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In diesem Aufsatz wird die Hypothese aufgestellt, dass DaF-Lernenden anhand von Korpora und deren Behandlung im Unterricht gezielt ein Sprachverhalten erfahrbar gemacht werden kann, das sie selbst noch erlernen müssen. Dies soll am Beispiel des sprachlichen Ausdrucks von Empathie im Dialog und hier speziell in einigen Interviews, die Eva-Maria Thüne in ihrem Forschungsprojekt zum Kindertransport nach Großbritannien während des Nationalsozialismus geführt hat, empirisch belegt werden. Zu diesem Zweck wird das Thema eingeführt, das Konzept der Empathie linguistisch verortet, das Korpus vorgestellt und schließlich eine erste Typologie empathischen Sprach- und Interviewverhaltens erarbeitet.
In this article, the hypothesis is put forward that GFL learners can be specifically taught language behaviour that they still have to learn themselves by means of corpora and their treatment in class. This is empirically proven using the example of the linguistic expression of empathy in dialogue and here specifically in some interviews conducted by Eva-Maria Thüne in her research project on Kindertransport (the transport of children to Great Britain during National Socialism). To this end, the argument is introduced, the concept of empathy is located linguistically, the corpus is presented and finally an initial typology of empathic language and interview behaviour is developed.
Keywords: Kindertransport, sprachliche Empathie, narrative autobiographische Interviews, Korpusarbeit im DaF-Unterricht, linguistic empathy, narrative autobiographical interviews, corpus-based lessons in German as a foreign language lessons
How to Cite: Koesters Gensini, S. E. (2025) “The didactic potential of corpus-based conversation analysis in university-level German as a Foreign Language (DaF) Teaching: Expression and effect of verbal empathy in the narrative interviews Flight and Emigration to Great Britain by Eva-Maria Thüne”, Korpora Deutsch als Fremdsprache. 5(1). doi: https://doi.org/10.48694/kordaf.4319
Seit der Veröffentlichung der „Leitlinien des universitären und akademischen Ausbildungsweges Lehrender im Bereich der Mittel- und Oberschulen“1 im September 2023 und dem im Anhang A beschriebenen „Profil der lehrbefähigten Personen, ihrer beruflichen Kompetenzen und beruflichen Mindeststandards“ ist an vielen italienischen Hochschulen und Lehrerverbänden die Diskussion darüber entfacht, wie diese abstrakt formulierten Anforderungen konkret an das zukünftige Lehrpersonal vermittelt werden können. Es ist hier nicht der geeignete Rahmen dafür, diese Debatte aufzugreifen und so sei allein darauf hingewiesen, dass auch im Bereich der (Fremd-) Sprachendidaktik an vielen Universitäten die Notwendigkeit einer Neuorientierung der universitären Bildungsziele erkannt worden ist. Dabei scheint ein grundsätzlicher Konsens darüber zu bestehen, dass neben der Vermittlung der sprachlichen und metasprachlichen Kompetenzen besonders der pragmatisch angemessene Gebrauch der Fremdsprache zu fördern ist, wobei nicht nur (inter)kulturelle Aspekte behandelt werden sollten, sondern auch ein bewusstes sozial-emotionales Sprachverhalten zielgerichtet nahezubringen ist. Auch in Deutschland wird diese Thematik nach wie vor diskutiert, wie der Aufsatz von Kilian und Marx (2020) zeigt. Hier geht es um emotional bewusste Sprachkompetenz im Lehrverhalten in Form von Empathie, dem Schlüsselkonzept dieses Aufsatzes. Es folgt ein Kernzitat aus dieser Studie:
Empathie [ist] als Teil der professionellen Kompetenz von Lehrerinnen und Lehrern als Fähigkeit zu begreifen, eine sprachliche Passung zwischen dem Gegenstand und dem Schüler herstellen zu können. […] Aus heutiger Sicht fächert sich das Konzept weiter aus und schließt neben kognitiver Empathie, auch die professionelle Reduktion von Empathie, die Fähigkeit zur Rekonstruktion von Schülerwissen als lernstandsdiagnostische Kompetenz, aber auch das Lehr-Lernziel Sozialkompetenz von Schülerinnen und Schülerinnen (sic!) sowie die Etablierung individueller Bezugsnormen bei der leistungsfördernden Bewertung/Benotung mit ein. (Kilian / Marx 2020: 510)
Auch wenn hier aus der Perspektive des muttersprachlichen Unterrichts argumentiert wird, gelten die oben angeführten Überlegungen ebenfalls, wenn nicht potenziert, für den fremdsprachlichen Unterricht und dies sowohl in der Schule als auch in der Universität. Bevor angehende LehrerInnen professionell Empathie ausüben können, müssen sie selbst eine auf Empathie gestützte Sprachkompetenz erwerben und dies kann (nicht nur) in der Fremdsprache keineswegs als gegeben vorausgesetzt werden. Um diese Kompetenz zu vermitteln, bietet sich der Einsatz von thematisch und sprachlich geeigneten Korpora an, anhand derer Studierende gezielt die emotionale Wirkung sprachlichen Verhaltens nachvollziehen, untersuchen und verstehen lernen können – und dies auch wenn sie selbst (noch) nicht in der Lage sind, selbst entsprechende Gespräche zu führen.
Das hier untersuchte Korpus Flucht und Emigration nach Großbritannien, das von Eva-Maria Thüne zusammengestellt und am Leibniz-Institut für Deutsche Sprache (IDS) Mannheim für Forschungszwecke zugänglich ist2, erscheint in diesem Rahmen besonders geeignet. Anhand des Korpus, so die Hypothese dieses Aufsatzes, kann Studierenden nicht nur ein besonders wichtiges Kapitel deutscher und europäischer Geschichte aus einer neuen und somit thematisch sicherlich motivierenden Perspektive vermittelt werden, sondern auch exemplarisch der Ausdruck und die Wirkung eines pragmatisch und emotional sensiblen Sprachverhaltens als Beispiel für eine empathische Gesprächsführung vorgestellt und erarbeitet werden.
