1. Einleitung
Die vorliegende Untersuchung ist Teil einer Reihe von Forschungsarbeiten (vgl. Leonardi / Thüne / Betten 2016; Häußinger et al. 2023; Leonardi et al. 2023; Cinato et al. 2025), die auf der Grundlage des sogenannten Israelkorpus durchgeführt wurden und sich mit der Funktion von Orten und Räumen innerhalb dieses Korpus befasst haben. Das Korpus selbst ist in den 1990er und 2000er Jahren im Rahmen eines DFG-Projekts über Sprache und kulturelle Identität deutschsprachiger Emigrant.innen unter der Leitung von Anne Betten entstanden (vgl. dazu Betten 1995). Es umfasst mündliche autobiographische Interviews mit deutschsprachigen jüdischen Menschen, die in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts aus Deutschland, Österreich und weiteren deutschsprachigen Gebieten nach Palästina ausgewandert sind, um der antisemitischen Verfolgung durch die Nationalsozialisten zu entkommen. Die Interviews sind in der Datenbank für Gesprochenes Deutsch (DGD) in Form von Audioaufnahmen und Transkripten verfügbar (Korpus IS und ISW)1. Im Rahmen des von Simona Leonardi geleiteten Projekts Orte und Erinnerung. Eine Kartographie des Israelkorpus2 und anschließender Forschungstreffen ist dieses Korpus unter dem Gesichtspunkt der Verschränkung von Erinnerung, Raum und Orten schon eingehend untersucht worden. Leitende Hypothesen sind dabei u.a., dass Orte als „Befestigungspunkte für Gedächtnisinhalte dienen“ und „der wieder abgerufenen Erinnerung Gestalt und Konsistenz […] verleihen“ (Leonardi et al. 2023: 13–14). Ein Ziel des Projekts besteht darin, eine Kartographie der Orte aus den mündlichen Erzählungen des Israelkorpus nachzuzeichnen, bei der Orte nicht bloß als „geographische Bestimmungen“, sondern „in ihrer Funktion innerhalb der narrativen Erinnerungsarbeit“ beschrieben werden. In diesem Rahmen wird den konkreten verwendeten Sprachmitteln für die Darstellung von Orten oder räumlichen Erfahrungen eine besondere Aufmerksamkeit geschenkt: Ortsreferenz, lexikalisches Material, Metaphern, grammatische Mittel wie Tempora, Satzaufbau, Verbpartikeln, prosodische Mittel.
Der vorliegende Beitrag befasst sich mit dem Indefinitadverb irgendwo (bzw. irgendwohin), das einerseits eine räumliche Bedeutung hat, andererseits als Indefinitum einen unbestimmten Ort bezeichnet, der sich kaum ‚kartographieren‘ lässt. Zu irgendwo sowie zu dem modalen Indefinitadverb irgendwie im Korpus ISW liegt bereits eine Analyse vor (vgl. Ponzi 2025), in der das implizite Emotionspotenzial dieser Ausdrücke im Mittelpunkt steht. Mit der vorliegenden Untersuchung wird ein leicht anderes Ziel verfolgt, nämlich, an andere Arbeiten anschließend (vgl. Larrory-Wunder 2023a, 2023b, 2025), das Ziel, typische ‚Diskursmuster‘ der narrativen Erinnerungsarbeit zu ermitteln und zu beschreiben. Das Indefinitadverb irgendwo soll unter dieser Perspektive analysiert werden und seine Verwendung in der mündlichen autobiographischen Erzählung bzw. seine diskurssemantische Funktion näher bestimmt werden.
Im ersten Teil wird auf die Forschungsfrage und auf die Methode der Untersuchung eingegangen. Darauffolgend werden verschiedene, anhand des Korpus ermittelte Verwendungen von irgendwo analysiert. Ein Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und geht kurz auf die Folgen im Hinblick auf DaF-Didaktik ein.
2. Zur Forschungshypothese und Methode
2.1 Forschungsstand
Der Begriff des Diskursmusters lehnt sich an Muchas (2018: 191–192) Begriff der Diskurskonstruktion3 an:
Konstruktionen besitzen […] eine diskursive Funktion. Ist die diskursive Funktion so verfestigt, dann lässt sich von einer Diskurskonstruktion sprechen, d.i. einer Konstruktionsart, die zu spezifischen kognitiven Operationen auffordert bzw. diese zur Enkodierung voraussetzt. […] Diskurskonstruktionen steuern Wahrnehmungsmodi, Perspektivierungen und Realitätskonstruktionen, indem sie auf eine je spezifische Weise mentale Räume herstellen und Bedeutungspotenziale qua blends in Relation setzen.
