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Halbehrliche semantische falsche Freunde aus der DaF-Perspektive- Eine Korpusanalyse zum gegenwärtigen Gemeinwortschatz des Deutschen und Türkischen

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  • Halbehrliche semantische falsche Freunde aus der DaF-Perspektive- Eine Korpusanalyse zum gegenwärtigen Gemeinwortschatz des Deutschen und Türkischen

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    Halbehrliche semantische falsche Freunde aus der DaF-Perspektive- Eine Korpusanalyse zum gegenwärtigen Gemeinwortschatz des Deutschen und Türkischen

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Abstract

Ziel dieses Beitrags ist es, in Anlehnung an Yurdakul (2023) eine sechsstufige Kongruenztypologie, die sich von intuitiven Ansätzen durch eine stärkere Formalisiertheit abhebt, eine präzise Definition für halbehrliche semantische falsche Freunde zu erarbeiten und auf dieser theoretischen Grundlage, durch die Sichtung bestehender Korpora, die sich allerdings größtenteils als inkonsistent und lückenhaft herausstellen, sowie durch einen ergänzenden lexikographischen Vergleich ein systematisches Korpus aus halbehrlichen semantischen falschen Freunden zwischen dem Deutschen und Türkischen zu erstellen. Hierbei verfolge ich die Forschungsfrage, wie viele und welche Arten halbehrlicher semantischer falscher Freunde zwischen beiden Sprachen vorkommen und wie DaF-Lernende auf solche sprachlichen Zweifelsfälle aufmerksam gemacht werden können.

 

Partially equivalent semantic false friends from the DaF perspective. A corpus analysis of the current common vocabulary of German and Turkish

The aim of this paper is to work out a precise definition for partial semantic false friends based on a six-step congruence typology developed in Yurdakul (2023), which differs from intuitive approaches in that it is more formalized, and, on this theoretical basis, to create a systematic corpus for partial semantic false friends between German and Turkish by reviewing existing corpora, most of which, however, turn out to be inconsistent and inclomplete, and by means of a supplementary lexicographical comparison. My research question is how many and which types of partial semantic false friends appear between the two languages and how GFL learners can be made aware of such cases of linguistic doubt.

 

 

Keywords: halbehrliche semantische falsche Freunde, Äquivalenz, Kongruenz, sprachlicher Zweifelsfall, partial semantic false friends, equivalence, congruence, linguistic doubt

How to Cite:

Yurdakul, A., (2025) “Halbehrliche semantische falsche Freunde aus der DaF-Perspektive- Eine Korpusanalyse zum gegenwärtigen Gemeinwortschatz des Deutschen und Türkischen”, Korpora Deutsch als Fremdsprache 5(2), 80–97. doi: https://doi.org/10.48694/kordaf.4668

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2025-12-27

Peer Reviewed

1. Einleitung

Beim Erlernen und Gebrauch einer Fremdsprache (in diesem Kontext: des Deutschen als Fremdsprache) vergleichen gemäß der Kontrastivhypothese Lernende die Strukturen der jeweiligen Fremdsprache mit denen ihrer Erstsprache bzw. übertragen ggf. die erstsprachlichen Strukturen auf die der Fremdsprache. Wenn die Strukturen der Fremdsprache mit denen der Erstsprache (weitgehend) übereinstimmen, wird der Lernprozess einer Fremdsprache begünstigt. Im umgekehrten Fall, wenn die Strukturen (weitgehend) divergieren, wird der Lernprozess erschwert, weswegen Interferenzfehler zustande kommen (können) (vgl. Tekin 2012: 19–20). Falsche Freunde bilden einen klassischen sprachlichen Zweifelsfall und stellen dementsprechend eine potentielle Quelle für Interferenz- bzw. Übersetzungsfehler dar. Insbesondere sind sogenannte halbehrliche semantische falsche Freunde (vgl. Kroschewski 2000: 91) wie z.B. dt. Politik und tr. Politik (,politisch‘), die sich nach Mehrheitsansicht nicht nur als formal identisch bzw. ähnlich, sondern auch als semantisch ähnlich erweisen, im Vergleich zu sogenannten unehrlichen semantischen falschen Freunden (vgl. Kroschewski 2000: 97) wie z.B. dt. Armut und tr. armut (,Birne‘), die gewöhnlich als formidentische bzw. -ähnliche und bedeutungsverschiedene Lexempaare definiert werden1, anfälliger für Interferenzfehler.

Ziel dieses Beitrags ist es, in Anlehnung an die in Yurdakul (2023) für unehrliche semantische falsche Freunde entworfene Kongruenztypologie eine präzise Definition für halbehrliche semantische falsche Freunde am Beispiel des deutsch-türkischen Sprachenpaares zu erarbeiten, die sich von bisherigen (üblichen intuitiven) Bewertungsansätzen durch eine stärkere Formalisiertheit und Konsistenz abhebt. In konkreter Weise besteht die besagte Kongruenztypologie aus den sechs Kategorien interlinguale Homonymie, interlinguale Homophonie, interlinguale Homographie, interlinguale Paronymie, interlinguale Parophonie und interlinguale Parographie (vgl. Yurdakul 2023), die auf halbehrliche semantische falsche Freunde angepasst werden, indem ich ihnen das Attribut teiläquivalent voranstelle und dementsprechend neu bestimme.

Ferner führe ich auf jener theoretischen Grundlage und durch einen lexikographischen Vergleich eine qualitative Korpusanalyse zu halbehrlichen semantischen falschen Freunden am Beispiel des gegenwärtigen Gemeinwortschatzes des Deutschen und Türkischen durch und gehe der Fragestellung nach, wie viele solcher Lexempaare im besagten Wortschatz erscheinen und welchen Kongruenztypen diese zuzuordnen sind. Meine zu modellierende Definition für halbehrliche semantische falsche Freunde kann in die Fremdsprachendidaktik und in den DaF-Unterricht transferiert bzw. integriert werden. Hierfür vergleiche ich die Definitionen der deutschen Lexeme des Universalwörterbuchs (vgl. Duden 2019) mit den Definitionen, die ich in einem späteren, didaktischen Schritt aus dem DaF-Wörterbuch von Pons (2024) gewinne2. In diesem Zusammenhang bespreche ich außerdem, wie DaF-Lernende durch ein Glossar halbehrlicher semantischer falscher Freunde, welches unter Berücksichtigung der verschiedenen sprachlichen Ebenen (der semantischen, phonologischen, graphematischen und Phonem-Graphem- bzw. Graphem-Phonem-Korrespondenzebene) pro Lexempaar und durch die Nennung der ehrlichen Freunde für jedes Lexem (pro Lexempaar) in einem Fünfebenenmodell präsentiert werden, auf solche lexikalischen Zweifelsfälle am Beispiel des Deutschen und ihrer Erstsprache aufmerksam gemacht werden können.

2. Theoretischer Rahmen zur Bestimmung semantischer falscher Freunde

Der Terminus falsche Freunde als mittelbare Lehnübersetzung des französischen Terminus faux amis ist auf die Arbeit von Koessler / Derocquigny (1928) zurückzuführen, die das französisch-englische Sprachenpaar analysiert. In den nächsten Unterabschnitten bestimme ich den Terminus semantische falsche Freunde näher und diskutiere, inwiefern das Phänomen einen sprachlichen Zweifelsfall darstellt. Sodann fokussiere ich mich auf semantische falsche Freunde zwischen dem Deutschen und einer weiteren Sprache (v.a. dem Türkischen) und problematisiere in diesem Kontext existierende Korpora, die auf intuitiven Definitions- und Klassifikationskriterien fußen.

