Rubrik Projektvorstellungen und Praxisberichte (Themenschwerpunkt)
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Zu den narrativen autobiographischen Interviews im Israelkorpus liegt eine umfangreiche und breitaufgestellte, linguistische Forschung vor. Umso erstaunlicher ist es, dass der Subkorpus der Metz-Interviews bisher kaum berücksichtigt wurde. Die vorliegende Arbeit will deren wissenschaftliche Erschließung anregen, indem sie Entstehungskontext, Aufbau, Metadaten und Begleitmaterial beschreibt und zwei Forschungsansätze skizziert.
There is extensive broad-based, linguistic research on the narrative autobiographical interviews collected in the Israelkorpus. It is therefore all the more astonishing that the sub-corpus containing the Metz-interviews has hardly been considered to date. This article aims to promote the scientific analysis of these data by describing the context of creation, structure, metadata and accompanying material, and by outlining two possible research approaches.
Keywords: narrative autobiographische Interviews, Israelkorpus, Metz-Interviews, ageing, Positionierung, narrative autobiographical interviews, Metz-interviews, positioning
How to Cite: Haeussinger, B. (2025) “The Metz Interviews on childhood and youth in the Israel Corpus”, Korpora Deutsch als Fremdsprache. 5(1). doi: https://doi.org/10.48694/kordaf.4317
Mit der Bezeichnung Israelkorpus (IK) werden narrative autobiographische Interviews bezeichnet, die die Sprachwissenschaftlerin Anne Betten und ihre Mitarbeiter_innen zwischen 1989 und 2019 mit deutschsprachigen Jüd_innen durchgeführt haben, welche – mehrheitlich im Laufe der 1930er Jahre – aufgrund der rassistischen und politischen Verfolgung durch das NS-Regime ihre Heimat in Deutschland, Österreich oder einem anderen deutschsprachigen Gebiet in Mitteleuropa verließen und nach Palästina/Israel emigrierten oder flohen.
Das IK untergliedert sich in drei Korpora, deren zentraler Bestandteil der Korpus Emigrantendeutsch in Israel (IS) ist und 150 Interviews mit 170 Sprecher_innen enthält. Die Aufnahmen entstanden von 1989 bis 1994 im Rahmen von Bettens Forschungsprojekt Sprachbewahrung nach der Emigration. Das Deutsch der 20er Jahre in Israel. Aus einer Erweiterung des Projektes, für das im Dezember 1998 mit ehemaligen Österreicher_innen in Israel 24 neue Interviews geführt wurden, geht das zweite Korpus Emigrantendeutsch in Israel: Wiener in Jerusalem (ISW) hervor1. Das dritte Korpus, Zweite Generation deutschsprachiger Migranten in Israel (ISZ), bilden Interviews, die zwischen 1999 und 2007 vorwiegend mit Kindern der Interviewpartner_innen aus der ersten Generation aufgenommen wurden. Ab 2000 wurde das Israelkorpus darüber hinaus ergänzt durch weitere Erstinterviews, einige Videoaufnahmen mit ehemaligen Gesprächspartner_innen, thematische Zusatzinterviews mit früheren Interviewpartner_innen sowie eine Video-Diskussionsrunde 2008 mit Teilnehmer_innen aus allen drei Korpora (IS, ISW, ISZ)2.
Mit dem vorliegenden Beitrag möchte ich das Augenmerk auf einen von der umfangreichen Forschung bisher nur kaum beachteten Teil des IK3 richten. Es handelt sich um 17 Interviews, die von Michaela Metz, einer Studentin Anne Bettens an der Universität Salzburg, zwischen dem 22.12.2010 und 12.01.2011 in Israel (mit einer Ausnahme4) im Rahmen ihres Magisterarbeit-Projektes zum Thema Kindheit und Jugend geführt wurden. In diesen Mehrfachinterviews5 berichten die Sprecher_innen von ihrer Kindheit und Jugend in Mitteleuropa, erinnern u.a. Schulbesuche, Freundschaften, Lebensumstände der Eltern, antisemitische Erlebnisse, Ausreise oder Flucht sowie den neuen Lebensabschnitt in Palästina/Israel, der in nicht wenigen Fällen in einem Kibbuz begann. Um die Erschließung der Interviewgruppe anzuregen, die bisher wissenschaftlich noch nicht ausgewertet werden konnte, sollen im Folgenden zunächst Aufbau und Metadaten sowie Begleitmaterialien beschrieben werden; in einem zweiten Schritt sollen dann zwei Forschungsansätze kurz skizziert werden.