Die Hypothese ist, dass sich im Israelkorpus interviewübergreifend sprachliche Strukturen auffinden lassen, die für das Erzählen von Erinnerungen typisch sind, eine besondere Relevanz im Hinblick auf die narrative Erinnerungsarbeit zeigen und in diesem Kontext eine besondere Funktion haben, weil sie „Wahrnehmungsmodi, Perspektivierungen und Realitätskonstruktionen steuern“. Sie sind erwartbare4 sprachliche Muster5 dieses Diskurses. Diese Hypothese wurde in Larrory-Wunder (2023a, 2023b, 2025) am Beispiel der Kontrastierung von räumlichen und temporalen Adverbialen (z.B. hier vs. in Deutschland) und der Verwendung habitueller Sätze illustriert. Schneider (2017: 42f.) ihrerseits hat auf eine besondere Funktionsweise „erinnerungsthematisierender Diskursmarker“ (ich erinnere mich, ich kann mich erinnern) hingewiesen, die im Kontext der autobiographischen Erzählung nicht nur eine gedächtnisstützende Funktion haben, sondern auch als Gliederungssignale analysiert werden können. Bei diesen ‚Diskursmustern‘ handelt es sich offensichtlich um Strukturen verschiedener Art und Größe: textuelle Muster, syntaktische Strukturen, mehr oder weniger komplexe Ausdrücke. Diese Strukturen sind nicht nur relativ typisch für den entsprechenden Diskurs, sondern der kommunikative Situationstyp, die Erzählung von Erinnerungen, prägt auch ihre Verwendung und Bedeutung (vgl. z.B. ich erinnere mich).
Mit dieser Hypothese soll deswegen auch ein diskurssemantischer Ansatz verknüpft werden, der sich auf theoretische Überlegungen bei Lecolle / Veniard / Guérin (2018) und Missire (2018) stützt. Von diesen Autor:innen wird insbesondere betont, dass die Bedeutung lexikalischer Einheiten oder diskursiver Routinen, u.a. ihre referentielle Bedeutung, sehr stark durch soziale, pragmatische und textuelle Faktoren sowie durch die Textsorte mitbestimmt und konstituiert wird. Bedeutung wird als ‚multidimensional‘ gekennzeichnet, sie ergibt sich aus dem Zusammenspiel von verschiedenen Bedeutungsschichten: lexikalischer Bedeutung, grammatischer Bedeutung, diskursiver Bedeutung. In Missire (2018) wird zwischen drei Ebenen der semantischen Analyse unterschieden, einer grammatischen, einer diskursiven und einer textuellen. Diskursive Semantik befindet sich auf der Ebene der Norm im Sinne der Coseriu‘schen Dreiteilung System-Norm-Rede. Sie nimmt auf die Textsorte Bezug. Norm vermittelt zwischen der System-Ebene und der Rede-Ebene (langue und parole im Saussure‘schen Sinne), auf die sich jeweils die grammatische und textuelle Semantik beziehen. Am Beispiel der Semantik von fr. parfois (‚manchmal‘) zeigt Missire, dass man semantisch auf a) die aspektuell-zeitlichen Eigenschaften des Lexems fokussieren kann, aber auch auf: b) seine Verwendungsweisen in einer bestimmten Textsorte, z.B. in jährlichen Evaluationsgesprächen mit Beamten, in denen parfois häufig im Zusammenhang mit negativen Bewertungen erscheint, während toujours (‚immer‘) mit hochpositiven assoziiert wird, oder auf c) das Zusammenspiel zwischen parfois und anderen Elementen in einem bestimmten Kontext und seine lokale Bedeutung an einer Stelle. Die semantischen Eigenschaften a), b) und c) beziehen sich jeweils auf die Ebene der grammatischen Semantik (a), der Diskurssemantik (b) und der Textsemantik (c).
2.2 Anwendung auf die Analyse von irgendwo im Israelkorpus
In ähnlicher Weise kann man auf einer ersten Ebene irgendwo grammatisch-semantisch beschreiben. Laut Duden-Grammatik (2022: §1387) gehört irgendwo zu den „lokalen Indefinitadverbien“, […] die „Unbestimmtheit ausdrücken (irgendwo ‚an einem unbestimmten Ort‘)“. Als Lokaladverbial kann irgendwo den syntaktischen Status eines Komplements haben (z.B. mit Positionsverben wie sitzen, stehen…) oder als weglassbare Raumangabe verwendet werden (vgl. Pittner 1999: 61). In nicht seltenen Fällen erscheint es in Verbindung mit einer anderen Raumangabe (irgendwo in Südfrankreich, irgendwo da, da irgendwo auf dem Dorf). Ist irgendwo syntaktisch weglassbar, lässt sich sein semantischer Beitrag mit einer Weglassprobe näher bestimmen. Irgendwo kann weiters mit der Partikel hin zu einem Direktionaladverbial kombiniert werden, dessen Verwendungsmöglichkeiten eingeschränkter sind als die Verwendungen als Lokaladverbial (vgl. Pittner 1999: 74)6. Von Zifonun / Hoffmann / Strecker (1997: 1153) wird irgendwo als „lokale[r] Existenzquantor“ (neben den anderen lokalen Quantoren nirgendwo, nirgends als Negaten und überall als Allquantor) gekennzeichnet. Es wird an dieser Stelle auf die Kontextsensitivität von irgendwo hingewiesen:
Alle vier Adverbien dieser Gruppe werden in der Regel als Quantoren über einem eingeschränkten lokalen Bereich verwendet, der im Kontext gegeben ist. Sie verankern also dependent. Die Einschränkung kann durch eine Präpositionalgruppe genannt sein, die das Adverb zu einem modifikativen Adverbialkomplex erweitert.
Je nach Verwendungskontext verweist irgendwo auf einen Ort in der unmittelbaren Umgebung der erzählenden Person oder auf einen entfernten Ort, auf einen existierenden, wenn auch unbestimmten Ort oder aber auf einen möglichen, vorgestellten oder denkbaren Ort.
