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Artikel zum Themenschwerpunkt: Grammatik im Fokus: Theorie – Empirie – Vermittlung, hrsg. von Anna Volodina und Lutz Gunkel

Das Konsonantensystem eines nordwestmittelbairischen Familiendialekts

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  • Das Konsonantensystem eines nordwestmittelbairischen Familiendialekts

    Artikel zum Themenschwerpunkt: Grammatik im Fokus: Theorie – Empirie – Vermittlung, hrsg. von Anna Volodina und Lutz Gunkel

    Das Konsonantensystem eines nordwestmittelbairischen Familiendialekts

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Abstract

Anders als üblich werden in diesem Beitrag die lautlichen Eigenschaften des nordwestmittelbairischen Dialekts einer Familie um 1945 beschrieben. Das geschieht in der Hoffnung auf homogenere Daten, v.a. im Blick auf zukünftige grammatische Beschreibungen. Der Blick richtet sich dabei auf Besonderheiten im Konsonantensystem, weitab von der Standardsprache, nämlich auf meist noch aktive Regeln wie die Nasalierung, die mit einem Wechsel im Paradigma je nach lautlicher Umgebung einhergeht.

The present article is distinguished from its predecessors by its focus on the phonetic characteristics of the northwestern Middle Bavarian dialect as spoken by a family around 1945. This approach is adopted with the objective of achieving more homogeneous data, particularly in anticipation of future grammatical descriptions. The focus of this study is on the peculiarities of the consonant system that deviates from the standard language, with a particular emphasis on rules such as nasalization, which exhibits a change in the paradigm depending on the phonetic environment.

Keywords: lautliche Struktur, Dialektphonetik/-Phonologie, Mittelbairisch, Lautgruppen wie Plosive, Frikative, Lautdistribution, phonological structure, dialect phonology, Middle Bavarian, groups of phonemes like plosives, and fricatives, distribution of phonemes

How to Cite:

Altmann, H., (2026) “Das Konsonantensystem eines nordwestmittelbairischen Familiendialekts”, Korpora Deutsch als Fremdsprache 6(1), 6–16. doi: https://doi.org/10.48694/kordaf.6157

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Published on
2026-08-10

Peer Reviewed

1. Einleitung

Der Beschreibungsgegenstand dieser Untersuchung ist ein Aspekt meines Primärdialekts, der auch der Dialekt meiner Familie etwa im Zeitraum nach dem 2. Weltkrieg bis ca. 1950 im Gebiet zwischen Isar und Donau südöstlich der Isarmündung war1. Das Konsonantensystem des (West)Mittelbair. ist in der Forschung sehr viel mehr umstritten als das Vokalsystem, insbesondere die Plosive, wobei man immer wieder auf Merkmale trifft, die der üblichen Festlegung der Plosive [b d g] und [p t k] widersprechen, z.B. Stimmlosigkeit bei [b d g]; dazu die ominöse ‚Schärfung‘, für die aus phonetischer Sicht kein lautliches Merkmal zu finden ist2. Schikowski kommt zu der Einsicht, dass der einzige Ausweg aus diesem Dilemma über die Quantität führt, wobei er dieser Position nicht konsequent folgt. Stattdessen sucht er einen Weg über die Untersuchung der Engebildung.

Traditionell ist man gewöhnt, bei der Beschreibung von Vokalen automatisch Quantität, also kurz und lang, als lex-ikalisches Merkmal anzusetzen, und zusätzlich als morphologisches Mittel, z.B. bei bair. Substantiven, bei denen der Quantitätswechsel gelegentlich zur Unterscheidung von Sg. und Pl. angewendet wird: [fiːʃ / fiʃː] 'Fisch'; [diːʃ / diʃː] 'Tisch'. Die Quantitätsänderung bei dem [i] ist klar, nicht dagegen bei [ʃ / ʃː] 'Fisch/Fische', wo ich den Doppelpunkt genauso als Zeichen für die Länge der Konsonanten verwende. Auf ähnlich gelagerte Fälle bei der Klitisierung von Pers.Pron. wurde schon 1981 hingewiesen3: [daːs = ɐ] 'dass er']; [dasː = s] 'dass sie/es'. Auffällig ist dabei, dass alle ein-schlägigen Beispiele den Quantitätswechsel bei Frikativen zeigen, nicht aber bei Plosiven.

Meine Vorgehensweise ist rein synchron. Die vorgeschlagenen Transkriptionen verwenden die aktuelle Version von IPA. Phonologisch irrelevante Variationen werden weggelassen, trotzdem verwende ich eckige = ‚phonetische Klammern‘, da die phonologische Wertung erst zum Schluss erfolgt, wenn das ganze Material ausgebreitet ist. Entscheidend ist für mich letztendlich die Plausibilität der Transkription, wenn sie also alle notwendigen Informationen und die notwendigen Unterscheidungen liefert.

Ich gehe so vor, dass ich zunächst für die einzelnen Gruppen der Konsonanten die komplexen Laut- und Vertei-lungsdaten ausbreite. Es werden jeweils die wichtigsten Funktionen herausgearbeitet und Schlussfolgerungen für die Systematik gezogen. Man muss bei allen Einheiten lange und kurze Varianten unterscheiden sowie Sonderbedingungen bei denjenigen Konsonanten, die in bestimmten Umgebungen grenzüberschreitende Varianten ausbilden, z.B. durch Spirantisierung, Enklise, Abfall einzelner Konsonanten usw. Die erfassten Eigenschaften sollen sich in der IPA-Transkription sammeln und so zu plausiblen Schlüssen führen.

2. Die Plosive

Zunächst zu den Plosiven: [b d g / p t k]. Die Einordnung dieser Plosive im Mittelbairischen ist sehr umstritten. In fast allen Fällen versucht man, die für das Standarddeutsche quasi sakrosankten zwei Gruppen, die stimmlosen und stimmhaften, auch für die mittelbairischen Dialekte beizubehalten, wohl auch im Hinblick auf die sog. Schärfung. Dann aber stellen manche Forscher richtig fest, dass sich die Art und Funktion der Stimmhaftigkeit in der Standardsprache und im mbair. Dialekt unterscheiden. Die weiteren Untersuchungen vorausnehmend würde ich behaupten, dass die Stimmhaftigkeit bei den mbair. Plosiven nicht distinktiv ist, also frei variieren kann. Diese Be-sonderheit des Mbair. geht bei der Annäherung an das Standarddeutsche verloren. Dies zeigen auch die Untersuchungen von Schikowski (2009: 105–107), der bei seinen Untersuchungen Landshuter und ländliche, alte und junge Sprecher als Informanten heranzieht.