Wie bei allen anderen Aufnahmen der verschiedenen Korpora des IK handelt es sich bei den von Metz aufgenommenen Gesprächen (Metzkorpus) um narrative autobiographische Interviews. Ein erster, möglicher Grund für die fehlende Wahrnehmung dieser Interviewgruppe als eigenes Korpus mag in der Form seiner Archivierung liegen, denn die Interviews sind nicht als zusammenhängender Block in der DGD (Datenbank für Gesprochenes Deutsch) am Leibniz-Institut für Deutsche Sprache Mannheim archiviert, sondern auf die drei ‚offiziellen‘ Korpora IS, ISW und ISZ verteilt, wie sich den Tabellen 1a, 1b, 1c entnehmen lässt:
Metz-Interviews im Korpus IS: Ereignisnummern, Sprecher_innen, Aufnahmeort und -jahr
| Sprecher_innen | Aufnahmeort | Jahr | ||
| 1. | IS_E_00166 ► | Ballhorn, Elisheva | Jerusalem | 2011 |
| 2. | IS_E_00167 ► | Ballhorn, Moshe | Jerusalem | 2011 |
| 3. | IS_E_00168 ► | Beck, Rahel | Kibbuz Aschdot Ja’akow | 2010 |
| 4. | IS_E_00169 ► | Biran, Rina | Jerusalem | 2011 |
| 5. | IS_E_00170 ► | Brodsky, Ada | Jerusalem | 2011 |
| 6. | IS_E_00171 ► | Feiner, Franzi | Haifa | 2010 |
| 7. | IS_E_00172 ► | Feiner, Paul | Haifa | 2010 |
| 8. | IS_E_00173 ► | Kadmon, Naftali | Jerusalem | 2011 |
| 9. | IS_E_00174 ► | Schlesinger, Nurit | Jerusalem | 2011 |
| 10. | IS_E_00175 ► | Stern, Josef | Haifa | 2010 |
| 11. | IS_E_00176 ► | Tauber, Ruth | Sde Warburg | 2011 |
| 12. | IS_E_00177 ► | Zuriel, Dov | Kibbuz Ayelet HaShahar | 2010 |
Metz-Interviews im Korpus ISW: Ereignisnummern, Sprecher_innen, Aufnahmeort und -jahr
| Sprecher_innen | Aufnahmeort | Jahr | ||
| 13. | ISW_E_00026 ► | Goldstein, Jeanette | Jerusalem | 2011 |
| 14. | ISW_E_00027 ► | Hoffer, Gerda | Jerusalem | 2011 |
| 15. | ISW_E_00028 ► | Rath, Ari | Wien | 2010 |
Metz-Interviews im Korpus ISZ: Ereignisnummern, Sprecher_innen, Aufnahmeort und -jahr
| Sprecher_innen | Aufnahmeort | Jahr | ||
| 16. | ISZ_E_00066 ► | Lewy, Tom | Tel Aviv | 2011 |
| 17. | ISZ_E_00067 ► | Sternberg, Michael | Sde Warburg | 2011 |
Die durchschnittliche Aufnahmedauer liegt bei ca. zwei Stunden, wie aus der Tabelle 2 hervorgeht; Ausnahmen bilden v.a. das Interview mit Ada Brodsky, die um konkrete Fragen und dann nach etwa 30 Minuten um Abbruch aus gesundheitlichen Gründen bat, sowie das Interview mit Ruth Tauber, das an zwei Tagen stattfand und ursprünglich über fünf Stunden dauerte. Die Sprecherin hat das Interview aber nur zu einem – wenn auch überwiegenden Teil (ca. vier Stunden) – autorisiert.