Um diese These argumentativ zu entwickeln, soll im Folgenden (Abschnitt 1) zunächst das Konzept der Empathie kurz allgemein und sprachwissenschaftlich verortet werden, dann (Abschnitt 2) das hier untersuchte Korpus im Ganzen vorzustellen und seine kulturgeschichtliche Bedeutung anzudeuten. Anschließend (Abschnitt 3) werden im Hauptteil des Artikels einige sprachliche Strategien vorgestellt, durch die die Interviewerin Eva-Maria Thüne konstant eine enge emotionale, auf Empathie basierende Nähe zu ihren GesprächspartnerInnen bewahrt. Abschließend (Abschnitt 4) soll die Untersuchung dann ausgewertet und ein Ausblick auf weiterführende Arbeiten mit diesem Korpus angeboten werden.
Ausgehend vom allgemeinen Sprachgebrauch kann unter dem Begriff Empathie die „Bereitschaft und Fähigkeit [verstanden werden], sich in die Einstellungen anderer Menschen einzufühlen“ (Duden online)3. Bedeutend erscheint in dieser Definition das Zusammenspiel des Willens („Bereitschaft“) und des Könnens („Fähigkeit“) zur Empathie, wobei diese aus einer rein emotionalen Perspektive verstanden wird. In diesem Sinne greift das DWDS weiter, indem hier Empathie als „Fähigkeit, die Gefühle, Gedanken und Motive (Beweggründe) eines anderen Wesens zu erkennen, eine Fähigkeit, die Gefühle eines anderen Wesens nachzuempfinden“ und somit als ein Zusammenspiel emotionaler („nachempfinden“), aber auch kognitiver („erkennen“) Faktoren beschrieben wird4. Bereitschaft und Fähigkeit, Emotionalität und Kognition sollen aus dem allgemeinen Sprachgebrauch in den hier vertretenen Zugang zum Konzept der Empathie einfließen5.
Im sprachwissenschaftlichen Bereich erscheint die Definition Fiehlers (1990: 132) beachtenswert. Er befasst sich mit Empathie in Rahmen seiner Betrachtungen zur „projektiven Erlebnisthematisierung“, unter der er die „Thematisierung“ eines „vermutete[n], gegenwärtige[n] oder vergangene[n] Erleben[s] einer anderen Person, speziell des Interaktionspartners“ versteht. Mit dieser Auffassung erweitert er seine vorherige Perspektive, welche zuvor vorwiegend auf die Thematisierung des „eigenen Erlebens“ des Sprechenden beschränkt war. Der wiederholte Gebrauch des Wortes „Thematisierung“ evoziert jedoch einen vorwiegend expliziten, wenn auch „unterschiedlich deutlichen“ (ebd.: 133) Ausdruck der Empathie, der der Komplexität des Empathieausdrucks in der Kommunikation nur bedingt gerecht zu werden scheint.
Zur Grundlegung eines linguistischen Forschungsprogramms zur Empathie beizutragen, das setzen sich Katharina Jacob, Klaus-Peter Konerding und Wolf-Andreas Liebert als Herausgeber des interessanten Sammelbandes Sprache und Empathie (2020) zum Ziel. Den Ausgangspunkt ihrer Untersuchung sehen die Herausgeber dabei in einer gelingenden, d.h. „kooperativen Kommunikation“.
Damit Kommunikation gelingen kann, ist nicht nur die wechselseitige Berücksichtigung und Überprüfung von expliziten und impliziten Präsuppositionssystemen durch die jeweiligen Kommunikanten unerlässlich, sondern auch ein Signalisieren und Ratifizieren von Verstehen und Vertrauen auf der phatischen, somatischen und emotiven Ebene, dies in notwendiger Ergänzung zu einem rein kognitiven Erfassen der Relevanz- bzw. Referenzsysteme jeweiliger Interaktionspartner*innen. (Jacob / Konerding / Liebert 2020: 1)
Für die hier vorliegende Untersuchung erweist sich besonders die Erweiterung der Perspektive von einer reinen Ausdrucksdimension der Sprechenden auf eine interaktionale Ausdrucks- und Verstehensperspektive vielversprechend. So wird hier Empathie zurecht als eine „komplexe kommunikative Praktik“ verstanden, die
somatische und emotive sowie kognitive Resonanzen einschließt und so eine holistische Simulation im Sinne einer dimensional differenzierbaren komplexen ‚Einfühlung‘ in die situativ-existentiellen Befindlichkeiten, Dispositionen und Lebensvollzüge, Bedürfnisse und Reaktanzen jeweiliger Interaktionspartner* innen oder -objekte ermöglicht. […] Entsprechend ist empathisches Kommunizieren in actu weniger ein bewusst reflektiertes und explizit artikuliertes Prinzip als vielmehr eine strukturierende Ressource, die zwischen den Kommunikanten praktiziert wird. […] In der Face-to-face-Kommunikation zeigt sich die Empathie zwischen den Kommunikanten unmittelbar im Vollzug der Interaktion. (ebd.: 3)
Wenn empathisches Kommunizieren grundsätzlich zurecht als ein „in actu weniger bewusst reflektiertes“ Prinzip bezeichnet wird, so ist doch davon auszugehen, dass diesbezüglich graduelle Unterschiede zwischen verschiedenen Kommunikationsformen und -situationen bestehen. So kann die Hypothese aufgestellt werden, dass in Interviewsituationen, wie sie im hier untersuchten Korpus vorliegen, ein grundsätzlich bewussteres Sprachverhalten vorliegt als in stärker spontanen und unbelasteten Gesprächen6. Dabei wird empathisches Kommunizieren durchaus nicht immer explizit artikuliert, sondern fungiert vielmehr als eine die Interaktion strukturierende Ressource. Auch dieses Merkmal empathischer Kommunikation kommt im hier untersuchten Sprachmaterial deutlich zum Ausdruck. Kupetz (2020) weist in diesem Rahmen zurecht auf das enge Zusammenspiel von verbalen, kinetischen, prosodischen und stimmlichen Merkmalen der empathischen Interaktion hin und bereichert die Diskussion besonders durch den Hinweis darauf, dass Empathiedarstellungen ein wichtiges Mittel sein können, um die Gesprächsfähigkeit einer belasteten Person wiederherzustellen.