Aus diskurssemantischer Sicht ergeben sich folgende Fragen: Welche zusätzlichen Bedeutungsaspekte bekommt irgendwo- im Kontext der autobiographischen Erzählung? Auf welche räumlichen Referenten wird verwiesen? Welche Rolle spielt die vage Lokalisierung im Rahmen der autobiographischen Erzählung? Bevor auf diese Fragen näher eingegangen wird, sollen noch kurz einige Merkmale der Interviews des Israel-Korpus genannt werden, die den diskurssemantischen Ansatz besonders relevant machen.
Die umfangreiche Interviewsammlung des Israelkorpus bildet einerseits ein relativ einheitliches, andererseits variationsreiches Material. Gemeinsame Aspekte der Interviews sind der Kontext und der Ablauf der Aufnahmen (vgl. Betten 1995: 10), die behandelten Themen (meistens Kindheit und Jugend in Deutschland/Österreich, Erfahrungen von Antisemitismus, Flucht/Emigration, Neuanfang, kulturelle Umorientierung) und die von allen geteilte Erfahrung der Emigration. Der ‚Interviewstil‘ ist relativ einheitlich: Die Gespräche sind „argumentativ-narrative“7 autobiographische Erzählungen mit „viele[n] längere[n], monologische[n] Ausführungen der einzelnen Sprecher“ (Betten (1995: 10) und stilistischen Gemeinsamkeiten (gepflegte Standardsprache). Die Gruppe der Interviewten umfasst Menschen im Alter, zwischen ungefähr 60 und über 90 Jahren (die Sprecher:innen wurden im Zeitraum 1892–1932 geboren, die meisten zwischen 1905 und 1920). Variation ergibt sich durch die geographische Herkunft der Sprecher:innen, natürlich auch durch die individuellen Erfahrungen und die im Einzelnen thematisierten Ereignisse. Auch wenn die Interviews verschiedene individuelle Stile zeigen, individuelle Präferenzen in Bezug auf den Gebrauch bestimmter sprachlich-textueller Strukturen und Ausdrucksweisen aufweisen, bieten sie trotzdem einen hohen Grad an Vergleichbarkeit, so dass insgesamt von einem ‚Diskurs‘ im Sinne einer kommunikativ und sozial situierten Praxis ausgegangen werden kann, bei dem sich typische sprachliche Routinen herausbilden, die unter einer diskurssemantischen Perspektive analysiert werden können.
In der DGD wurde anhand der vorhandenen Suchfunktion nach Okkurrenzen von irgendwo im Korpus IS (Emigrantendeutsch in Israel) gesucht. Die Suche ergibt 86 Treffer in 21 Transkripten (von 22). Für die Analyse wurden nur Treffer berücksichtigt, bei denen irgendwo von den interviewten Personen (und nicht von den Interviewerinnen) verwendet wird und eine räumliche Bedeutung hat. Denn in nicht seltenen Fällen wird irgendwo z.B. auch als hedge8 gebraucht:
- (1)
- Yehoshua Arieli im Gespräch mit Miryam Du-nour (geb. 1916), Jerusalem, 16.5.1991 (IS_E_00005), 93 Min. 22 Sek. – 93 Min. 37 Sek.
0001 YA: sondern ich bin mir vollkommen bewusst und seit vielen, vielen Jahren,
0002 dass der Mensch ein im Grunde genommen, ein homo religiosus ist, er
0003 braucht ein religiöses Bek/ äh irgendwie ein, er braucht irgendwo den
0004 Gott.
In dieser Verwendungsweise ist irgendwo ein „Unschärfeindikator“ (Müller 1984: 125f.), der signalisiert, dass die gewählte Ausdrucksweise nicht ganz zutreffend ist, nicht genau dem entspricht, was man sagen möchte. In dieser Funktion lässt sich irgendwo durch irgendwie ersetzen. In Beispiel (1) ist auch eine Zögerung des Sprechers zwischen irgendwie und irgendwo zu beobachten. Lässt man solche Beispiele sowie Verwendungen von irgendwo durch die Interviewerinnen beiseite, bleiben im Korpus IS 43 Okkurrenzen, die in verschiedene semantische Gruppen eingeteilt werden können.
3. Irgendwo: diskurssemantische Analyse anhand des IS-Korpus
Auch wenn für irgendwo in seiner Verwendung als Lokaladverb die Grundbedeutung ‚an einem unbestimmten Ort‘ (vgl. Duden 2022) beibehalten werden kann, können in der konkreten Verwendung semantische Zusatzaspekte beobachtet werden. Unter ‚unbestimmt‘ verbirgt sich Verschiedenes. Anhand des Korpus lassen sich fünf semantische Gruppen unterscheiden: 1. Verweis auf einen nur möglichen oder vorgestellten Ort, 2. Verweis auf verschiedene Orte zu verschiedenen Zeiten, 3. Verweis auf einen unbestimmten Ort, der nicht genau lokalisiert wird, 4. Verweis auf einen Ort in der erzählten Situation, der zum Zeitpunkt der Ereignisse der sprechenden Person unbekannt war, 5. Lokalisierung eines konkreten Gegenstands in der unmittelbaren Umgebung der Sprecher:innen.