Aufnahmedauer, Geburtsort und -datum der Sprecher_innen des Metzkorpus
| Sprecher_innen (IS) | Geburtsort und -jahr | Aufnahmedauer | ||
| 1. | Ballhorn, Elisheva | Frankfurt a.M. | 1919 | 01:56:35 |
| 2. | Ballhorn, Moshe | Berlin | 1913 | 02:41:15 |
| 3. | Beck, Rahel | Wien | 1922 | 02:34:47 |
| 4. | Biran, Rina | Berlin | 1932 | 00:55:12 |
| 5. | Brodsky, Ada | Frankfurt a.O. | 1924 | 00:28:54 |
| 6. | Feiner, Franzi | Wien | 1925 | 01:09:37 |
| 7. | Feiner, Paul | Wien | 1919 | 01:18:39 |
| 8. | Kadmon, Naftali | Aachen | 1925 | 01:37:25 |
| 9. | Schlesinger, Nurit | Bratislawa | 1927 | 02:06:57 |
| 10. | Stern, Josef | Gießen | 1921 | 01:24:44 |
| 11. | Tauber, Ruth | Lugnian | 1919 | 03:57:25 |
| 12. | Zuriel, Dov | Berlin | 1925 | 02:10:12 |
| 13. | Goldstein, Jeanette | Wien | 1920 | 02:01:42 |
| 14. | Hoffer, Gerda | Wien | 1921 | 02:03:59 |
| 15. | Rath, Ari | Wien | 1925 | 01:41:51 |
| 16. | Lewy, Tom | Berlin | 1935 | 02:28:35 |
| 17. | Sternberg, Michael | Berlin | 1925 | 01:52:12 |
Ein zweiter, möglicher Grund dafür, dass das Metzkorpus bisher nur spärlich ausgewertet wurde, könnte darin bestehen, dass die Interviews zwar als Audiodatei online zugänglich sind, aber bisher nur in geringem Umfang transkribiert wurden. Ausnahmen bilden lediglich die im ISW archivierten Interviews mit Jeanette Goldstein, Gerda Hoffer und Ari Rath, die 2025 online gestellt werden sollen, sowie die Aufnahme mit Elisheva Ballhorn, die ebenfalls in einer korrigierten Endfassung vorliegt6.
Anlässlich der Tagung Forschungsperspektiven und methodische Zugänge zu (auto-)biographischen Korpora (14.-15.12.2023) an der Universität Bologna wurden für die 12 im Korpus IS gespeicherten Interviews (IS_E_00166 bis IS_E_00177) sowie für die Interviews mit Tom Lewy (ISZ_E_00066) und Michael Sternberg (ISZ_E_00067) mit Hilfe der Software audiotranskription7 automatische Transkripte hergestellt. Diese Transkripte sind zwar von unterschiedlich guter Qualität, sie ermöglichen aber in jedem Fall, sich einen Überblick über die angesprochenen Themen, über linguistische und narratologische Aspekte zu verschaffen und bilden eine gute, bis sehr gute Grundlage für die Herstellung eines orthographischen oder auch eines detaillierteren Feintranskripts.
Wie oben bereits ausgeführt, umfasst das Metzkorpus narrative autobiographische Interviews, die die Interviewerin mit der offenen, erzählgenerierenden Frage nach der Kindheit und Jugend der Sprecher_innen beginnt.