2.1 Definition und Unterarten semantischer falscher Freunde

In der einschlägigen Forschungsliteratur (vgl. u.a. in Hausmann 1977; Milan 1989; Barnickel 1992; Kroschewski 2000) firmiert auch eine Vielzahl anderer Konzepte (z.B. phonologische oder morphologische falsche Freunde) unter dem Konzept falsche Freunde (für eine ausführliche Diskussion s. Yurdakul 2023: 36–50). Falsche Freunde beziehen sich stets auf ein Sprachenpaar (s. z.B. Hausmann 1977; Milan 1989; Cartagena / Gauger 1989; Barnickel 1992; Kroschweski 2000; Aygün 2007; Ionescu 2014; Arslan 2015). Bei der Definition des Terminus semantische falsche Freunde gehe ich ausschließlich vom Deutschen aus und begrenze sie auf das Deutsche und eine weitere Untersuchungssprache. Darüber hinaus beschränke ich meine Analyse zugunsten der graphematischen Vergleichbarkeit auf Sprachen, die dieselbe Schrift (in diesem Fall: das lateinische Alphabet) nutzen.

In Bezug auf die Übereinstimmung der Bedeutungsseiten sowie die Übereinstimmung der Formative semantischer falscher Freunde sind beim Vergleich verschiedener false friends-Theorien konzeptuelle Unterschiede zu konstatieren, auf die ich in Yurdakul (2023) in ausführlicher Weise verweise. Im Einklang mit Hausmann (1977: 68), Kroschewski (2000: 91, 97), Enell-Nilsson (2008: 219–220, 223) und Arslan (2015: 50) erachte ich den Ausdruck semantische falsche Freunde als Polysem für zwei verschiedene Äquivalenzgrade. Denn das Attribut semantisch suggeriert, dass zunächst Bedeutungsunterschiede zwischen den jeweiligen Lexemen vorliegen, ohne einen konkreten Äquivalenzgrad nahezulegen. Infolgedessen differenziere ich in Anlehnung an die o.g. Forscher und Forscherinnen hinsichtlich des Äquivalenzgrades zwischen partiell und absolut bedeutungsverschiedenen semantischen falschen Freunden (sog. halbehrlichen und unehrlichen semantischen falschen Freunden) (vgl. Kroschewski 2000: 91, 97).

    1. (1)
    1. Halbehrliche semantische falsche Freunde sind formidentische bzw. formähnliche (monomorphematische oder morphologisch nicht identische polymorphematische3) Lexeme zweier Sprachen, deren Bedeutungen partiell übereinstimmen. (Beispiel: dt. Rezept – engl. recipe (,Kochrezept‘)
    1. (2)
    1. Unehrliche semantische falsche Freunde sind formidentische bzw. formähnliche (monomorphematische oder morphologisch nicht identische polymorphematische Lexeme) zweier Sprachen, deren Bedeutungen voneinander abweichen. (Beispiel: dt. Gift – engl. gift (,Geschenk‘)

2.2 Semantische falsche Freunde als klassischer sprachlicher Zweifelsfall

(Semantische) falsche Freunde können Fremdsprachenlernende zu Interferenzfehlern verleiten, sodass in diesem Kontext ein sprachlicher Zweifelsfall vorliegt. Vorerst diskutiere ich auf der Grundlage verschiedener Theorien den Terminus sprachlicher Zweifelsfall und arbeite aus dieser Diskussion eine Definition für (halbehrliche) semantische falsche Freunde heraus. Gemäß Klein (2003: 7) handelt es sich bei sprachlichen Zweifelsfällen um „eine sprachliche Einheit […], bei der kompetente Sprecher im Blick auf (mindestens) zwei Varianten in Zweifel geraten können, welche der beiden Formen […] korrekt ist. Die beiden Varianten eines Zweifelsfalls sind formseitig oft teilidentisch“. In Anbetracht dessen, dass nicht nur kompetente, sondern m.E. auch vornehmlich weniger kompetente Sprecher bzw. Lernende, die eine (Fremd-)Sprache neu erlernen, mit Zweifelsfällen konfrontiert werden können, tilge ich bei der Übernahme jener Definition das Attribut kompetente, welches dem Substantiv Sprecher vorangestellt wird. Dürscheid (2011: 158–159) differenziert hinsichtlich der Sprachkompetenz zwischen sprachlichem Zweifelsfall und sprachlichem Zweifel: Ersterer liegt laut Dürscheids Definition vor, wenn eine repräsentative Anzahl kompetenter Sprachbenutzer und -benutzerinnen ein sprachliches Phänomen als Zweifel erweckenden Fall erachtet (ähnlich bei Klein 2018: 2). Letzterer tritt Dürscheid zufolge partikulär auf, wobei in diesem Fall der Sprachbenutzer nicht über ausreichende Fremdsprachkenntnisse verfügen muss. Weil ich mich hier auf ein kollektives Problem bzw. Zweifeln beziehe und einen systemlinguistischen Schwerpunkt verfolge, lasse ich den Terminus sprachlicher Zweifel außer Acht.

In Anlehnung an Klein (2003) nimmt Storjohann (2023: 14) eine differenzierte Klassifikation nach der sprachlichen Ebene oder der Entstehungsursache vor: Auf sprachlicher Ebene unterscheidet Storjohann zwischen phonetischen, orthographischen, morphologischen, syntaktischen, lexikalischen, semantischen und pragmatischen Zweifelsfällen. Hinsichtlich der Entstehungsursache unterteilt Storjohann diese in sprachwandelbedingte, sprachkontaktbedingte, regiolektale bzw. dialektale, fachsprachenbedingte, stilschichtbedingte, regelkonfliktbedingte und durch gesellschaftlich relevante metasprachliche Interventionen bedingte Zweifelsfälle. Einen traditionellen sprachlichen Zweifelsfall stellen falsche Freunde dar, die Storjohann (2023: 22) als separate Kategorie aufführt. Ich wende mich hier einer spezifischen Kategorie falscher Freunde, nämlich halbehrlichen semantischen falschen Freunden zu, die hauptsächlich durch Sprachkontakt auf verschiedenen sprachlichen Ebenen Zweifel auslösen. Weil (halbehrliche) semantische falsche Freunde nach meiner Definition (1) ein Lexempaar darstellen, handelt es sich hierbei um lexikalische Zweifelsfälle, die sich durch die formseitige (Teil-)Identität und die semantische Teilidentität ebenfalls als phonologischer, graphematischer sowie semantischer Zweifelsfall erweisen. Die(se) mehrdimensionale Ähnlichkeit (halbehrlicher semantischer) falscher Freunde macht sie besonders anfällig für (potentielle) Fehler oder Verwechslungsgefahren (vgl. Storjohann 2023: 25), wobei ich die semantische Ähnlichkeit als dominanten Faktor halbehrlicher semantischer falscher Freunde erachte4.

2.3 Korpora (semantischer) falscher Freunde zwischen dem Deutschen und einer weiteren Sprache

Um (semantische) falsche Freunde zwischen dem Deutschen und einer weiteren (Ziel-)Sprache dokumentieren und auch DaF-Lernende für diese sensibilisieren zu können, wurden verschiedene Korpora (z.B. Barnickel 1992 Deutsch-Englisch, Parianou 2000 Deutsch-(Neu-)Griechisch, Aygün 2007 und Arslan 2015 jeweils Deutsch-Türkisch, und Ionescu 2014 Deutsch-Rumänisch) erarbeitet, auf die exemplarisch verwiesen wird. Freilich fällt auf, dass diese Arbeiten weder in Bezug auf den formalen Übereinstimmungsgrad ein theoretisches Fundament erarbeiten, noch zwischen verschiedenen Arten (semantischer) falscher Freunde differenzieren. Zum deutsch-türkischen Sprachenpaar gibt es nur zwei Korpora (vgl. Aygün 2007 und Arslan 2015), die in inkonsistenter Weise jeweils eine Lexemliste aus Kandidaten semantischer falscher Freunde anfertigen, ohne halbehrliche und unehrliche semantische falsche Freunde voneinander abzugrenzen und ohne eine subtile Kongruenztypologie zugrunde zu legen.