Bei den Plosiven [b d g] sind parallele Beispiele (für Minimalpaare) rar, und zwar wegen des (nicht konsequent durchgeführten) Verlusts von auslautendem [g], z.B. bei [gru͡ɐ] 'Krug', und wegen der Spirantisierung von [b] intervokalisch im Inlaut: [grɔːb] 'Grab'/[graː.βɐ] 'Gräber' usw.

Die Hauptunterscheidung bei Plosiven liegt also nicht zwischen [p t k] und [b d g], sondern zwischen den langen und kurzen Varianten von [ b d g ], also [ b d g ] (Kurzkonsonanten) und [ bː dː gː] (Langkonsonanten), durchaus parallel zu den mbair. Vokalen. In beiden Teilsystemen ist nur die Quantität unterscheidend, im Stdt. hingegen auch die Qualität. – Die Distribution ist charakteristisch und wird im Folgenden noch einmal genauer betrachtet, in Bezug auf ihr Vorkommen in Anlaut, Inlaut und Auslaut.

2.1 Die Distribution von [ b d g ]

Im Anlaut: nur Kurzkonsonanten [boːn] 'Boden, [do͡ɐ] 'Tor', [go͡ɐ] 'gar'. Die Langkonsonanten [bː dː gː] gibt es im Anlaut nicht.

Im Inlaut: [b] gibt es nicht intervokalisch nach Langvokal, weil es in dieser Position spirantisiert wird zu [β:]: [ˈheː.βə] 'Hebel'; [grɔːb – ˈgraː.βɐ] 'Grab – Gräber'; aber sehr wohl präkonsonantisch: [hebd] 'hebt'. Die beiden Varianten wechseln im verbalen Paradima: [iː heːb] 'ich hebe'; [ˈheːβ = ə] 'hebe = ich'; [ɛ͡ɐ hebd] 'er hebt'; und auch im nominalen Paradigma; die Spirantisierungsregel ist also noch aktiv.

[d] und [g] gibt es intervokalisch: [ˈhoː.dɐn] 'Hadern', 'Lumpen'; [ˈβaː.gɐl] 'Wäglein'.

Im Auslaut postvokalisch gibt es alle drei Plosive als Kurzkonsonanten: [heːb] '(ich) hebe'; [bo͡ɐd] 'Bart'; [drɔːg] '(ich) trage' und präkonsonantisch: [hebd] '(er) hebt'; [βeds] '(ich) wetze'; [βogs] 'Wachs'. Es kann sich auch um eine Folge von 3 Konsonanten handeln, wobei auch [b] und [d] mit einem anderen Konsonanten kombiniert sein können. Sie sind also Teil von Konsonantenclustern, bei denen man den Vokal als kurz und den Konsonantencluster insgesamt als lang bewerten würde, auch wenn kein einzelner Konsonant davon als lang zu bezeichnen ist, z.B. [heːbsd] 'du hebst'. Zusätzlich gibt es diese Konsonanten nach kurzen Vokalen/postvokalisch noch als Langkonsonanten: [dɛbː] 'Depp'; [βedː] (ich) wette'; [hogː] '(ich) hocke'. Der Zusammenhang mit der Silbenstruktur in der Kombination von Vokal und Konsonant ist offensichtlich, am deutlichsten bei den Paaren Kurzvokal – Langkonsonant und Langvokal – Kurzkonsonant.

2.2 Sonderentwicklungen

Hierbei geht es um Gruppenbildungen aufgrund von parallelem Verhalten: Verlust von Endkonsonanten, Wechsel der Artikulationsklasse, z.B. von Plosiv zu Frikativ, Assimilationen (lautliche Reaktion auf eine bestimmte Umgebung). Diese Entwicklungen können auch im gleichen Paradigma kombiniert auftreten. Generell kann man sagen, dass Plosive im Auslaut zur Schwächung z.B. durch Spirantisierung bis hin zum Verschwinden tendieren.

Sonderentwicklungen bei [b]:

  1. Verlust von [b] im absoluten Auslaut: [fo͡ɐ] 'Farbe'; [iːs ɛ͡ɐm d = fo͡ɐ > b = fo͡ɐ ˈɔː.gfɔːn] ' hat er die Farbe verloren', 'ist er blass geworden'; [kʰo͡ɐ] 'Korb'; [lo͡ɐ] 'Laib'.

  2. Spirantisierung von [b] zu [β] im Inlaut zwischen Vokalen: [ge͡ɪb] > [ˈge͡ɪ.βə] 'gelbe'; [fo͡ɐ] 'Farbe'; [ˈfaː.βən] 'farbähnlich sein'; [faːm] 'färben' (+ bn-Assimilation); [kʰo͡ɐ] 'Korb'; [ˈkʰɛ͡ɐ.βɐl] 'Körblein'; [lo͡ɐ] 'Laib;' [ˈlo͡ɐ.βɐl] 'kleiner Laib'.

  3. [bn̩] -Assimilation zu [m]: [*drɑ͡ɪ.bn̩]4 > [drɑ͡ɪm] 'treiben'; [*ˈrɑ͡ɪ.bn̩] > [rɑ͡ɪm] 'reiben'.

Sonderentwicklungen bei [d]:

Bei [d] tritt kein Verlust am Wortende auf; dagegen treten Konflikte zwischen [d] am Wortende und einem darauf folgenden Konsonanten wie [n, m, l] auf. Im Fall von [dn̩] ist das Ergebnis die Assimilation zu [m]: [*ˈfɔː.dn̩] > [fɔːm] 'Faden'. Eine Variante davon ist das Verschwinden von [d] vor [n]; bei vielen Lexemen ist beides möglich: [*ˈʃo:dn̩] 'Schaden' > [ʃo:n]; [ˈʃlɪd:n̩] > [ˈʃlɪn] 'Schlitten'; [ˈbɪd:n̩ > bɪ:n] 'bitten', 'Fürbitte'; [*ˈbrɔ:.dn̩] > [brɔ:n] 'braten'; [ˈkʰed:n̩] > [ke:n] 'Kette'; [ˈum.gʃnid:n̩] > [ˈum.gʃni:n] 'umgeschnitten'; [ˈßo:.dn̩] > [ßo:n] 'waten'; [*ˈβi:.dn̩] > pl. [βi:n] 'Weide' (Baum); [dɐˈrɔː.dn̩] > [dɐˈrɔːn] 'erraten, es gut treffen'; [ˈdreː.dn̩] > [dreːn] 'treten'; [*ˈreː.dn̩] > [re:n] 'reden'; *[ˈloː.dn̩] > [loːn] 'Laden', [ˈlo:.nɐ.rən] 'Ladnerin'; [ˈβed:.n̩] >*[βe:n̩] 'wetten'; [ˈbed:n̩] > *[be:n] 'Betten'; [ˈbɛdːn̩] > *[ˈbɛːn] 'beten'. Genau dieselbe Erscheinung tritt auch in der Enklise eines Artikels auf: [ ˈmɪ:d = n̩] > [mɪ:n] 'mit dem'. Viele Rätsel finden sich in der Interaktion des [d]-Verlusts mit der Nasalierungsregel5: [ˈʃdɔ͡ɑn.dl̩] > [ʃdɔ͂͡ɑ͂l] 'Steinlein'; [ˈbɔ͡ɑn.dl̩] > [bɔ͂͡ɑ͂l] 'kleiner Knochen'. [d]-Verlust oder Totalassimilation tritt auch bei der Proklise des definiten fem. Artikels vor einem [g]-Wortanlaut auf: [*d = ɡɛ͡ɐm > g = ɡɛ͡ɐm > ɡɛ͡ɐm 'die Hefe'. Zahlreich sind die Beispiele für [d]-Verlust in der Folge [dl]: [ˈb:ɑ͡ɪ.dl̩] > [ˈge͡͡ɪb:ɑ͡ɪlː] 'Geldbeutel'ː [ˈblaː.dl̩] > [blalː] 'Blättlein', [ˈlo͡ɐ.βɐ.blaː.dl̩] 'Lorbeerblatt; [ˈbreː.dl̩] > [brelː] 'Brettlein'; [ˈfens.dɐ.brelː] 'Fenstertbrett'; [*ˈgneː.dl̩] > [gnelː] 'Knödel'; [ˈgɛ͡ɐm.gnelː] Hefeknödel; [ˈsem:ə.gnelː] 'Semmelknödel'; [ˈrɑ͡ɪβɐ.gnelː] 'Reibeknödelˈ; [ˈɛ͡ɐ(rɐ)bfə.gne(d)l], Erdapfelknödel'; [*ˈlaː.dl̩] > [lal:] 'kleine Schublade'; [*ˈnɔ:.dl̩] > [nolː] 'Nadel'; [ˈʃdrig:.nolː] 'Stricknadel'; [ˈʃdobf.nolː] 'Stopfnadel'; [ˈho͡ɐ.noːl] 'Haarnadel'; [*ˈnuː.dl̩] > [nulː] 'Nudel'; [ˈfiŋɐ-nulː] 'Fingernudel'; [ˈsub:m̩.nulː] 'Suppennudel'; [ˈraː.dl̩] > [ralː] 'Rädlein', 'Fahrrad'; [ʃdruːdl̩:] > [ʃdrulː] 'Strudel'; [*ˈβaː.dl̩] > [ˈβalː] 'Wade'; aber kein Wegfall bei z.B.: [rɑ͡ɪn] – [ˈrɑ͡ɪn.dl̩] 'kleine Reine'; [ˈfaː.dl̩] > *[falː] 'beladene Fuhre'. In den meisten Fällen handelt es sich bei dem [-l̩] um ein Diminutivaffix, das die diminuierende Bedeutung oft schon verloren hat.

Sonderentwicklungen bei [g]:

[g]-Verlust im Auslaut: [bflu͡ɐ] 'Pflug'; [ɡə.ˈbɛ͡ɐ] 'bergauf'; [ˈɡni͡ɐ.bi͡ɐ] 'Kniebeuge'; [gnu͡ɐ] 'genug'; [gri͡ɐ] 'Krieg'; [gru͡ɐ] 'Krug'; [ˈʃbrids.gru͡ɐ] 'Gießkanne'; [ˈdɔː.βɐ] 'Tagwerk' (ca. 1/3 Hektar); [ˈdɔː(g).βɛ͡ɐ.xɐn] 'tagwerken'; [ˈdɔː(g).βɛ͡ɐ.xɐ] 'Tagelöhner'; [βeː(g)] 'Weg'; [ʃβɔ͡ɪ] 'Schwaige' = Wiesenhof'; [ʃloː(g)] 'Schlag', aber: [ˈʃlaːgɐl] 'Gehirnschlag'; [so͡ɐ] 'Sorge'; [soː(g)] 'Säge(mühle)'; [ʃdɑ͡ɪ'] 'Steig'; [ˈɡɑŋ.ʃdɑ͡ɪ] 'Gangsteig'.

[d-g]-Assimilation in der Proklise: [d = ɡɛ͡ɐm] 'die Hefe' > [g = ɡɛ͡ɐm] > [ɡɛ͡ɐm] (eine "geschärfte" [g-] Variante).

2.3 Stimmlose behauchte Plosive: [pʰ tʰ kʰ]

Bis jetzt könnte die Behandlung der Plosive mit [b d g] und [bː dː gː] auskommen. Aber es ist zunächst einmal unübersehbar, dass es [pʰ tʰ kʰ] in wortinitialer Position gibt: [kʰɑds] 'Katze', [ˈpʰɑ͡ɔb.dn̩] 'behaupten', [tʰendː] 'die Hand', die 'Hände'. Doch handelt es sich dabei keineswegs um parallele Fälle.

Bei [kʰɑds] tritt das [kʰ] grundständig auf, entsteht also nicht erst durch einen morphologischen Prozess. Das zeigt auch der Sinnspruch [ˈɛndː.βɛ.dɐ ˈoː.dɐ kʰɑds ˈoː.dɐ ˈkʰoː.dɐ] 'entweder oder Katze oder Kater'. Das Wörterbuch6 dieses Dialekts verzeichnet insgesamt 196 Lemmata mit [kʰ] im Anlaut (keine im In-/Auslaut). Minimalpaare sind nicht ganz einfach zu finden; stattdessen müssen sehr ähnliche Wortpaare reichen: [ˈkʰoː.dɐn] (Pl. von [ˈkʰoː.dɐ]) – [goː.dɐn] 'Gatter'; [ˈkʰadː.sɐl] 'Kätzlein' – [dɐ.ˈgadː.sn̩] 'zerquetschen'; [ˈkʰaː.ɡɐ.dsn̩] 'schlimm husten' – [ˈgɑ.gɐ.dsn̩] 'gackern'; [ˈkʰar.dl̩n] 'Karten spielen' – [*ˈgar.dl̩n] / [ˈgaː.dl̩n] 'Gartenarbeiten machen'; [kʰaːs] 'Käse' – [gaːs] 'Gaːs'. – Es handelt sich hier nicht um einen Fall von Proklise. Beim indefiniten Artikel lautet die Form: [ɐ kʰɑds], [ɐ ˈkʰoː.dɐ], bei dem definiten Artikel lautet die Form, zunächst in der Grundform: [*d = kʰɑds], [dɐ ˈkʰoː.dɐ]. Formen mit Kontaktphänomenen hat nur die def. fem. Form: [g = kʰɑds]. [g] und [kʰ] verschmelzen natürlich total zu [kʰ] (allerdings habe ich das Gefühl/die Intuition, dass es da noch einen Unterschied zum reinen [kʰ] gibt, vielleicht so etwas wie ein gedehnter Glottisverschluss, aber das geht über den Status einer Spekulation nicht hinaus).

