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<journal-title>Zeitschrift Korpora Deutsch als Fremdsprache</journal-title>
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<publisher-name>Universit&#228;ts- und Landesbibliothek Darmstadt</publisher-name>
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<article-title>DER <italic>ATLAS ZUR DEUTSCHEN ALLTAGSSPRACHE</italic> IN DAF: EIN PRAXISBEZOGENER VORSCHLAG ZUR EINF&#220;HRUNG DER REGIONALEN SPRACHVARIATION IM UNTERRICHT</article-title>
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<email>sabrina.bertollo@univr.it</email>
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<aff id="aff-1">Universit&#224; degli Studi di Verona</aff>
<pub-date publication-format="electronic" date-type="pub" iso-8601-date="2021-12-10">
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<abstract>
<p>Obwohl wissenschaftlicher Konsens dar&#252;ber besteht, dass die Verwendung von Korpora und Datenbanken im DaF-Unterricht Lernvorteile bietet, lassen sich unter DaF-Lehrenden viele skeptische Einstellungen dazu beobachten. Im vorliegenden Beitrag soll konkret gezeigt werden, wie der <italic>Atlas zur deutschen Alltagssprache</italic> (AdA) im DaF-Unterricht wirksam eingef&#252;hrt werden kann, um die Bewusstheit &#252;ber Sprachvariation auch in den Anf&#228;ngerstufen zu f&#246;rdern. Nachdem er&#246;rtert wird, warum Sprachvariation einen Platz im DaF-Unterricht finden sollte und inwiefern AdA daf&#252;r geeignet ist, wird ein umfangreicher Unterrichtsentwurf pr&#228;sentiert. Der direkte Umgang mit dem Atlas durch die Lernenden, Arbeitsmethoden, technologische Aspekte, Lernziele sowie die unterschiedlichen Arbeitsphasen werden dabei betrachtet, sodass die Lerneinheit im DaF-Unterricht unmittelbar eingesetzt werden kann.</p>
</abstract>
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<p>Although linguistic scholarship has convincingly shown that corpora and linguistic databases can be of help in improving the learning outcomes of language students, many instructors of German are rather sceptical about their use in classes. In this contribution I will outline how the <italic>Atlas zur deutschen Alltagssprache</italic> (AdA) can be used in German as a Foreign Language classes to increase language variation awareness also among beginners. Before presenting a ready-to-use lesson plan, I will discuss why language variation should be integrated into German classes and to what extent AdA can be a valuable resource to pursue this goal. The lesson plan includes methodological strategies, technological aspects, and the expected learning objectives. Each lesson step as well as the way learners can directly approach the atlas will be presented in detail.</p>
</trans-abstract>
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<kwd>Sprachatlas</kwd>
<kwd>Sprachvariation</kwd>
<kwd>Sprachbewusstsein</kwd>
<kwd>Praxis</kwd>
<kwd>Unterrichtsentwurf</kwd>
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<kwd>linguistic atlas</kwd>
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<title>1. Einleitung</title>
<p>Wer in Wien einen <italic>Krapfen</italic> isst, isst das gleiche wie einen <italic>Berliner</italic> in Hamburg oder Bern. In Mainz isst man lieber einen <italic>Kr&#228;ppel</italic>, w&#228;hrend man in Berlin und fast im gesamten Osten Deutschlands einen <italic>Pfannkuchen</italic> isst<xref ref-type="fn" rid="n1">1</xref>. Das hei&#223;t, dass alle ein &#8222;kleines, rundes, meist mit Marmelade gef&#252;lltes, in schwimmendem Fett gebackenes Geb&#228;ckst&#252;ck aus Hefeteig&#8220; kosten (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B15">DWDS</xref>)<xref ref-type="fn" rid="n2">2</xref>. Bekanntlich kann aber das Wort <italic>Pfannkuchen</italic> auch zu Missverst&#228;ndnissen f&#252;hren, weil es auch eine andere Speise bezeichnet, die anderswo ebenfalls verschiedene Namen tr&#228;gt: n&#228;mlich <italic>Omelette, Eierkuchen</italic> oder <italic>Palatschinken</italic>.</p>
