, ist Altmann (1981: 130) zufolge die umgekehrte Reihenfolge nicht möglich. Das Freie Thema kann im darauf folgenden Satz auf verschiedene Weisen wieder aufgenommen werden, etwa durch ein beliebiges koreferentes Pronomen, ein Hypo- oder Hyperonym oder auch ein anderes thematisch assoziiertes Element. Die Wiederaufnahme „unterliegt allein der pragmatischen Maxime der Relevanz, die sichert, daß zwei aufeinanderfolgende Ausdrücke dieser Art thematisch in irgendeiner Weise miteinander verbunden sind“ (Altmann 1981: 49). Eine ähnliche Idee beinhaltet der Begriff relevance topic bei Ebert / Ebert / Hinterwimmer (2014).

Obwohl Altmann (1981: 134) anmerkt, dass ein Freies Thema aus beliebig vielen, auch koordinativ verknüpften Nominalphrasen bestehen kann, haben solche mehrgliedrigen Formen der Freien Themen bislang kaum Beachtung gefunden. Die linksperipheren ob…oder-Phrasen erfüllen somit mehrere wichtige Voraussetzungen für eine Interpretation als Freies Thema: Sie stehen desintegriert vor dem Bezugssatz und enthalten mehrere Phrasen, die auf den folgenden Satz quasi vorausverweisen und ihn rahmen. Linksperiphere ob…oder-Phrasen geben oft keine Bedingungen an, die für die Gültigkeit des folgenden Satzes nicht relevant sind, sondern üben für das linke Außenfeld typische Funktionen aus, wie die Aufmerksamkeit zu erregen und die folgende Äußerung zu rahmen (attention-getting, framing, vgl. Beeching / Detges 2014).

Oft benennen sie mehrere Beispiele für eine Einheit, die im folgenden Satz genannt wird, wie in den folgenden Beispielen:

    1. (11)
    1. Ob Allianz, Generali, Zurich oder R + V – fast alle Lebensversicherer verkaufen ihre Policen über Vertreter, Makler, Großvertriebe oder Banken. (Süddeutsche Zeitung, 2. November 2022, S. 14)
    1. (12)
    1. Ob Ukraine-Krise, der Fall Khashoggi oder Autozölle: Die Liste der Konfliktherde ist lang. (G20-Gipfel, Globale Konflikte vor Eskalation, upday-notice 30.11.18)
    1. (13)
    1. Ob bei Erdbeben, Waldbrand, Ölpest oder Flut: Die ehrenamtlichen Helfer des Technischen Hilfswerks sind bei Katastrophen schnell zur Seite – weltweit. (Gong 37/2023, S. 14, Subheadline zu Retter in der Not)

In diesen Belegen werden Beispiele für die im folgenden Satz thematisierten Lebensversicherer, Konfliktherde und Katastrophen genannt.

Die Beziehung zu einem Element im folgenden Satz kann aber auch etwas indirekter sein. In (14) gibt es einen Zusammenhang zwischen den Landesbauordnungen und den in der ob-Phrase genannten Einheiten, die davon betroffen sind. In (15) gibt die ob…oder-Phrase Beispiele für das im Bezugssatz beschriebene Verhalten der Deutschen. Und in (16) nennt sie den Grund für den im folgenden Satz beschriebenen Sachverhalt.