3.1 Irgendwo verweist auf einen möglichen, vorgestellten Ort
In futurischen, modalen oder nicht-faktischen Kontexten verweist irgendwo auf einen nur möglichen, denkbaren Ort, z.B. in folgendem Auszug aus dem Interview mit Alice Schwarz-Gardos (SG):
- (2)
- Alice Schwarz-Gardos (geb. 1916) im Gespräch mit Anne Betten, Tel Aviv, 25.4.1991 (IS_E_00114), 10 Min. 16 Sek. – 10 Min. 43 Sek.
0001 SG: aber #ALs dann der schlag kam↓* und als es MIr klar wurde↑#** SCHLUCKT
0002 dass man weggehen MUss↑**und dass es* das schreckliches kommen wird↓
0003 das war mir #von ANfang an#* klar* ich war SEhr pessimistisch↓*
0004 pessimistischer↑* als ALle anderen familienangehörigen↑** d/* da
0005 sagte ich=ä** man muss irgendwo hingehen wo man als kollektiv weil
0006 damals war ja noch kein STAAt da↓* aber WEnigstens als kollektiv↓**
0007 sich eher verTEIdigen kann↓*
Alice Schwarz-Gardos betont, dass „damals noch kein Staat da war“ (Z. 0006). Der Ort, auf den mit irgendwo (Z. 0005) verwiesen wird, ist also hier ein rein virtueller, ein ‚Wunschort‘, der durch bestimmte Eigenschaften gekennzeichnet wird (‚ein Ort, in dem man sich verteidigen kann‘).
Auch mit der Fügung oder irgendwo9 wird auf keinen konkreten Raum verwiesen, sondern eine vorangehende räumliche Angabe (meistens in der Form einer Präpositionalphrase) wird vage gemacht, z.B.:
- (3)
- Clara Bartnizki (geb. 1902) im Gespräch mit Kristine Hecker, Jerusalem, 2.10.1989 (IS_E_00008), 20 Min. 50 Sek. – 20 Min. 54 Sek.
0001 CB: Der größte Teil der Gemeinde ist in Buchenwald oder irgendwo ? geendet,
0002 der Lehrer mit seinen vier Kindern.
Mit dem Ausdruck oder irgendwo wird die Genauigkeit der ersten Angabe zurückgenommen und die räumliche Referenz auf andere ähnliche Orte im Hinblick auf das beschriebene Ereignis ausgedehnt (hier weitere Orte des Sterbens, andere Lager, andere Umstände des Todes).
3.2 Irgendwo bezeichnet verschiedene Orte zu verschiedenen Zeiten
Im Zusammenhang mit der Beschreibung wiederkehrender Ereignisse oder mit generalisierenden Aussagen kann irgendwo verschiedene Orte zu verschiedenen Zeiten bezeichnen:
- (4)
- Yehoshua Arieli (geb. 1916) im Gespräch mit Miryam Du-nour, Jerusalem, 16.5.1991 (IS_E_00005), 28 Min. –.28 Min. 32 Sek.
0001 YA: aber sozusagen, du hast ein, ein jüdisches Selbstbewusstsein immer,
0002 dass du, du bist weder ein Slowake noch bist du ein Kroate noch bist
0003 du ein Ungare noch bist du ein Österreicher, de/ äh äh in der sich,
0004 denn Österreich war ja nur eines der Länder, noch bist du ein Tscheche
0005 oder ein Böhme oder ein Mähre. Sogar wenn du schon seit, ich, meine
0006 Gen/ meine Familie, glaub ich, hat immer irgendwo in Böhmen gewohnt,
0007 immer weiß ich nicht, aber jedenfalls zweihundert Jahre sicher.
Das Adverb irgendwo (Z. 0006) könnte hier weggelassen werden. Die räumliche Information wird hauptsächlich von der Präpositionalphrase in Böhmen getragen, denn irgendwo verweist auf einen beliebigen Ort, der nicht als solcher relevant ist, und in einen größeren Raum (Böhmen) eingebettet ist. Mit irgendwo wird lediglich die Existenz einer Lokalisierung in diesem Raum betont, aufgrund derer eine bestimmte Schlussfolgerung gezogen werden könnte (hier: ‚du bist ein Böhme‘), auch wenn diese unter Berufung auf ein anderes, höheres Prinzip (Z. 0001: du hast ein jüdisches Selbstbewusstsein) zurückgewiesen wird (Z. 0002–0005: du bist weder ein Slowake noch bist du ein Ungare noch bist du ein Österreicher (…), noch bist du ein Tscheche oder ein Böhme oder ein Mähre).
In folgendem Auszug erzählt die Sprecherin von ihrem Engagement der Betreuung ausländischer Freiwilliger im Kibbuz. Irgendwohin (Z. 0003) verweist auf eine Vielzahl von Orten, zu denen im Rahmen dieser Aktivität Ausflüge organisiert wurden. Die Vielzahl der Orte belegt hier sozusagen die Intensität der Tätigkeit:
- (5)
- Rachel Beck (geb. 1922) im Gespräch mit Anne Betten, Kibbuz Aschdot Ja'akow, 29.6.1990 (IS_E_00010), 64 Min. 43 Sek. – 65 Min. 21 Sek.