In Yurdakul (2023) habe ich in kritischer Auseinandersetzung mit der Forschungsliteratur sowohl zur Definition falscher Freunde als, zu Äquivalenz als auch zur Kongruenz eine präzise Definition für unehrliche semantische falsche Freunde erarbeitet und ein Korpus aus 197 deutsch-türkischen Lexempaaren erstellt. Diese Modellierungsschritte übertrage ich hier auf halbehrliche semantische falsche Freunde desselben Sprachenpaares und erarbeite hierfür ein Korpus.

3. Kongruenzkategorien halbehrlicher semantischer falscher Freunde

Zu den konstitutiven Identifikationskriterien (halbehrlicher) semantischer falscher Freunde zählen (im Rahmen einer synchronen sowie systemlinguistischen Sprachbetrachtung) die Übereinstimmung ihrer Formseiten sowie ihrer Bedeutungen. Volmert (1990: 53, 57) und Schaeder (2003: 93) bezeichnen die Übereinstimmung der Formseiten als Kongruenz, die der Bedeutungen als Äquivalenz. In dieser Analyse fokussiere ich mich auf die Kongruenzrelation halbehrlicher semantischer falscher Freunde, wobei die Äquivalenzrelation nur vorbereitend relevant ist und nicht im Vordergrund steht. Yurdakul (2023: 137) entwickelt eine sechsstufige Kongruenztypologie für unehrliche semantische falsche Freunde (deutsch/türkisch), die sich aus den Identitätskategorien interlinguale Homonymie, interlinguale Homophonie und interlinguale Homographie sowie den Ähnlichkeitskategorien interlinguale Paronymie, interlinguale Parophonie und interlinguale Parographie5 rekrutiert und durch eine stärkere Formalisiertheit und (terminologische) Konsistenz hervorsticht. Diese Methode zur Bestimmung formaler Kongruenz wird hier nur angeschnitten und auf halbehrliche semantische falsche Freunde angepasst und neu konzipiert.

Interlinguale Homonymie:

In Yurdakul (2023: 138–139) wurde Homonymie in spezifischer Weise als Übereinstimmung interlingualer Lexeme (z.B. dt. mit und tr. mit,,Mythos‘) in den Phonemfolgen sowie in den Buchstabenfolgen definiert. Aus dieser Homonymiedefinition sowie meiner Definition (1), die eingangs für halbehrliche semantische falsche Freunde erarbeitet wurde, resultiert für interlinguale Homonyme in diesem Beitrag, denen ich im Kontext halbehrlicher semantischer falscher Freunde das Attribut teiläquivalent voranstelle, folglich diese Definition:

    1. (3)
    1. Teiläquivalente interlinguale Homonymie ist eine Kongruenzrelation zwischen zwei partiell äquivalenten Lexemen verschiedener Sprachen mit derselben Lautung sowie derselben Schreibung.

Interlinguale Homophonie:

Als eine spezifische Art von Homonymie liegt Homophonie nach meiner Konzeption zwischen zwei Lexemen (z.B. dt. Kalb und tr. kalp,,Herz‘) unterschiedlicher Sprachen vor, die dieselbe Lautung, jedoch unterschiedliche Schreibungen aufweisen (vgl. Yurdakul 2023: 140). Diese Definition übertrage ich hier auf halbehrliche semantische falsche Freunde:

    1. (4)
    1. Teiläquivalente interlinguale Homophonie ist eine Kongruenzrelation zwischen zwei partiell äquivalenten Lexemen verschiedener Sprachen mit derselben Lautung, jedoch verschiedenen Schreibungen.

Interlinguale Homographie:

Komplementär zu Homophonie fasse ich Homographie als interlinguale Beziehung, bei der zwar die Schreibungen der Lexeme (z.B. dt. gut und tr. gut,,Gicht‘) übereinstimmen, jedoch ihre Lautungen voneinander abweichen (vgl. Yurdakul 2023: 141). Für Homographie im Kontext halbehrlicher semantischer falscher Freunde formuliere ich die folgende Definition:

    1. (5)
    1. Teiläquivalente interlinguale Homographie ist eine Kongruenzrelation zwischen zwei partiell äquivalenten Lexemen verschiedener Sprachen mit derselben Schreibung, jedoch verschiedenen Lautungen.

Interlinguale Paronymie:

Yurdakul (2023: 144, 146) bestimmt interlinguale Paronymie als Kongruenzrelation zwischen Lexemen (z.B. dt. Gut / tr. gut,,Gicht‘) verschiedener Sprachen, die eine Phonemabweichung sowie eine Buchstabenabweichung aufweisen. Diese Variationsgrenze (das Minimalitätsprinzip) setze ich angelehnt an Milan (1989: 395). Halbehrliche semantische falsche Freunde sind daher:

    1. (6)
    1. Teiläquivalente interlinguale Paronymie ist eine Kongruenzrelation zwischen zwei partiell äquivalenten Lexemen verschiedener Sprachen, die eine Phonemabweichung sowie eine Buchstabenabweichung aufweisen, wobei die abweichenden Phoneme mit demselben Graphem und die Grapheme der abweichenden Buchstaben mit demselben Phonem korrespondieren, um die entsprechenden Phonem- bzw. Buchstabenabweichungen zu kompensieren.

Je formähnlicher die Lexeme sind, desto wahrscheinlicher ist es, dass sie miteinander verwechselt werden. Um auch systematischer vorgehen zu können, werden Paronyme zweiten Grades (z.B. Schal und şal,,Umhängetuch‘), die sowohl auf phonologischer als auch auf graphematischer Ebene mehr als eine Abweichung (im obigen Beispiel: auf der einen Seite eine Phonemabweichung im Inlaut ([ɑ] vs. [a]) und eine Phonemabweichung im Auslaut ([l] vs. [ɫ] sowie eine Buchstabenabweichung im Angraph (|S| vs. |ş|), eine Buchstabenabweichung im ersten Ingraph (|c| vs. |a|) und darüber hinaus durch zusätzliche Buchstaben (|h| und |a|) in der deutschen Wortform |Schal| und im Umkehrschluss durch fehlende Buchstaben in der türkischen Wortform |şal| bedingt zwei Buchstabenabweichungen im zweiten Ingraph sowie im dritten Ingraph) aufweisen, aus meiner (Korpus-)Analyse ausgeschlossen.

Interlinguale Parophonie:

In Yurdakul (2023: 148) wurden Parophone als inäquivalente Lexeme zweier Sprachen (z.B. dt. Arg / tr. ark,,Entwässerungsrinne‘), deren Lautungen in einer Phonemposition und deren Schreibungen in mehr als einer Buchstabenposition voneinander abweichen, definiert. Diese Überlegungen transferiere ich auf halbehrliche semantische falsche Freunde:

    1. (7)
    1. Teiläquivalente interlinguale Parophonie ist eine Kongruenzrelation zwischen zwei partiell äquivalenten Lexemen verschiedener Sprachen, die eine Phonemabweichung sowie mehrere Buchstabenabweichungen aufweisen, wobei die abweichenden Phoneme mit demselben Graphem und die Grapheme der abweichenden Buchstaben mit demselben Phonem korrespondieren.

Interlinguale Parographie:

In Analogie zu Parophonen beschreibt Yurdakul (2023: 150) Parographe als inäquivalente Lexeme zweier Sprachen (z.B. dt. Tor / tr. tor,,unerfahren‘), deren Schreibungen in einer Buchstabenposition und deren Lautungen in mehr als einer Phonemposition voneinander differieren. Diesen Definitionsansatz passe ich auf halbehrliche semantische falsche Freunde an:

    1. (8)
    1. Teiläquivalente interlinguale Parographie ist eine Kongruenzrelation zwischen zwei partiell äquivalenten Lexemen verschiedener Sprachen, die eine Buchstabenabweichung sowie mehrere Phonemabweichungen aufweisen, wobei die abweichenden Phoneme mit demselben Graphem und die Grapheme der abweichenden Buchstaben mit demselben Phonem korrespondieren.

