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Artikel zum Themenschwerpunkt: Grammatik im Fokus: Theorie – Empirie – Vermittlung, hrsg. von Anna Volodina und Lutz Gunkel

Richtungsweisend – eine syntaktisch-semantische Einordnung der Direktionale

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  • Richtungsweisend – eine syntaktisch-semantische Einordnung der Direktionale

    Artikel zum Themenschwerpunkt: Grammatik im Fokus: Theorie – Empirie – Vermittlung, hrsg. von Anna Volodina und Lutz Gunkel

    Richtungsweisend – eine syntaktisch-semantische Einordnung der Direktionale

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Abstract

In diesem Beitrag argumentiere ich für eine neue Klassifikation der direktionalen Ausdrücke im Deutschen. Ausgehend von einer Menge von syntaktisch-semantischen Gebrauchskontexten wird gezeigt, dass sie viele Charakteristika mit den nicht-verbalen Teilen des Prädikatskomplexes (wie die Prädikativa in Kopulasätzen oder sekundäre Prädikate) teilen. Ich schlage deshalb vor, alle Direktionale im Deutschen (PPs wie Adverbien) als Prädikate zu analysieren statt wie in der traditionellen Klassifikation als Adverbiale (das dynamische Gegenstück zu den statischen Lokaladverbialen).

In this paper I argue for a new classification of directional constructions in German. Based on a wide range of syntactic-semantical contexts of use it is shown that they share many characteristics with the non-verbal members of the predicative complex (like predicative expressions in copula sentences or secondary predicates). I propose therefore to analyze all directionals in German (PPs and adverbs alike) as predicats instead of the traditional classification as adverbials (the dynamically understood complement to the static local adverbials).

Keywords: Direktional, Adverbial, Prädikat/prädikativ, deiktische Partikel, Resultativkonstruktion, Funktionsverb, directional, adverbial, predicate/predicative, deictic particle, resultative construction, functional verb

How to Cite:

Oppenrieder, W., (2026) “Richtungsweisend – eine syntaktisch-semantische Einordnung der Direktionale”, Korpora Deutsch als Fremdsprache 6(1), 17–34. doi: https://doi.org/10.48694/kordaf.6156

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Published on
2026-08-10

Peer Reviewed

Ich möchte meine Überlegungen mit einem richtungsweisenden Zitat des Münchner Komiker-Philosophen Karl Valentin beginnen, der sich auch immer wieder mit den Merkwürdigkeiten der deutschen Sprache beschäftigt hat.

da geht in den zweiten Stock eine Stiege nauf, die geht schon wieder runter auch, die Stiege geht nicht nauf, wir gehen auf die Stiege nauf, man sagt halt so

(Karl Valentin: Das Aquarium)

Deutlich wird: Sprachliche Bezugnahmen auf Richtungen können durchaus verwirrend sein und das Nachdenken darüber in einem resignierenden „Man sagt halt so!“ enden. Als Sprachwissenschaftlerinnen und Sprachwissenschaftler sollten wir uns aber um eine Entwirrung, um eine Suche nach Systematizität, bemühen. Dies versuche ich im Folgenden.

1. Einleitung

Unter Direktionalen verstehe ich Ausdrücke, die sprachlich einen Pfad bzw. Weg erfassen, der in den meisten Fällen als einseitig begrenzt konzipiert ist, häufig durch einen Ziel- oder Endpunkt, deutlich seltener durch einen Ausgangspunkt. Die drei Varianten finden sich in Beispiel (1).

    1. (1)
    1. Eva springt über das Loch/in das Loch/aus dem Loch.

bzw.

    1. (1‘)
    1. Evas Sprung über das Loch/aus dem Loch/in das Loch

Doppelseitige Begrenzung kann nur kombinatorisch ausgedrückt werden.

    1. (2)
    1. Eva fährt von Erlangen nach Augsburg.
    1. (2‘)
    1. die Fahrt von Erlangen nach Augsburg

Direktionale können als Attribute in NPn auftauchen, was hier nur in einem bestimmten Zusammenhang interessiert, vor allem jedoch als Satzkonstituenten. In dieser Verwendung werden sie üblicherweise als Adverbiale klassifiziert und mit den eigentlichen Lokaladverbialen, die sprachlich einen Ort, eine statische Größe, präsentieren, zusammengeführt – sozusagen als deren dynamisches Gegenstück. In diesem Beitrag versuche ich zu zeigen, dass es angemessener ist, die satzbezogenen Direktionale nicht als Adverbiale, sondern als Prädikate zu klassifizieren, also sie mit den anderen nicht verbal realisierten Prädikatsausdrücken zu parallelisieren. Manche Beschreibungen rücken sie ja zumindest ganz in die Nähe des Prädikats: So werden sie in der Akademie-Grammatik immerhin zur engeren Prädikatsgruppe gezählt (vgl. Heidolph / Flämig / Motsch 1981: 238–241). Ich gehe hier noch einen Schritt weiter.

Sprachlich realisiert werden Direktionale durch Präpositionalphrasen mit den passenden direktional interpretierbaren Präpositionen (nach ist je nach NP-Partner direktional, aber auch temporal interpretierbar), aber auch durch einige Adverbien (weiter, weg, zurück, abwärts, bergauf) und hier vor allem durch die partikelhaften deiktischen Pro-Varianten hin und her, die ihrerseits insbesondere durch Elemente aus einer Teilmenge der direktionalen Präpositionen erweitert werden können (hinein mit einer lautlichen Variante von in, hinaus, hinauf, hinunter usw., aber nicht *hinnach oder *hinvor), aber auch durch weitere Deiktika wie in hierhin oder dorthin. Auf die mögliche, aber kaum genutzte Realisierung durch einen Freien Relativsatz gehe ich nicht weiter ein.

Mit den direktionalen Proformen ist eine weitere Besonderheit verbunden. Es kommt nämlich zu Verdoppelungen bei der Realisierung, wobei eine beschreibende PP und eine deiktische Partikel kombiniert werden.

    1. (3)
    1. Max stellt das Glas in den Schrank hinein/auf den Schrank hinauf/unter den Tisch hinunter etc.

In manchen Fällen kann hierbei eine Differenzierung zwischen Pfad und Endposition vorgenommen und dadurch die räumliche Struktur genauer erfasst werden.

    1. (4)
    1. Max geht in den Bastelraum [Pfad unbestimmt, Endposition spezifiziert] hinunter [Pfad genauer bestimmt].
    1. (4‘)
    1. Eva geht auf den Balkon hinaus.

Nun gibt es diese Kombination aus deiktischen und beschreibenden Ausdrücken im Bereich der räumlichen und zeitlichen Positionierung auch sonst: hier in Augsburg, jetzt im Herbst usw.

Allerdings scheint mir bei den Direktionalen diese Kombination von zwei unterschiedlichen Zugriffsarten auf die Verankerungsgrößen Raum und Zeit am häufigsten vorzukommen. Außerdem zeigt sich ein Unterschied zwischen den Lokaladverbialien und den Direktionalen, was ihre Positionierung im Vorfeld anbelangt. Im einen Fall bilden der deiktische und der nicht-deiktische Teil eine feste Einheit, die kaum aufgebrochen werden kann (mit dem Deiktikum als Erstelement in der leicht bevorzugten Reihenfolge).

    1. (5)
    1. Hier in Augsburg/In Augsburg hier ist schönes Wetter gewesen.
    1. (6)
    1. *In Augsburg ist schönes Wetter hier gewesen./*Hier ist schönes Wetter in Augsburg gewesen.

Bei den Direktionalen bilden die beiden Elemente keine stabile Einheit, sondern der deiktische Ausdruck (und nur dieser) kann an die schließenden Ausdrücke der Satzklammer – hier führen – rücken (und ist bei der gemeinsamen Vorfeldbesetzung bevorzugt Zweitelement).

    1. (7)
    1. Auf den Berg hinauf/Hinauf auf den Berg soll eine geteerte Straße führen.
    1. (8)
    1. Auf den Berg soll eine geteerte Straße hinauf führen.
    1. (8‘)
    1. *Hinauf soll eine geteerte Straße auf den Berg führen.

Eine solche Stufung in der Vorfeldbesetzung zeigt sich bei allen Ausdrücken, die zum Prädikat gehören oder wenigstens strukturell eng mit ihm verbunden sind (vgl. Schwimmen können muss der Mensch. vs. Schwimmen muss der Mensch können. vs. *Können muss der Mensch schwimmen.). Dies ist ein erster Hinweis darauf, dass bei den Direktionalen zumindest eine enge strukturelle Nähe zum Prädikat des jeweiligen Satzes besteht.