0001 RB: ja- und da haben wir, das war jeden Tag, was gehabt und haben wir
0002 ihnen- das war mein Job gewesen- Ausflüge organisiert, so alle drei
0003 Wochen oder etwas- a Ausflug irgendwohin oder zum Baden ans Meer und
0004 Vorträge am Abend, ganz fort, in der ganzen Gruppe oder mit allen
0005 Freiwilligen, die deutsch sprechen und da hab ich- ich halte keine
0006 Vorträge, sondern eben nur Fragen und Antworten, also was sie genau
0007 interessiert +
Mit irgendwo- wird in solchen Verwendungen wie (4) oder (5) eine Dichte an Situationen suggeriert, ohne dass auf jede einzelne eingegangen wird. Die Vielzahl der realisierten Situationen dient als Beleg für die Existenz einer Tatsache, womit ein bestimmtes Argument (Identität, Engagement) unterstützt werden kann.
3.3 Irgendwo verweist auf einen unbestimmten Ort, der nicht genau lokalisiert wird
In anderen Verwendungskontexten verweist irgendwo auf einen einzigen Ort, der aber unbestimmt bleibt, weil er nicht genau lokalisiert wird. Im Kontext der autobiographischen Erzählung kann es sich um einen realen Ort handeln, an dem entweder von der Sprecherin (6, 8) oder von jemandem anders (7) etwas erlebt wurde. Typischerweise handelt es sich um einen kleinen, unwichtigen Ort, dessen genaue Lokalisierung unnötig erscheint.
In Beispiel (6) erzählt die Sprecherin von ihrer Ausbildung in der paramilitärischen Organisation Hagana. Irgendwo (Z. 0009) erscheint in einem Kontext, in dem die Erzählerin aufgrund der unsicheren Erinnerung mehrere Markierer der Unbestimmtheit und Unsicherheit verwendet (Modalverb muss, Indefinitum irgendein):
- (6)
- Interview Myriam Du-nour (MD) mit Frau Hilde Rudberg (HR), IS--_E_00110, 46 Min. 49 Sek. – 47 Min. 31 Sek.
0001 HR: ja↓ * aber das war anscheinend viel später↓ * denn ä: ** was ich mich
0002 erinnere ist daß man uns ä: * ä:: * mich eingereiht hat in eine
0003 gruppe * die ä * ä jä ausbildung mit ä: mit ä mit waffen bekommen
0004 hat↓ und da warn wir in irgendeinem machsan * in ä:: ** das muß aber
0005 zur zeit noch der/ zur zeit der engländer gewesen sein↓ ja↓ ** ja:↓
0006 MD: sicher↓ LACHT
0007 #muß ä: muß sein↓#
0008 HR: ja:↓ ja↓ ja↓ denn wir warn in irgendeinem ä ganz
0009 abgelegenen ort irgendwo * ä: * zwischen bet hakerem und so in der
0010 in der gegend↓ * und dort ä: ham wir also * uns mit den revolvern
0011 MD: ja
0012 HR: angefreundet **
Grammatikalisch betrachtet, könnte irgendwo weggelassen werden. Als Attribut zum Substantiv Ort (in irgendeinem ä ganz abgelegenen ort irgendwo) trägt irgendwo nicht zur geographischen Bestimmung dieses Ortes bei, sondern betont eher seine konkrete Existenz, auch wenn dieser Ort für die Sprecherin nicht mehr genau lokalisierbar ist.
In folgender Passage erwähnt Alice Schwarz-Gardos, die Journalistin war, eine Auseinandersetzung von Lesenden ihrer Zeitung mit einem Hotelbesitzer in Deutschland, die sie nicht persönlich erlebt hat. Das Adverb irgendwo (Z. 0005) dient als räumliche Koordinate für das Ereignis, dessen Existenz damit betont wird, auch wenn die Raumangabe sehr vage bleibt.
- (7)
- Alice Schwarz-Gardos (SG) im Gespräch mit Anne Betten, IS_E_00114, 134 Min. 40 Sek. – 135 Min.
0001 SG: Warn einige andere fälle wo:** leser die:* in deutschland warn
0002 schlechte erfahrungen ausgeha/* gemacht habm und dann** wurde das in
0003 der #zeitung# ausgeTRA:gen** diese fehde↓** u/* (mit) einem hoTELbe
K # FORTE #
0004 AB: hm↑
0005 SG: sitzer irgendwo #der sich antisemitisch geäußert hat↓#
K # PIANO UND LENTO #
Möglich ist auch, dass sich der.die Sprecher:in nicht mehr an den Namen des Ortes erinnert, auf einen Ort also mit irgendwo verweist, der nicht mehr lokalisiert werden kann. So erzählt Ada Brodsky in Bezug auf eine Reise nach Deutschland von einem „traumatischen Erlebnis“:
- (8)
- Ada Brodsky (AB) im Gespräch mit Miryam Du-nour, Jerusalem, 8.5.1991, IS_E_00018, 78 Min. 30 Sek. – 80 Min.