Die obigen Definitionsansätze für die sechs Kongruenzkategorien resümiere ich in der folgenden Definition:

    1. (9)
    1. Halbehrliche semantische falsche Freunde sind teiläquivalente interlinguale Homonyme, teiläquivalente interlinguale Homophone, teiläquivalente interlinguale Homographe, teiläquivalente interlinguale Paronyme, teiläquivalente interlinguale Parophone oder teiläquivalente interlinguale Parographe.

4. Korpusanalyse zu halbehrlichen semantischen falschen Freunden im aktuellen Gemeinwortschatz des Deutschen und Türkischen

Nachfolgend führe ich auf der Grundlage von Definition (9) eine Korpusanalyse zu halbehrlichen semantischen falschen Freunden im aktuellen Gemeinwortschatz des Deutschen und Türkischen durch, die auslotet, wie viele und welche Arten dieser Paare der besagte Wortschatz umfasst. Unter Korpus verstehe ich in diesem Beitrag folglich ein lexikographisches Korpus (nämlich zwei Wörterbücher), weil ich meinen Untersuchungsgegenstand auf systemlinguistischer (insbesondere auf lexikologischer) und nicht auf sprachgebrauchs- bzw. kompetenzorientierter Ebene verorte (s. Abschnitt 2.2)6. Folglich entnehme ich die entsprechenden Lexeme einem gemeinsprachlichen Wörterbuch, da ich dieses als repräsentatives Medium des Sprachsystems erachte7.

4.1 Erhebungskriterien und -methode

Da der DaF-Unterricht primär auf den Erwerb des gemeinsprachlichen und aktuellen Wortschatzes abzielt (vgl. Spiekermann 2007: 119), schließe ich bei der Extraktion potenzieller halbehrlicher semantischer falscher Freunde varietäten- und registerspezifische sowie archaische Lexeme aus. Auch Fremdwörter bleiben unberücksichtigt, da der Fokus auf heimischen Lexemen liegt.

Ausgehend von der Annahme, dass die Formseiten interlingualer Lexeme durch Wortformen repräsentiert werden und einem Lexem verschiedene syntaktische Wörter (mit verschiedenen Wortformen) zuzuordnen sind (vgl. Gath 2018: 101; Yurdakul 2023: 22), muss auch die Bestimmung des Kongruenzgrades halbehrlicher semantischer falscher Freunde über ein dezidiertes syntaktisches Wort erfolgen, welches das Lexem auf der phonologischen und der graphematischen Ebene repräsentiert. Es liegt nahe, dass dieses syntaktische Wort die lemmatisierte Nennform des jeweiligen Lexems ist (vgl. Yurdakul 2023: 155) und meine Korpusgrundlage und Datenextraktionsmethode ein Wörterbuch bildet, aus dem lediglich Lemmata extrahiert werden können.

Auch Interjektionen gehören nicht zu meinem Untersuchungsgegenstand, weil ihr Lexemstatus umstritten ist (vgl. Pittner / Berman 2021: 28–29). Die Extraktionsmethode fußt auf einem Vergleich zweier gemeinsprachlicher Wörterbücher (Duden 2019 für das Deutsche und TDK 2011 für das Türkische), deren Buchstabenstrecke A-Z ich vergleichend sichte8.

Der Nachteil der manuellen Extraktionsmethode liegt darin, dass ohne bilinguale Sprachkompetenz nicht sämtliche semantische falsche Freunde zwischen zwei Sprachen identifizierbar sind, aber anderenfalls bietet sie eine geeignete Ausgangsbasis, um mein Untersuchungsziel zu erreichen: Denn in den Wörterbüchern liegen Lemmata lediglich in orthographischer Form vor, weswegen die maschinelle Extraktionsmethode nicht die phonologische Repräsentation der jeweiligen Lexeme ermitteln kann. Mittels maschineller Extraktion wären ausschließlich Homonyme und Homographe eruierbar.

In Anlehnung an meine in Abschnitt 3 erarbeitete Definition (9) und den Erhebungskriterien resultieren aus meinem Vergleich 21 Lexempaare (s. Tabelle 1):

Tabelle 1

Halbehrliche semantische falsche Freunde im aktuellen Gemeinwortschatz des Deutschen und Türkischen

dt. Lexem tr. Lexem
an (Präpositionslexem) an (,Moment‘)
Bank (Sitzgelegenheit) bank (Sitzgelegenheit)
Band (Gewebestreifen) bant (Gewebestreifen)
bitter bitter (,Bitterschokolade‘; ‚Bittere‘)
Damm dam (,Überdachung‘)
direkt direkt (,direkt‘)
er er (,(Ehe-)Mann‘)
Form form (,Form‘;,Formular‘)
Formel formel (,formell‘;,formal‘)
Kabine kabine (,Kabine‘;,Kabinett‘)
Klima klima (,Klimaanlage‘)
Magazin magazin (,Magazin‘)
Marsch marş (,Marsch‘;,Zündung‘)
matt mat (,matt‘)
Model model (,Modell‘;,Model‘)
Moral moral (,Gemütszustand‘)
Optik optik (,optisch‘)
personell personel (,Personal‘)
Politik politik (,politisch‘)
Programm program (,Programm‘;,Stundenplan‘)
Romantik romantik (,romantisch‘)

Lediglich sechs der in Tabelle 1 aufgeführten Lexempaaren decken sich mit den Kandidaten in Aygün (2007) und Arslan (2015), was verdeutlicht, dass die publizierten Glossare unvollständig sind.9 Im Gegensatz dazu intendiere ich auf der Grundlage von Definition (9) die Erstellung eines exhaustiven Korpus. Zu den gemeinsamen Lexempaaren zählen: er-er, Kabine-kabine, Model-model, Optik-optik, Politik-Politik und Romantik-romantik in Aygün und an-an, Damm-dam, er-er, Magazin-magazin, Moral-moral und Politik-Politik in Arslan (2015).

4.2 Qualitative Analyse

In der qualitativen Analyse werden die 21 Lexempaare durch eine phonologisch-graphematische Segmentanalyse den sechs Kongruenzkategorien zugeordnet.

4.2.1 Teiläquivalente interlinguale Homonyme

Unter den halbehrlichen semantischen falschen Freunden stellen das deutsche Präpositionslexem AN und das türkische Nomenlexem AN (,Moment‘) interlinguale Homonyme dar. Auf formaler Ebene stimmen beide sowohl in der Phonem- [an] als auch in der Buchstabenfolge |an| überein, weswegen sie teiläquivalente interlinguale Homonyme sind.

4.2.2 Teiläquivalente interlinguale Homophone

Teiläquivalente interlinguale Homophone sind im Wörterbuchkorpus dreimal vertreten. Als Erstes erscheint das deutsch-türkische Nomenlexempaar Band (Gewebestreifen, Messband, Sägeband, emotionale Bindung, Metallstreifen, Felsstreifen) und Bant (Gewebestreifen, Messband, Sägeband, Pflaster). Phonologisch stimmen beide in der Wortform [bant] überein, wohingegen ihre graphematischen Wortformen (|Band| und |bant|) Differenzen im Angraph (|B| vs. |b|) sowie im Abgraph (|d| vs. |t|) aufweisen.

Das zweite homophone Nomenpaar besteht aus dem dt. Lexem Damm (dt.) und tr. Lexem dam (,Überdachung’). Auf phonologischer Ebene konvergieren beide Lexeme in der Wortform [dam], während sie auf graphematischer Ebene (|Damm| vs. |dam|) im Angraph (|D| vs. |d|) und durch den zusätzlichen Buchstaben |m| im zweiten Ingraph der deutschen Wortform divergieren.

Das dritte teiläquivalente interlinguale homophone Lexempaar bilden dt. matt (glanzlos, erschöpft, inhaltsarm) und tr. mat (glanzlos). Phonologisch stimmen beide in der Wortform [mat] überein, während sie in graphematischer Hinsicht (|matt| vs. |mat|) eine Abweichung im zweiten Ingraph aufweisen. Dieser Unterschied geht mit dem zusätzlichen Buchstaben |t| in der dt. Wortform einher.