Diesen ersten Teil bewältigen alle Interviewten, aber in durchaus unterschiedlichem Umfang. Einige Interviewpartner_innen – wie z.B. Rina Biran – bleiben auf den Themenkreis Kindheit und Jugend nahezu während des gesamten Gesprächs konzentriert; dagegen widmen andere Sprecher_innen, wie z.B. Beispiel Elisheva Ballhorn und Paul Feiner, diesem Thema nur einen weit geringeren Teil. Elisheva Ballhorn spricht bei einer Gesamtlänge des Interviews von 01:56:35 Stunde tatsächlich nur etwa 00:13:23 Minuten über ihre Kindheit und Jugend; Paul Feiner dagegen ca. 00:28:56 Minuten von insgesamt 01:18:39 Stunde.
Die damit – auszugsweise und nur angedeutete – Heterogenität dieser Interviews auf thematischer Ebene8 macht sie aber eben auch für Untersuchungen interessant, die andere inhaltliche Aspekte als das eigentlich anvisierte Hauptthema Kindheit und Jugend in den Blick nehmen möchten: beispielsweise das Thema Flucht im Interview mit Nurit Schlesinger oder das Thema Rückreise im Gespräch mit Max Ballhorn. Wie oben bereits angedeutet eröffnen diese zum überwiegenden Teil noch nicht überarbeiteten Transkripte die Möglichkeit, die Interviews hinsichtlich der ganzen Bandbreite an Forschungsansätzen zu untersuchen, die Betten / Flinz / Leonardi (2023) in dem Aufsatz Emigrantendeutsch in Israel: Die Interviewkorpora IS, ISW und ISZ im Archiv für Gesprochenes Deutsch des IDS zusammenfassend dargestellt haben9.
Das Metzkorpus enthält – bis auf das Gespräch mit Nurit Schlesinger10 – geplante Zweitinterviews (z.B. Rahel Beck), bzw. Dritt- (z.B. Moshe Ballhorn) oder Viertinterviews (z.B. Tom Lewy) oder auch Fünfinterviews (z.B. Ari Rath):
Ausgehend von der breitgefächerten Vernetzung der Metz-Interviews im IK – wie oben in Tabelle 3 zusammengefasst – können relevante Forschungsansätze entwickelt werden, von denen hier aus Platzgründen jedoch nur zwei kurz skizziert werden sollen.
Vernetzung der Metz-Interviews in den Korpora IS, ISW und ISZ11
| Interviews mit Michela Metz | Sprecher_innen | Jahr | weitere Interviews (Interviewer_in) | Jahr | zusätzl. Angaben | |
| 1. | IS_E_00166 ► | Ballhorn, Elisheva | 2011 |
IS_E_00179 ► (AB*) IS_E_00164 ► (JS) |
2000 2010 |
zus. mit Ehemann MB zus. mit Ehemann MB |
| 2. | IS_E_00167 ► | Ballhorn, Moshe | 2011 |
IS_E_00006 ► (AB) IS_E_00179 ►(AB) IS_E_00164 ► (JS) |
1990 2000 2010 |
zus. mit Ehefrau EB zus. mit Ehefrau EB |
| 3. | IS_E_00168 ► | Beck, Rahel | 2010 | IS_E_00010 ► (AB) | 1990 | |
| 4. | IS_E_00169 ► | Biran, Rina | 2011 |
IS_E_00016 ► (MD) IS_E_00188 ► (RL) |
1991 2019 |
zus. mit Ehemann UB |
| 5. | IS_E_00170 ► | Brodsky, Ada | 2011 |
IS_E_00018 ► (MD) IS_E_00178 ► (AB) |
1991 2008 |
Round table Jeckes |