2. Prädikate

Wenn satzbezogene Direktionale funktional als Prädikate klassifiziert werden sollen, ist es natürlich zunächst einmal nötig, den Begriff Prädikat zumindest umrisshaft zu klären. Semantisch erfassen Prädikate Charakteristika von Entitäten bzw. Relationen, in denen Entitäten zueinander stehen. Syntaktisch sind sie das ausgezeichnete Element in satzförmigen oder satzwertigen Strukturen, das durch seine Anforderungen an die strukturelle Umgebung, sein Valenzprofil, die minimale Satzstruktur vorgibt. Häufig bestehen solche syntaktischen Prädikate aus einem Komplex mehrerer Ausdrücke. Für Vollverben als die paradigmatischen Vertreter der Prädikate gilt dies in analytischen Konstruktionen, bei denen Tempus, Modus oder Genus Verbi durch spezielle ‚Hilfs‘-Verben im mehrteiligen Prädikatskomplex angezeigt werden. Notwendigerweise mehrteilig sind Prädikate, wenn nicht-verbale Ausdrücke die eigentlichen Träger der Valenzforderungen sind, d.h. Nominalphrasen, Präpositionalphrasen, Adjektivphrasen, Adverbien, die zusammen mit bedeutungsarmen Verben strukturelle Kerne von Sätzen bilden. Zu diesen Verben, die zunächst vor allem dazu dienen, solche satzrelevanten Bedeutungsdimensionen wie Tempus und Modus per Flexion zu realisieren, zählen die Kopulaverben sein, bleiben und werden, die durch die so genannten Funktionsverben mit ihrer Aktionsartcharakteristik ergänzt werden (vgl. in Schwierigkeiten sein/stecken, in Schwierigkeiten geraten, in Schwierigkeiten bringen usw.). Partnerverben sind hier also nur ein paar wenige, die zudem durch eine merkmalsarme Semantik gekennzeichnet sind. Allerdings gibt es weitere Fälle, bei denen die nicht-verbalen Prädikatsausdrücke mit Vollverben kombiniert werden – die entsprechenden nicht-verbalen Ausdrücke fungieren dabei als Erweiterungen oder sekundäre Prädikate, eingebunden in die Satzstruktur, die durch das Vollverb als Valenzträger bestimmt wird. Hier gibt es ein paar Vollverben, die eine solche Erweiterung fordern, etwa halten für, bei dem das direkte Objekt und der Partner der Präposition für, das so genannte Objektsprädikativ, eine prädikative Beziehung eingehen – bemerkbar daran, dass entsprechende Selektionsrestriktionen zwischen diesen beiden Konstituenten bestehen.

    1. (9)
    1. Ich halte Evas Freude für verfrüht/einen Fehler/*gesprächig/*eine kluge Linguistin.
    1. (9‘)
    1. Ich halte Eva für *verfrüht/*einen Fehler/gesprächig/eine kluge Linguistin.

Als begriffliche/semantische Subjekte für diese sekundären Prädikate dienen Nominalphrasen (in seltenen Fällen auch Teilsätze) der Trägerstruktur. Bei einer Ausgliederung der sekundären Prädikate und ihrer Subjekte in eine eigene Satzstruktur (Ich halte dafür, dass Evas Freude verfrüht/Eva eine kluge Linguistin ist.) müsste natürlich ein Kopulaverb verwendet werden. Neben den lexikalisierten Prädikatskomplexen aus Vollverb und sekundärem nicht-verbalem Prädikat, wie bei halten für, gibt es zwei Hauptquellen für die systematische Erweiterung von Vollverben durch sekundäre Prädikate. Bei der einen spreche ich von sekundären Zustandsprädikaten (traditionell laufen sie häufig unter dem Titel prädikative Attribute oder auch Depiktive), bei der anderen von Resultativprädikaten (vgl. Oppenrieder 1991).

    1. (10)
    1. Max bügelt die Wäsche trocken.

Bei der Zustandsvariante charakterisiert das sekundäre Prädikat das Objektdenotat durch eine temporäre Eigenschaft, die für die in der Hauptprädikation erfasste Aktivität von Belang ist. Eine mögliche Paraphrase, die die beiden Prädikationen auf zwei Teilsätze verteilt, ist: ‚Max bügelt die Wäsche, wobei diese trocken ist.‘ Eine alternative Besetzung des Prädikatsausdruckes ist: feucht; primäre und sekundäre Prädikation müssen in einem plausiblen Verhältnis zueinander stehen, damit die Kombination pragmatisch angemessen ist (nicht *Max bügelt die Wäsche bunt).

Bei der Resultativvariante dagegen wird das Objektdenotat durch eine Eigenschaft charakterisiert, die durch die in der Hauptprädikation angesprochene Aktivität herbeigeführt wird – auch hier sind die beiden Prädikationen also eng miteinander verbunden. Eine mögliche Paraphrase ist: ‚Max bügelt die Wäsche, so dass diese trocken wird‘ oder auch ‚Max bügelt, so dass die Wäsche trocken wird.‘ Entsprechend ist in dieser Lesart die Alternative feucht aufgrund unseres Weltwissens unplausibel (es sei denn, ein Dampfbügeleisen wird unsachgemäß verwendet oder funktioniert nicht richtig). Die Resultativrelation bindet dabei die zwei Prädikate deutlich enger aneinander als die lockerere ‚Begleitungsvariante‘ bei den sekundären Zustandsprädikaten. In der Folge tendieren die beiden Prädikatsausdrücke dazu, als Einheit aufgefasst und als solche lexikalisiert zu werden – man denke an Kombinationen wie totschießen oder leertrinken, die sich den Partikelverben annähern bzw. durchaus in deren erweiterten Kreis aufgenommen werden können.

Sekundäre Prädikate treten also anders als die sonstigen nicht-verbalen Prädikatsausdrücke zusammen mit Vollverben auf. Wenn Direktionale als Prädikate aufgefasst werden, gleichen sie in dieser Hinsicht also eher den sekundären Prädikaten, kommen zu einer verbal erfassten Prädikationsbeziehung hinzu, wohingegen in Kopulastrukturen und Funktionsverbgefügen die nicht-verbalen Elemente selbst den semantischen Kern des komplexen Prädikats darstellen. Direktionale können – dies mein Vorschlag – analog zu den nicht-verbalen Prädikatsteilen in Resultativkonstruktionen aufgefasst werden, die zusammen mit dem Vollverb einen neuen Prädikatskomplex bilden (interessanterweise wurde schon in einer älteren Auflage der Dudengrammatik vorgeschlagen, „Adverbialien der Richtung […] als resultative Lokaladverbialien“ (Dudenredaktion 2005: 803) anzusehen, also mit prädikativen Ausdrücken zu parallelisieren).

Bei den resultativen Prädikatskomplexen werden die beiden Teilprädikate, wie gesehen, semantisch durch eine Konsekutivrelation miteinander verknüpft. Bei den Direktionalen wird eine Pfadcharakterisierung an eine geeignete primäre Prädikation angeschlossen (der Subindex ‚PP‘ identifiziere dabei das primäre Prädikat, ‚SP‘ das sekundäre).

    1. (11)
    1. Der Ball fliegt ins Tor.
    2. ‚x [der Ball] bewegt sich ohne BodenkontaktPP entlang eines (räumlichen) Pfades mit dem Endpunkt des TorsSP/DIR
    1. (12)
    1. Der Torwart blickt übers Spielfeld.
    2. ‚x [der Torwart] lenkt seine visuelle AufmerksamkeitPP entlang eines Pfades, der relevante Oberflächenteile des Spielfelds umfasstSP/DIR

Je nach Typ des Direktionals werden entweder die Begrenzungspunkte von Pfaden, wie in (11), oder dieser selbst näher bestimmt, wie in (12). Auf dem Pfad selbst bewegt sich entweder eine konkrete Entität, z.B. ein Ball, oder aber eine Aktivität wird so bestimmt, dass sie einer bestimmten Bahn folgt, wie in (12). Das Beispiel kann allerdings so verändert werden, dass es mit einer Art Pseudoobjekt operiert.

    1. (12‘)
    1. Der Torwart wirft einen Blick über das Spielfeld.

Ob das in allen solchen Fällen möglich ist, lasse ich offen, d.h. nicht nur Objekten, sondern auch Aktivitäten (oder Prozessen, siehe dazu später) kann so etwas wie ein Pfad zugewiesen werden, entlang dessen sie sich entwickeln.