4.2.3 Teiläquivalente interlinguale Homographe

Von den 21 halbehrlichen semantischen falschen Freunden erweisen sich drei Lexempaare als teiläquivalente interlinguale Homographe. Das erste Paar sind das dt. Adjektiv Bitter und das tr. Nomen bitter (,Bitterschokolade‘ und ‚Bittere‘). Die interlingualen Lexeme konvergieren in der graphematischen Wortform |bitter|, während sie in der phonologischen Form ([ɪṭɐ] vs. [bɪttɛr] eine komplexe bzw. zweifache Abweichung im Auslaut der ersten Sprachsilbe und im Anlaut der zweiten Sprachsilbe ([ṭ] vs. [tt]) und darüber hinaus eine (einfache) Abweichung im Inlaut der zweiten Sprachsilbe (zusätzliches Phonem [ɛ] in der türkischen Wortform vs. fehlendes Phonem in der deutschen Wortform) sowie eine (einfache) Abweichung im Auslaut der zweiten Sprachsilbe ([ɐ] vs. [r]) aufweisen. In Bezug auf die zusammenhängenden Abweichungen ist zu ergänzen, dass das Phonem [ṭ] in der deutschen Wortform ambisyllabisch ist, sich auf zwei Silben (in diesem Fall auf den Auslaut der ersten und den Anlaut der zweiten Sprachsilbe) verteilt und mithin zwei Unterschiede bzw. eine zweifache Abweichung herbeiführt, wohingegen das Phonem [tt] im Türkischen geminiert ist und mithin ebenfalls (dieselben) zwei Phonempositionen wie das ambisyllabische Phonem in der deutschen Wortform besetzt.

Das zweite homographe dt./tr. Lexempaar ist das adjektivische Lexempaar Direkt (umweglos, unmittelbar, umgehend, in unmittelbarer Nähe befindend) und direkt (umweglos, unmittelbar). Graphematisch stimmen sie in der Wortform |direkt| überein, während ihre phonologischen Wortformen ([dirɛkt] und [dɪrɛct]) Unterschiede im Auslaut der ersten Sprachsilbe (zwischen [i] und [ɪ]) und im zweiten Inlaut der zweiten Sprachsilbe (zwischen [k] und [c]) zeigen.

Als Drittes erscheinen im Korpus das deutsche Pronomenlexem er und das türkische Nomenlexem er (,(Ehe-)Mann‘). Auf graphematischer Ebene stimmt das Lexempaar in der Wortform |er| vollständig überein und weist auf phonologischer Ebene ([eɐ] vs. [ɛr]) Differenzen im Anlaut (zwischen [e] und [ɛ]) und im Auslaut (zwischen [ɐ] und [r]) auf.

4.2.4 Teiläquivalente interlinguale Paronyme

Drei von 21 Lexempaaren stellen teiläquivalente interlinguale Paronyme dar. Davon ist das erste Paar das Nomenlexempaar Bank (Sitzgelegenheit, Handwerkstisch, Fensterbank, Sandbank) und bank (Sitzgelegenheit). Ihre phonologischen Wortformen ([baŋk] und [bank]) weichen im zweiten Inlaut ([ŋ] vs. [n]) und ihre graphematischen Wortformen (|Bank| und |bank|) im Angraph (|B| vs. |b|) voneinander ab. Weil die divergierenden Phoneme mit demselben Graphem (<n>) und die Grapheme der divergierenden Buchstaben mit demselben Phonem ([b]) korrelieren, ist das in Yurdakul (2023: 144–146) formulierte Ähnlichkeitskriterium erfüllt.

Weiterhin erscheinen das teiläquivalente paronyme Nomenlexempaar Form und form (,Form‘ und,Formular‘). Formal gibt es eine Abweichung zwischen den phonologischen Wortformen ([fɔɐm] und [fɔrm]) im zweiten Inlaut ([ɐ] vs. [r]) und eine Abweichung zwischen den graphematischen Wortformen (|Form| und |form|) im Angraph (|F| vs. |f|). Da die divergierenden Phoneme [ɐ] und [r] mit demselben Graphem (<r>) und die Grapheme der divergierenden Buchstaben |F| und |f| mit demselben Phonem ([f]) korrespondieren, ist auch hier das o.g. Ähnlichkeitskriterium erfüllt.

Das letzte teiläquivalente Paronympaar bilden das dt. Nomen Optik und das tr. Adjektivlexem optik (,optisch‘). Zwischen ihren phonologischen Wortformen [ɔptɪk] und [ɔptɪc]) liegt der Unterschied im Auslaut der zweiten Sprachsilbe ([k] vs. [c]) und zwischen ihren graphematischen Wortformen |Optik| und |optik|) im Angraph der ersten Schreibsilbe (|O| vs. |o|). Da die abweichenden Phoneme [k] und [c] mit demselben Graphem (<k>) und die Grapheme der abweichenden Buchstaben |O| und |o| mit demselben Phonem ([ɔ]) korrelieren, bewerte ich Optik und optik als teiläquivalente Paronyme.

4.2.5 Teiläquivalente interlinguale Parophone

Überdies erscheinen in meinem Korpus zwei teiläquivalente interlinguale Parophone. Das erste parophone Lexempaar ist das Nomenlexempaar Marsch und marş (,Marsch‘,,Zündung‘). Zwischen den phonologischen Wortformen [maɐʃ] und [marʃ] existieren im zweiten Inlaut (zwischen [ɐ] und [r]) ein Unterschied, zwischen den graphematischen Wortformen |Marsch| und |marş| vorerst im Angraph (zwischen |M| und |m|), im dritten und im vierten Ingraph drei Abweichungen, wobei die letzten beiden Buchstabenpositionen der graphematischen Wortform im Deutschen durch zusätzliche Buchstaben (|s| und |c|) besetzt werden. Der letzte graphematische Unterschied erscheint im Abgraph (zwischen |h| und |ş|). Da die abweichenden Phoneme [ɐ] und [r] mit demselben Graphem (<r>), die Grapheme der abweichenden Buchstaben |M| und |m| mit demselben Phonem ([m]) und das Graphem <sch> im Deutschen, das sich aus den zusätzlichen Buchstaben |s| und |c| und dem abweichenden Buchstaben |h| zusammensetzt, und das Graphem <ş> im Türkischen, das aus dem abweichenden Buchstaben |ş| besteht, mit demselben Phonem ([ʃ]) korrespondieren, ist hier das Ähnlichkeitskriterium erfüllt.

Als weitere teiläquivalente Parophone kommen das deutsche Nomen Programm (Veranstaltungsangebot, Plan) und das türkische Nomen Program (Veranstaltungsangebot, Plan, Stundenplan) vor. Während die phonologischen Wortformen [program] und [prɔgram] nur im Auslaut der ersten Sprachsilbe (zwischen [o] und [ɔ]) differieren, gibt es zwischen den graphematischen Wortformen |Programm| und |program| im Angraph der ersten Schreibsilbe (zwischen |P| und |p|) und im dritten Ingraph der zweiten Schreibsilbe Abweichungen. Der letzte Unterschied ist dem Umstand geschuldet, dass die graphematische Wortform im Deutschen durch einen zusätzlichen Buchstaben (|m|) besetzt wird. Dass es sich bei Programm / Program um (teiläquivalente) interlinguale Parophone handelt, erkläre ich über die Korrespondenz der divergierenden Phoneme [o] und [ɔ] mit demselben Graphem (<o>) und die Korrespondenz der Grapheme der divergierenden Buchstaben |P| und |p| mit demselben Phonem ([p]) und die Korrespondenz des Graphems <mm> im Deutschen, welches den zusätzlichen Buchstaben |m| im dritten Ingraph und den Buchstaben |m| im Abgraph der zweiten Schreibsilbe repräsentiert, und des Graphems <m> im Türkischen, das den Buchstaben |m| im Abgraph der zweiten Schreibsilbe repräsentiert, mit dem Phonem [m].