    1. (14)
    1. Ob bei Parkplätzen, Brandschutz oder Brüstungshöhen: Trotz aller Bemühungen der Politik herrscht in den Landesbauordnungen föderaler Wildwuchs. (Spiegel Nr. 6, 4. Februar 2023, S. 62)
    1. (15)
    1. (Teil der Subheadline) Ob die Krankenversicherung für den Hund oder die Police fürs Reisegepäck: Viele Deutsche gehen gern auf Nummer sicher. (Spiegel Finanzmagazin Nr. 1/2023, S. 9)
    1. (16)
    1. Ob Verdienst, Erbe oder Schenkung – plötzlich ist Geld auf dem Konto. (Frankfurter Allgemeine Zeitung Nr. 122, 28. Mai 2024, S. 23)

Meist handelt es sich bei den Konjunkten um Nominalphrasen, seltener um Präpositionalphrasen wie in (13) und (14) oder um Sätze, wie in den folgenden Beispielen:

    1. (17)
    1. Ob das nun die platten Pornofigürchen eines Tom Otterness oder der krude Realismus von Richard Bosman und Eric Fischl sind, als ernsthafte Beiträge zur zeitgenössischen Kunst lassen sich diese amerikanischen Malversuche kaum akzeptieren. (Die Zeit Nr. 48/1994)
    1. (18)
    1. Ob es um Biodiversität, Kriegsopfer, Long Covid oder Modernisierungsverlierer geht – immer stellt sich die Frage: Welcher Verlust erscheint „betrauerbar“ (Judith Butler) und welcher nicht? (Andreas Reckwitz: Unwiederbringlich verloren – Verluste soziologisch gesehen. Forschung und Lehre 10/23, S. 759)

Dass es sich nicht mehr um alternative Bedingungen handelt, sondern eher um eine Aufzählung von Einheiten, über die im Bezugssatz etwas ausgesagt wird, wird auch daran deutlich, dass die Konjunktion oder auch fehlen kann, wie im folgenden Beispiel8:

    1. (19)
    1. Ob Hieroglyphen, Brailleschrift, Tastaturen, Morsecode, Katakana, Emojis - es gibt kaum etwas, das auf einer Entdeckungsreise durch Sprachen und Alphabete nicht erkundet wird. (Buchprospekt Frölich & Kaufmann 23/2023, 113)

Auch dass mehrere ob…oder-Phrasen wie in (20) gereiht werden können und statt oder auch und auftreten kann, wie in (21), zeigt, dass es sich hier um Aufzählungen von für den folgenden Satz relevanten Einheiten handelt:

    1. (20)
    1. Ob Granada oder Córdoba oder Sevilla, ob grandiose Kuppeln oder filigrane Ornamente, kunstvoll geflieste Innenhöfe oder paradiesische Gärten: Mit eindrucksvollen Farbbildern und detaillierten Texten präsentiert Legler die Pracht der maurischen Herrscher von Al-Andalus und ihrer vielen Nachahmer. (Die Zeit, 16.11.2006, Nr. 47)
    1. (21)
    1. Ob Freistoß, Elfmeter und Tor beim Fußball, ob actionreiche Verfolgungsjagd im Film: Auf einem tollen Fernseher macht das Zusehen besonders Spaß. (Test 11/2022, S. 37)

Damit kommen die ob-Phrasen in ihrer Funktion vorangestellten Nominalphrasen sehr nahe, die oft keinen Konnektor (22) – (24) oder und (25) bzw. oder (26) als Konnektor aufweisen. Diese Phrasen im linken Außenfeld geben den Leser:innen eine Vororientierung, worum es in dem folgenden Satz geht.

    1. (22)
    1. Despoten, Massen, Rohstoffe: Der britische Historiker Orland Figes erklärt Konstanten der russischen Geschichte. (Subheadline Süddeutsche Zeitung Nr. 279, 3./4. Dezember 2022)
    1. (23)
    1. Klimakrise, Kinderarmut, häusliche Gewalt: Es gibt viele Themen, die Familien betreffen. (Subheadline Süddeutsche Zeitung 10./11. Dezember 2022, S. 45)
    1. (24)
    1. Baustellenchaos, Spurabbau, Parkplatztilgung, Tempo 20: Die rot-grüne Stadt Zürich tut zurzeit alles, um die letzten Autofahrer zu vertreiben. (Neue Zürcher Zeitung, 23. August 2025, S. 15, Subheadline zum Artikel „Eine Stadt schottet sich ab“)
    1. (25)
    1. Russische Propaganda, Deepfakes und virale Falschbehauptungen: Das Netz wird von Lügen geflutet. (Subheadline zum Essay Wert der Wahrheit, Süddeutsche Zeitung Nr. 189, 17./18. August 2024, S. 22)
    1. (26)
    1. Neue Fenster oder Photovoltaik auf dem Dach: Für viele Energiespar-Maßnahmen braucht der Einzelne die Zustimmung der Eigentümergemeinschaft (Subheadline Süddeutsche Zeitung Nr. 255, 5./6. November 2022)