Stellt ein Interaktionsteilnehmer oder eine Interaktionsteilnehmerin in situ einen physisch und/oder emotional stark beanspruchenden Zustand dar, so wird eine lokale, also eine im direkten sequentiellen Verlauf anschließende Behandlung dieses Zustands notwendig. Diese interaktionale Behandlung kann […] in der Orientierung der nicht-betroffenen Person an der Situation der betroffenen Person durch die Darstellung von Verstehen, Verständnis, Mitgefühl oder auch Trost – kurzum: Empathie – liegen. Empathiedarstellungen können also so situiert sein, dass sie lokal einen Umgang mit der in situ Kontextualisierung von Betroffenheit ausmachen, damit Gesprächsfähigkeit wiederhergestellt ist. (ebd.:149)
Auch die Funktion der Empathiedarstellung als Wiederherstellung der Gesprächsfähigkeit offenbart sich deutlich in den hier untersuchten Interaktionen.
Speziell dem Gesprächsverlauf ist die Untersuchung von Pfänder / Gülich (2013) gewidmet. In diesem Beitrag steht eine konversationsanalytische Perspektive im Vordergrund, die die Autoren dazu veranlassen, das Konzept Empathie als Sprecheraktivität in „Empathieangebote machen“ zu operationalisieren, welche sie folgendermaßen definieren7:
Empathieangebote machen bedeutet […] den inneren Zustand einer anderen Person erkennen, ihn relevant zu setzen und nachempfinden zu wollen, einschließlich ihrer Gedanken und Empfindungen, und diesen Wunsch (oder dieses Bestreben) auch konversationell zu verdeutlichen und sich dann […] intuitiv oder mittels Zuhören und Nachfragen in die Situation eines anderen hineinzugeben. (ebd.: 435)
Somit erweitern die Autoren die bisher skizzierte Diskussion um die Perspektive auf alle an der Konversation beteiligten Personen (Sprechende und Zuhörende) und können dadurch auch der Wirkung der Empathie die ihr gebührende Relevanz zuschreiben.
Wenn also aus einer theoretischen Perspektive nicht zu bezweifeln ist, dass Empathie eine interaktionale Kommunikationsressource darstellt, die alle interagierenden Personen somatisch, kinetisch und sprachlich ausdrücken, so erlaubt das hier untersuchte Korpus allein die Untersuchung der (para)sprachlich geäußerten Komponente, d.h.
- der Prosodie, der Stimmqualität, Sprechgeschwindigkeit und Lautstärke;
- der Gesprächs- und Lautsignale und Pausen;
- der metalinguistischen Äußerungen und Paraphrasen;
- der weiterführenden Fragen und Vertiefungen;
- der Formeln;
- der Zustandsbeschreibungen und Fortführungen;
- der Zweiterzählungen, Gesprächsabbrüche und Themenwechsel;
- der monolog- oder dialogartigen Erzählung;
- den gleichartig sprachlich geäußerten Reaktionen der Interagierenden.
Auf Grund des didaktischen Schwerpunktes und des begrenzten Rahmens dieses Artikels werden im Folgenden ausschließlich die rein verbalen sprachlichen Mittel der Interviewerin vorgestellt8. Dem soll jedoch eine kurze Vorstellung des untersuchten Korpus vorangehen.
Die folgenden Untersuchungen basieren auf dem auf dem IDS Portal veröffentlichten Korpus Flucht und Emigration nach Großbritannien (FEGB), das Eva-Maria Thüne (Universität Bologna, Italien) während eines Forschungsaufenthaltes als Fellow in Cambridge 2017 im Großraum London und anderen Städten Großbritanniens aufgenommen hat. Es handelt sich um 42 narrative Interviews mit überwiegend jüdischen Emigranten, die in den dreißiger Jahren auf Grund der nationalsozialistischen Verfolgungen Deutschland, Österreich und die damalige Tschechoslowakei verlassen mussten, wobei circa di Hälfte im Rahmen des sogenannten ‚Kindertransportes‘ nach Großbritannien emigriert sind9. Die Interviews fanden also 70 bis 80 Jahre nach der Immigration statt und hatten das von der Interviewerin erklärte Ziel, die sprachliche und kulturelle Identität dieser Menschen zu verstehen und dokumentieren (vgl. Thüne 2019: 19). Die Gespräche wurden vorwiegend in den Privatwohnungen der Interviewten geführt und sind unterschiedlich lang (45 Minuten bis über 2 Stunden). Themenschwerpunkte sind der Sprachwechsel vom Deutschen ins Englische, der Spracherwerb des Englischen und die Spracherhaltung des Deutschen, die Sprachtradition in der Familie, aber auch Motive wie Kindheitserinnerungen, Erfahrungen von Antisemitismus, Flucht/Emigration, Neuanfang, kulturelle Umorientierung, Kontakt und Reisen in deutschsprachige Länder nach dem 2. Weltkrieg finden in den Interviews Platz10. Einige Erzählende sprechen nach wie vor Standarddeutsch, der Großteil hingegen Deutsch mit einem deutlichen Einfluss des Englischen, was auch durch Code-Switching und -Mixing zum Ausdruck kommt. Die Gesamtdauer der Interviews beträgt 3876 Minuten, d.h. ca. 64 Stunden (2189 Minuten mit ehemaligen Kindern des Kindertransports und 1687 Minuten mit Personen, die nicht über den Kindertransport nach Großbritannien emigriert sind)11.