In beiden Fällen wird jedenfalls eine Entität durch eine Bahn, einen Pfad charakterisiert, die bzw. den sie verfolgt. Eine solche Charakterisierung ist semantisch gesehen eine Prädikation. Allerdings entspricht nicht jede semantische Prädikation auch dem, was man als syntaktische Prädikation bezeichnen kann, also dem strukturellen Kern eines Satzes oder einer satzäquivalenten Konstruktion.

Ich versuche im Folgenden zu zeigen, dass bei den Direktionalen auch eine syntaktisch-formale Prädikationsbeziehung vorliegt – anders als bei den echten Lokaladverbialien, die ja auch semantisch als die Zuschreibung eines Ortes zu einer Entität aufgefasst werden können (Der Vogel sitzt auf dem Ast. ➔ ‚Der Vogel sitzt und er befindet sich dabei auf dem Ast‘).

Was für Hinweise lassen sich finden, die dafür sprechen, Direktionale als syntaktische Prädikate bzw. Teile von komplexen syntaktischen Prädikatsausdrücken zu klassifizieren?

3. Direktionale und Partikelverben

Als erstes fällt auf, dass beim traditionellen Verständnis der satzbezogenen Direktionale als Adverbiale die Adverbrealisierung, vor allem die Pro-Variante mit hin und her bzw. den präpositional erweiterten Formen zu Überschneidungen – oder sollte man sagen: Konflikten? – mit einer anderen Klassifikation führen kann. In diesen Fällen wird häufig eine Subsumierung unter die Gruppe der Partikelverben, bzw. Verben mit trennbarem Erstelement, vorgenommen (z.B. in der schon erwähnten 7. Auflage der Dudengrammatik): weglaufen, hinstellen, herauskommen, hindurchmarschieren scheinen sich ja durchaus weitgehend wie nachdenken, ausdrücken o.ä. zu verhalten. So kommt es orthographisch zur Zusammenschreibung, wenn Partikel und Verb – eventuell mit dazwischengeschobener Infinitivpartikel zu – direkt aufeinanderfolgen, was auf die Direktionalfälle ausgedehnt ist, also vermutlich nicht völlig systemwidrig sein kann. Ist der verbale Teil solcher Partikelverben finit, muss er bekanntlich in Verb-Erst- und Verb-Zweit-Strukturen von der Partikel getrennt werden, die am Satzende verbleibt. Beide bilden also keine morphologische Worteinheit. Trotzdem ist es plausibel, sie als eine einzige semantisch-syntaktische Größe, ein komplexes Prädikat, aufzufassen, denn nur zusammen sind sie jeweils der satzstrukturierende Kern. Mindestens im Fall der Partikelrealisierung von Direktionalen liegt es also nahe, sie als Teil eines komplexen Prädikats anzusehen, nicht als Adverbiale.

Im Gegensatz zum harten Kern der paradigmatischen Partikelverben (mit Präpositionen oder präpositionsähnlichen Partikeln) weisen die Richtungspartikeln allerdings eine weniger enge Bindung mit dem verbalen Partner auf, da sie z.B. unter Kontrastierung aus ihrer späten Position im Satz gelöst werden können.

    1. (13)
    1. Hinein ist er nicht gegangen.
    1. (14)
    1. ??Ein hat er den Herd nicht geschaltet.

Wie steht es um die PP-Realisierungen von Direktionalen (wie übers Spielfeld in Beispiel (12))? Lässt sich zeigen, dass sie nur aufgrund ihrer kategorialen Charakteristik andere syntaktisch-semantische Rollen innehaben als die Richtungspartikeln? Das scheint mir nicht der Fall zu sein. Somit legt sich aus Gründen der Systematik nahe, auch sie als Teile von komplexen Prädikaten und damit selbst als Prädikate aufzufassen, zumal dies ja auch zu den Verdoppelungsfälle wie ins Haus hinein oder zum Rathaus hin passt.

4. Direktionale und Modalverben

Kommen wir zu einer zweiten einschlägigen Verwendung von Direktionalen, die mir auf ihren prädikativen Charakter hinzudeuten scheint!

Eine eigentlich merkwürdige Eigenschaft von Direktionalen ist, dass sie als alleinige Partner in Modalverbkonstruktionen auftreten können (vgl. Zifonun / Hoffmann / Strecker 1997: 1225). Belegte Beispiele sind:

    1. (15)
    1. Ist das Kunst oder kann das weg?
    1. (16)
    1. Das Runde muss ins Eckige. [alte Fußballweisheit]
    1. (17)
    1. Muss i denn, muss i denn zum Städele hinaus. [altes Volkslied]
    1. (18)
    1. [Verpackungen der Bäckerei Ihle] dürfen in die Papiertonne. [Aufdruck auf der Papiertüte]

Tatsächlich sind alle Modalverben so verwendbar – falls bestimmte semantisch-pragmatische Verwendungsbedingungen erfüllt sind.

    1. (19)
    1. Sie will/möchte/muss/soll/darf/kann/braucht nicht heim/nach Hause/hin.
    1. (20)
    1. Der Nagel muss/darf/soll/kann/mag (einfach) nicht/will (einfach) nicht in die Wand.

Dazu kommt noch die modalverbähnliche Verwendung von gehören, das mit der Partizip-II-Form eines Handlungsverbs verbunden wird.

    1. (21)
    1. Der Ball gehört ins Tor.

Die Subjektsgröße kann auch ein Verb-Letzt-Satz sein.

    1. (22)
    1. Dass Goizig und Brilz unvergessen bleiben, muss auch noch in den Beitrag.
    1. (22‘)
    1. Wie schön ein Bad im Wertachkanal sein kann, muss auch noch in den Brief.
    1. (22‘‘)
    1. Wer ihr alles zum Geburtstag gratuliert hat, muss auch noch auf die Karte.

Echte Lokaladverbiale sind dagegen ausgeschlossen; vielmehr brauchen sie weiter die Stützung durch ein Kopulaverb.

    1. (23)
    1. Sie *will/*möchte/*muss/*soll/*darf/*kann daheim/zu Hause.
    1. (23‘)
    1. Sie will/möchte/muss/soll/darf/kann daheim/zu Hause bleiben.

Bekanntlich sind manche Modalverben auch mit Akkusativ-NPn oder mit dass-Sätzen verknüpfbar, aber dies gilt gerade nicht für alle Modalverben.

    1. (24)
    1. Sie will/möchte*muss/*soll/*darf/*kann ein Eis.
    1. (25)
    1. Sie *will/*möchte/*muss/*soll/*darf/kann sogar Italienisch.

In den letzten Fällen könnte man damit argumentieren, dass die Ergänzung durch ein spezifisches Verb wie haben oder sprechen das Gemeinte gut erfasst, also eine Ellipsenanalyse den Normalfall von Modalverbkonstruktionen wieder herzustellen gestattet. Dies gelingt im Zusammenhang mit Direktionalen nicht.

Wie schon Zifonun / Hoffmann / Strecker (1997: 1225) feststellen, kann hier keine Ellipse eines spezifischen Bewegungsverbs angesetzt werden – die Art der Bewegung nach Hause in (19) ist völlig offen und in (20) müsste man wohl am ehesten eine Passivkonstruktion mit ‚geschlagen/getrieben/gehämmert werden‘ oder so ähnlich ansetzen, die aber die beiden letzten Fälle nicht erfasst.

Manchmal scheint auch überhaupt kein passendes explizierendes Verb vorhanden zu sein, das genau das jeweils Gemeinte trifft. Im folgenden Beispiel ist für die Modalverbvariante zwar durchaus eine explizierende Ergänzung durch einen passenden Infinitiv möglich.

    1. (26)
    1. Brilz muss/soll ins Bett (gehen).

Die analoge Version mit gehören lässt hingegen m.E. keine Ergänzung zu, die dem Sinn der reinen Direktionalvariante in allen Fällen entspricht.

    1. (26‘)
    1. Brilz gehört ins Bett (gebracht/geschickt/*gegangen).

Wenn Brilz eine (für sich selbst entscheidende) erwachsene Person ist, der man eine vernünftige Verhaltensweise wünscht, ist weder das autoritäre gebracht, noch das eine Eigenaktivität zu stark einschränkende geschickt angemessen – sie sollte aus sich selbst diese vernünftige Entscheidung treffen. Die passende Umschreibung ist eher so etwas wie: ‚Es ist (vernünftigerweise) geboten, dass sich Brilz angemessen schnell ins Bett begibt.‘ – und das ist keine simple Erweiterung von (26‘)!

Weitere Beispiele:

    1. (27)
    1. In den Salat gehören noch Senf und ein wenig Salz (??getan).