Auch andere Formen von Irrelevanzkonditionalen treten – allerdings seltener – als Freies Thema auf. Es eignen sich nur alternative Irrelevanzkonditionale, die Aufzählungen mehrerer Elemente enthalten. Das folgende Beispiel zeigt mit sei es einen Marker für alternative Irrelevanzkonditionale in dieser Funktion:

    1. (27)
    1. [Günther Jauch (l.), im Sommer 66 Jahre alt geworden, kann auf eine rund 40-jährige Karriere zurückblicken.] Sei es die Goldene Kamera, der Adolf-Grimme-Preis oder der „Krawattenmann des Jahres“: Der Fernseh- und Hörfunkmoderator hat schon so ziemlich jede Auszeichnung eingestrichen, die es in der Medienlandschaft zu gewinnen gibt. (Gong 46/2022, S. 52, in der Ankündigung der Sendung „Das Phänomen Günther Jauch“)

Wie schon deutlich wurde, gibt es zwischen Elementen im linken Außenfeld Unterschiede im Grad ihrer syntaktischen Desintegration. So sind, wie bereits erwähnt, Freie Themen stärker desintegriert als linksversetzte Elemente. Auch bei den nicht-integrierten Irrelevanzkonditionalen sind noch einmal Unterschiede zu finden: Irrelevanzkonditionale sind als Sprechaktadverbiale stärker desintegriert als solche mit Bezug auf die Proposition. Dies wird daran deutlich, dass propositionsbezogene Irrelevanzkonditionale durch ein resumptives so im Vorfeld stärker an den folgenden Satz angebunden werden können (vgl. König / van der Auwera 1998; d’Avis 2004)9. In diesen Fällen muss im Bezugssatz doch oder ein anderes adversatives Element auftreten, wie in (28). Für sprechaktbezogene ob…oder-Phrasen scheint die Integration durch so marginal auch noch möglich zu sein (vgl. (29)), nicht dagegen in ihrer Funktion als Freie Themen (30):

    1. (28)
    1. Ob es regnet oder nicht, so werden wir doch nicht zuhause bleiben.
    1. (29)
    1. ?Ob du es hören willst oder nicht, so ist er doch ein ziemlicher Flop.
    1. (30)
    1. *Ob Ukraine-Krise, der Fall Khashoggi oder Autozölle, so ist die Liste der Konfliktherde lang.

Von den ob…oder-Phrasen weisen die Freien Themen den geringsten Integrationsgrad auf, die nur in einer linksperipheren Position vor anderen Adverbialsätzen stehen können. In den folgenden Beispielen steht das Freie Thema vor einem Irrelevanzkonditionalsatz, die umgekehrte Reihenfolge wäre nicht möglich:

    1. (31)
    1. Ob Senkung der Einkommensteuer mit besonderer Bevorzugung der Reichen, Schwächung der Gewerkschaften, Privatisierung, Deregulierung, wie sehr Labour auch protestierte und die Rückkehr zu den alten Zuständen versprach, der Wähler stellte sich taub, akzeptierte die Hinwendung zu dem rigorosen Kapitalismus mit seiner Atomisierung der Gesellschaft und bestätigte die Konservativen dreimal im Amt. (DIE ZEIT Nr. 31, 28. Juli 1995)
    1. (32)
    1. Ob Reizdarm, Unverträglichkeiten oder Allergien – welche Ursache auch verantwortlich ist für zu viel Luft im Bauch: Die richtige Ernährung ist der Königsweg zu einem leichteren Lebensgefühl. (Prospekt Rhenania 7/2023, S. 55)

Auch an dem zusätzlichen Auftreten zu einem Irrelevanzkonditional wie in (31) und (32) wird deutlich, dass es sich bei der ob…(oder)-Phrase nicht um ein Irrelevanzkonditional handelt.