Bereits aus diesen Angaben geht deutlich das außerordentliche und vielschichtige Interesse dieses Korpus auch für den Einsatz im schulischen und universitären (DaF-)Unterricht hervor. Thematisch handelt es sich bei dem Kindertransport, der etwa 10.000 damaligen Kindern und Jugendlichen das Leben rettete, um ein nach wie vor recht wenig bekanntes Kapitel der deutschen und europäischen Geschichte, das Lehrenden ebenso wie Lernenden einen neuen Zugang zur Behandlung des Nationalsozialismus und seinen sozialpolitischen, kulturellen, psychologischen und linguistischen Folgen eröffnen kann12. Der Umstand, dass es sich hier um Zeitzeugen handelt, die von Kindheitserinnerungen, ihrer Migration, ihrem komplexen Verhältnis zu Deutschland und zur deutschen Sprache, ihrer durch Mehrsprachigkeit und -kulturalität gekennzeichneten (Sprach)Biographie erzählen, motiviert DaF-Lernende nach eigenen Erfahrungen erheblich und fördert, trotz der geschichtlichen, zeitlichen und kulturellen Unterschiede, eine zunächst unerwartet starke Identifizierung mit den Erzählenden und erhält dadurch einen besonderen menschlichen und sozialgeschichtlichen Wert.
Auch die Tatsache, dass hier nicht nur Standarddeutsch dokumentiert ist, sondern ebenfalls Einflüsse aus dem Englischen, der in der Regel ersten Fremdsprache der DaF-Lernenden in Italien, wahrnehmbar sind, wirkt sich nach eigenen Erfahrungen ansprechend aus und regt zu metalinguistischen Überlegungen an, die anhand traditioneller Lehrmaterialien nur schwer hervorzurufen wären. Die Anteilnahme an der Lebensgeschichte der Erzählenden erweckt zudem ein besonderes Interesse für die Interviewerin, der es offensichtlich gelungen ist, binnen kürzester Zeit ein Klima der Vertrautheit und des Vertrauens zwischen den InteraktionspartnerInnen zu schaffen. Genau diese Atmosphäre hat es dann den interviewten Personen ermöglicht, ihre Sprachhindernisse, eventuelle Erinnerungslücken, wenn nicht innere Widerstände, gewisse schmerzhafte Erinnerungen wieder zu beleben, zu überwinden und mit einer bis vor kurzer Zeit noch fremden Frau zu teilen. Aus diesem Grunde soll im Folgenden das Sprachverhalten der Interviewerin vertieft und beispielhaft kommentiert werden, wobei es speziell um die Art gehen soll, auf die in diesen Interviews Empathie hergestellt und konstant bewahrt wird. Diesbezüglich müssen wir uns hier, wie angedeutet, auf den verbalen Teil der Interaktion beschränken und beziehen uns allein auf die Interviews mit Ruth Barnett (*1935 in Berlin, Emigration nach Großbritannien 1939 mit dem Kindertransport), Bea Green (*1925 in München, Emigration nach Großbritannien 1939 mit dem Kindertransport), Leslie Baruch Brent (* 1925 in Koszalin/Westpommern, Emigration nach Großbritannien Ende 1938/Anfang 1939 mit dem Kindertransport) und Herbert Haberberg (*1924 in Lünen, Emigration nach Großbritannien 1939 mit dem Kindertransport).
Im Folgenden soll das Gesprächsverhalten der Interviewerin Eva-Maria Thüne untersucht werden. Nach eigenen Angaben beruht dieses auf dem Bewusstsein, dass „Spracherleben […] nicht neutral, [sondern] mit emotionalen Erfahrungen verbunden [ist], damit ob man sich in einer Sprache wohlfühlt oder nicht“ (Busch 2013: 19 in Thüne 2019: 13-14). So geht die Interviewerin davon aus, dass die sprachliche Situation und die mit der deutschen Sprache verbundenen Erinnerungen ihrer GesprächspartnerInnen durchaus nicht neutral, sondern in unterschiedlichem Grad belastet sind. Exemplarisch sind hierzu die folgenden Worte:
Dass das Deutsche für die Kinder, die nach Großbritannien kamen, eine belastete Sprache war, kennzeichnet das Verhältnis zu dieser Sprache das ganze Leben lang. Sie wird vergessen, abgelehnt, wiedergewonnen, aber niemandem ist sie völlig gleichgültig. Das gilt sowohl für die Kinder des Kindertransports als auch für die, die mit jemand anderem (im besten Fall einem Elternteil) gekommen sind. Tatsächlich ist die Einstellung zum Deutschen, zur deutschen Kultur ganz unterschiedlich. (Thüne 2019: 20-21)
Vermutlich trägt besonders dieses Bewusstsein dazu bei, dass die Interviewerin stets bereit ist, die Belastung ihrer GesprächspartnerInnen durch eine konstant empathische Gesprächsführung so weit wie möglich zu kompensieren. Der kontinuierliche und vielfältige Ausdruck der Empathie sowohl in ihren Gesprächsanteilen als auch in ihrem Verhalten als Interviewerin hilft den interviewten Personen, nicht nur linguistische, sondern ebenso emotionale und kognitive Hürden zu überwinden. Dieses, wiederum, ermöglicht den Erzählenden eine sehr ergiebige und sie selbst erfüllende Schilderung ihrer Sprachbiographie und der Interviewerin die Verwirklichung ihrer wissenschaftlichen Zielsetzung unter Bewahrung eines ethisch vorbildlichen Verhaltens13. Im Folgenden soll nun aufgezeigt werden, welche spezifischen sprachlichen Mittel hierzu verwendet und wie diese von ihren GesprächspartnerInnen aufgenommen werden. Auf diese Weise kann eine erste Typologie der Gesprächsstrategien zum sprachlichen Ausdruck von Empathie vorgestellt werden.