| 6. | IS_E_00171 ► | Feiner, Franzi | 2010 |
IS_E_00181 ► (AB) IS_E_00157 ► (AB) |
2000 2007 |
zus. mit Ehemann PF |
| 7. | IS_E_00172 ► | Feiner, Paul | 2010 |
IS_E_00036 ► (AB) IS_E_00181 ►(AB) IS_E_00158 ► (AB) |
1990 2000 2007 |
zus. mit Ehefrau FF |
| 8. | IS_E_00173 ► | Kadmon, Naftali | 2011 | IS_E_00063 ► (AB) | 1991 | |
| 9. | IS_E_00174 ► | Schlesinger, Nurit | 2011 | Erstinterview | ||
| 10. | IS_E_00175 ► | Stern, Josef | 2010 | IS_E_00124 ► (AB) | 1991 | |
| 11. | IS_E_00176 ► | Tauber, Ruth | 2011 |
IS_E_00129 ► (AB) IS_E_00163 ► (AB) IS_E_00187 ► (AB) IS_E_00178 ► (AB) |
1991 2005 2006 2008 |
zus. mit KW, MS Diskussions- teilnehmer_innen Round table Jeckes |
| 12. | IS_E_00177 ► | Zuriel, Dov | 2010 | IS_E_00162 ► (AB) | 2000 | |
| 13. | ISW_E_00026 ► | Goldstein, Jeanette | 2011 | ISW_S_00009 ► (GS/MH) | 1998 | |
| 14. | ISW_E_00027 ► | Hoffer, Gerda | 2011 | ISW_S_00011 ► (IR) | 1998 | |
| 15. | ISW_E_00028 ► | Rath, Ari | 2010 |
ISW_S_00019►(AB) ISW_E_00020►(AB) ISW_E_00021►(AB) ISW_E_00022►(AB) IS_E_00178 ► (AB) |
1998 1999 1999 2000 2008 |
Round table Jeckes |
| 16. | ISZ_E_00066 ► | Lewy, Tom | 2011 |
ISZ_E_00027 ► (AB) ISZ_E_00068 ► (AB) ISZ_E_00075 ► (AB) ISZ_E_00087 ► (RL) |
2006 2012 2018 2019 |
Diskussions-teilnehmer_innen |
| 17. | ISZ_E_00067 ► | Sternberg, Michael | 2011 |
ISZ_E_00052 ► (AB) IS_E_00163 ► (AB) ISZ_E_00068 ► (AB) |
1999 2005 2012 |
zus. mit RT, KW Diskussions-teilnehmer_innen |
Richtet man sein Augenmerk auf die Entstehungsjahre der Aufnahmen12 sowie auf das Alter der Sprecher_innen13, so ergibt sich folgende Situation: Die Zeitspanne zwischen den Erstinterviews14 und den Metz-Interviews bemisst 11 bis 29 Jahre15; das Alter der Sprecher_innen liegt bei den Erstinterviews zwischen 59 und 81 Jahren sowie zwischen 79 und 91 Jahren bei den Metz-Interviews. Eine solche Datenlage ist für Untersuchungen von Bedeutung, die den Themenkomplex Sprache und ageing in den Blick nehmen wollen16. Neben Überlegungen zum ‚Altersstil‘ der Sprecher_innen im Korpus IS (vgl. Betten 2003), sind zudem altersspezifische Fragen von Sprache (vgl. u.a. Fiehler 2001; Fiehler / Timm 2003; Phelan 2018) im Israelkorpus bisher nur anhand von stillen Pausen in sog. retellings17 im Rahmen von Wiederholungsinterviews des ISZ (vgl. Luppi 2022) analysiert worden. Da gerade in den Interviews des Metzkorpus die Sprecher_innen wiederholt das eigene Alter im Zusammenhang mit Fragen des Erinnerns, bzw. des Vergessens thematisieren, könnten hier interessante Aspekte von Altersidentität (vgl. Fiehler 2001) und ihrer Konstruktion in der interpersonalen Kommunikation (vgl. Fiehler 2010; Palander-Collin et al. 2010) herausgearbeitet werden.