Bei [ˈpʰɑ͡ɔb.dn̩] liegt der Fall etwas anders: Das [pʰ] entspricht dabei der verbalen Vorsilbe be- im Standarddeutschen, hat aber im Unterschied zu dieser keinen Silbencharakter, damit schwindet offenbar die morphologische Grenze zwischen der "Vorsilbe" b- und dem Simplexverb *[ˈhɑ͡ɔb.dn̩], so dass Kontaktphänomene entstehen, also [ˈpʰɑ͡ɔb.dn̩], so dass man an ein Simplexverb denken könnte. Aber schon das Basisverb *[ˈhɑ͡ɔb.dn̩] ist weder in diesem Dialekt noch im Standarddeutschen isoliert akzeptabel, das "präfigierte Verb" ist idiomatisiert. Nun könnte man annehmen, dass es sich um eine Entlehnung aus dem Standarddeutschen handelt, dass ev. sogar diese Art der Präfigierung in diesem Dialekt gar nicht möglich ist. Um das zu klären, erfasse ich im Folgenden alle Verben, die mit [h] anfangen, und prüfe daraufhin, ob eine Präfigierung mit [b-] möglich ist. Viele Kandidaten fallen allein schon deshalb aus, weil es sich um ein Handlungsverb handeln muss. Es bleiben: [ˈpʰɑ͡ɔ.xɐ] 'behauchen'; [ˈpʰɑn.dl̩n] 'behandeln'; [ˈpʰe͡ɪf:ɐ] 'behelfen'; [pʰe:m] 'beheben'; [ˈpʰeŋɐ] 'behängen'; [ˈpʰi͡ɐd:n̩] 'behüten'; beachte hier die Minimalpaare [ˈbi͡ɐ.dn̩] 'bieten', [ˈhi͡ɐd:n̩] 'hüten'; [ˈpʰo͡ɐd.sn̩] 'beheizen'; [ˈpʰo͡ɪd:n̩] 'behalten'.

Es fällt sofort auf, dass die Beispiele in unterschiedlichem Maße nicht geläufig erscheinen, man würde in den meisten Fällen andere Formulierungen wählen, z.B. [ˈõː.hɑ͡ɔ.xɐ] 'anhauchen' statt ˈpʰɑ͡ɔ.xɐ] 'behauchen'. Das nährt den Verdacht, dass es sich um Analogiebildungen zum Standarddeutschen handelt. Aber auch das ist wohl nicht die ganze Wahrheit, denn es gibt eines unter diesen Verben, das geläufig ist: [ˈpʰo͡ɪd:n̩] 'behalten'. Geläufiger ist allerdings die lautliche Variante: [ˈkʰo͡ɪ.d:n̩] 'behalten' mit genau der richtigen Bedeutung, einer nachdrücklichen Zurückweisung von etwas Dinglichem: [kʰo͡ɪd: = s dɑ̃͡ɪ̃ glumb:] 'behalt ihn, deinen Schrott'. Wie es zu dem Austausch von [pʰ] durch [kʰ] kommt, ist allerdings völlig unklar. Es ist auch nicht das Bildungsmuster [b]-Präfigierung an sich, das unsicher macht, denn es gibt ganz geläufige Beispiele: [ˈbʃɑ̃͡ɪ̃sːn̩] 'bescheißen', [ˈbsuɐ.xɐ] 'besuchen'. Ich behandle Verben vom Typ [ˈpʰɑ͡ɔb.dn̩] wie grundständige Verben ( = Simplexverben), nicht aber die vom Typ [ˈbʃɑ͡ɪsːn̩] = normales präfigiertes Verb. Zusammenfassend stelle ich für [pʰ tʰ kʰ] fest, dass [kʰ] zweifelsfrei zum phonologischen Grundinventar gehört und nicht durch Kontaktphänomene in der Klisis entsteht, bei [pʰ] kann man Zweifel haben, ob es nicht auch da Fälle von Grundformen mit [pʰ] gibt.