Ein erstes Merkmal des Sprachverhaltens Eva-Maria Thünes ist durch die auffallend häufige, in besonders ‚belasteten‘ Teilen der Narration sogar kontinuierliche Rückmeldung in Form von Hörersignalen. Diese sind verschiedener Art, zum Teil verbal („Wirklich!“, Z. 0141; „Interessant“, Z. 0153), zum Teil handelt es sich um Lautsignale („Uh-uh“ Z. 0143; „Ah ja, aja. Hmhm“ Z. 0153). Die Wirkung auf die Gesprächspartnerin, in diesem Fall Bea Green, ist der Aufbau einer engen phatischen Beziehung, die die monologartige Erzählung schon hierdurch an einen Dialog, eine Art der ‚Ko-Produktion‘ der erzählerischen Handlung annähert.
Interviewauszug (1) (FEGB_E_00003; min 19:41-20:13)
Grundsätzlich benutzt die Interviewerin die deutsche Sprache. Dies wird in der Regel anfänglich vereinbart und auch dann beibehalten, wenn die Erzählenden mehr oder weniger lange englische Redeteile in ihr Gespräch einfließen lassen. In bestimmten, (für beide GesprächspartnerInnen) emotional außergewöhnlich belasteten Gesprächspassagen hingegen, wechselt auch die Interviewerin kurzzeitig ins Englische und drückt so ihre Nähe zur erzählenden Person und ihrer Narration aus. Der folgende Auszug, der ebenfalls aus dem Interview mit Bea Green stammt, liefert ein aussagestarkes Beispiel hierfür:
Interviewauszug (2) (FEGB_E_00003; 2:34:42-2:39:10)
Die extreme Belastung der Erzählerin, ihre gegensätzlichen Gefühle, sich einerseits durch ihre Geburt eng mit Deutschland verbunden zu fühlen und andererseits persönlich und als Teil einer Gruppe in diesem Land zutiefst verletzt worden zu sein, drückt sich sprachlich nicht nur in den zahlreichen Gesprächsabbrüchen und in der Suche nach passenden Worten für die unbeschreiblichen Taten Hitlers und der deutschen Bevölkerung aus (Z. 0657), sondern auch durch ihr Code-Mixing. Es wirkt, als ob sie all ihre ihr sprachlich zu Verfügung stehenden Mittel benötige, um ihre Gefühle zu vermitteln. Auf diese Belastung reagiert die Interviewerin zunächst, wie üblich, auf deutsch („Genau“, Z. 0658), um dann im Verlauf der weiteren besonders emotionalen Gesprächsphase an der Suche nach passenden Worten für das Gräuel teilzunehmen und dafür auch ins Englische, der zuletzt von Bea Green benutzten Sprache zu wechseln („Frightening. Terribily frightening…“, Z. 0660). Nicht nur die Worte der Interviewerin, sondern auch dieser Sprachwechsel, der die Nähe zwischen den Gesprächspartnerinnen noch verstärkt, kompensieren die Belastung der Erzählerin, was sich deutlich im weiteren Verlauf des Gesprächs durch eine erneut stärkere Distanzierung von ihrem Erzählmotiv zeigt. Die Interviewerin begleitet Bea Green in diesem Prozess hautnah, was sich sprachlich auch dadurch ausdrückt, dass ihre Kommentare nur kurzzeitig auf Englisch sind (Z. 0662) und beide Gesprächspartnerinnen dann gemeinsam wieder ins Deutsche wechseln (Z. 0663-0664).
Auch das nun folgende Beispiel verdeutlicht die konstante Empathie der Interviewerin. Hier handelt es sich um einen Sprachgebrauch der die Grenzen des traditionellen Gebrauch des Begriffs Code-Switching oder Code-Mixing sprengt und als ein Beispiel für ein Sprachgrenzen überwindendes Verhalten gelten mag.
Interviewauszug (3) (FEGB_E_00001; 1:09:58-1.10.28)
In diesem Fall geht der Sprachwechsel von der Interviewerin aus, wenn sie Ruth Barnett als „person of no nationality“ bezeichnet. Diese Formulierung geht auf den Titel der Autobiografie von Ruth Barnett zurück und so handelt es sich hier um ein Zitat, mit dem ein “common ground” in Form von gemeinsam geteiltem Wissen hergestellt wird. Der Ausdruck „a person of no nationality“ ist für die Erzählerin eine Art belastetes Etikett, der ihre damalige Identität, und hier speziell die mit der Staatenlosigkeit verbundenen Angst aus England ausgewiesen werden zu können, kategorisiert und in all ihrer Komplexität zur Sprache bringt. In diesem Sinne erscheint die Wahl des Ausdrucks „person of no nationality“ außer dem Bezug auf das geteilte Wissen auch im Gesprächsverlauf bedeutend, fast wie ein Eigenname für die Identität Ruth Barnetts in der erzählten Zeit und liefert so ein besonders aussagestarkes Beispiel für das konstante auf kognitiver und emotionaler Empathie basierende Interviewverhalten Eva-Maria Thünes14.