4.2.6 Teiläquivalente interlinguale Parographe

Zuletzt seien neun teiläquivalente interlinguale Parographe erwähnt. Das erste parographe Lexempaar sind das dt. Nomenlexem Formel und das tr. Adjektivlexem formel (,formell‘ und,formal‘). Auf graphematischer Ebene weichen die Wortformen |Formel| und |formel| im Angraph der ersten Schreibsilbe (|F| vs. |f|) voneinander ab. Auf phonologischer Ebene weisen die Wortformen [fɔɐməl] und [fɔrmɛl] Differenzen im Auslaut der ersten Sprachsilbe ([ɐ] vs. [r]) und im Inlaut der zweiten Sprachsilbe ([ə] vs. [ɛ]) auf. Weil die Grapheme der abweichenden Buchstaben |F| vs. |f| mit dem Phonem [f], die abweichenden Phoneme [ɐ] und [r] mit dem Graphem <r> und die abweichenden Phoneme [ə] und [ɛ] mit dem Graphem <e> korrelieren, ist das Ähnlichkeitskriterium erfüllt.

Beim nächsten parographen Nomenlexempaar Kabine und kabine (,Kabine‘ und,Kabinett‘) divergieren die graphematischen Wortformen |Kabine| und |kabine| im Angraph der ersten Schreibsilbe (|K| vs. |k|). Aufgrund der Korrespondenz ihrer Grapheme mit dem Phonem [k] besteht hierbei eine formale Ähnlichkeit. Die phonologischen Wortformen [kɑbinə] und [kabɪnɛ] zeigen im Auslaut der ersten Sprachsilbe ([ɑ] vs. [a]), im Auslaut der zweiten Sprachsilbe ([i] vs. [ɪ]) und im Auslaut der dritten Sprachsilbe ([ə] vs. [ɛ]) insgesamt drei Unterschiede auf. Da die abweichenden Phoneme [ɑ] und [a] beide mit dem Graphem <a>, die abweichenden Phoneme [i] und [ɪ] jeweils mit dem Graphem <i> und die abweichenden Phoneme [ə] und [ɛ] beide mit dem Graphem <e> korrespondieren, ist das Ähnlichkeitskriterium erfüllt.

Das dritte Parographiepaar, für das eine formale Ähnlichkeit vorliegt, besteht zwischen dem deutschen und dem türkischen Nomenlexem Klima / klima (,Klimaanlage‘). Die graphematischen Wortformen |Klima| und |klima| divergieren im Angraph der ersten Schreibsilbe (|K| vs. |k|), wohingegen sich die phonologischen Wortformen [klimɑ] und [klɪma] im Auslaut der ersten Sprachsilbe ([i] vs. [ɪ]) sowie im Auslaut der zweiten Sprachsilbe ([ɑ] vs. [a]) unterscheiden.

Weiterhin erweisen sich das deutsch-türkische Nomenpaar Magazin (Zeitschrift, Behälter, Lagerraum) und magazin (Zeitschrift) als teiläquivalente Parographe. Graphematisch unterscheiden sich |Magazin| und |magazin| im Angraph der ersten Schreibsilbe (|M| vs. |m|). Phonologisch sind bei [mɑgɑtsin] und [magazɪn] im Auslaut der ersten Sprachsilbe ([ɑ] vs. [a]), im Auslaut der zweiten Sprachsilbe ([ɑ] vs. [a]), im Anlaut der dritten Sprachsilbe ([ts] vs. [z]) und im Inlaut der dritten Sprachsilbe ([i] vs. [ɪ]) Unterschiede konstatierbar. Da die Grapheme der divergierenden Buchstaben |M| und |m| mit demselben Phonem ([m]), die abweichenden Phoneme [ɑ] und [a] mit demselben Graphem (<a>), die abweichenden Phoneme [ɑ] und [a] mit demselben Graphem (<a>), die abweichenden Phoneme [ts] und [z] mit demselben Graphem (<z>) und auch die abweichenden Phoneme [i] und [ɪ] mit demselben Graphem (<i>) korrespondieren, sind diese Lexeme teiläquivalente Parographe.

Ebenso ordne ich das Nomenlexempaar Model (dt.) und model (tr.) (,Modell‘ und ‚Model‘)Parographen zu. Denn die graphematischen Wortformen |Model| und |model| weichen im Angraph der ersten Schreibsilbe (|M| vs. |m|) voneinander ab, während die phonologischen Wortformen [modəl] und [mɔdɛl] im Auslaut der ersten Sprachsilbe ([o] vs. [ɔ]) und im Inlaut der zweiten Sprachsilbe ([ə] vs. [ɛ]) divergieren. Weil die Grapheme der abweichenden Buchstaben |M| vs. |m| mit dem Phonem [m], die abweichenden Phoneme [o] vs. [ɔ] mit dem Graphem <o> und die abweichenden Phoneme [ə] und [ɛ] mit dem Graphem <e> korrespondieren, ist das Ähnlichkeitskriterium erfüllt.

Des Weiteren sind das deutsche-türkische Nomenlexempaar Moral und moral (,Gemütszustand‘) Parographe. Graphematisch weichen die Wortformen |Moral| und |moral| im Angraph der ersten Schreibsilbe (|M| vs. |m|) voneinander ab. Phonologisch sind zwischen den Wortformen [morɑl] und [mɔral] im Auslaut der ersten Sprachsilbe ([o] vs. [ɔ]) und im Inlaut der zweiten Sprachsilbe ([ɑ] vs. [a]) insgesamt zwei Unterschiede festzustellen.10 Weil die Grapheme der abweichenden Buchstaben |M| und |m| beide mit dem Phonem [m], die abweichenden Phoneme [o] und [ɔ] beide mit dem Graphem <o> und die abweichenden Phoneme [ɑ] und [a] beide mit dem Graphem <a> korrespondieren, ist das Ähnlichkeitskriterium bei diesem Lexempaar erfüllt.

Bei der Parographierelation des deutschen Adjektivlexems Personell und des türkischen Nomenlexems personel (,Personal‘) unterscheiden sich im zweiten Ingraph der dritten Schreibsilbe die graphematischen Wortformen |personell| und |personel|, weil in dieser Buchstabenposition die Wortform des deutschen Lexems einen zusätzlichen Buchstaben (|l|) aufweist. Aufgrund der Korrespondenz des Graphems <ll> im Deutschen, welches aus dem zusätzlichen Buchstaben |l| im zweiten Ingraph und dem Buchstaben |l| im Abgraph der dritten Schreibsilbe besteht, und des Graphems <l> im Türkischen, das den Buchstaben |l| im Abgraph der dritten Schreibsilbe repräsentiert, mit demselben Phonem ([l]) ist das Ähnlichkeitsprinzip zunächst erfüllt. Die phonologischen Wortformen [pɛɐzonɛl] und [pɛrsɔnɛl] unterscheiden sich im Auslaut der ersten Sprachsilbe ([ɐ] vs. [r]), im Anlaut der zweiten Sprachsilbe ([z] vs. [s]) und im Auslaut der zweiten Sprachsilbe ([o] vs. [ɔ]). Weil die abweichenden Phoneme [ɐ] und [r] mit dem Graphem <r>, die abweichenden Phoneme [z] und [s] mit dem Graphem <s> und die abweichenden Phoneme [o] und [ɔ] mit dem Graphem <o> korrespondieren, besteht auch hier eine formale Ähnlichkeit.