Passendste Umschreibung des Gemeinten ist hier: ‚Es ist geboten, dem Salat noch Senf und ein wenig Salz hinzuzufügen.

    1. (28)
    1. In jeden Haushalt muss/sollte ein Rührgerät (*getan/gebracht/gestellt werden).
    1. (28‘)
    1. In jeden Haushalt gehört ein Rührgerät (*getan/gebracht/gestellt).

Eine einigermaßen passende Umschreibung ist wieder: ‚Es ist geboten, dass sich in jedem Haushalt von Anfang an oder nach angemessen kurzer Zeit ein Rührgerät befindet‘.

Gegen die Elisionstheorie im Zusammenhang mit Modalverb-Direktional-Kombinationen sprechen aber auch generelle Überlegungen. Schon seit Jahrzehnten wird im Gefolge der griceschen Implikaturentheorie und ihrer Weiterentwicklungen (Relevanztheorie, vgl. Sperber / Wilson 1995), Neo-Griceaner wie Levinson (2000) darauf hingewiesen, dass solche ‚Vervollständigungen‘ von Bedeutungen, z.B. Satzbedeutungen, besser nicht über semantische oder gar syntaktische Erklärungen erfasst werden sollten, sondern auf einer Ebene der pragmatisch-interpretativen Erklärung systematisch am besten aufgehoben sind. Eine Ellipsendeutung scheint mir daher nicht angemessen – man umgeht nur eine Schwierigkeit mit einer für eine Erklärung der Phänomene sterilen ad-hoc-Maßnahme. Am ehesten böte sich dieses Verfahren noch an, wenn man – wie im Fall von haben bei wollen – ein einziges semantisch passendes Verb zur Verfügung hätte. Mit gehen werde ich später noch auf eine Art Funktionsverb im Zusammenhang mit Direktionalen zu sprechen kommen, aber die obigen Beispiele zeigen, dass dieses beileibe nicht durchgängig als angeblich elidiertes Verb angesetzt werden kann.

Wie lässt sich also das Auftreten von Modalverben mit reinen Direktionalen am besten verstehen? Sollte man hierbei die Modalverben durch die Bank zu Vollverben erklären, die noch dazu mit einer Richtungscharakteristik versehen sind, an die die Direktionale anknüpfen könnten? Das scheint mir reichlich unplausibel. Die systematischste Erklärung für dieses seltsame Verhalten – und als Wissenschaftler sollten wir doch systematische Erklärungen bevorzugen – ist die, Modalverben als das aufzufassen, was sie auch ansonsten sind, nämlich so etwas wie semantische Koprädikate, Funktionsverben in einem weiten Sinn, die sich mit semantisch gehaltvollen Prädikaten zu einem modal angereicherten komplexen syntaktisch-semantischen Prädikat verbinden. Es ist üblicherweise so, dass Verben oder verbhaltige Prädikatskomplexe diese Rolle übernehmen. Die angesprochenen sprachlichen Phänomene legen es aber nahe, auch die verblosen Direktionale als prädikative Partner von Modalverben zuzulassen. Damit gewinnt man ein weiteres Argument für die Prädikatscharakteristik von Direktionalen – mindestens in diesen Konstruktionen.

Allerdings fallen zwei Besonderheiten auf: Zum einen sind im Verbund mit Modalverben offenbar nur konkret-räumliche Verwendungen von Direktionalen zugelassen.

    1. (29)
    1. Eva darf nicht in die Garage.
    1. (29‘)
    1. *Eva darf nicht in Rage.
    1. (30)
    1. Er soll nicht auf die Palme. [nur wörtliche Lesart, nicht ‚er soll nicht wütend werden‘]

Grund könnte sein, dass die entsprechenden Partikeln und Präpositionalphrasen von Haus aus genau diese räumliche Bedeutung haben, so dass jede Verschiebung – etwa metaphorischer Art – bestimmte explizite Ausdrücke im unmittelbaren Kontext erfordern, die eine Uminterpretation auslösen können und die hier einfach nicht vorhanden sind (also die entsprechenden Funktionsverben wie geraten oder gehen).

Zum zweiten ist – sozusagen vom anderen Partner her gesehen – nur die objektiv-deontische Lesart der Modalverben mit reinen Direktionalen verträglich, nicht jedoch die subjektiv-epistemische.

    1. (31)
    1. Anna ist erst vier Jahre und soll schon in die Schule gehen. [beide Lesarten]
    1. (31‘)
    1. Anna ist erst vier Jahre und soll schon in die Schule. [nur die deontische Lesart]

Offenbar fehlen bei der Verwendung von reinen Direktionalen anstelle von infiniten Verben bestimmte Charakteristika, die epistemische ‚Sonderinterpretationen‘ ermöglichen. Dies ist eindeutig der Fall, wenn Verben eine Art infinites Perfekt bilden (muss/soll/will angekommen sein), was bei reinen Direktionalen natürlich ausgeschlossen ist. Da die epistemische Lesart jedoch auch mit gegenwarts- oder zukunftsbezogenen ‚Präsens-Infinitiven‘ zulässig ist (wenn auch vielleicht nicht immer), scheint es bei den Verben im Gegensatz zu den reinen Direktionalen Inhaltselemente zu geben, auf die die epistemische Interpretation zugreifen kann.

5. Direktionale und Geräuschverben (bzw. sonstige Verben, die wahrnehmbare Phänomene bezeichnen)

Eine weitere Besonderheit der Direktionale, die mit einer Prädikatscharakteristik gut vereinbar ist, zeigt sich an dem folgenden Beispielpaar.

    1. (32)
    1. Die Heizung brummt durchs (ganze) Zimmer.
    1. (33)
    1. Die Hummel brummt durchs Zimmer.

Im ersten Fall wird der Ausbreitungsraum des Brummgeräusches charakterisiert; dies entspricht den Fällen, in denen das durch das Verb bezeichnete Geschehen sich über einen räumlichen Pfad ausbreitet bzw. entwickelt (ähnlich wie oben in (12) über das Spielfeld blicken oder auch Beispiele wie auf den Boden spucken mit einem Endpunkt). Im zweiten Fall ist diese Interpretation möglich, aber nicht naheliegend; vielmehr geht es darum, dass die vom Subjektsausdruck bezeichnete Größe sich durchs Zimmer bewegt – und zwar brummend. Das Geräuschverb wird in diesem Fall durch die Hinzufügung eines Direktionals scheinbar zu einem Bewegungsverb! Dies geht bis zur Wahl des einschlägigen Perfekthilfsverbs.

    1. (32‘)
    1. Die Heizung hat/*ist durchs (ganze) Zimmer gebrummt. [ein aufgrund von Weltwissen motivierter Ausschluss]
    1. (33‘)
    1. Die Hummel ist/(*)hat durchs Zimmer gebrummt.
    2. (wobei die haben-Variante zulässig ist, wenn es nur um die Ausbreitung des Brummgeräusches geht)

Ein weiteres Beispiel ist:

    1. (34)
    1. Das Auto hat/*ist (schon beim Anlassen) gescheppert.
    1. (34‘)
    1. Das Auto ist/(*)hat über das Kopfsteinpflaster gescheppert.

Die entsprechenden semantischen Beziehungen zwischen Richtungsprädikat und Geräuschprädikat lassen sich schön an einer Zeile aus einem alten Lied über eine Münchner Straßenbahnlinie nachzeichnen.

    1. (35)
    1. Ein Wagen von der Linie 8, weißblau, fährt ratternd durch die Stadt.

Zentral ist das Bewegungsgeschehen, das modaladverbial durch ein typisches Geräusch charakterisiert wird (bzw. alternativ wird dem Subjekt durch ein sekundäres Zustandsprädikat ein die Fortbewegung begleitendes Geräusch zugeschrieben: ‚Ein Wagen von der Linie 8 fährt durch die Stadt, wobei er rattert.‘). Beides wird sozusagen kondensiert, wenn das Bewegungsverb durch das Geräuschverb als Prädikat ersetzt wird.

    1. (35‘)
    1. Ein Wagen von der Linie 8 rattert durch die Stadt.

Die Liedzeile (35) stellt eine mögliche Explizierung des mit (35‘) Gemeinten dar.