Häufig drückt die Interviewerin ihre Empathie zu den Erzählenden dadurch aus, dass sie das Erzählte durch explizit emotionsausdrückende Nachsätze kommentiert. So zeigt sie einerseits, dass sie dem Erzählstoff nicht nur kognitiv, sondern auch emotional folgt und übernimmt andererseits selbst die oft belastende emotionale Bewertung dessen, was erzählt wird. Auch dieses Verhalten dient dem, was zuvor ‚Ko-Produktion‘ der Erzählung (vgl. Abschnitt 4.2) genannt wurde. Die folgenden Interviewauszüge verdeutlichen dies:
Interviewauszug (4) (FEGB_E_00004; min.10:23-10.32)
Interviewauszug (5) (FEGB_E_00003; min. 43:53-44:04)
Interviewauszug (6) (FEGB_E_00001; 1:01:13-1:01:33)
Während im Auszug (4) das Erzählte allein emotional bewertet wird, ist im Auszug (5) die ‚Ko-Produktion‘ der Erzählung besonders deutlich. Ein erster Kommentar eines von der Erzählerin verhüllend als „komisch“ (Z. 0254) bezeichneten Ereignisses wird von der Interviewerin mit den Worten „Es ist schrecklich“ (Z. 0255) verstärkt. Hierauf reagiert Bea Green mit dem explizierenden Zusatz „Primitiv“ (Z. 0256) der dann von der Interviewerin aufgenommen und abschließend mit demselben Wort bestätigt wird (Z. 0257)15.
Im Auszug (6) hingegen macht die Interviewerin ein „Empathieangebot“ (Pfänder/ Gülich 2013: 435), indem sie die Gefühle der Eltern von Ruth Barnett als relevant erklärt und diese in Form einer Hypothese thematisiert (Z. 0453). Die Erzählerin nimmt dieses Angebot deutlich emotional bewegt an, indem sie den Kommentar der Interviewerin erst mehrfach verbal bestätigt („Ja. Ja. Ja“, Z. 0454), dann seufzt und schließlich den Schmerz der Eltern explizit benennt und begründet (Z. 0454). Auf diese Weise steuert die Interviewerin den Gesprächsverlauf auch hier durch ihre Empathie.
Besonders in der Anfangsphase der Interviews zeigt sich deutlich, wie die empathische Beziehung zwischen den GesprächspartnerInnen nach und nach aufgebaut und vertieft wird. Im Fall des Interviews mit Ruth Barnett zum Beispiel geschieht dies durch einen ersten Austausch über einen themenrelevanten Film, den beide Personen gesehen haben16. Der folgende Gesprächsausschnitt (Interviewausschnitt (7)) zeigt, wie flexibel die Rollen der Interaktantinnen als Interviewerin und Interviewte verstanden werden und das Gespräch dadurch gemeinsam gestaltet werden kann. So überlässt die Interviewerin Ruth Barnett die Auswahl der Filmpassagen und ihren ersten Kommentar (Z. 0060, 0066, 0072) während sie selbst die Äußerungen der Interviewten aufgreift und nicht nur bestätigt (Z. 0061, 0067, 0071, 0073) sondern auch fortführt (Z. 0069) und vertieft (Z. 0063, 0065). Auf diese Weise wird die starre Rollenunterteilung im Interview bereits in seiner Anfangsphase überwunden und die Basis für eine gemeinsame Sprechhandlung geschaffen.
Interviewausschnitt (7) (FEGB_E_00001; min. 08:09-09:00)
Ein weiteres sprachliches Ausdrucksmittel der Empathie schlägt sich in der prompten Hilfestellung der Interviewerin im Falle einer sprachlichen Unsicherheit der Erzählenden nieder. Dies geschieht sowohl im Anschluss an ausdrückliche Fragen (Interviewauszug (8)) als auch im Falle von Zögern (Interviewauszug (9)) oder unvollständiger Selbstkorrektur (Interviewauszug (10)). Auch an der Unmittelbarkeit dieser sprachlichen Hilfestellung wird deutlich, wie nah die Interviewerin den erzählenden Personen und ihren Schilderungen folgt.
Interviewauszug (8) (FEGB_E_00003; 2:23:15-01:23:45)
Interviewauszug (9) (FEGB_E_0003; 1:29:18-1:29:32)
Interviewauszug (10) (FEGB_E_00004; min.34:34-34:49)
Eine ähnliche Art der ‚Ko-Produktion‘ der Erzählung offenbart sich durch die Beendigung von Sätzen, die die erzählenden Personen nicht direkt zu Ende führen. Dies ermöglicht es der interviewten Person (im folgenden Beispiel Ruth Barnett), ihren Gedanken fortzuführen und wirkt sich direkt auf den Gesprächsfluss aus. Man siehe hierzu den Interviewauszug (11).
Interviewausschnitt (11) (FEGB_E_00001; min. 01:06-01:38)
Im folgen Auszug, hingegen, drückt die Interviewerin ihre Empathie durch die Wiederholung einiger Worte der erzählenden Ruth Barnett aus. Auf diese Weise verbalisiert Eva-Maria Thüne eine bestimmte Schwierigkeit, das Erzählte nachzuvollziehen. Statt eine Vertiefungsfrage zu stellen, die eine Kluft zwischen den beiden Interaktantinnen auftun könnte, macht sich letztere die Worte der ersteren zu eigen und zeigt so, dass sie sich in die Rolle von Ruth Barnett versetzen möchte, es ihr hier aber spontan nicht gelingt und sie einer Erklärung bedarf. Indem die Erzählerin ihre Gedanken weiter ausführt (Z. 0176), nimmt sie das Empathieangebot der Interviewerin an.
Interviewauszug (12) (FEGB_E_0000; min.19:53-20:23)
Auch in den folgenden drei Interviewpassagen zeigt sich deutlich, wie sich in dem hier untersuchten Korpus die unterschiedlichen, theoretisch entgegengesetzten Rollen der Interviewerin und der interviewten Person, hier Ruth Barnett, vermischen und die Erzählung gemeinsam in Form einer bereits mehrfach aufgezeigten ‚Ko-Produktion‘ gestaltet wird. Dies geschieht im folgenden Auszug (13) dadurch, dass die Interviewerin selbst das Verhalten der Erzählerin erklärt und ihren Gedankengang explizit fortführt. Die Gesprächspartnerin nimmt das Angebot bestätigend an („Ja ja“, Z. 0546) und fügt der Erklärung Eva-Maria Thünes eine explizite Benennung ihrer Emotionen hinzu.