Etwas einfacher gestaltet sich die Sache bei Beispielen vom Typ [tʰendː]. Hier liegt ein Fall von proklitischem definitem fem. Artikel vor, dementsprechend notiere ich das Beispiel in der Grundform [d = hendː]; durch die üblichen Kontaktphänomene entsteht daraus [tʰendː]. Bei einem indefiniten Artikel würde das Beispiel [ɐ hendː] lauten. Die Basisform ist also zweifelsfrei [hendː]. – [p t k] schließe ich für die übrigen Verwendungsfälle aus. Es bleibt aber das Problem, dass es zahlreiche Minimalpaare innerhalb der Plosive gibt, die man bisher durch die Oppositionspaare [b – p], [d – t], [g – k] zu erfassen versucht hat. Meine Lösung dafür ist die Berücksichtigung der Länge dieser Konsonanten (und weiterer Merkmale). Nun kann man beobachten, dass in den meisten Fällen ein enger Bezug zwischen den Plosiven und der Silbenstruktur besteht: Wenn man nur die post- und intervokalischen Fälle der Plosive nimmt, dann folgt auf einen langen Vokal ein kurzer Konsonant, und umgekehrt – und das gilt – ein entscheidender Punkt! – nicht nur für Plosive: [ˈβeː.dɐ] 'Wetter' – [ˈfedːɐ] 'Vetter', [ˈβɑmːɐl] 'Wammerl', 'Bauchspeck', [βɑnː] 'Wanne'. Bis jetzt hätte man ja noch die Möglichkeit, statt langer Plosive stimmlose Plosive zu nehmen. Das gilt aber dann nicht, wenn auch Nichtplosive in diese Korrelation einbezogen sind, z.B. Frikative: [ˈβos:ɐ] 'Wasser', [ˈβɑfːə] peior. für '(vorlauten) Mund'; denn für Frikative ist das nur sehr begrenzt möglich (weil nach übereinstimmender Meinung die mbair. Frikative stimmlos sind, abgesehen von [β]). Bei Nasalen und Liquiden geht das gar nicht, siehe [ˈβamːɐl] 'Bauchspeck', [βɑnː] 'Wanne'. Für [l] und [r] ist das wegen der Vokalisierung in postvokalischer Stellung nicht möglich. Und es gilt auch nicht, wenn vor den Plosiven Diphthonge stehen. Sie werden üblicherweise als lang gewertet, nach meinen Beobachtungen können sie aber im beschriebenen Dialekt sowohl kurz als auch lang sein7. Eine Markierung von Diphthongen als lang ist zumindest unüblich und löst nicht das Problem, dass bei kurzen Diphthongen nach diesem Ansatz der Folgekonsonant lang ist. Prinzipiell kann man auf die Markierung des Diphthongs als kurz verzichten, wenn der Folgekonsonant als lang markiert ist. Bleibt das Problem der Stimmhaftigkeit bei den Konsonanten insgesamt. Ich bin der Überzeugung, dass in dem beschriebenen Dialekt Stimmhaftigkeit je nach Sprecher, Sprechgeschwindigkeit und Kontext möglich, aber nicht distinktiv ist. Das gilt insbesondere für [b d g], die oft stimmlos realisiert werden, ohne allerdings nach meinen Beobachtungen die üblichen Wirkungen auf den Verlauf des (unterbrochenen) Stimmtons zu haben: Er setzt nach der Unterbrechung nach kurzen und langen, stimmlosen und stimmhaften Plosiven relativ tief ein, typisch für die weiche Lösung des Verschlusses (für die stimmhaften Plosive im Standarddeutschen). Anders bei den Beispielen für [kʰ pʰ tʰ]. – Als zusätzlicher Vorteil für diese Lösung ergibt sich nebenbei eine relativ einfache Lösung für diejenigen Fälle, die bisher unter der Rubrik "Schärfung" liefen. Sie treten insbesondere bei Kontaktphänomenen zwischen Klitika und Trägerlexemen auf, ihre Bezeichnung und Beschreibung ist insbesondere von phonetischer Seite wegen des Fehlens eines akustischen Korrelats kritisiert worden. Bei den Beispielen im Wörterbuch werden diese Phänomene zugunsten einer morphologisch durchsichtigen Struktur vernachlässigt (teilweise aber auch hinzugefügt) und nur die jeweilige Basisform angegeben, wobei die Kontaktstelle zwischen Klitikon und Basislexem bzw. zwischen mehreren klitischen Elementen mit einem Gleichheitszeichen " = " markiert wird. Die in Regeln zu fassenden Assimilationserscheinungen werden bei der eigentlichen phonetisch-phonologischen Beschreibung erfasst (vgl. Altmann 1984: 194ff.) – Das Problem kann übrigens auch nicht dadurch gelöst werden, dass man langen und kurzen Vokalen (wie im Nhd.) unterschiedliche Qualitäten als distinktive Merkmale zuweist, meist als Gespanntheit, aber auch als Grad der Dezentralität usw. bezeichnet. So wird [e:] für den Langvokal und [ɛ] für den Kurzvokal transkribiert. Man könnte aber auch die Längenmarkierung weglassen. Das gilt nicht für das Mittelbairische. Hier werden Lang- und Kurzvokal mit demselben Zeichen transkribiert, weder Kurz- noch Langvokal haben ein Gespanntheitsmerkmal (dass jüngere Dialektvarianten sich hier in Anlehnung an das Standarddeutsche anders verhalten, ist offensichtlich8).

Für die Konsonanten ergibt sich also folgendes System: Wenn es kurze und lange Verschlusslaute gibt, dann gibt es auch kurzes und langes [f s ʃ ç/x]; [r l]; [n m], aber nicht bei [ŋ], da dieser Konsonant nicht im Anlaut vorkommt, sondern immer auf einen kurzen Vokal folgt und selber als lang gewertet wird (Silbengelenk). Und auch nicht bei den Affrikaten, da auch diese im In- und Auslaut auf kurzen Vokal folgen und selbst als lang gewertet werden. Im Anlaut sind lang und kurz bei den Konsonanten neutralisiert. [β] kommt im In- und Auslaut nur nach langem Mono- oder Diphthong vor, ist selbst also kurz: [ˈkʰo:.βə] 'Kobel'; ˈ[ʃnoː.βə] 'Schnabel'; [ˈgo:.βə] 'Gabel'. Konsonantenfolgen werden im In- und Auslaut als lang gewertet. Im Inlaut enthalten sie eine Silbengrenze (gerade so wie bei den Affrikaten, die ja hier als Konsonantenfolgen gewertet werden).

2.4 Spiranten/Frikative: [f s ʃ ç/x β]

Die in diesem Dialekt auftretenden Frikative sind [f s ʃ ç/x β]. Die bevorzugte Variante ist die stimmlose, aber sth. Varianten treten als freie Allophone auf, berühren als solche also nicht den phonologisch relevanten Bereich. Hier spielt die Opposition stimmhaft – stimmlos insofern keine Rolle, als es keine sth./stl.-Paare gibt, wo allein die Stimmhaftigkeit distinktiv wirkt. [β] wird (meist) sth. artikuliert, [f s ʃ ç/x] stimmlos. Weder [β] noch [f] werden labiodental wie im Standarddeutschen artikuliert, sondern nur bilabial. Die Situation wird verunklart durch die Spirantisierung von [b] zu [β] in intervokalischer Position: [graːb – gra.βən] 'grau', 'grau werden – schimmeln – nach Schimmel riechen'. Die Regel ist in dem beschriebenen Dialekt also aktiv. – Anlautend prävokalisch treten alle Varianten abgesehen von [ç/x] auf. Man darf sich dabei nicht durch die Schreibung <Ch> in einigen Toponymen wie 'Cham' mit der Lautung [kʰɑːm]; 'Chiemsee' mit der Lautung[ˈkʰɛ͡ɐm.sɛː] 'Kiemensee' = 'fischreicher See' täuschen lassen. Normal sind im Anlaut prävokalisch nur kurze Frikative: [ˈfin.dn̩] 'finden'; [ˈsu͡ɐ.xɐ] 'suchen'; [ˈβasːɐn] 'wässern', 'verprügeln'.