Natürlich ist in allen diesen Fällen eine Analyse nicht von vornherein ausgeschlossen, die besagt, dass hier ein Geräuschverb wie ein Bewegungsverb verwendet wird und dementsprechend auch ein passendes Direktional zu sich nehmen kann – wieso es zu dieser Uminterpretation kommt, wird dadurch jedoch nicht deutlich, sie wird einfach nur festgestellt. Systematischer und damit vorzuziehen scheint mir die Analyse, dass hier ein direktionales Prädikat, das aufgrund seiner nicht-verbalen Charakteristik natürlich nicht allein als Kern eines finiten Satzes auftreten kann, das Geräuschverb funktional-semantisch (natürlich gerade nicht syntaktisch) als eine Art Ko-Prädikat zu sich nimmt, das dann die verbalen satzbezogenen Kategorien wie Tempus, Modus usw. realisiert. Es kommt zu einer Art Dominanzumkehr auf der semantisch-funktionalen Ebene, die durch den Wechsel im Perfekthilfsverb auf der formal-syntaktischen Ebene erkennbar gemacht wird: In (32) ist das Geräuschverb semantisch wie syntaktisch das primäre Prädikat, das durch das Direktional als sekundäres Prädikat erweitert wird. Es wird sprachlich ein Geräuschgeschehen, ein Brummensgeschehen, erfasst, wobei in einer Erweiterung des Prädikats die Ausbreitungsrichtung des Geräuschs angegeben wird, d.h. das komplexe Geräusch-Prädikat in (32) ist ‚durchs (ganze) Zimmer brummen‘. In (33) ist das Direktional semantisch das primäre Prädikat, das das syntaktisch primäre Geräuschprädikat in der Wahl des Perfekthilfsverbs bestimmt (vgl. die Liedzeile (35) für das entsprechende semantische Muster). Es wird sprachlich ein Bewegungsgeschehen erfasst, eine Bewegung durchs Zimmer, deren Modus – hier fliegend – nicht explizit genannt, sondern nur erschlossen wird. Stattdessen wird die charakteristische Geräuschentwicklung bei der Fortbewegung expliziert, die man als eine Art Ersatz für den fehlenden Fortbewegungsmodus auffassen kann. Das komplexe Bewegungs-Prädikat in (33) ist ‚(sich) brummend durch das Zimmer (bewegen)‘. Die entsprechende Dominanzumkehr setzt natürlich voraus, dass das Direktional überhaupt als Prädikat und nicht als Adverbial behandelt wird. Interpretierte man das Direktional als Adverbial, müsste man bei den entsprechenden Verben wie brummen oder rattern hingegen ohne weitere Erklärung zwei Lesarten annehmen, eine reine Geräusch- und eine Geräusch+Bewegungs-Lesart, wobei die letztere durch die Hinzufügung des Direktionals vereindeutigt würde. Nur durch die Analyse der Direktionale als Prädikate ist es demnach möglich, die Bewegungslesart zu erklären und durchsichtig abzuleiten.

Übrigens sind nicht nur Verben betroffen, die auffällige Geräusche bezeichnen, sondern auch manche Verben für auffällige sichtbare Phänomene.

    1. (36)
    1. Der Zug ist /(*)hat in den Bahnhof gedampft.
    2. (wobei parallel zu (33‘) oben die haben-Variante zulässig ist, wenn es nur um die Ausbreitung von Dampf geht)
    3. vs.
    1. (36‘)
    1. Der Zug (die Lok) hat/*ist gedampft.

Vermutlich kann man auch Verben hinzufügen, die von Haus aus eine visuell wahrnehmbare Veränderung bzw. Bewegung an Ort und Stelle spezifizieren, jedoch ebenfalls durch ein direktionales Prädikat überformt werden können (während Fälle ohne entsprechende Dominanzumkehr eher von zweifelhafter Akzeptabilität sein können).

    1. (37)
    1. Der Stuhl hat/*ist gewackelt.
    1. (37‘)
    1. ??Der Stuhl hat nach rechts gewackelt.
    2. vs.
    1. (37‘‘)
    1. Der kleine Max ist/*hat in den Garten hinaus gewackelt.

6. Direktionale und Resultativkonstruktionen

Zu Beginn habe ich kurz die Resultativkonstruktionen als ein Beispiel für komplexe Prädikate mit einem Vollverb-Bestandteil erwähnt. Im erläuternden Beispiel (10) wurde eine valenzgebundene Größe des Vollverbs, das direkte Objekt, durch ein hinzukommendes sekundäres Prädikat charakterisiert, das mit dem Vollverb als primärem Prädikat durch eine Konsekutiv- bzw. Resultativrelation verbunden ist – ‚Max bügelt die Wäsche, so dass diese trocken wird.‘ Zwei generelle Charakteristika dieser Konstruktionen sind auffällig. Zum einen passt in diesem Beispiel zwar die Wahl der Akkusativ-NP die Wäsche durchaus noch zu den Valenzforderungen des Verbs, so dass das sekundäre Prädikat formal-syntaktisch keine große Rolle zu spielen scheint. Dies ändert sich jedoch, sobald die Akkusativ-NP mit den Anforderungen des primären Prädikats allein nicht mehr vereinbar ist, z.B. aus dieser Sicht ganz unmotiviert als Reflexivum realisiert wird, wie in dem folgenden Beleg, einer Werbeanzeige.

    1. (38)
    1. Schlemm dich schlank!
    2. vs.
    1. (38‘)
    1. *Schlemm dich!

Erst der gesamte Prädikatskomplex ‚schlank schlemmen‘ motiviert also letztendlich die Wahl der Akkusativ-NP, eine bedeutungsverdeutlichende Paraphrase ist ‚Schlemm, so dass du schlank wirst!‘. In Fällen wie ‚trockenbügeln‘ liegt diese Abhängigkeit der Objekts-NP vom gesamten komplexen Prädikat nicht so offensichtlich auf der Hand, aus Gründen der Allgemeinheit ist aber auch dort von einer solchen Abhängigkeit auszugehen.

Zum anderen ähneln die Situations- bzw. Geschehenstypen, die durch solche Konstruktionen erfasst werden, denjenigen mit Direktionalen: Es gibt eine Handlung oder Aktivität und einen Endzustand als Folge dieser Handlung bzw. Aktivität. Die implizierte Entwicklung hin zu diesem Endzustand kann als eine abstrakte Art von Pfad mit zeitlich aufeinander folgenden Entwicklungsschritten hin zu einem Endzustand aufgefasst werden – die Wäsche geht zusehends von einem feuchten in einen trockenen Zustand über, die Körperfülle nimmt über die Zeit des Konsums der beworbenen Nahrungsmittel zusehends ab.

Nun kann dieser Ziel- oder Endzustand nicht nur durch eine Eigenschaft wie ‚trocken‘ oder ‚schlank‘ bestimmt sein, sondern auch durch einen Ziel-Ort definiert werden, so dass das Resultativprädikat diesen Zielort selbst in Form einer NP benennt. Bewegungen auf Zielorte hin werden durch (PP-förmige) Direktionale erfasst und so finden wir Beispiele wie das folgende:

    1. (39)
    1. Graf Fulk trinkt seine Kumpane unter den Tisch.

mit der Paraphrase: ‚Graf Fulk trinkt so exzessiv (mit seinen Kumpanen), dass diese Kumpane unter den Tisch geraten‘.

Nach den vorherigen Überlegungen zu den komplexen Prädikaten, die den syntaktisch-semantischen Kern von Resultativkonstruktionen darstellen, ist klar, dass in diesem Zusammenhang Direktionale als Prädikate aufgefasst werden sollten, nicht als Adverbiale. Ansonsten ist es kaum erklärlich, wieso beim Fehlen dieses scheinbaren adverbiellen Zusatzes der entsprechende Satz semantisch-pragmatisch sofort absolut unplausibel wird.

    1. (39‘)
    1. *Graf Fulk trinkt seine Kumpane.

Zugegebenermaßen lassen sich Resultativprädikate nicht so leicht als auf konkrete räumliche Pfade bezogene Direktionale realisieren, da es ja zunächst um die Charakteriserung eines Resultatszustands geht, der nur indirekt mit einem Ort in Beziehung gesetzt werden kann – der Resultatszustand in (39) ist der einer exzessiven Trunkenheit und diese kann sich besonders auffällig darin äußern, dass die Betrunkenen sich nicht mehr auf den Stühlen halten können.

Weitere Möglichkeiten, formale Direktionale in Resultativkonstruktionen zu verwenden, ergeben sich dann, wenn Zielzustände nominal benannt werden, ohne deshalb Orte zu sein. Sie müssen jedoch in Formen realisiert werden, die denen von Direktionalen entsprechen.