Interviewauszug (13) (FEGB_E_00001; 1:16:57-1:17:58)
Ähnlich verhält es sich auch im nächsten Interviewauszug, wobei die Interviewerin hier explizit eine Begründung für das Erzählte liefert (Z. 0183), die die Erzählerin kurz bestätigt, um dann die Thematik in Form einer Auflösung zu beenden (Z.0184).
Interviewauszug (14) (FEGB_E_00001; min. 20:42- 21:35)
Wie im zweiten Kapitel angedeutet, handelt es sich in diesem Korpus um Personen, die im fortgeschrittenen Alter über ihre Kindheit und andere weit zurückliegende Lebensphasen sprechen. Dabei ist davon auszugehen, dass die Erzählenden Erinnerungslücken bemerken, die sich selbst gegenüber schmerzhaft und der Interviewerin gegenüber unangenehm sein können. Die Interviewerin zeigt deutlich, dass sie sich dieser Tatsache bewusst ist und dies besonders in Detailfragen voraussieht. Die nächsten Interviewauszüge veranschaulichen dies.
Interviewauszug (15) (FEGB_E_00001; min. 17:45-18:10)
Im Interviewauszug (15) verbalisiert die Interviewerin durch den Zusatz „Weißt du das noch?“ (Z. 0149), dass sie sich darüber im Klaren ist, dass sie eine schwierige Frage gestellt hat und macht es ihrer Gesprächspartnerin (hier Ruth Barnett) somit leichter, eine eventuelle Erinnerungslücke zuzugeben.
Auch ihr Sachwissen hilft der Interviewerin, eventuelle Erinnerungslücken auszugleichen. Dabei stellt sie ihren Gesprächspartnern ihre Informationen zur Verfügung, überlässt es aber stets den Erzählenden, dieses aufzunehmen oder nicht. Im folgenden Beispiel wird dies an einer deduktiven Interpretation der Erinnerungen Ruth Barnetts deutlich. Aus der Tatsache, dass die Großeltern stets Deutsch gesprochen haben, schließt die Interviewerin, dass die Familie des Vaters der Erzählerin schon lange in Deutschland bzw. Berlin lebte, überlässt aber auch hier der interviewten Person das letzte Wort.
Interviewauszug (16) (FEGB_E_00001; min. 13:56-14:23)
Ziel dieser Untersuchung war es aufzuzeigen, wie die Sprachkompetenz von DaF-Lernenden im universitären Unterricht anhand von Korpora gezielt gefördert werden kann. Hierzu wurde eine Studie zum sprachlichen Ausdruck von Empathie vorgestellt, einem Thema das, wie generell der Ausdruck von Emotionalität, im (universitären) DaF-Unterricht in der Regel (noch) vernachlässigt wird, im kommunikativen Umgang mit Sprache aber eine zentrale Rolle spielt. Da die Behandlung der Empathie auch in sprachwissenschaftlichen Studien bisher nur wenig Beachtung gefunden hat, wurde dieses Konzept hier zuerst sprachlich und sprachwissenschaftlich verortet und dabei das untrennbare Zusammenspiel von kognitiven und emotionalen Aspekten aufgezeigt. Anhand einer detaillierten linguistischen und interaktionalen Untersuchung wurden anschließend die Redepartien Eva-Maria Thünes und deren Wirkung auf ihre InterviewpartnerInnen in einigen Interviews aus dem Korpus Flucht und Emigration nach Großbritannien analysiert und eine erste Typologie des sprachlichen Ausdrucks von Empathie erarbeitet. Dabei konnte gezeigt werden, dass die Interviews auf Grund ihrer Thematik und sprachlichen Gestaltung besonders interessant sind und sich auch deshalb hervorragend dazu eignen, ein wichtiges Kapitel der deutschen und europäischen Geschichte und seiner (linguistischen) Erforschung, ebenso wie ein sprachlich und interaktional besonders gelungenes Sprachverhalten und seine Wirkung zu erarbeiten. So stellte sich heraus, dass die Rolle, die Eva-Maria Thüne hier einnimmt, weit über das Formulieren zahlreicher teils durch den Fragebogen vorhersehbarer, teils spontaner Fragen hinausgeht. Die Untersuchung ihrer Gesprächspartien und der Reaktionen der Interviewten hat aufgedeckt, wie sich die Rollen der Fragenden und die der Antwortenden im Laufe des Gesprächs vermischen und das Interview zu einer Art der ‚Ko-Produktion‘ der Erzählung wird. Dies wird dadurch bewirkt, dass Eva-Maria Thüne die interviewten Personen behutsam durch kontinuierliche Hörersignale und Anteilnahme begleitet, ihre emotionalen, sprachlichen und erinnerungsbedingten Schwierigkeiten vorhersieht und durch kontinuierliche Hilfestellungen mitträgt bzw. kompensiert und die Erzählungen (und dadurch auch die Erzählenden) mittels explizierender Paraphrasen und durch Einbringen ihres Sachwissens bereichert. Dieses Interviewverhalten wird von den GesprächspartnerInnen sehr positiv aufgenommen und führt dazu, dass die Erzählung des eigenen Lebens einer zuvor in der Regel weitestgehend unbekannten Person gegenüber eigenen Angaben nach als eine sehr angenehme und bereichernde Erfahrung empfunden wird. Dies ist besonders dann beachtlich, wenn bedacht wird, dass die Thematik der Interviews, d.h. die Erinnerungen an eine durch nationalsozialistische Gewaltherrschaft geprägte Kindheit, der Kindertransport bzw. die Emigration und deren Folgen für ihr weiteres Leben, ebenso wie der Gebrauch der deutschen Sprache für die Erzählenden zweifelsohne mit einer großen, wenn auch nie vollständig überwindbaren Belastung verbunden ist. Durch ihr vielschichtig und kontinuierlich empathisches Interviewverhalten gelingt es Eva-Maria Thüne, diese Belastung mit den GesprächspartnerInnen zu teilen und nicht nur, aber sicherlich auch DaF-Lernenden zu zeigen, wie wichtig und einflussreich emotional bewusster Umgang mit Sprache ist.