0001 AB: Aber ** ich hatte auch äh ** meine äh ich entsinne mich an ein
0002 unangenehmes* an ein unangenehmes so so Zwischenspiel sozusagen so
0003 einen Moment, wo ich dachte, WAS tue ich hier? Bin ich WAHNsinnig,
0004 was tu ich in diesem Land? Das war da, wir standen da irgendwo, das
0005 war am Bodensee, in irgendso einer Stadt, ich weiß nicht mehr, wo
0006 das war, [***] und da war so ein äh ein Jahrmarkt, da wurden
0007 irgendwelche Spiele vorgeführt. Wir standen so an der Seite und äh
0008 ** und äh und lachten uns da an, es war irgendwie ein bisschen
0009 lächerlich die Geschichte oder oder es war ulkig, äh das weiß ich
0010 nicht mehr. Ich weiß nur, dass da jemand vor mir stehen blieb, mich
0011 ansah und sagte, und da hat ja die Frau COHN SO geLAcht. Und ich
0012 weiß, dass ich gesagt habe, wir nehmen jetzt unsere Päcklech und
0013 wir fahren heute nach Hause. Ich bleibe hier nicht einen Tag länger,
0014 es ist ein Wahnsinn, was tu ich in diesem Land? Ich fühlte mich
0015 derartig äh *4* ich konnte es einfach nicht verstehen, was ich da
0016 eigentlich zu suchen hab und wie/ wieso ich da hinfahre, aus, dass
0017 ist mir dass ich mir so etwas sagen lassen muss heutzutage. Äh das
0018 war das war ein, ein richtig traumatisches Erlebnis.*
Vor allem die Szene scheint der Erzählerin in Erinnerung geblieben zu sein. In der anfänglichen narrativen Rekonstruktion fungiert die räumliche Angabe irgendwo wie ein Stützpunkt (wir standen da irgendwo Z. 0004), von dem aus die Erzählung beginnen kann, der genaue Ort des Ereignisses spielt keine wesentliche Rolle. Die Szene wird peu à peu rekonstruiert, die vage räumliche Angabe wird in den nächsten Sätzen durch zusätzliche Angaben (am Bodensee, Jahrmarkt, an der Seite) nach und nach präzisiert. Die Sprecherin betont aber explizit, dass sie den genauen Ort nicht mehr weiß: das war am Bodensee, in irgendso einer Stadt, ich weiß nicht mehr, wo das war (Z. 0004–0006).
3.4 Irgendwo verweist auf einen Ort, der der sprechenden Person im Moment des Erlebens unbekannt war
Irgendwo kann auf eine unbestimmte Stelle im Wahrnehmungsraum der Person in der erzählten Situation verweisen. Das Objekt der Wahrnehmung ist dann nicht genau lokalisierbar.
- (9)
- Jehuda (JA) und Betty (BA) Ansbacher (*1907, *1906) im Gespräch mit Kristine Hecker (KH), Netanja, 28.9.1989, IS_E_00004, 37 Min. 12 Sek. – 37 Min. 27 Sek.
0001 JA: Ja, wir (sind) raus, grad auf die Seite gesprungen, da stand der Dicke
0002 mit dem Fahrrad wieder, nicht wahr? Nur eines hab ich gesehen, wusste
0003 nicht, was die Bedeutung ist, irgendwo ging ein Laden auf und zu, und
0004 das hat dem Dicken nachher das Leben gekostet, wie er zurückkam,
0005 haben die Deutschen ihn erschossen.
Vermutlich verläuft die Szene hier sehr schnell, der Sprecher befindet sich in einem unbekannten Ort. Dass ein Fensterladen auf- und zugeht, wird zwar wahrgenommen, aber erst im Nachhinein gedeutet, alle weiteren Details werden in dem Moment übersehen.
Wenn irgendwo ohne zusätzliche räumliche Bestimmung einen Ort bezeichnet, in dem sich der/die Sprecher:in oder Verwandte zum Zeitpunkt des Erlebens befinden, dann verweist die Unbestimmheit der räumlichen Angabe auf Unbekanntes, mit dem ein Gefühl der Unsicherheit, des Ausgeliefertseins verbunden werden kann. Folgende Passagen sind wie (9) Auszüge aus der Fluchterzählung des Ehepaars Ansbacher. Jehuda und Betty Ansbacher erzählen im Gespräch mit Kristine Hecker von den Etappen ihrer Emigration über Belgien, die Internierung in Frankreich und dann weiter die Reise nach Spanien, später von dort nach Palästina (vgl. dazu Schwitalla 2016). An zwei weiteren Stellen im Gespräch kommt das Adverb irgendwo vor.
- (10)
- Jehuda (JA) und Betty (BA) Ansbacher (geb. 1907 und 1906), im Gespräch mit Kristine Hecker (KH), Netanja, 28.9.1989, IS_E_00004, 26 Min. 49 Sek. – 27 Min. 06 Sek.
0001 KH: Und wie zu wievielt sind Sie über die Grenze damals, sind Sie da
0002 allein gegangen oder mit mehreren? Ach, da waren Sie in der Zeit
0003 schon *
0004 JA: Ja, ja
0005 KH: hingekommen?
0006 JA: Ja. Unser Kind war irgendwo, wir wussten gar nicht wo, irgendwo
0008 BA: versteckt
0009 JA: Ja, und so weiter
- (11)
- IS_E_00004, 30 Min. 21 Sek. – 31 Min.