Anlautend präkonsonantisch gibt es nur wenige Beispiele mit Frikativen, und zwar mit Liquiden an zweiter Stelle: [frɔŋ] 'fragen'; [flo͡ɪŋ] 'fliegen'; [ʃloŋ] 'schlagen'; [ʃlɑ͡͡ɔ] 'schlau'; [ʃrɑ̃͡ɪ̃] 'schreien'; aber: [*sl *sr *βr *βl]; und auch nicht Kombinationen mit Nasalen und Liquiden; mit [ʃ] und [β] sind sie hingegen möglich: [ʃloŋ] 'schlagen', [ʃro͡ʊd] 'Schrot, Balkon'. – Auslautend postvokalisch sind alle möglich, und zwar kurz und lang: [hoːf] 'Hof', [hofː] '(ich) hoffe', [βoːs] 'was'; [βoːʃ] 'wasche'; [βɑʃː] 'Wäsche'; [rɑ͡ɔx] 'Rauch'. Auslautendes [ç] und [x] können aber auch verschwinden: [rɑ͡ɔ] 'Rauch' (aber auch 'rau'(h)).

Inlautend intervokalisch sind alle Frikative möglich: [ˈoː.fɐ] 'Ofen', [of:] 'offen'; [ˈiː.sɐ] 'Isar' (Top.), [ˈfiʃːɐl] 'Fischlein', [ˈbreː.çɐ] 'brechen', [ˈbroː.xɐ] 'brechen /gebrochen'; [ˈhoː.βɐn] 'Hafer'.-Lange Frikative sind in wortanlautender Position nicht möglich, dagegen sehr wohl inlautend intervokalisch oder auslautend postvokalisch.[ˈrɑ͡ɔfːɐ] 'raufen'; [rɑ͡ɔf] 'raufe (Imp.);[ [rɑ͡ɔfd] 'rauft' (3.Ps.Sg.); [nigs gwisː neːd] 'nichts Gewisses', [βenː = ə ˈβisːɐd] 'wenn ich wüste'; [fiʃː] 'Fische' (Pl. + Imp.); [ɐ ˈfiʃːɐ] 'ein Fischer; [fiːʃ] 'Fisch'; [fiʃːd] 'fischt'; [β] kommt inlautend intervokalisch und auslautend postvokalisch wohl nur kurz vor: [ˈʃnɛːβɐl] 'ein bisschen Schnee'. Beispiele für auslautend postvokalisches [β] konnte ich nicht finden.

Besonders auffällig ist der Verlust eines auslautenden[ç/x]. Der [ç/x]-Laut wurde in der weiteren Sprachentwicklung wieder eingefügt, was nicht schwer fiehl, da es vermutlich von fast jedem Wort mit [ç/x]-Verlust eine Variante gibt, die den [ç/x]-Verlust nicht hat. Es handelt sich also um eine aktive Regel. Erhalten geblieben ist der [ç]-Verlust bei den Personalpronomina [iç > iː; miç > miː; diːç > diː].

Bei dem beschriebenen Dialekt gab es vor ca. 80 Jahren noch folgende weitere Beispiele dafür: [bɔː] 'Bach'; [bɑ͡ɔ(x)] 'Bauch'; [brɑ͡ɔ(x)] 'Brauch'; pl. [brɑ͡ɪç] 'Bräuche'; [ɡaː(x)] 'jäh'; [rɑ͡ɔ] 'Rauch'; [glɑ͡ɪ] 'sofort' (nur als Temp.Adv.); [glɑ͡ɪç] 'egal'; [loː(x)] 'Loch; [nɔː] 'nach'; [nõː] 'noch'; [ˈnɔː.gɛː.ɐ] 'Kleinknecht'. Viele dieser Wörter sind durch Belege mit (gereimten) Sprichwörtern abgesichert: [ˈɑ͡ɔ.βɛː d = kʰɑds hɔːd ˈbɑ͡ɔ.βɛː] 'Auweh, die Katze hat Bauchweh'; [nõː neːd] 'noch nicht'.

2.5 Affrikaten: [b+f]; [d+s]; [g+ʃ]; [*g+ç/x]

Wegen des Verzichts auf [p t k] in der Beschreibung der Plosive bleiben als Affrikaten nur [bf ds gʃ dʃ] (und [*gx]). Da die Affrikaten sowohl silbenan- als auch -auslautend auftreten können und dabei Segment für Segment distinktiv sein können ([dseç] 'Zeche' – [dʃeç] 'Tscheche'; [gʃɑ͡ɪ.d] 'gescheit' – [dsɑ͡ɪd] 'Zeit'; [gʃɑ͡ɔ] 'Geschau' – [dsɑ̃͡ɔ̃] 'Zaun'), und da sie sich dabei immer als Langkonsonanten verhalten, gelten sie als Konsonantenfolgen. Sie enthalten folglich im Inlaut eine Silbengrenze, der vorausgehende Mono- oder Diphthong wird als kurz gewertet: [ˈhob͡.fɐ] 'Hopfen'; [ˈβed͡.sn̩] 'wetzen' – [ˈrud.ʃn̩] 'rutschen'; [ˈbfɑ͡ɪ.fɐl] 'kleine Pfeife'; [ˈdsɑ͡ɪ.sɐl] 'Zeisig'; [gʃɑ͡ɪd] 'gescheit'. Die Affrikate [g+x] gibt es in diesem Dialekt nicht.

Silbenauslautend: [gu͡ɐds] 'Süßigkeit'; [bfudʃ] 'Fehler bei einem Wettbewerb'; [ˈhɔ͡ɐds] 'heiz'; ['rudʃ] 'rutschen (Imp.)'.

Tabelle 1

Affrikaten und ihre Distribution

Affrikaten bf ds
wortanlautend
prävokalisch
[ˈbfan.dl̩]
'Pfännchen'
[dsɑ̃͡ɔ̃]
'Zaun'
[ˈgʃɑ͡ɪ.dɐl]
'Besserwisserchen'
[dʃeç]
'Tscheche'
wortanlautend
präkonsonant.
[ˈbflan.dsɐl]
'Pflänzchen'
[ˈdsrɑ͡ɪsːn̩]
'zerreißen'
[gʃro͡ɐ]
'Geschrei'
[dʃnɑ̃͡ɪ̃]
'zerschneiden'
intervokalisch [ˈob.fə]
'Apfel'
[ˈod.sən]
'Otzing' (Toponym)
[ˈɔː.gʃɑ͡ɔd]
'abgeschaut'
[ˈrud.ʃɐl]
'Gerät zum Rutschen'
postvok./prä¬konsonantisch [globfsd]
'klopfst'
[glodsd]
'glotzt' (2.Ps.Sg.)
ˈɔː.gʃmɔː
'lästig'
duː rudʃd
'du rutschst'
wortauslautend [ˈhoːbf]
'Hopfen'
[gu͡ɐds]
'Süßigkeit'
[bfudʃ]
'Fehler bei e. Wettbewerb'

2.6 Die Nasalkonsonanten

Sie entsprechen weitgehend den Nasalen im Standarddeutschen: [n m ŋ], und zwar sowohl der Zahl als auch der Art nach. Auch die Distribution ist in den Grundlagen gleich, bei der konkreten Ausführung aber zeigen sich deutliche Unterschiede, die nicht durch die Nasale selbst zustande kommen, sondern dadurch, dass das [n] in der Position unmittelbar nach einem Vokal (aber nicht bei [i] und [u]) diesen Vokal nasaliert und längt und dabei selbst verschwindet.