Die syntaktische Desintegration wird in der geschriebenen Sprache häufig durch einen Doppelpunkt gekennzeichnet, der das Vorangegangene als Ankündigung markiert. Seltener treten ein Komma oder ein Gedankenstrich auf. In dieser Hinsicht unterscheiden sich die ob…oder-Phrasen als Freie Themen jedoch nicht von nicht-integrierten Adverbialsätzen im linken Außenfeld, die ebenfalls häufig durch Doppelpunkte von ihrem Bezugssatz abgetrennt sind (s. Pittner i.E.).

4. Textfunktionen

Nachdem nun gezeigt wurde, dass sich ob…oder-Phrasen als Freie Themen in verschiedener Hinsicht von Irrelevanzkonditionalen unterscheiden, stellt sich die Frage, wie es zur Ausbildung der Funktion als Freie Themen kommen kann und wie ein Brückenkontext aussehen kann, der den Übergang von der einen in die andere Funktion ermöglicht. In engem Zusammenhang damit stehen die Textfunktionen dieser Phrasen.

Zunächst einmal ist festzustellen, dass vorangestellte Adverbialsätze häufig eine rahmensetzende, orientierende Funktion haben (s. z.B. Ford 1993; Diessel 2005: 463f.). Diese Funktion der Rahmung teilen vorangestellte Adverbialsätze mit Freien Themen. Auf die enge Verwandtschaft von Konditionalsätzen zu Topiks wurde schon in Abschnitt 3 hingewiesen. Leuschner (2005: 298) erwägt eine Funktion als Frameadverbiale für Irrelevanzkonditionale; sie stellen einen Interpretationsrahmen für den folgenden Satz dar. Dies begünstigt eine Uminterpretation der ob…oder-Phrasen zu Freien Themen.

Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch, dass Irrelevanzkonditionale mit ob nicht alle Bedingungen erschöpfend aufzählen müssen, wie Breindl im HdK bemerkt: „Die Antezedenz-Bedingungen können sowohl erschöpfend aufgezählt sein als auch exemplarisch für die gesamte Menge gedacht sein“ (Breindl 2014: 974). Dass die Bedingungen nur beispielhaft genannt sein können, ermöglicht eine Uminterpretation von vorangestellten ob…oder-Phrasen als exemplarische Aufzählung von für den folgenden Satz relevanten Einheiten. Irrelevanzkonditionale sind in der Regel sentential, doch liegen in einzelnen Fällen keine Sätze vor. Trotzdem können bestimmte Nominal- und Präpositionalphrasen noch als Bedingungen interpretiert werden, wie in den folgenden Beispielen:

    1. (33)
    1. Ob Verdienst, Erbe oder Schenkung – plötzlich ist Geld auf dem Konto. (Frankfurter Allgemeine Zeitung Nr. 122, 28. Mai 2024, S. 23)
    1. (34)
    1. Egal ob bei Clintons Amtsantritt, zum Höhepunkt der Euro-Krise in Griechenland oder nun in Großbritannien: Wenn internationale Großanleger allzu spendable Füllhornpolitik wittern, rufen sie die Nationen verlässlich zur Räson. (Süddeutsche Zeitung Nr. 251, 31. Oktober/1. November 2022, S. 16)