0001 BA: |Und| an einem Samstag Früh kamen sie mich abholen, * und
0002 ich hab keine Ahnung, wo mein Kind ist, kei:ne Ahnung, und wir sollten
0003 uns treffen, das war ausgemacht, in irgendeiner Wirtschaft in der
0004 Nähe vom Lager. Er geht Samstagabend aus dem Lager raus, und ich bin
0005 Samstag früh abgeholt worden, und da hat der Franzose zu mir gesagt:
0006 Wenn jetzt die Polizei kommt, Sie müssen nur den Arm um mich
0007 schlingen, ein Liebespaar stört man schon nicht. + Ja? Und dann
0008 KH: ja ja
0009 BA: hab ich bin ich angekommen, der hat mich irgendwo abgeliefert, und
0010 die Frau hat mich gleich, die hat gewußt, hat mich gleich in den
0011 dritten Stock in ein kleines Zimmer, und da hab ich den ganzen
0012 Samstag gewartet, daß mein Mann irgendwann mal auftaucht.
Im Auszug (10) bezieht sich die räumliche Lokalisierung durch irgendwo (Z. 0006) auf den eigenen Sohn in der erzählten gefährlichen Situation. Im Tonfall ist auditiv-perzeptiv10 keine besondere Emotion erkennbar. Jehuda Ansbacher spricht mit einer relativ neutralen, wenig emotionalen Stimme. Das Segment Unser Kind war irgendwo, wir wußten gar nicht wo wird relativ schnell ausgesprochen. Dann kommt eine Pause und das Wort irgendwo wird wiederholt. Möglicherweise will der Sprecher an dieser Stelle die emotionale Ebene vermeiden und geht deswegen schnell über das Thema hinweg (vgl. Z. 0007 und so weiter). In der Wiederholung des Wortes irgendwo mit vorangehender Sprechpause wird jedoch das Ausmaß der Unsicherheit der damaligen Situation spürbar. Im Auszug (11) bezieht sich die undefinite räumliche Bestimmung irgendwo (Z. 0009) auf die Position der Sprecherin selbst in der erzählten Situation. Im Zusammenhang mit geringer Agency – das Ich ist ja nur Objekt der Handlung eines Anderen,11 wird mit irgendwo zusätzlich betont, dass sie in dem Moment einer Situation ausgeliefert ist, die sie weder beherrscht noch bestimmt.
3.5 Irgendwo dient der vagen Lokalisierung in einem Raum
Schließlich ist auch der Fall zu erwähnen, dass die räumliche Lokalisierung durch irgendwo sich auf einen Gegenstand bezieht, der sich in der Sprechsituation oder in der wiedergebenen Szene befindet. Irgendwo ‚bürgt‘ gewissermaßen für die Existenz (und relative Zugänglichkeit) eines symbolisch wichtigen Gegenstands, auch wenn der Sprecher bzw. die Sprecherin sich nicht erinnert, wo dieser Gegenstand sich befindet oder ihn nicht genau lokalisieren kann.
- (12)
- Jehuda Ansbacher, IS_E_00004, 4 Min. 40 Sek. – 4 Min. 49 Sek.
0001 JA: Ääh das war ääh * Geschichte, deutsche Literatur ** ich hab sogar noch
0002 irgendwo mein Universitätszeugnisbuch, und äh ja, gewöhnlich war das
0003 dritte war Philosophie.
- (13)
- Eva Eylon (EE) (geb. 1914), im Gespräch mit Anne Betten, Tel Aviv, 24.04.1991, IS_E_00035, 18 Min. 32 Sek. – 19 Min. 19 Sek.
0001 EE: Mein Vater war schon neunzehnhundertsieben das erste Mal in, in, in
0002 Palästina und ist mit dem Esel von, von, äh von Rechowot nach
0003 Jerusalem geritten. Damals war er in Israel, also in Palästina und
0004 Ägypten selbstverständlich und neunzehnhundertfünfundzwanzig haben
0005 die Eltern wieder eine Reise hierher gemacht und meine Großeltern,
0006 die waren auch schon neunzehnhundertsieben oder/ und neunzehn/ äh/
0007 und hier im Lande, also wir warn immer an Israel intress/ an
0008 Palästina interessiert und die berühmte blaue Büchse des Keren
0009 Kajemet, wo man Geld reingesteckt hat, die war, stand immer im, im,
0010 irgendwo ? aufm Schreibtisch
Im Hinblick auf die angesprochenen Themen werden die erwähnten Gegenstände, das Universitätszeugnisbuch, die blaue Büchse des Keren Kajemet, besonders relevant gemacht. Sie haben sich mit ihrer Materialität ins Gedächtnis eingeprägt und haben „identitätswirksame Funktionen“ (Thüne 2009: 190). In beiden Textstellen tritt das Raumadverb irgendwo mit einem Zeitadverb auf: noch irgendwo, immer irgendwo. Das Weiterbestehen der Dinge, ihre Permanenz in Zeit und Raum steht für Kontinuität in der eigenen Lebensgeschichte.
4. Fazit
Die Korpusanalyse hat Belege für verschiedene Verwendungen des indefiniten Adverbs irgendwo ergeben. Die autobiographische Erzählung erscheint dabei nicht bloß als möglicher Kontext der Verwendung, sondern bestimmt vielmehr die kontextuelle Bedeutung des Lexems und die Art und Weise, wie es eingesetzt wird. Für die DaF-Didaktik deutet dies darauf hin, dass der Wortschatzerwerb in der Fremdsprache unbedingt diskursive Aspekte des Sprachgebrauchs und damit verbundene Kollokationspräferenzen berücksichtigen sollte. Durch eigene Korpusrecherchen könnten DaF-Lernende für solche Zusammenhänge sensibilisiert und in ihren eigenen Textproduktionen gezielt unterstützt werden.12 Im Kontext der Erzählung autobiographischer und zum Teil traumatischer Erlebnisse lässt sich beobachten, dass zur Semantik der Unbestimmtheit verschiedene diskurssemantische Funktionen hinzukommen: Irgendwo kann die Faktivität der beschriebenen Ereignisse verstärken bzw. auf die Existenz von Gegenständen und ihre Permanenz in der Zeit hinweisen. Dieser semantische Effekt ergibt sich – so die hier vertretene Hypothese – aus dem Vorhandensein einer räumlichen Lokalisierung, erst recht, wenn diese unbestimmt bleibt. Bezieht sich irgendwo auf eine unbekannte räumliche Position des Sprechers bzw. der Sprecherin selbst oder ihrer unmittelbaren Verwandten zu einem bestimmten Zeitpunkt, vermag das Adverb in einem Kontext von Flucht und Gefahr die Unsicherheit der erlebten Situation zu verstärken.