    1. (40)
    1. Die Parteijugend jubelt sich in den Wahlkampfmodus. [SZ (Süddeutsche Zeitung) 28.10.2024, S. 5]
    2. ‚Die Parteijugend jubelt so extensiv, dass sie in den Wahlkampfmodus gerät‘
    1. (40‘)
    1. *Die Parteijugend jubelt sich.
    1. (41)
    1. Lincoln hatte kaum Schulbildung, er entdeckte früh seine Leidenschaft für Bücher und las sich die soziale Stufenleiter hoch. [SZ 28.10.2024, S. 10]
    2. ‚Lincoln las so extensiv, dass er die soziale Stufenleiter hoch gelangte‘
    1. (41‘)
    1. *Lincoln las sich.

Weitere Beispiele sind:

    1. (42)
    1. Anna redet sich in Rage.
    1. (43)
    1. Graf Fulk säuft sich ins Koma.
    1. (44)
    1. Max bricht die Waffel in kleine Stücke.
    1. (45)
    1. Der Koch schlug den Mops zu Brei.

Der Prädikatscharakter der Präpositionalphrasen in solchen Resultativkonstruktionen scheint mir hinreichend verbürgt zu sein. Dass nominale Prädikate in diesen Konstruktionen wie PP-förmige Direktionale konstruiert werden müssen, kann als Beleg für eine starke Affinität von Direktionalen zum prädikativen Teil in semantisch-syntaktischen Strukturbildungen, d.h. Sätzen oder satzähnlichen Ausdrücken gewertet werden.

7. Nicht eingebettete (satzäquivalente) Direktionale

Bekanntlich müssen – vor allem in der spontanen gesprochenen Sprachverwendung – nicht immer vollständige Sätze auftreten. Insbesondere auf finite Verben als deren Kennzeichen wird verzichtet. An spezifische Kontexte gebunden, wie solche der Korrektur oder Kontrastierung oder auch in der Beantwortung von w-Fragen mit ihrer Lückenstruktur, können Satzbruchstücke gebraucht werden, die dennoch eine vollständige sprachliche Handlung im Sinn der klassischen Sprechakttheorie darstellen. Daneben gibt es aber auch spezielle nicht satzförmige formale Konstruktionstypen, die mit einer typischen Auswahl von Verwendungsmöglichkeiten bzw. Illokutionstypen verbunden sind, aber keiner spezifischen kontextuellen Einbettung bedürfen. Insofern stehen sie durchaus auf einer Ebene mit den vollständigen finiten Satzstrukturen. Während Äußerungen wie den Löffel oder ohne für eine angemessene Interpretation auf sehr spezifische Kontexte angewiesen sind (im ersten Fall etwa die gleichzeitige Präsentation eines Löffels und einer Gabel, im zweiten Fall die Präsentation eines Milchkännchens, nachdem eine Tasse mit Tee gefüllt wurde), sind für sich stehende nominale Ausdrücke wie Wie schön! Unverschämtheit! Ein Mädchen! kontextlos zumindest als Kundgaben der Entzückung oder der Empörung ohne weiteres verständlich. Auffällig ist bei diesen zweiten Fällen, dass sie kontextunabhängig als Prädikationen erkannt werden können, auch wenn man ohne diesen Kontext nicht weiß, auf welche Größen – Situationen oder auch Personen – sich die jeweiligen Zuschreibungen beziehen. Dies gilt natürlich auch für nicht-finite Verwendungen von Verben: Nicht anfassen! Bitte lächeln! Aufgepasst!, die als Ermunterungen zu Handlungen verwendet werden. Zu dieser Gruppe der Kundgabe von Wünschen bzw. der Aufforderungen gehören nun auch verblos stehende Ausdrücke mit direktionaler Charakteristik:

    1. (46)
    1. Herein! Fort! Aus meinen Augen! Nach Hause!

Anders als die übrigen Konstruktionen zeigen sie sogar eine noch größere Nähe zu den echten satzförmigen Strukturen, da bei ihnen auch die Größe realisiert werden kann, der das Richtungsprädikat zugeschrieben wird. Die entsprechenden alleinstehenden Direktionale lassen allerdings aufgrund des Fehlens von Finitheitsmerkmalen erwarten, dass keine übliche Nominativ-NP als Subjekt der erwünschten Bewegung auftritt (wenn eine solche doch einmal vorhanden ist – Männer an den Herd!,?Der ganze Pöbel aus meinen Augen! – dürfte so etwas wie ein Defaultgebrauch des Nominativs vorliegen, da eine NP schließlich kasusmarkiert werden muss; diese Art der Erweiterung ist allerdings eher im Zusammenhang mit nicht-finiten Verben möglich – Alle Mützenträger aufgepasst!). Stattdessen wird diese Größe in Form einer mit-PP realisiert, also als etwas, das in finiten Strukturen als eine Art sekundäres Subjekt fungiert (klassisches Anwendungsgebiet sind Todesanzeigen und Nachrufe: Mit ihm verliert die Universität einen hervorragenden Wissenschaftler.):

    1. (47)
    1. Zur Hölle mit ihm!
    1. (48)
    1. In den Müll damit!
    1. (49)
    1. An die Laterne mit den Aristokraten!
    1. (50)
    1. Hinaus mit dir!

Es spricht also einiges dafür, Direktionale – seien es Adverbien oder vollständige Präpositionalphrasen – in diesen verblosen Konstruktionen als Prädikate einzuordnen.

8. Direktionale und das Funktionsverb gehen

Die bisherigen Verwendungskontexte der Direktionale legen nahe, dass sie im typischen Fall mit Vollverben zusammenwirken. Lediglich die Kombinierbarkeit mit Modalverben machte hier eine Ausnahme. Die anderen nicht-verbal realisierten Prädikate (wie das Adjektiv trocken in (10)) können zwar auch mit Vollverben in einem syntaktischen (Teil-)Satz auftreten, sofern sie als sekundäre Prädikate fungieren. Sie sind jedoch auch als alleiniges semantisches Zentrum eines (Teil-)Satzes verwendbar – z.B. im Rahmen von Kopulastrukturen, wobei die verbalen Kategorien wie Tempus und Modus an bedeutungsleeren oder bedeutungsarmen Kopulaverben eine formale Basis finden. Die Kopulaverben gehen dabei in den allgemeineren Bereich der bedeutungsarmen Funktionsverben über, wie schon die Verwendung von sein im Zusammenhang mit Ortsbezeichnungen nahelegt, da ist in Augsburg ja ein sich Befinden bedeutet und nicht die Zuschreibung einer Eigenschaft wie bei ist klug oder ist Linguistin. Wenn Direktionale Prädikate sind, sollten sie im Prinzip auch wie die anderen nicht-verbalen Prädikate allein als semantische Satzkerne auftreten können, die lediglich der syntaktisch-formalen Stützung durch ein Funktionsverb bedürfen. Tatsächlich gibt es ein solches Funktionsverb, das zwar nicht in allen Fällen, aber doch sehr häufig einsetzbar ist. Es ist eine Art dynamisches Gegenstück zum statischen sein, das schon im Zusammenhang mit den recht wenigen reinen Prädikativa des Deutschen wie auf, zu, k.o. oder pleite eingesetzt werden kann, nämlich das Verb gehen in dieser spezifischen, bedeutungsarmen Verwendungsweise.

    1. (51)
    1. Die Tür war auf/zu. vs. Die Tür ging auf/zu.
    2. (Ich verwende das Präteritum, um bei auf/zugehen die Dispositionslesart möglichst zu vermeiden.)
    1. (52)
    1. Der Boxer ist k.o. vs. Der Boxer geht k.o.
    1. (53)
    1. Die Firma ist pleite. vs. Die Firma geht pleite.

Auch der sozusagen lokal angereicherten Variante von sein kann man die dynamische gehen-Variante gegenüberstellen.

    1. (54)
    1. Max ist(/liegt/befindet sich) am Boden. vs. Max geht zu Boden.
    1. (55)
    1. Der Ball ist im Aus/geht ins Aus.

In anderen Fällen gibt es nicht unbedingt ein statisches Gegenstück.

    1. (56)
    1. Anna geht in die Knie.

In allen diesen Fällen hat gehen seine Spezifika als Bewegungsverb verloren (Türen gehen nicht, genausowenig wie Firmen), lediglich die zugrundeliegende allgemeine Richtungscharakteristik ist noch vorhanden – die als solche genau zum prädikativen Zentrum der jeweiligen Sätze passt.

    1. (57)
    1. Das Fenster geht auf die Straße (hinaus).
    1. (58)
    1. Die Treppe geht in die Tiefgarage (hinunter).
    1. (59)
    1. Der Weg geht um den Berg herum/ums Eck.

Andere Beispiele verbinden sich mit Abstraktausdrücken (schon das oben genannte Beispiel pleite ist ja ein solcher Fall).