Um der Thematik des sprachlichen Ausdrucks von Empathie ebenso wie dem Sprachverhalten Eva-Maria Thünes wissenschaftlich gerecht zu werden, gilt es, die begonnenen Untersuchungen zu den nicht verbalen Ausdrucksmitteln der Empathie, die anhand dieses Korpus untersucht werden können, fortzuführen. Hier geht es im Besonderen um linguistische Parameter wie die Prosodie, die Stimmqualität und -variation, Pausen, variierende Sprechgeschwindigkeit und Lautstärke und den gezielten Einsatz einzelner Lautsignale. Weiter auszuführen ist zudem die bisher nur ansatzweise vorgenommene Untersuchung des Interaktionsverlaufes mit seinen Überlappungen, Themenwechseln, Gestaltungen der Redebeiträge und Ergänzungen. Wenn diese Einzeluntersuchungen anhand der heute zur Verfügung stehenden Mittel zwar sehr zeitaufwändig, dennoch aber durchaus realisierbar sind, so besteht die nach wie vor große Herausforderung darin, die verschiedenen Untersuchungen zusammenzuführen und das Wirken der einzelnen sprachlichen, parasprachlichen und semiotischen Parameter holistisch zu verstehen und zu vermitteln. Dies sprengt den Rahmen dieser Untersuchung und übersteigt vorerst auch die Möglichkeiten der Linguistik und zeigt so den weiten Weg an, den die Untersuchungen zum Sprachgebrauch noch vor sich haben.
Fiehler, Reinhard (1990): Kommunikation und Emotion. Berlin / New York: de Gruyter.
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Kilian, Jörg / Marx, Konstanze (2020): Empathie als Kompetenz? In: Jacob, Katharina / Konerding, Klaus-Peter / Liebert, Wolf-Andreas (Hrsg.): Sprache und Empathie. Beiträge zur Grundlegung eines linguistischen Forschungsprogramms. Berlin / Boston: de Gruyter, 489–514.
Kupetz, Maxi (2020): Sprachliche, interaktionale und kulturelle Aspekte von Empathie in sozialer Interaktion. In: Jacob, Katharina / Konerding, Klaus-Peter / Liebert, Wolf-Andreas (Hrsg.) Sprache und Empathie. Beiträge zur Grundlegung eines linguistischen Forschungsprogramms, Bd. 42. Berlin / Boston: de Gruyter, 141–173.
Pfänder, Stefan / Gülich, Elisabeth (2013): Zur interaktiven Konstitution von Empathie im Gesprächsverlauf. Ein Beitrag aus Sicht der linguistischen Gesprächsforschung. In: Breyer, Thiemo (Hrsg.): Grenzen der Empathie. Philosophische, psychologische und anthropologische Perspektiven. München: Fink (Übergänge. Texte und Studien zu Handlung, Sprache und Lebenswelt, 63), 433–457.
Schwarz-Friesel, Monika (2013): Sprache und Emotion, Tübingen: Narr Francke Attempto Verlag.
Thüne, Eva-Maria (2019): Gerettet. Berichte von Kindertransport und Auswanderung nach Großbritannien. Berlin: Hentrich & Hentrich.
Definizione del percorso universitario e accademico di formazione iniziale dei docenti delle scuole secondarie di primo e secondo grado, ai fini del rispetto degli obiettivi del Piano nazionale di ripresa e resilienza (23A05274); DPCM 04/08/2023 veröffentlicht am 23.09.2023. https://www.anvur.it/wp-content/uploads/2023/09/dPCM-4-agosto-2023.pdf (18.03.2025).
Korpus Flucht und Emigration nach Großbritannien auf dem Portal des IDS, Sektion Datenbank für gesprochenes Deutsch. https://dgd.ids-mannheim.de/dgd/pragdb.dgd_extern.corpora?v_session_id=FD80D673660ED46B3160FF9BD67131E6&v_doctype=c&v_corpus=FEGB (18.03.2025).
Beschreibung des Korpus Flucht und Emigration nach Großbritannien auf dem Portal des IDS, Sektion Datenbank für gesprochenes Deutsch. https://dgd.ids-mannheim.de/dgd/pragdb.dgd_extern.corpora?v_session_id=FB58717AFEB62FFF909CD122E01B9834&v_doctype=c&v_corpus=FEGB (18.03.2025).
Duden online. https://www.duden.de/woerterbuch (18.03.2025).
Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache. https://www.dwds.de (18.03.2025).
Sabine E. Koesters Gensini ist ordentliche Professorin für Deutsche Sprache und Übersetzung an der Sapienza Universität in Rom, wo sie von 2000-2022 Allgemeine Sprachwissenschaft unterrichtet hat. Ihre Forschungsinteressen betreffen den sprachlichen Ausdruck von Emotionen, den Sprachgebrauch, die Lexikologie und Phraseologie, die kontrastive Linguistik (besonders Deutsch- Italienisch) und die Übersetzungsforschung.
Kontaktanschrift:
Sabine E. Koesters Gensini
Dipartimento di Lettere e Culture moderne
Sapienza Università di Roma
P.zzle Aldo Moro, 5
00185 Roma