Im Hinblick auf die relativ kleine Anzahl der Belege sollten natürlich die erzielten Ergebnisse mit Vorsicht betrachtet werden und in ihrer Tragweite nicht überschätzt werden. Am Beispiel von irgendwo ermöglicht die Korpusanalyse jedoch, ein neues Licht auf die lexikalische Bedeutung zu werfen. Über die lexikalische Kernbedeutung und über die reine kontextuelle Bedeutung hinaus bekommt das Lexem durch seinen Gebrauch in einem bestimmten typischen diskursiven Zusammenhang zusätzliche relevante Bedeutungen und Funktionen, die sein semantisches Profil anreichern. Dies geschieht teilweise in Kombination mit anderen sprachlichen Einheiten (z.B. Zeitadverbien: immer irgendwo, noch irgendwo, oder Präpositionalphrasen meine Familie hat immer irgendwo in Böhmen gewohnt), teilweise im Zusammenhang mit kontextuellen Faktoren wie z.B. dem Ausdruck von Agency (vgl. der hat mich irgendwo abgeliefert).
Notes
- https://dgd.ids-mannheim.de (17.11.2025). Die einzelnen Interviews der Korpora IS (Emigrantendeutsch in Israel), ISW (Emigrantendeutsch in Israel: Wiener in Jerusalem) und ISZ (Zweite Generation deutschsprachiger Migranten in Israel) sind in der DGD mit einem Kennzeichen versehen, mit dem hier auch die zitierten Auszüge identifiziert werden. Im Folgenden werden die Transkriptionen nach DGD zitiert. [^]
- https://kartografiedesisraelkorpus.wordpress.com/ (17.11.2025). [^]
- Mucha untersucht Diskurse der ‚Selbstgestaltung‘ mit entsprechenden Diskurskonstruktionen. [^]
- Vgl. Mucha (2018: 185): Konstruktionen, die für den Diskurs der Selbstgestaltung erwartbar sind, d.i. mit hoher Wahrscheinlichkeit und in ausgeprägter Frequenz auftreten, gelten als Diskurskonstruktionen dieses Diskurses.“ [^]
- Der Begriff Muster wird dem Begriff Konstruktion vorgezogen, da es sich dabei nicht unbedingt um syntaktische Schemata handelt. Auch der Gebrauch bestimmter lexikalischer Einheiten in einem diskursiven Zusammenhang kann die typische Gestalt eines bestimmten Diskurses formen. [^]
- „Daß Direktionaladverbiale im Gegensatz zu Lokaladverbialen in vielen Sätzen überhaupt nicht auftreten können, liegt daran, daß Direktionaldverbiale nicht als Charakterisierung von Sachverhalten auftreten können“ (Pittner 1999: 74). [^]
- Beschreibung des Korpus IS auf der Seite der DGD. [^]
- Der Begriff hedge (‚Heckenausdruck‘) geht auf Lakoff (1973: 371ff.) zurück: „For me, some of the most interesting questions are raised by the study of words whose meaning implicitly involves fuzziness – words whose job is to make things fuzzier oder less fuzzy. I will refer to such words as ‚hedges‘“. Vgl. dazu auch Ponzi (2025). [^]
- Varianten sind oder irgendwo anders, oder vielleicht irgendwo anders, die jeweils differenziert untersucht werden sollten. [^]
- Hier wurde keine akustische Analyse durchgeführt. Für eine prosodische Analyse von Emotionen im Israelkorpus s. Koesters / Schettino (2023), die allerdings selbst auf „das Primat der Wahrnehmung“ (Koesters / Schettino 2023: 271) hinweisen und betonen, dass prosodische Merkmale keine absoluten Größen darstellen, sondern immer kontextuell zu interpretieren sind. [^]
- Zur Untersuchung der Erzählungen im Israelkorpus unter dem Begriff Agency vgl. Haßlauer (2016). [^]
- Für ein solches Experiment am Beispiel von Jahresabschlussberichten vgl. Schaeffer-Lacroix (2022). [^]
Literatur und Ressourcen
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Biographische Notiz
Anne Larrory-Wunder ist Professorin für germanistische Linguistik an der Université Sorbonne Nouvelle in Paris. Ihre Forschungsthemen sind u.a.: Exklamativsätze, sprachliche Perspektivierung und Kategorisierung, Ausdruck der Subjektivität und Intersubjektivität, Ausdruck der Art und Weise. 2024 erschien ihre Habilitationsschrift: L’expression de la manière en allemand bei den Verlagen Presses de la Sorbonne Nouvelle und Frank&Timme.
Kontaktanschrift:
Anne Larrory-Wunder
Université Sorbonne Nouvelle, Département d’Etudes germaniques
8 ave de Saint-Mandé, 75012 Paris