Wie Betten / Flinz / Leonardi (2023: 9) hervorheben, eröffnen Mehrfachinterviews mit diversen Interviewer_innen zudem die Möglichkeit, unterschiedliche Positionierungen herauszuarbeiten, die die Sprecher_innen über einen langen Zeitraum hinweg zu bestimmten Themenkreisen entwickeln18. Unter Positionierung versteht man eine diskursive Praxis, mittels der sich Sprecher_innen im Verlauf der Kommunikation explizit oder implizit im sozialen Raum verorten, bzw. ihrer Interaktionspartner_in einen bestimmten sozialen Raum zuweisen19. Die einschlägige Forschung unterscheidet dabei Selbst- und Fremdpositionierung sowie darüber hinausgehend drei Ebenen, auf denen sich der Positionierungsprozess entfaltet: auf der Ebene der erzählten Geschichte zwischen Erzähler_in und den handelnden Personen, auf der Ebene der Interaktion zwischen Erzähler_in und Interaktionspartner_in sowie auf einer dritten Ebene hinsichtlich der Selbstkonstruktion der Erzähler_in, d.h. wie er/sie bereits bestehende Erzählmuster nutzt und sich innerhalb dominanter Diskurse oder Masternarrative verortet(vgl. dazu Bamberg / Georgakopoulou 2008: 385). Was das Metzkorpus und die mit ihm vernetzten Interviews angeht, könnten u.a. der Themenkreis Kindheit und Jugend mit den relevanten Unterthemen – wie z.B. Hachschara, Jugendalija20, Freundschaften in der Kindheit, antisemitische Erlebnisse, Verlust der Eltern, Leben im Kibbuz oder Flucht – interessante Ansatzpunkte bieten; entsprechende Textstellen aus den jeweiligen Mehrfachinterviews wären hier hinsichtlich veränderter Perspektiven, narrativer Identitätszuweisungen und emotionaler Affiziertheit21 der Erzähler_innen zu konfrontieren. Einige Gesprächspartner_innen haben darüberhinaus autobiographische Texte verfasst22, die ebenfalls zur Analyse herangezogen werden könnten23 – wie z.B. im Fall von Josef Stern: Dessen autobiographische Erzählungen – die von ihm im Geleitwort als „unpersönlich“ bezeichnete Autobiographie Stark wie ein Spiegel (Stern 1989: XVIII), sowie die Interviews mit Anne Betten (1991) und Michaela Metz (2011) – weisen deutliche Diskrepanzen hinsichtlich der Selbstpositionierung auf allen drei der o.g. Ebenen auf sowie hinsichtlich der emotionalen Involviertheit des Sprechers24.
Neben der wissenschaftlichen wäre eine didaktische Auswertung des Metzkorpus für den landeskundlichen Teil des DaF-Unterrichts ebenfalls erstrebenswert. Auszüge der Interviews können ab der Niveaustufe B1-2 zusammen mit orthographischen Transkripten zur Arbeit an authentischen Texten in einer Unterrichtseinheit zur Shoah herangezogen werden. Diverse Sprecher_innen berichten von ihrer Jugend in Palästina, da sie ihre Heimat als Kinder oder Heranwachsende – oft auch ohne elterliche Begleitung – verlassen mussten. Die Erzählungen über die Erfahrung historischer Zwangsmigration eröffnen nicht nur einen besonderen Blick auf die Lebenswelt der jüdischen Menschen, die die Shoah überlebt haben, sondern bieten vielfältige Ansatzpunkte, um an aktuelle Notlagen von Kindern und Jugendlichen anzuknüpfen, die vor Krieg, Verfolgung und Armut fliehen.
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Barbara Häußinger ist Professorin an der Universität Orientale in Neapel und lehrt dort Deutsche Sprache und Sprachwissenschaft. Ihre Hauptschwerpunkte liegen im Bereich der Phraseologie, Kognitiven Linguistik (Metaphorik), Deutsch als Fremdsprache, der Erzähl- und Gesprächsanalyse sowie der Emotionslinguisitk. Sie ist Mitglied des editorial board der Zeitschrift Annali. Sezione Germanica.
Kontaktanschrift:
Prof. Barbara Häußinger
Università degli Studi di Napoli „L’Orientale“
Dipartimento di Studi Letterari, Linguistici e Comparati
Via Duomo 219, 80128 Napoli