Sodann erscheinen noch das dt. Nomen Politik und das tr. Adjektiv Politik (,politisch‘). Die graphematischen Wortformen |Politik| und |politik| unterscheiden sich im Angraph der ersten Schreibsilbe (|P| vs. |p|), wobei ihre Grapheme dasselbe Phonem ([p]) repräsentieren und mithin ähnlich sind. Die phonologischen Wortformen [politik] und [pɔlɪtɪc] divergieren im Auslaut der ersten Sprachsilbe ([o] vs. [ɔ]), im Auslaut der zweiten Sprachsilbe ([i] vs. [ɪ]), im Inlaut der dritten Sprachsilbe ([i] vs. [ɪ]) und im Auslaut der dritten Sprachsilbe ([k] vs. [c]). Da die abweichenden Phoneme [o] und [ɔ] beide mit dem Graphem <o>, die abweichenden Phoneme [i] und [ɪ] beide mit dem Graphem <i>, die abweichenden Phoneme [i] und [ɪ] beide mit dem Graphem <i> und die abweichenden Phoneme [k] und [c] beide mit dem Graphem <k> korrespondieren, ist auch hier das Ähnlichkeitskriterium erfüllt.

Abschließend widme ich mich dem deutsche Nomenlexem Romantik und dem türkische Adjektivlexem romantik (,romantisch‘), deren graphematischen Wortformen |Romantik| und |romantik| sich nur im Angraph der ersten Schreibsilbe (|R| vs. |r|) unterscheiden, wobei ihre Grapheme mit demselben Phonem [r] korrespondieren und somit als ähnlich zu bewerten sind. Die phonologischen Wortformen [romantɪk] und [rɔmantɪc] divergieren im Auslaut der ersten Sprachsilbe ([o] vs. [ɔ]) und im Auslaut der dritten Sprachsilbe ([k] vs. [c]). Da die abweichenden Phoneme [o] und [ɔ] beide mit dem Graphem <o> und die abweichenden Phoneme [k] und [c] beide mit dem Graphem <k> korrespondieren, geht das Lexempaar eine (teiläquivalente) Parographie ein.

5. Semantische falsche Freunde im DaF-Kontext

Zuletzt bette ich meinen Untersuchungsgegenstand in den DaF-Kontext ein, indem ich die Definitionen der deutschen Lexeme im DaF-Wörterbuch von Pons (2024) sichte und mit den Bedeutungen im Universalwörterbuch (Duden 2019) kontrastiere und bespreche, wie mein Korpus (halbehrlicher) semantischer falscher Freunde mithilfe eines Fünfebenenmodells in den DaF-Unterricht integriert werden kann.

5.1 Vergleich der Definitionen der deutschen Lexeme im Universalwörterbuch und DaF-Wörterbuch

Beim Bedeutungsvergleich der deutschen Lexeme aus Duden (2019) mit dem auf DaF-Lernende zugeschnittenen Pons-Wörterbuch (2024) fällt auf, dass neun (Band, Bank, bitter, Kabine, matt, Moral, Optik, personell, Romantik) der 21 Lexeme jeweils eine engere Definitionsextension als im Universalwörterbuch (Duden 2019) aufweisen und dem Lexem er sogar keine Definition, sondern nur die Wortart Präposition zugewiesen wird (Pons 2024). Konkret fehlen bei den neun Lexemen die folgenden Definitionsnuancen, die im Universalwörterbuch vorkommen (s. Tabelle 2):

Tabelle 2

Fehlende Definitionsvarianten der deutschen Lexeme in Pons (2024)

Lexem Fehlende Definitionsvariante
Band a. Kurzform für Messband, Farbband, Tonband, Förderband
b. Sägeband
Bank a. Kurzform für Handwerkstisch,
b. Kurzform für Fensterbank,
c. Anhäufung von Meereslebewesen
bitter a. ernüchtert
b. stark
Kabine Gondel einer Seilbahn
matt inhaltsarm
Moral lehrreiche Nutzanwendung
Optik visuelle Darstellung
personell die Person betreffend
Romantik romantische Bewegung

Auch wenn Pons (2024) das Türkische nicht als Erstsprache zugrunde legt, wirkt in diesem konkreten Fall jene komprimierte Vorgehensweise kontraproduktiv, um falsche Freunde im DaF-Unterricht zu thematisieren11. So wäre durch die Abwesenheit der Definitionsvariante romantische Bewegung des Lexems Romantik im DaF-Wörterbuch die Überschneidungsrelation zwischen dem deutschen Lexem romantik und dem türkischen Lexem Romantik, bei der sich die beiden Definitionen im Sem >romantisch< überschneiden, nicht konstatierbar und auch nicht vermittelbar, weil ein evidentes Merkmal fehlen würde. Die Auslassung der Definition des dt. er bzw. die Substitution dieser durch die Lexemart (Präposition) ist ein weiteres Problem, wenn zwei Sprachen Differenzen in ihren Lexemartensystemen aufweisen. In diesem Fall divergieren deutsch und türkisch in der übergeordneten Lexemart Adposition, weil im Türkischen keine Präpositionen, sondern nur Postpositionen existieren.

5.2 Didaktisierung der semantischen falschen Freunde mittels eines linguistischen Fünfebenenmodells

Ionescu (2011: 139–141) verweist im Kontext falscher Freunde u.a. auf Interferenzfehler und unterbreitet didaktische Lösungsansätze zur Fehlervorbeugung und zur Sensibilisierung von DaF-Lernenden (s. auch Ulrich 2022: 31). Zudem greift Ionescu Lăzărescus (1999) Prinzip auf und empfiehlt die Antizipation falscher Freunde, indem eine Liste, aus der auch ihre echten Freunde hervorgehen, angefertigt wird. Somit beschränken sich Ionescu und Lăzărescu auf die Vermittlung der lexikalisch-semantischen Ebene, was für die Sensibilisierung für falsche Freunde m.E. nicht hinreichend ist, zumal (insbesondere bei halbehrlichen semantischen falschen Freunden) die potentielle Fehlerquelle lexikalisch-semantischer und phonologisch-graphematischer Natur ist. Mein erstelltes Korpus deutsch/türkischer halbehrlicher semantischer falscher Freunde sowie das in Yurdakul (2023) erarbeitete Korpus unehrlicher semantischer falscher Freunde könnten in ein Glossar umgewandelt werden, welches ich mit der Bezeichnung Fünfebenenmodell versehe. Gemäß diesem Modell beschreibe ich jedes Lexempaar ausgehend von Überlegungen in Abschnitt 3 sowie meiner Korpusanalyse in Abschnitt 4 auf semantischer, phonologischer, graphematischer Ebene sowie auf der Phonem-Graphem- bzw. Graphem-Phonem-Korrespondenzebene und führe für die Lexeme eines Paares noch das genuine Äquivalent an, um türkischsprachige Deutschlernende an semantische falsche Freunde heranzuführen. In den Tabellen 3, 4 zeige ich ein solches Fünfebenenmodell für zwei exemplarische Lexempaare:

Tabelle 3

Fünfebenenmodell zur Didaktisierung semantischer falscher Freunde am Beispiel des Lexempaars er / er

Sprachliche Ebene dt. Lexem (Beispiel: er) tr. Lexem (Beispiel er)
Semantische Ebene auf ein maskulines Substantiv referierendes Pronomen männliche Person und Ehemann
Phonologische Ebene [eɐ] [ɛr]
Graphematische Ebene |er| |er|
Phonem-Graphem- bzw. Graphem-Phonem-Korrespondenzebene [e] → <e>, [ɐ] → <r>
<e> → [e], <r> → [ɐ]
[ɛ] → <e>, [r] → <r>
<e> → [ɛ], <r> → [r]
genuines Äquivalent in der Korrespondenzsprache (lexikalische Ebene) o Mann, Ehemann
→ Angesichts der vollständigen Übereinstimmung der Lexeme in der Schreibung liegt hierbei eine teiläquivalente interlinguale Homographie vor.
Tabelle 4

Fünfebenenmodell zur Didaktisierung semantischer falscher Freunde am Beispiel des Lexempaars Form / form

Sprachliche Ebene dt. Lexem (Beispiel: Form) tr. Lexem (Beispiel form)
Semantische Ebene a) äußere Gestalt
b) Erscheinungs- oder Darstellungsweise
a. äußere Gestalt
b. Erscheinungs- oder Darstellungsweise
c. Vordruck zum Ausfüllen
Phonologische Ebene [fɔɐm] [fɔrm]
Graphematische Ebene |Form| |form|
Phonem-Graphem- bzw. Graphem-Phonem-Korrespondenzebene [f] → <f>, [ɔ] → <o>, [ɐ] → <r>, [m] → <m>
<f> → [f], <o> →[ɔ], <r> → [ɐ], <m> → [m]
[f] → <f>, [ɔ] → <o>, [r] → <r>, [m] → <m>
<f> → [f], <o> →[ɔ], <r> → [r], <m> → [m]
genuines Äquivalent in der Korrespondenzsprache (lexikalische Ebene) form Form, Formular
→ Angesichts einer Phonemabweichung ([ɐ] vs. [r]) sowie einer Buchstabenabweichung (|F| vs. |f|) liegt hierbei eine teiläquivalente interlinguale Paronymie vor.