<p>Hieran l&#228;sst sich beobachten, dass das Deutsche keine einheitliche Sprache ist. Die Tatsache, dass sie durch eine bemerkenswert reiche lexikalische Vielfalt gekennzeichnet ist, lie&#223; Barbour / Stevenson (<xref ref-type="bibr" rid="B7">1998: 2</xref>) behaupten, das Deutsche sei &#8222;die vielgestaltigste Sprache Europas&#8220;. Es stellt sich aber die Frage, ob solche Vielf&#228;ltigkeit im Deutschunterricht gen&#252;genden Platz findet, und ob sich Lernende des Deutschen als Fremdsprache (DaF) &#252;berhaupt dessen bewusst sind. Im vorliegenden Beitrag wird ein Unterrichtsentwurf f&#252;r DaF-Lernende schon ab der Niveaustufe A1<xref ref-type="fn" rid="n3">3</xref> vorgeschlagen, der darauf abzielt, Bewusstheit &#252;ber Sprachvariation im DaF-Unterricht durch den Einsatz vom <italic>Atlas zur Deutschen Alltagssprache</italic> (<xref ref-type="bibr" rid="B1">AdA</xref>)<xref ref-type="fn" rid="n4">4</xref> zu f&#246;rdern. Nach einer Einf&#252;hrung zur Standardvariation des Deutschen (Kap. 2.1), wird dargelegt, warum dieser thematische Schwerpunkt Gegenstand des DaF-Unterrichts sein sollte (Kap. 2.2), und welche Einstellungen viele DaF-Lehrende gegen&#252;ber Korpora und Sprachatlanten haben. Anschlie&#223;end wird die f&#252;r den Unterrichtsentwurf ausgew&#228;hlte Ressource &#8211; der <italic>Atlas zur deutschen Alltagssprache</italic> &#8211; vorgestellt (Kap. 3). Nachdem die Grundlagen des Unterrichtsentwurfs geschafft wurden, wird eine Aufgabe vorgeschlagen: Dabei wird unterschiedlichen Aspekten nachgegangen wie dem methodischen Ansatz, Lernzielen, Technologie und Arbeitsphasen (Kap. 4). Am Ende werden dann einige Schlussfolgerungen aus den &#220;berlegungen gezogen (Kap. 5).</p>
</sec>
<sec>
<title>2. Hinf&#252;hrung zur regionalen Standardvariation des Deutschen</title>
<sec>
<title>2.1 Standardsprache und Variation</title>
<p>Die sprachliche Vielseitigkeit des Deutschen hat tiefe historische Wurzeln und ist wissenschaftlich ausf&#252;hrlich untersucht worden (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B2">Adelung 1811</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B16">Eichhoff 1977</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B12">Bickel / Schmidlin 2004</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B8">Berend 2005</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B17">Elspa&#223; 2005a</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B30">Kleiner 2011</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B28">Kehrein / Lameli / Rabanus 2015</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B5">Ammon / Bickel / Lenz et al. 2016</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B14">D&#252;rscheid / Elspa&#223; / Ziegler 2018</xref>). Zur Nachhaltigkeit dieser Vielfalt haben sicherlich Faktoren wie eine un&#252;bersehbare Stabilit&#228;t der &#246;rtlichen Sprachsysteme beigetragen, die trotz der unvermeidlichen diachronen Entwicklungen bis ins 19. Jahrhundert durchhielt. Seit dem 20. Jahrhundert haben sich Umbr&#252;che eingestellt, &#8211; wie z.B. technische Innovationen &#8211; die einen breiteren Zugang zu &#252;ber&#246;rtlichen Medien &#246;ffneten, zu einem rascheren Sprachwandel f&#252;hrten, und sprachdynamische Mechanismen ausl&#246;sten (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B28">Kehrein / Lameli / Rabanus 2015: VI</xref>). Die Variation des Deutschen umfasst ein breites Spektrum, das sich von den Dialekten bis hin zur Standardsprache erstreckt. Wie Elspa&#223; (<xref ref-type="bibr" rid="B18">2005b: 1&#8211;4</xref>) erkl&#228;rt, stellen sich selbst die Termini, die diese Begriffe bezeichnen, nicht immer als neutral und ideologiefrei dar: Sowohl <italic>Standardsprache</italic> als auch <italic>Variation</italic> sind potenziell mehrdeutig. Erstens k&#246;nnen <italic>Standardsprache</italic> sowie <italic>Hochsprache</italic> darauf hindeuten, dass es eine einzige &#252;berregionale allgemein akzeptierte Sprachform gibt, was unter diesem Konzept irref&#252;hrend w&#228;re. Zweitens sind seit dem 19. Jahrhundert die Einstellungen gegen&#252;ber Variationen im Deutschen ablehnend, weil sie typischerweise als eine Bedrohung zur reinen Standardsprache wahrgenommen werden, obwohl Variation ein nat&#252;rliches Ph&#228;nomen der Sprachen ist. Die Wurzeln dieser Sprachhaltungen sind historisch zu finden, denn die Standardisierung ging aus Versuchen hervor, die Variation zu reduzieren, damit die Kommunikation erm&#246;glicht wird. Variation kann aber aus der Standardsprache nicht vollst&#228;ndig getilgt werden, was auch nicht w&#252;nschenswert w&#228;re. In dieser Hinsicht ist die Aussage von Elspa&#223; (<xref ref-type="bibr" rid="B18">2005b: 4</xref>) treffend: &#8222;Variation ist freilich kein notwendiges &#220;bel, sondern ein ebenso essentielles und universelles Merkmal der Standardsprachen&#8220;.</p>
<p>Da es unstrittig ist, dass das Deutsche keine einheitliche Sprache ist, wird sie als plurizentrische Sprache<xref ref-type="fn" rid="n5">5</xref> bezeichnet. Wenn man sich darauf bezieht, verweist man aber in erster Linie auf die Sprachgebr&#228;uche der verschiedenen L&#228;nder, in denen Deutsch als Amtssprache anerkannt ist. Unter Plurizentrik wird n&#228;mlich h&#228;ufig verstanden, dass verschiedene kodifizierte Standardvariet&#228;ten im deutschsprachigen Raum koexistieren, die mit den Variet&#228;ten in den DACH-L&#228;ndern &#252;bereinstimmen. Als Vollzentren der Variation werden nationale Zentren identifiziert wie Deutschland, &#214;sterreich und die deutschsprachige Schweiz, die gleichrangige Auspr&#228;gungen der deutschen Standardvarianten aufweisen. Diese Zentren charakterisieren sich durch Endonormierung, die hingegen den sogenannten Halbzentren wie S&#252;dtirol, Liechtenstein und Luxemburg (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B3">Ammon 1995: 23</xref>) fehlt. Das hei&#223;t aber nicht, dass Halbzentren keine autochthonen Standardvarianten haben, die sich auch &#252;ber die politischen Staatsgrenzen erstrecken. Ein Beispiel daf&#252;r bietet die s&#252;dtirolische Variante <italic>Schwarzbeere</italic>, die auch in Graz und im s&#252;dlichen &#214;sterreich &#252;blich ist. Das Vollzentrum &#214;sterreich weist neben der schon genannten <italic>Schwarzbeere</italic> vielf&#228;ltige Formen auf, wie <italic>Heidelbeere</italic> in der Gegend Wien oder <italic>Moosbeere</italic> in Innsbruck<xref ref-type="fn" rid="n6">6</xref>. Daraus folgt, dass nicht nur Vollzentren als einheits&#252;bergreifende Netzwerke standardsprachliche Varianten herausbilden, sondern sich auch regionale &#246;rtliche Sprachgebr&#228;uche in der Standardsprache durchsetzen, die sich auf einer vertikalen Achse oberhalb des Dialekts und unterhalb des normkonformen schriftlichen Standards befinden, d.h. in einem Zwischenbereich (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B35">Lenz 2008</xref>). Auf der soziolinguistischen Ebene wird deutlich, dass Alltagsvarianten innerhalb eines Vollzentrums mit regionalen Dialekten verwechselt werden k&#246;nnen. Konsequent entsprechen insbesondere die s&#252;dlichen Variet&#228;ten diesem Vorurteil, und orts&#252;bliche Sprachgebr&#228;uche werden als Abweichungen von der Standardform wahrgenommen, weil Dialekte besonders im S&#252;den noch lebendig sind und ein Substrat f&#252;r die Variation darstellen. W&#228;hrenddessen werden die n&#246;rdlichen Formen eher als standardsprachlich angenommen, weil die regionalen Mundarten im Norden meist ausgestorben oder zur&#252;ckgetreten sind (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B18">Elspa&#223; 2005b: 10</xref>). Wie M&#246;ller (<xref ref-type="bibr" rid="B37">2013: 2</xref>) erkl&#228;rt, &#8222;[kann] einer Gleichsetzung von Standardsprache mit der kodifizierten Norm [&#8230;] mit Recht entgegengehalten werden, dass letztere eigentlich eine Fiktion ist und ein &#252;berregionaler deutscher Standard in der gesprochenen Sprache in Wirklichkeit nicht existiert&#8220;.</p>