    1. (60)
    1. Die Firma geht in Konkurs.
    1. (61)
    1. Das Geschäft ging in die Hose.
    1. (62)
    1. Die Beziehung ging in die Brüche.
    1. (63)
    1. Das Glas ging zu Bruch.

Die beiden letzten Beispiele gehen deutlich in den Bereich der klassischen Funktionsverbgefüge über, die als ‚Langversionen‘ von Verben gelten: in die Brüche gehen wie auch zu Bruch gehen sind in diesem Sinn Gegenstücke zu zerbrechen.

Im Extremfall bleibt sogar nur das Direktional als einziges Inhaltselement eines Satzes übrig, so dass die Subjektsposition wie beim sprachlichen Erfassen von im weitesten Sinn ‚atmosphärischen Situationen‘ wie Es regnet. oder Es stinkt. mit dem semantisch und lautlich extrem ausgedünnten Element es besetzt wird.

    1. (64)
    1. Es geht bergauf.

Gebraucht wird es hier im Sinn von ‚die Lage bessert sich‘. Will man trotzdem eine Person benennen, deren Lage sich bessert, so ist es nicht möglich, einfach das es-Subjekt durch eine entsprechende Bezeichnung zu ersetzen – Anna geht bergauf. bedeutet etwas völlig anderes, nämlich eine reale Ortsveränderung einen Berg hinauf. Stattdessen treffen wir hier wieder auf die Form des sekundären Subjekts, die uns schon bei den satzäquivalent verwendeten Direktionalen begegnet ist – es heißt Mit Anna geht es bergauf.

9. Direktionale und die grammatische Transposition von Infinitiven

Ein weiteres Argument für eine Zusammenfassung von verbalem Ausdruck und Direktional in einem einzigen komplexen Prädikatsausdruck lässt sich aus deren Verhalten bei der syntaktischen Transposition des Infinitivs von der verbalen zur nominalen Kategorie gewinnen. Im Gegensatz zur lexikalischen Konversion gibt es bei diesem Typ von Wortartwechsel ohne lautlich angezeigte morphologische Operationen keine lexikalischen Lücken, sondern die syntaktische Transposition erfasst alle entsprechenden Formen. Bis aufs Subjekt können alle Ausdrücke, die dieses Verb in einer satzförmigen Struktur begleiten, in den Transpositionsprozess mit einbezogen werden: das Kuchenbacken, wobei in der geschriebenen Version so genannte Durchkopplungsbindestriche das manchmal entstehende merkwürdige Langsubstantiv kennzeichnen – Beispiel: das dicke-Bretter-Bohren. Häufig werden die entsprechenden Begleiter jedoch – wo möglich – in die Form von Attributen gebracht: das Backen von Kuchen, das Bohren dicker Bretter, das schnelle Musizieren, das Musizieren heute usw. Die Transposition ist in diesem Fall auf das verbale Prädikat beschränkt, das sich in der Folge wie ein abstraktes Substantiv verhält (also mit neutralem Genus, weitgehend ausgeschlossener Verwendung im Plural und eben auch der Erweiterbarkeit durch Attribute).

Sieht man sich die üblichen Verbkomplexe an, so zeigt sich, dass die Attribuierungsvariante ausgeschlossen ist: *das Denken mit vs. das Mitdenken, *das Schießen tot/tote Schießen vs. das Totschießen. Allerdings ist klar, dass die entsprechenden Ausdrücke entweder nicht als Attribute geeignet sind – so die allein stehende Präposition mit – oder nicht die passende Bedeutung zeigen – wie bei den Fällen mit Adjektiv. Wenn wir zurücksehen auf die beiden Varianten der klassischen sekundären Prädikate (Zustandsprädikate bzw. Depiktive und Resultative), bemerken wir, dass die verbfernen adjektivischen (sekundären) Zustandsprädikate als Ad-Attribute auftreten können, nämlich zusammen mit ihrem ehemaligen (begrifflichen, nicht syntaktischen) Subjekt in einem NP-Attribut – das Bügeln trockener/feuchter Wäsche bzw. im Prinzip auch in der aufgrund von Weltwissen blockierten Variante das trockene Bügeln, die jedoch ansonsten den modaladverbiellen Fällen wie bei das sorgfältige Bügeln entspricht. Dagegen kann die resultative Variante – wie schon bei totschießen zu sehen – nur insgesamt transponiert werden: *das Bügeln trocken, *das trockene Bügeln vs. das Trockenbügeln.

Auch bei den das Verb begleitenden Direktionalen ist diese Möglichkeit der Umwandlung in ein Attribut zumindest stark eingeschränkt bzw. führt häufig zu kaum akzeptablen Ergebnissen.

    1. (65)
    1. *Das Gehen in das Allerheiligste ist verboten.
    1. (66)
    1. *Das Fahren hinüber ist recht billig.
    1. (67)
    1. ??Es empfiehlt sich ein Blicken über den Tellerrand.
    1. (68)
    1. ??Dein Spucken in die Suppe ist ekelhaft.

Vielmehr muss in solchen Fällen das Direktional in die Transposition mit einbezogen werden: dein in-die-Suppe-Spucken, das ins-Allerheiligste-Gehen. Als plausiblen Grund für derartige Beschränkungen kann man anführen, dass die entsprechenden nicht-verbalen Ausdrücke deshalb nicht attributfähig sind, weil sie keine valenzgebundenen oder freien Begleiter des Prädikats, sondern selbst Teil des Prädikats sind und die syntaktische Transposition von Infinitiven zumindest das gesamte Prädikat erfassen muss, bei komplexen Prädikaten also auch alle nicht-verbalen Elemente. Die weitgehend analogen Einschränkungen bei den Direktionalen können daher als weiteres Indiz für ihren prädikativen Charakter gewertet werden. Denn an sich sind Präpositionalphrasen ja durchaus zulässige Attribute. Dies zeigt sich bei echten Lokaladverbialen.

    1. (69)
    1. Das Gehen im Allerheiligsten/Das Spucken im Gebäude ist untersagt.

Tatsächlich scheint es darauf anzukommen, dass das Prädikat als Kombination aus primärem verbalen Prädikat und Direktional erkennbar ist. Tritt dieses in der Verdopplungsvariante auf, genügt es, nur die partikelhafte Besetzung in die syntaktische Transposition mit hineinzunehmen, während die PP-Besetzung als Attribut realisiert werden kann.

    1. (70)
    1. Dein Hineinspucken in die Suppe ist ekelhaft.
    1. (71)
    1. Das Hineingehen in das Allerheiligste ist verboten.

Die Attribuierungsvariante ist jedoch auch möglich, wenn statt der syntaktischen Transposition auf eine andere Art der Nominalisierung zurückgegriffen werden kann.

    1. (72)
    1. Der Gang in das Allerheiligste ist verboten.
    1. (73)
    1. Die Fahrt hinüber ist recht billig.
    1. (74)
    1. Es empfiehlt sich ein Blick über den Tellerrand.

Vgl. auch:

    1. (75)
    1. Nicht in die Beete treten! ➔ ??Das Treten in die Beete ist verboten. vs. Jeder Schritt in die Beete ist verboten.
    1. (76)
    1. Rasen nicht betreten! ➔ Das Betreten des Rasens ist verboten.

Trotz dieser recht komplexen Verhältnisse und nicht völlig eindeutigen Akzeptabilitätseinschätzungen ist das Verhalten von Direktionalen im Zusammenhang mit der syntaktischen Transposition von Infinitiven ein weiteres Indiz für ihren Status als Teil eines komplexen Prädikats und nicht als Adverbial, wie der Kontrast zu den Lokaladverbialen zeigt.

10. Obligatorität der Direktionale

Im Durchgang durch verschiedene Konstruktionen, an denen Direktionale beteiligt sind, war zu erkennen, dass es nicht unplausibel ist, sie jeweils als Prädikate bzw. Teile von komplexen Prädikaten und nicht als Adverbiale zu klassifizieren, Die Frage ist nun, ob es gerechtfertigt ist, alle Verwendungen von Direktionalen auf Satzebene einheitlich prädikativ zu verstehen. Am kritischsten sind dabei sicherlich die klassischen Fälle, bei denen PP-förmige Ausdrücke zusammen mit Vollverben auftreten, die semantisch explizit eine Richtungskomponente aufweisen, wie z.B. stellen, oder sozusagen implizit über eine solche verfügen oder mit einer solchen zumindest verträglich sind, wie z.B. spucken. Die alternativen Realisierungen als Richtungspartikeln, z.B. hinstellen und hineinspucken, scheinen sich ja deutlich den Partikelverben anzunähern, also Komplexen aus mindestens zwei Wörtern, die dennoch funktional zusammengehören und das Prädikat des jeweiligen Satzes bilden. Reicht der Wechsel in der Realisierung des Direktionals von Partikel zu vollständiger Präpositionalphrase, d.h. Präposition und NP-Partner, aus, um eine so eindeutige funktionale Trennung in Teil eines Prädikatskomplexes einerseits und Adverbial andererseits vornehmen zu können? Dies scheint mir jedenfalls nicht geboten. Daher stelle ich die stärkere Behauptung auf, dass alle satzbezogenen Direktionale als Prädikate bzw. Teile von komplexen Prädikaten zu verstehen sind.