Solche Nominal- und Präpositionalphrasen mit irrelevanzkonditionalem Charakter eröffnen die Möglichkeit für das Auftreten anderer nicht-sententialer Phrasen in dieser Konstruktion. Dass oft nur einige Beispiele genannt werden, wird daran deutlich, dass ein Indifferenzmarker (‚Gleichgültigkeitspräfix‘) wie egal hinzutreten kann:

    1. (35)
    1. Egal ob Alfred Brendel, Keith Jarrett oder Chilly Gonzales, die Meister ihres Fachs kommen ihren Zuhörern so nah wie nur wenige. (Süddeutsche Zeitung Nr. 273, 26./27. November 2022, S. 19)
    1. (36)
    1. Egal ob wilde Dünenlandschaften oder malerische Hansestädte: Ein Haus an der deutschen See erscheint vielen Menschen reizvoll – egal ob als Erstwohnsitz, lang ersehnte Altersresidenz oder Urlaubsdomizil am Meer. (Frankfurter Allgemeine Zeitung Nr. 130, 6. Juni 2024, S. 21) (Erster Satz im Artikel „Das Haus am Meer wird teurer“)

Die Einleitung mit ob, eventuell verstärkt durch egal, ermöglicht die Interpretation einer beispielhaften Nennung von für den folgenden Satz relevanten Einheiten, die in keiner Weise erschöpfend sein muss. In besonderem Maße gilt das für das folgende Beispiel, in dem zwei hervorstechende Fälle stellvertretend für eine Million Arten genannt werden:

    1. (37)
    1. Ob Wildbiene oder Blauwal: Eine Million von acht Millionen Arten ist vom Aussterben bedroht, der Kreislauf des Lebens auf der Erde akut gefährdet. (Subheadline Süddeutsche Zeitung Nr. 290, 16. Dezember 2022, S. HF2)

In der bloß exemplarischen Nennung kann auch ein Unterschied zu den Freien Themen bestehen, die nicht durch ob eingeleitete Aufzählungen enthalten. In Beispielen wie (22) wird eher Vollständigkeit suggeriert als in durch ob eingeleiteten Phrasen, bei denen eine eher exemplarische Nennung, eventuell noch verstärkt durch egal, signalisiert wird.

Aufgrund der linksperipheren Stellung der ob…(oder)- und auch sei es-Phrasen können sie bestimmte Textfunktionen ausüben. Linksperiphere ob…oder-Phrasen treten häufig in Schlagzeilen oder Subheadlines auf, wie in den folgenden Beispielen:

    1. (38)
    1. Ob Fußball oder Actionfilm: Ein TV-Gerät sollte Bewegungen ruckelfrei darstellen. (Test 11/2022, S. 37)
    1. (39)
    1. [Überschrift: Hör, was du willst, aber höre es richtig.] Ob Rock oder Sport, mit der neuen Generation Radio gibt es mehr Auswahl, mehr Qualität, mehr Freiheit (Anzeige DAB+, Süddeutsche Zeitung 12./13. November 2022, S. 19)
    1. (40)
    1. Ob Fünf-Sterne-Hotel oder Weinzelt: Für den Gastronomen gehört Luxus zum Alltag. (Subheadline Süddeutsche Zeitung Nr. 142, 22./23. Juni 2024, S. 46)

Die ob…oder-Phrasen sind als Schlagzeilen oder Subheadlines besonders geeignet, da sie eine Reihe von Begriffen nennen, die die Neugier der Leser:innen wecken können, was eine wichtige Funktion von Schlagzeilen ist (s. di Meola 1998). Durch die Nennung verschiedener Einheiten spannen die ob…oder-Phrasen ein breites thematisches Spektrum auf und zeigen damit eine Nähe zu universalen Irrelevanzkonditionalen (was auch immer es sei)10. Sie können durch sehr bildlich ansprechende Beschreibungen einen Leseanreiz bieten, wie im folgenden Beispiel:

    1. (41)
    1. Ob Granada oder Córdoba oder Sevilla, ob grandiose Kuppeln oder filigrane Ornamente, kunstvoll geflieste Innenhöfe oder paradiesische Gärten: Mit eindrucksvollen Farbbildern und detaillierten Texten präsentiert Legler die Pracht der maurischen Herrscher von Al-Andalus und ihrer vielen Nachahmer. (http://www.zeit.de/2006/47/Lesezeichen)

Bei einer Stellung nach ihrem Bezugswort haben die Phrasen mit ob…oder und sei es eine andere Funktion. In (42) wird nachträglich das Bezugsnomen näher spezifiziert, und in (43) werden Beispiele für ‚seinem Ärger Luft machen‘ gegeben. In diesen Fällen fehlt die rahmende Funktion, die in der linken Außenfeldstellung auftritt:

    1. (42)
    1. Lassen wir uns von der Empörung – ob online oder offline echt oder gespielt – nicht irre machen. (Steve Ayan, 2022; Was man noch sagen darf. Die neue Lust am Tabu. Heidelberg: Carl-Auer, S. 83)
    1. (43)
    1. Ob man körperlich oder geistig seinem Ärger Luft macht, hat übrigens die gleiche Wirkung – ob brüllen, raus in die Natur oder Tagebuch schreiben. (Orthomol-Informationen für den Verbraucher 05/2022, S. 21)

Der Unterschied von vorangestellten und nachgestellten (egal) ob-oder-Phrasen wird auch im folgenden Beispiel deutlich. In (44) regt die egal ob-Phrase im linken Außenfeld die Fantasie an, während die am rechten Satzrand befindliche egal ob-Phrase etwas prosaischer die Möglichkeiten der Nutzung eines Hauses am Meer näher ausführt:

    1. (44)
    1. Egal ob wilde Dünenlandschaften oder malerische Hansestädte: Ein Haus an der deutschen See erscheint vielen Menschen reizvoll – egal ob als Erstwohnsitz, lang ersehnte Altersresidenz oder Urlaubsdomizil am Meer. (Frankfurter Allgemeine Zeitung Nr. 130, 6. Juni 2024, S. 21) (Erster Satz im Artikel „Das Haus am Meer wird teurer“)

Während ob…oder-Phrasen im linken Außenfeld oft nur lose thematisch mit dem folgenden Satz assoziiert sein können, haben nachgestellte ob…oder-Phrasen häufig die Funktion, einen Begriff im vorangehenden Satz durch Nennung mehrerer Beispiele näher zu erläutern.

Wie vorangestellte Nominalphrasen, die als mehrgliedrige Freie Themen fungieren (s. (22)-(26)), treten ob…oder-Phrasen häufig in Überschriften und Subheadlines auf, was darauf hindeutet, dass sie durch exemplarische Nennung einiger Beispiele einen thematischen Rahmen aufspannen, der einen Leseanreiz bieten kann.

5. Fazit

Irrelevanzkonditionale und Sprechaktadverbiale können nicht-integriert am linken Satzrand auftreten, was die vom Adverbialsatz unabhängige Gültigkeit ihres Bezugssatzes spiegelt. Es wurde gezeigt, dass ob…oder-Phrasen und seltener auch sei es-Phrasen im linken Außenfeld, die bestimmte Eigenschaften mit Irrelevanzkonditionalen teilen, als Freie Themen fungieren können. Sie benennen nicht wie Irrelevanzkonditionale mehrere Bedingungen, die für die Gültigkeit des Bezugssatzes irrelevant sind, sondern geben meist mehrere Beispiele für eine im folgenden Satz thematisierte Entität. In ihrer Funktion als Freies Thema sind ob…oder-Phrasen stärker desintegriert als in ihrer Funktion als Sprechaktadverbiale, die wiederum stärker desintegriert sind als Irrelevanzkonditionale mit Bezug auf die Proposition. Skizziert wurde auch ein möglicher Brückenkontext. Dadurch, dass alternative Irrelevanzkonditionale mehrere Bedingungen enthalten, die auch nur exemplarisch genannt sein können, wird eine Uminterpretation von ob,,,oder-Phrasen oder auch durch sei es eingeleiteten Phrasen zu mehrgliedrigen Freien Themen ermöglicht.