<p>Im vorliegenden Beitrag wird f&#252;r die Zwecke des Unterrichtsentwurfs auf die Alltagssprache fokussiert, d.h. auf Varianten, die den &#246;rtlichen Sprachgebrauch widerspiegeln. Es handelt sich um die Erscheinungsformen der praktischen Kommunikation der Mehrheit der Menschen, die den Dialekt meiden, aber die kodifizierte Norm der Standardsprache nicht erreichen (vgl. Bellman 1983 zitiert nach <xref ref-type="bibr" rid="B35">Lenz 2008: 5</xref>). Solche Variation betrifft lautliche Merkmale, teilweise auch Morphologie und Syntax, insbesondere aber auch den Wortschatz<xref ref-type="fn" rid="n7">7</xref>. Vor diesem Hintergrund stellt die Alltagssprache sicherlich keinen peripheren Aspekt der Kommunikationskompetenz dar, und deren Lexis ist sowohl f&#252;r MuttersprachlerInnen als auch f&#252;r Deutschlernende grundlegend (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B12">Bickel / Schmidlin 2004: 100</xref>). Obwohl die plurizentrische Sicht wissenschaftlich weit anerkannt ist, ist die Bewusstheit &#252;ber die Sprachvariation des Deutschen noch relativ gering ausgepr&#228;gt (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B4">Ammon / Kellermeier / Schlo&#223;macher 2001: 13</xref>), und die Sprachvariet&#228;t der Medien gilt oft als Vorbild f&#252;r eine &#252;berdachende Variet&#228;t des Landes, die sich im Fall Deutschlands auch als internationale Sprache der Kommunikation und des Fremdsprachunterrichts durchsetzt (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B11">Bickel 2001: 21</xref>).</p>
<p>Im Folgenden wird er&#246;rtert, wie sich die Lehrperson an die Herausforderung der Didaktik der Sprachvariation anhand der Online-Ressource <italic>Atlas zur deutschen Alltagssprache</italic> heranwagen kann.</p>
</sec>
<sec>
<title>2.2 Sprachvariation in DaF? Wozu?</title>
<p>Um die Grundlagen eines Unterrichtsentwurfs f&#252;r DaF-Lernende zu schaffen, der Sprachvariation thematisiert, ist es essenziell der Frage nachzugehen, ob es &#252;berhaupt sinnvoll ist, Lernende mit dieser sprachlichen Heterogenit&#228;t zu konfrontieren. Vor dem Hintergrund der geringen Behandlung des Themas in vielen DaF-Lehrwerken stellt sich auch die Frage, ob Lernende dadurch &#252;berfordert w&#252;rden, und inwiefern eine Didaktisierung der Sprachvariation kommunikative Ziele verfolgen kann.</p>
<p>In DaF-Kontexten ist es empfehlenswert, dass sich Lernende mit der deutschen Sprache kritisch auseinandersetzen. Wie Peschel / Runschke (<xref ref-type="bibr" rid="B41">2015: III</xref>) hervorheben, m&#252;ssen &#8222;in Zeiten eines immer st&#228;rker multikulturell gepr&#228;gten Europas [&#8230;] auch Fragen der Sprachvariation und -reflexion noch st&#228;rker unter einem interkulturellen Aspekt betrachtet werden&#8220;. Sprachvariation kann n&#228;mlich als eine besondere Form der Binnenmehrsprachigkeit verstanden werden, sofern verschiedene Varianten einer selben Sprache diatopisch und diaphasisch bedingt auftreten. Da die Lexik die salienteste Ebene der Variation ist, kann sie relevante Auswirkungen auf die Verst&#228;ndigung haben. Es handelt sich nicht nur um phonologische Auspr&#228;gungen der &#246;rtlichen Aussprache oder um schwierige grammatikalische Variation, die besonders f&#252;r Anf&#228;ngerInnen semantisch irrelevant sein kann, sondern auch um den Grundwortschatz des Alltags, der die t&#228;gliche Kommunikation durchdringt (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B46">Ruck 2020</xref> u.a.).</p>