Tabelle 2

Nasalkonsonanten und ihre Distribution

Nasalkonsonanten [n] [m] [ŋ]
anlautend prävok. [nɔxd] 'Nacht'
[ˈnoː.sn̩] 'Nase'
[mɑ͡ɔs] 'Maus'
[mɔːg] 'mag';
Ø
anlauend präkonson. Ø Ø Ø
inlautend intervokalisch (lang u. kurz) [ˈmɑnːɐ] 'Männer'
[ˈɑ͡ɪ.nə] 'ein-hin'
[ˈemː.ɐ] 'Eimer'
[dõ͡ɐ̃ = mɐ] 'tun wir'
[ˈeŋɐ] 'enger'
auslautend postvokalisch [ɐn glõ͡ɐ̃n] 'den kleinen'
[glõ͡ɐ̃] 'klein'
[leːm] 'leben'
[drumː] 'Trumm'
[lɑŋ] 'lang'
auslautend postkonsonantisch [ˈfresːn̩] 'fressen' Ø Ø

[ŋ] nimmt dabei eine Sonderstellung ein: Es kommt nur inlautend post- und prävokalisch bzw. präkonsonantisch vor, gilt als lang und enthält eine Silbengrenze (ist ein Silbengelenk): Die Vokale vor und nach [ŋ] sind kurz.

Nasalvokale sind in den meisten derzeit lebenden mbair. Dialektvarianten entweder nicht mehr vorhanden oder aber auf dem Rückzug. Diese Entwicklung gibt es schon seit längerer Zeit, wissenschaftlich manifest geworden ist sie in der Beschreibung des Münchnerischen durch Kufner (1962), aber man muss annehmen, dass auch konservative Dialektvarianten wie die hier beschriebene bereits erste Merkmale des Wandels zeigen, also teilweisen Verlust, Unsicherheit in Aussprache und Zuordnung, Lautersatz, Homophonie usw. Der Kern der Sache ist aber wohl, dass ein [n], also ein Konsonant, verschwindet, andererseits aber erhalten bleibt als Eigenschaft von Vokalen. Verwiesen sei hier nur darauf, dass die Erscheinung zerfasert zu einem assimilatorischen Geschehen, bei dem auch [m] und [ŋ] vorausgehende orale Vokale nasalieren können. Die Modalpartikel [fɑ̃͡ɪ̃] 'fei' zeigt darüber hinaus, dass in einigen Fällen bei der Denasalierung die Sprecher die ursprüngliche Form [fɑ͡ɪn] 'fein' nicht mehr rekonstruieren können9.

2.7 Liquide

[r] und [l] treten nur im Anlaut prävokalisch ([ro͡ʊd] 'rot', [lɑ͡ɔd] 'laut') oder postkonsonantisch ([brɑːf] 'brav', [blɛːd] 'blöd') konsonantisch auf. Postvokalisch (+präkonsonantisch) sind [l] und [r] grundsätzlich vokalisiert zu [ɪ] und [ɐ]: [βe͡ɪd] 'Welt' und [bɛ͡ɐg] 'Berg', intervokalisch silbenanlautend aber bleiben sie konsonantisch ([ˈhɑ͡ɪ.rɐ.dn̩] 'heiraten'], [ˈʃiː.fɐ.lən] 'Holzsplitter'), die Silbengrenze geht dabei [r] bzw. [l] voraus. Bei einigen Wörtern treten Alternanzen zwischen konsonantischem und vokalischem [r/l] auf: [bɛ͡ɐ] 'Bär' – [ˈbɛ͡ɐ.rə] 'bärig = toll'. Das Gleiche bei [l]: [βɑ͡ɪ] – [ˈlɑŋ.βɑ͡ɪ.lə] 'langweilig'; [frɑ͡ɪ ] – [frɑ͡ɪ.lə] 'freilich'. [r] tritt als Hiatustrenner natürlich nur konsonantisch auf, da es dann silbenanlautend ist: [fo͡ɐ = r = ɐn] 'vor einen', 'vorher'.

Beide Regeln haben viele Abweichungen, die die Sache z.T. eklatant komplizieren10.

Tabelle 3

Konsonantensystem

Artikulationsstelle Labial Dental Alveolar Palatal Velar Glottal
Artikulationsmodus Obstruenten Plosiv –lang b d g
+lang
+asp. (pʰ) (tʰ)
Frikativ –sth
–lang
f s ʃ x
+sth
–lang
β
–sth
+lang
ʃː
+sth
+lang
βː
Plosiv+Frikativ +lang b +f d +s g +ʃ *g +x
Sonoranten Nasal +kurz m n
+lang ŋ
Lateral +kurz l
+lang
Vibrant +kurz r
+lang

Was diese Tabelle alles nicht kann:

  1. Diese Tabelle berücksichtigt die positionellen Varianten nicht, z.B. die Bedingungen für das Auftreten von kurzen und langen Konsonanten sowie für die konsonantischen und vokalischen Varianten. Das gilt aber nicht für die wortinitiale Position: Dort können alle Konsonanten nur als Kurzkonsonanten auftreten, [ŋ] gar nicht.

  2. Silben: Die silbenstrukturellen Eigenschaften der Konsonanten können nicht erfasst werden. Immerhin werden in allen Transkriptionen die Silbengrenzen mit einem Punkt "." markiert. Das ist dann nicht möglich, wenn die Silbengrenze in einem ambisyllabischen Konsonanten wie [ŋ] steckt: [ˈfɑŋɐ] 'fangen' oder wenn ein langer Konsonant die Silbengrenze enthält: [ˈhogːɐ] 'langstieliges Beil', 'Hacke'. Davon ausgehend kann man eine Taxonomie der Silbenstrukturen erstellen.