Als Freie Themen geben ob…oder-Phrasen den Leser:innen eine Vororientierung, worum es im Folgenden geht. Sie sind häufig in Schlagzeilen oder Subheadlines zu finden, in denen sie einen Leseanreiz bieten können. Weitere Forschung zu dieser Konstruktion kann Aufschluss über ihre diachrone Entwicklung, ihr Auftreten in verschiedenen Textsorten und in der gesprochenen Sprache geben.

Notes

  1. Zifonun / Hoffmann / Strecker (1997: 1085) rechnen auch die Linksversetzung zum linken Außenfeld und sprechen von linksangebundenem und freiem Thematisierungsausdruck. Bei Altmann (1981) gelten sowohl Freie Themen als auch Linksversetzungen als Herausstellungen nach links. Zu ihrem unterschiedlichen Integrationsgrad s. Abschnitt 3. [^]
  2. Dies zeigt ein Korpus von Baschewa (1983: 98), in dem 68 von 81 der durch ein w-Elemente eingeleiteten Irrelevanzkonditionalsätze 84% nicht integriert sind und der Rest durch so wiederaufgenommen wird (vgl. Baschewa 1980: 218). [^]
  3. S. dazu auch Breindl (2014: 966), Leuschner (2005: 282) und die dort zitierte Literatur. [^]
  4. Zu weiteren begünstigenden Faktoren gehören nach König / van der Auwera (1988) bestimmte Abweichungen des tatsächlich ausgedrückten vom gemeinten Antezedens, und ein anaphorischer Bezug im Konsequens auf das Antezedens. [^]
  5. Dies ist die deutsche Übersetzung des niederländischen Beispiels bei König / van der Auwera (1988: 113). [^]
  6. Zu linksperipheren Konditionalsätzen s. auch Günthner (1999) und Pittner (2000), zum Zusammenhang zwischen der Stellung und der Verknüpfungsebene von Konditional- und Kausalsätzen s. Volodina (2011). [^]
  7. Auf Unterschiede im Bindungsverhalten, die ebenfalls auf eine stärkere syntaktische Integration von Linksversetzungen hindeuten, weist Frey (2004, 2005) hin. [^]
  8. Ein:e Gutachter:in macht darauf aufmerksam, dass oder gelegentlich auch bei Irrelevanzkonditionalen fehlen kann: Ob es regnet, ob es schneit, wir gehen spazieren. [^]
  9. Die Linksversetzung mit so ist im Deutschen rückläufig, tritt jedoch im Gegensatz zum Niederländischen noch auf, vgl. Fußnote 2. [^]
  10. Diesen Hinweis verdanke ich einem:r Gutachter:in. [^]

Dank

Für ihre konstruktiven Kommentare möchte ich mich bei zwei anonymen Gutachter:innen bedanken.

Literatur und Ressourcen

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Biographische Notiz

Karin Pittner hat in München Germanistik und Anglistik studiert und dort promoviert. Nach ihrer Promotion war sie als Wissenschaftliche Assistentin am Institut für Linguistik der Universität Stuttgart tätig. Seit 1999 hat sie den Lehrstuhl für Germanistische Linguistik an der Ruhr-Universität Bochum inne. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der Syntax und der Morphologie sowie auf aktuellen Entwicklungen in der deutschen Sprache.

Kontaktanschrift:

Prof. Dr. Dr. h.c. Karin Pittner

Germanistisches Institut

Ruhr-Universität Bochum

Universitätsstraße 150

44780 Bochum

Karin.pittner@rub.de