Daraus ergibt sich sofort eine weitere Konsequenz. Freie Hinzufügungen, zu denen die meisten Adverbiale gehören, aber auch manche valenzgebundenen Ausdrücke müssen bekanntlich nicht realisiert werden, Sätze sind auch ohne sie grammatisch-formal vollständig. Prädikate hingegen, als die zentralen Ausdrücke, die die minimale Satzstruktur festlegen, gehören selbst zu dieser minimalen Satzstruktur. Sind Direktionale immer Teile von komplexen Prädikaten, gehören sie auch immer zur minimalen Satzstruktur, sind also nie weglassbar. Dies scheint leicht widerlegbar. Schließlich gibt es ja zu Hauf solche Dubletten wie

    1. (77)
    1. Das Kamel spuckt.
    1. (77‘)
    1. Das Kamel spuckt auf die Zoobesucher.
    1. (78)
    1. Eva radelt (gern).
    1. (78‘)
    1. Eva radelt in die Uni.

Diese Problemfälle lassen sich jedoch recht leicht entschärfen, wenn man bedenkt, dass mit einer Lautfolge eines Wortes häufig verschiedene Lesarten verbunden sind. Bei spucken, radeln und ähnlichen Fällen gibt es offenbar eine reine Aktivitätslesart – es wird etwas getan – und eine Lesart, bei der hervorgehoben wird, dass eine an der Aktivität beteiligte Größe einen Weg durchmisst, bei vielen einstelligen Verben gilt dies für das Subjekt, bei den explizit oder implizit zweistelligen für das Objekt – beim Spucken wird ja immer etwas auf die Bahn geschickt, sei es Speichel oder z.B. ein Kirschkern. Für die Richtungskomponente der zweiten Lesart sorgt nun genau das Direktional, d.h. die zweite Lesart kommt nur zustande, weil ein komplexes Prädikat vorliegt. Dabei können auch ganz ungewöhnliche Richtungslesarten auftreten wie im folgenden Beispiel aus einer Todesanzeige für einen katholischen Geistlichen:

    1. (79)
    1. [Er ist] hineingestorben in die Hand Gottes [SZ 28./29.9.2024 S. 29]

Auf der anderen Seite stehen Verben, bei denen schon traditionell anerkannt wird, dass das Direktional obligatorisch ist, obwohl dies dem Charakter eines Adverbials eher nicht zu entsprechen scheint. Bei der Prädikativ-Klassifikation ergibt sich dies automatisch. Vergleicht man etwa das kausativ-dynamische Trio setzen, stellen, legen mit dem statischen Trio sitzen, stehen, liegen, so zeigt sich, dass bei letzterem wohl die lokale Lesart dominiert, bei der ein Ortsadverbiale hinzugefügt werden muss. Anna sitzt/steht/liegt auf dem Bett. Daneben gibt es jedoch auch die nicht-lokale Lesart, die sich darauf stützt, dass schließlich drei unterschiedliche Lokalisierungsverben zur Verfügung stehen: Anna sitzt bequem. Das Glas steht wacklig. Max liegt bequem. Diese, nennen wir sie modale, Komponente reicht tatsächlich aus, das entsprechende Verb allein zu verwenden. Bei den kausativ-dynamischen Gegenstücken ist dies nicht möglich, ein direktionaler Ausdruck muss realisiert werden.

    1. (80)
    1. Anna stellt die Gläser vorsichtig hin/*__.
    1. (81)
    1. Max legt die Eier vorsichtig hin/*__.
    1. (82)
    1. Anna setzt die Mäuse vorsichtig hinein/*__.

Eine reine Aktivitätslesart tritt lediglich auf, wenn das Objekt als Reflexiv realisiert wird, vor allem bei sich setzen.

Die sonstigen direktionallosen Verwendungen führen zu einer Bedeutungsveränderung der drei typischen Verben setzen, stellen und legen, die sie aus dem räumlichen Bereich in den einer abstrakteren Verursachungsbedeutung führen.

    1. (83)
    1. Anna legt Max die Karten. Das setzt neue Maßstäbe. Allerdings stellen sich noch ein paar Fragen.

Interessanterweise lassen sich in einer weiteren abstrakten Verwendung die drei Verben mit einer dritten Größe verbinden, die zum verbreitetsten Muster der sekundären resultativen Prädikate passt, nämlich mit Adjektiven (und teilweise mit abstrakten, nicht räumlich versetzbaren Entitäten als Objektdenotaten). In allen diesen Fällen geht es darum, dass durch die Subjektsgröße eine bestimmte Situation herbeigeführt wird, eine neue, häufig nicht–räumliche Konstellation entsteht. Es fehlt also zwar ein direktionaler Ausdruck; tatsächlich wird die Richtungskomponente jedoch realisiert, nämlich durch die resultative Struktur.

    1. (84)
    1. Max stellte sicher, dass alle etwas zu essen bekamen.
    2. ‚Max verursachte eine Situation, für die gilt: Es ist sicher, dass alle etwas zu essen bekommen.‘
    1. (85)
    1. Anna legte offen, wie sie die Zukunft der Firma einschätzt.
    2. ‚Anna verursachte eine informationelle Situation, für die gilt: Es ist/liegt offen, wie sie die Zukunft der Firma einschätzt‘.
    1. (86)
    1. Anna setzte fest, wer wieviel von ihrem Geld erbt.
    2. ‚Anna verursachte eine informationelle Situation, für die gilt: Es ist/liegt fest, wer wieviel von ihrem Geld erbt.‘

Weitere Beispiele sind: jemanden schachmatt setzen, etwas klarstellen, etwas freilegen/freisetzen (räumlich!), jemanden bloßstellen, etwas/eine Gegend trockenlegen. Dass diese typischen transitiven Richtungsverben so einfach in das Muster der komplexen Prädikate von Resultativkonstruktionen überführt werden können, ist noch einmal als Hinweis auf die Prädikatscharakteristik von Direktionalen zu verstehen.

Fazit: Auf der Grundlage der betrachteten Eigenschaften von Direktionalen schlage ich vor, sie zu den prädikativen Ausdrücken zu stellen.

Notes

  1. Eine frühere Fassung des Beitrags wurde 2024 in Budapest und Szeged vorgetragen. Ich danke für die Anmerkungen der Teilnehmenden bei diesen Vorträgen sowie zwei begutachtenden Personen für ihre kritischen Hinweise und Verbesserungsvorschläge. [^]

Literatur und Ressourcen

Dudenredaktion (Hrsg.) (2005): Duden. Die Grammatik. 7., völlig neu erarbeitete und erweiterte Auflage. Mannheim: Dudenverlag.

Heidolph, Karl Erich / Flämig, Walter / Motsch, Wolfgang (1981): Grundzüge einer deutschen Grammatik. Berlin (Ost): Akademie-Verlag.

Levinson, Stephen C. (2000): Presumptive Meanings. The Theory of Generalized Conversational Implicature. Cambridge, Mass.: MIT Press.

Oppenrieder, Wilhelm (1991): Von Subjekten, Sätzen und Subjektsätzen. Untersuchungen zur Syntax des Deutschen. Tübingen: Niemeyer.

Sperber, Dan / Wilson, Deirdre (1995): Relevance: Communication and Cognition. Cambridge: Blackwell.

Zifonun, Gisela / Hoffmann, Ludger / Strecker, Bruno (1997): Grammatik der deutschen Sprache. Berlin / New York: de Gruyter.

Biographische Notiz

Wilhelm Oppenrieder: von 1989 bis 2021 beschäftigt an der Ludwig-Maximilians-Universität München (Germanistische Linguistik). Forschungsschwerpunkte: Syntax, Prosodieforschung, Satzartenforschung.

Kontaktanschrift:

Wilhelm Oppenrieder

Am Waldrand 17

81377 München

wilhelm.oppenrieder@t-online.de