  3. Sie gibt nicht den phonologischen Status eines Lautes an. So z.B. wird [β] die Eigenschaft "stimmhaft" zugeordnet, obwohl sie phonologisch irrelevant ist.

3. Schlussfolgerungen

Einleitend wurde darauf verwiesen, dass die Untersuchung strikt synchron orientiert ist auf einen Zeitpunkt, der jetzt schon 80 Jahre zurückliegt, und zwar nicht ohne Grund: Damals waren die lautlichen Strukturen im Wesentlichen geprägt von den innersprachlichen Entwicklungsregeln. Ein vergleichender Blick zeigt, dass die dialektalen Besonderheiten inzwischen in den meisten heute noch lebendigen Dialektversionen im Wesentlichen verschwunden sind. Das mögen u.a. innersprachliche Gründe sein, z.B. Abbau der zahlreichen Homonymien, im Wesentlichen aber dürfte es die Konkurrenz mit dem Standarddeutschen dort sein, wo der Dialekt davon abweicht. Aber es gibt auch die erstaunliche Erscheinung, dass ein auffälliges Phänomen wie der Verlust des auslautenden [ç/x] bei den so häufigen Pronominalformen [iː] 'ich', [miː] 'mich', [diː] 'dich' meist erhalten bleibt.

Notes

  1. Siehe dazu auch die Darstellung des nwmbair. Vokalsystems in Altmann (im Erscheinen) und Altmann (1984, 2013). [^]
  2. Siehe dazu die Arbeit von Schikowski (2009: 34-41, 50-56) [^]
  3. Vgl. Altmann (1981: 198-202). [^]
  4. Bei den folgenden Beispielen bedeutet das Zeichen "*", dass die entsprechende Wortform als Vorstufe inakzeptabel ist. Dass dieses Zeichen nicht bei allen in einem Abschnitt angeführten Beispielen auftritt, ist eine Folge der Tatsache, dass die entsprechenden lautlichen Prozesse nicht bei jedem Beispiel gleich weit gediehen sind. In vielen Fällen ist der Prozess komplett durchgeführt, aber nicht in allen: Dann sind beide Formen nebeneinander akzeptabel. Man muss auch damit rechnen, dass ein schon durchgeführter Prozess anschließend ganz oder teilweise rückgängig gemacht wird. [^]
  5. Siehe dazu Altmann (im Erscheinen), Abschnitt 3.1. [^]
  6. Dieses Wörterbuch ist in großen Teilen fertig (soweit ein Wörterbuch überhaupt fertig werden kann), aber noch nicht veröffentlicht. [^]
  7. Siehe Altmann (im Erscheinen): Das Vokalsystem eines nordwestmittelbairischen Dialekts, Abschn. 2 Diphthonge. [^]
  8. Vergleiche dazu auch Schikowski (2009: 92ff.). [^]
  9. Eine detailliertere Darstellung der Nasalierung im Nwmb findet sich in Altmann (im Erscheinen), Abschn. 3.1. [^]
  10. Man kann sie nachlesen in Altmann (im Erscheinen). [^]

Literatur und Ressourcen

Altmann, Hans (1984): Das System der enklitischen Personalpronomina in einer mittelbairischen Mundart. In: Zeitschrift für Dialektologie und Linguistik 51: 2, 191–211. http://epub.ub.uni-muenchen.de/4874/1/4874.pdf (14.06.2026).

Altmann, Hans (2013): Gradpartikeln im Nordmittelbairischen. In: Harnisch, Rüdiger (Hrsg.): Strömungen in der Entwicklung der Dialekte und ihrer Erforschung. Regensburg: Vulpes, 174–187.

Altmann, Hans (im Erscheinen): Das Vokalsystem eines nordwestmittelbairischen Dialekts.

Altmann, Hans / Ziegenhain, Ute (2010): Prüfungswissen Phonetik, Phonologie und Graphemik. Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht (UTB 3323).

Bayerische Akademie der Wissenschaften (Hrsg.): Bayerisches Wörterbuch (BWB). Berlin / Boston: de Gruyter.

Holzer, Elfriede (2005): Band 4: Lautgeographie: Konsonantismus. In: Eroms, Hans-Werner / Spannbauer-Pollmann, Rosemarie (Hrsg.): Bayerischer Sprachatlas. Regionalteil V: Sprachatlas von Niederbayern (SNiB). Heidelberg: Winter Verlag.

Hinderling, Robert (1980): Lenis und Fortis im Bairischen. Versuch einer Morphophonemischen Interpretation. In: Zeitschrift für Dialektologie und Linguistik 47: 1, 25–51.

Kufner, Herbert L. (1962): Lautwandel und Lautersatz in der Münchner Stadtmundart. In: Zeitschrift für Mundartforschung 29, 67–75.

Ritt-Stadler, Sabine / Spannbauer-Pollmann, Rosemarie (2010): Band 3: Lautgeographie: Vokalismus. In: Eroms, Hans-Werner / Spannbauer-Pollmann, Rosemarie (Hrsg.): Bayerischer Sprachatlas. Regionalteil V: Sprachatlas von Niederbayern (SNiB). Heidelberg: Winter Verlag.

Scheutz, Hannes (1984): Quantität und Lenis/Fortis im Mittelbairischen. In: Wiesinger, Peter (Hrsg.): Beiträge zur Bairischen und Ostfränkischen Dialektologie (Arbeiten zur Germanistik 409). Göppingen: Kümmerle, 13–33.

Schikowski, Robert (2009): Die Phonologie des Westmittelbairischen. Münchener Beiträge zur Allgemeinen und Historischen Sprachwissenschaft, Bd. 1.  http://doi.org/10.5282/ubm/epub.10991.

Zehetner, Ludwig (1978): Die Mundart der Hallertau. Marburg: N.G. Elwert.

Biographische Notiz

Studium der Germanistik, Geschichte, Geographie an der LMU. – 1975 Promotion in Germanistischer Linguistik über Gradpartikeln an der LMU. – 1979 Habilitation über Herausstellungsstrukturen an der LMU. – 1980 Ruf auf eine C3-Professur an der LMU. – 1984 Ruf auf eine C4-Professur an der Johann-Wolfgang-Goethe Univ. Frankfurt (abgelehnt). – 2008 Emeritierung.

Kontaktanschrift:

Prof. Dr. Hans Altmann

Sindelsdorfer Str. 73 b

82377 Penzberg

johann.altmann@lmu.de