Der Vorteil dieser Beschreibungen ist die differenzierte Auseinandersetzung mit der Entstehung falscher Freunde, welche aufgrund von Konvergenzen sowie Divergenzen auf unterschiedlichen sprachlichen Ebenen verursacht werden. Denn auch bilinguale Wörterbücher (Langenscheidt 2024, Pons 2015) eignen sich nicht als Korpusgrundlage für die Ermittlung halbehrlicher semantischer falscher Freunde, weil sie nicht explizit auf Relationen eingehen, bei denen sich Lexembedeutungen lediglich in einem Noem oder Sem überschneiden. Diese sind lediglich durch eine rein semantische Analyse erfassbar.

6. Fazit und Ausblick

Aus der vorliegenden Arbeit resultiert, dass halbehrliche semantische falsche Freunde ein Lexempaar verschiedener Sprachen sind, die teiläquivalente Homonyme, teiläquivalente Homophone, teiläquivalente Homographe, teiläquivalente Paronyme, teiläquivalente Parophone oder teiläquivalente Parographe darstellen. Infolgedessen resultieren aus meiner Korpusanalyse lediglich 21 Lexempaare. Im Vergleich zu den 197 unehrlichen semantischen falschen Freunden, die in Yurdakul (2023) eruiert wurden, ist dies eine geringe Anzahl. Diesen quantitativen Unterschied zwischen beiden Arten semantischer falscher Freunde bringe ich damit in Verbindung, dass halbehrliche semantische falsche Freunde semantisch und formal ähnlich sind und insofern restringiert sind, als sie auf beiden sprachlichen Ebenen Schnittmengen aufweisen müssen.

Auf Grundlage dieser Korpusanalyse, die sich auf eine bestimmte Varietät beschränkt, liegt bereits eine Lexemliste vor, die zur Entwicklung eines erweiterten Korpus um weitere Teilwortschätze (z.B. Fachsprache, Umgangssprache) und Lexembildungen (z.B. Kurzwörter, Fremdwörter) ergänzt werden kann – ein lexikographisches Desiderat.

Wie im theoretischen Teil erwähnt, sind die angesetzten formalen Ähnlichkeitskategorien (u.a. interlinguale Paronyme) graduierbar, sodass in einer zukünftigen Arbeit noch Lexempaare zweiten Ähnlichkeitsgrades (s. 3) analysiert werden könnten. Durch diese Ausweitung könnte auch die Anzahl an dt./tr. halbehrlichen semantischen falschen Freunden erhöht werden. Darüber hinaus kann meine Analyse auch mit weiteren Sprachen repliziert werden.

Überdies könnten im Rahmen einer empirischen Untersuchung oder im Unterricht DaF-Lernenden Lexempaare vorgegeben werden, die sie beispielsweise den in meiner Kongruenztypologie vorkommenden Typen halbehrlicher semantischer falscher Freunde zuordnen könnten. Auf diese Weise könnten zahlreiche linguistische Merkmale zusammen erlernt werden.

Empirische Analysen mithilfe korpuslinguistischer Verfahren in Form von Parallelkorpora, in denen die tatsächliche Fehlerhäufigkeit bzw. der Umgang mit falschen Freunden überprüft werden könnte, bleiben ebenso ein Desiderat, da der Großteil der verfügbaren Korpora (z.B. in SketchEngine) überwiegend aus politischen Texten oder der Berichterstattung über Politik besteht und keine Allgemeinsprache beinhaltet und für den DaF-Unterricht nicht nutzbar ist.

Notes

  1. Diese terminologische Bestimmung bzw. Abgrenzung ist vorerst eine erste Annäherung an beide Konzepte. Präzisere Definitionen folgen in Kapitel 2. [^]
  2. Weil ich falsche Freunde als systemlinguistisches Phänomen erachte und diese m.E. aus dem Vergleich zweier Sprachsysteme entspringen und nicht lernerbedingt entstehen, berufe ich mich auf das Sprachsystem, für das ich das Universalwörterbuch als repräsentatives Medium ansehe. Hingegen ist das DaF-Wörterbuch für den Sprachgebrauch geeignet und daher auch eine kompakte und lernerorientierte Darstellung. [^]
  3. In Yurdakul (2023: 48) werden semantische falsche Freunde von sogenannten morphologischen falschen Freunden (z.B. dt. Mörder und en. murder) dadurch abgegrenzt, indem letzteren noch das (zusätzliche) Identifikationskriterium morphologisch identisch zugewiesen wird. Dies bedingt, dass ich semantische falsche Freunde zwischen Simplizia und morphologische falsche Freunde zwischen komplexen Lexemen (im Fall von Mörder und murder zwischen Derivaten) annehme. [^]
  4. S. auch Cartagena / Gauger (1989: 581), Kroschewski (2000: 38), Ionescu (2014: 23), Burkhardt (2018: 105). [^]
  5. Die Unterscheidung zwischen Parophonie und Parographie, die ich analog zur Dichotomie Homophonie und Homographie vornehme, thematisiere ich in Yurdakul (2023: 137, 147). [^]
  6. Nicht geklärt werden kann, ob die beiden Wörterbücher im Rahmen dieses Korpusverständnisses mit denselben Methoden konzipiert wurden. [^]
  7. Es wird darauf hingewiesen, dass in der Metalexikografie, aber auch in der Theoretischen Semantik über Bedeutung als reale, kognitiv relevante Entitäten gestritten wird (vgl. dazu u.a. Kilgarriff 1997). [^]
  8. Duden (2019) umfasst ca. 500.000, TDK (2011) 122.423 Stichwörter. [^]
  9. Aygün listet 83 und Arslan 75 Lexempaare auf, ohne zwischen halbehrlichen und unehrlichen semantischen falschen Freunden zu differenzieren. [^]
  10. In Yurdakul (2023: 90) verweise ich darauf, dass in beiden Sprachen kein phonologischer, sondern nur ein phonetischer Unterschied zwischen dem konsonantischen [r] besteht, der für meine systemlinguistische Analyse irrelevant ist. [^]
  11. Ähnliche Defizite könnte es bei weiteren Sprachenpaaren geben. [^]

Literatur und Ressourcen

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Biographische Notiz

PD Dr. Ayşe Yurdakul ist Privatdozentin und wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Germanistischen Linguistik der Technischen Universität Braunschweig. Im Wintersemester 2024/25 hat sie eine W2-Professur in der Germanistischen und Allgemeinen Sprachwissenschaft an der Universität Paderborn vertreten. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählen Kontrastive Linguistik, Morphologie, Semantik, Lexikologie, Phonologie, Graphematik, Syntax und Fachsprachenforschung.

Kontaktanschrift:

Ayşe Yurdakul

Technische Universität Braunschweig

Bienroder Weg 80

38106 Braunschweig

a.yurdakul@tu-braunschweig.de