<p>Bekanntlich hat sich in den letzten Jahren auch das Bildungswesen zunehmend f&#252;r Pluralismus sensibilisiert, sodass Vielf&#228;ltigkeit im Rahmen der Sprachen und der Kulturen als Mehrwert anerkannt wird. Dementsprechend hat vor Kurzem die Ausformulierung der Kompetenzskala des Gemeinsamen Europ&#228;ischen Rahmens (GER) plurilinguale und plurikulturelle Kompetenzen in den Mittelpunkt gestellt. Aufgrund dieser Kompetenzen sollte nicht mehr mit einer vorbildhaften abstrakten Sprache umgegangen werden, sondern auch mit den vielf&#228;ltigen Variet&#228;ten der realen Sprache: Plurilinguale Kompetenz hei&#223;t auch, dass interlinguale Variation ber&#252;cksichtigt wird (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B19">Begleitband zum GER 2020: 30</xref>, <xref ref-type="bibr" rid="B48">der den GER 2001</xref> aktualisiert und erweitert). Eine breitere Wahrnehmungstoleranz gegen&#252;ber der Variation f&#246;rdert zudem Sprachreflexion, die sich von einem rigiden Pr&#228;skriptivismus zugunsten einer bewussteren sprachlichen Beschreibung befreit, die auch kontrastiv erfolgen kann und die nuancierten Ausdrucksm&#246;glichkeiten der Sprechenden widerspiegelt.</p>
<p>Zu dieser Sensibilisierung sollten auch die Ursachen dieser Vielfalt in Betracht gezogen werden. Um sich dem komplexen Thema der Variation anzun&#228;hern, ist es erforderlich, dass DaF-Lernende zumindest erfahren, dass die Formen der gegenw&#228;rtigen regional gef&#228;rbten Alltagssprache nicht zuf&#228;llig auftreten. Eine n&#228;here Untersuchung der unterschiedlichen Formen und deren r&#228;umlichen Verteilung kann auch dazu beitragen, den Lernenden eine (inter)kulturelle Kompetenz angedeihen zu lassen, die mit den Worten von Bettermann (<xref ref-type="bibr" rid="B10">2010: 1455</xref>) auch als &#8222;sprachbezogene Landeskunde&#8220; klassifiziert werden kann. In methodischer Hinsicht geht es um den &#8222;Erwerb von Strategien und Techniken zur Erschlie&#223;ung der in Sprache gefassten landeskundlichen Elementen als Beitrag zur Entwicklung der interkulturellen Kompetenz durch die Lernenden&#8220;.</p>
<p>Nachdem dargelegt wurde, warum Sprachvariation ihren Platz im DaF-Unterricht finden sollte, stellt sich nun die Frage, warum sie in Lehrwerken kaum thematisiert wird. Manche Antworten darauf sind in einigen Empfehlungen eines Teils der Fachliteratur zu suchen, die noch vor Kurzem f&#252;r eine homogene Vorstellung von Kultur und dementsprechend auch Sprache in DaF pl&#228;diert. Laut R&#246;sler (<xref ref-type="bibr" rid="B43">2012: 209</xref>) sei ein homogenes Bild &#8222;ein offensichtlich unvermeidbares Hilfsmittel&#8220;, wenn die Unterrichtssituation r&#228;umlichen und zeitlichen Beschr&#228;nkungen unterliegt. Ein weiterer und damit verbundener Grund best&#252;nde darin, dass stereotype Sichtweisen meistens angewandt werden, um die &#8222;komplexe Realit&#228;t&#8220; zu vereinfachen (<xref ref-type="bibr" rid="B27">Heringer 2007: 198</xref>).</p>
<p>Evident ist, dass die Lehraktivit&#228;t sowie Lehrwerke &#252;berf&#252;llt sind, und dass jenen Themen, denen nach tiefgreifender Erw&#228;gung Raum im DaF-Unterricht einger&#228;umt wurde, weil sie unstrittig als unverzichtbar betrachtet wurden, nur schwerlich weitere hinzugef&#252;gt werden k&#246;nnen. Auf ein realit&#228;tstreues Bild der sprachlichen und kulturellen Vielfalt des Deutschen kann man aber m.E. nie verzichten, insbesondere hinsichtlich des Anspruchs auf Authentizit&#228;t, die seit der kommunikativen Wende unter den Lehrenden als Konsens gelten kann. Die Vorstellung eines einzelnen homogenen Musters, was R&#246;sler (<xref ref-type="bibr" rid="B43">2012</xref>) als einzige Option darstellt, ist angesichts der oben genannten Gr&#252;nde heutzutage kaum nachvollziehbar. Lernende, die Sprache in einem realen Kontext erleben, setzen sich mit einer nuancierten und vielschichtigen Variation auseinander, mit der sie zurechtkommen m&#252;ssen, und mit der sie auch in DaF-Kontexten in ersten Kontakt treten k&#246;nnen. In dieser Hinsicht w&#228;re die Einf&#252;hrung der regionalen Sprachvariation im DaF-Unterricht keine &#220;berforderung oder &#220;berlastung f&#252;r Lernende, sondern eine vielversprechende Vorbereitung auf die Herausforderung der Vielseitigkeit der wirklichen Sprache, die ansonsten un&#252;bersichtlich werden k&#246;nnte. Allein die blo&#223;e Kenntnis der Existenz von Variation der Alltagssprache sowie das Erwerben von Ressourcen, die eine autonome Untersuchung dieses Themas erm&#246;glichen, k&#246;nnen den Lernenden eine gro&#223;e Hilfe sein, wenn sie sich mit der deutschen Sprache befassen.</p>
<p>Frei zug&#228;ngliche digitale Ressourcen, insbesondere Korpora und korpusbasierte Atlanten, k&#246;nnen dementsprechend dazu beitragen, Authentizit&#228;t zu f&#246;rdern, indem der/die Lernende Quellen untersucht und dort sprachliche Informationen findet, die qualitativ und quantitativ kein DaF-Lehrwerk anbieten k&#246;nnte. Aufgabe der Lehrwerke und der Lehrmaterialien ist es, auf diese Ressourcen zu verweisen und m&#246;gliche Herangehensweisen zu veranschaulichen, sodass sie fruchtbar im DaF-Unterricht umgesetzt werden k&#246;nnen.</p>
</sec>
</sec>
<sec>
<title>3. Korpora und Atlanten in DaF</title>
<sec>
<title>3.1 Faktoren zum Einsatz von Korpora und korpusbasierten Sprachatlanten f&#252;r DaF</title>
<p>W&#228;hrend der Einsatz von Korpora im Fach &#8222;Englisch als Fremdsprache&#8220; schon eine l&#228;ngere Tradition hat (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B9">Bernardini 2004</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B42">R&#246;mer 2008</xref>), ist das Feld f&#252;r DaF noch relativ jung: Nach Paschke (<xref ref-type="bibr" rid="B40">2018: 2</xref>) sei &#8222;ein Interesse an Korpora allgemein im Bereich DaF sp&#228;testens mit dem korpuslinguistischen Schwerpunktthema der Zeitschrift &#8222;Deutsch als Fremdsprache&#8220; (Heft 4/2007 bis 2/2009) nachweisbar&#8220;. In den letzten Jahren sind trotzdem viele Beitr&#228;ge erschienen, die sich mit dem Thema besch&#228;ftigen und f&#252;r die Benutzung von Korpora im DaF-Unterricht pl&#228;dieren (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B25">Flinz / Katelh&#246;n 2019</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B23">Flinz 2020</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B24">Flinz / Hufeisen 2021</xref>). Laut Fandrych / Tschirner (<xref ref-type="bibr" rid="B21">2007: 202</xref>) sind Korpora in drei Kategorien aufzuteilen: muttersprachliche, lernersprachliche und unterrichtssprachliche Korpora, wobei die letzte Kategorie, und zwar Korpora, die den sprachlichen Input von Lernenden sammeln, erst vor Kurzem an Wichtigkeit gewonnen haben (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B31">Knorr 2021</xref>)<xref ref-type="fn" rid="n8">8</xref>. Bevor man sich auf die Frage des Einsatzes von Korpora einl&#228;sst, kann es hilfreich sein, zu kl&#228;ren, was genau ein Korpus ist: &#8222;[Es] ist im linguistischen Sinne eine angemessen gro&#223;e Sammlung von sprachlichen Belegen, die aus bestimmten sprachwissenschaftlichen Gr&#252;nden und nach bestimmten Kriterien zusammengestellt werden&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B45">Rothstein 2011: 67</xref>)<xref ref-type="fn" rid="n9">9</xref>.</p>
<p>Neben Korpora im engeren Sinne, die der oben genannten Definition entsprechen, werden auch digitale Plattformen wie Sprachatlanten erstellt, die auf Korpora basieren und die ein ebenso gro&#223;es Potenzial f&#252;r DaF haben. Hinsichtlich der muttersprachlichen Korpora und der darauf basierenden Ressourcen, die den Sprachgebrauch aufzeichnen, sind die Anwendungsm&#246;glichkeiten in der Praxis zweifach: Erstens kann der/die Lehrende so Lernaktivit&#228;ten gestalten, die dem authentischen Gebrauch treu sind; zweitens k&#246;nnen Korpora und Sprachatlanten auch direkt von Lernenden untersucht werden, und daher als Mittel zur F&#246;rderung des Entdeckungslernens verstanden werden. Fachdidaktisch hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass das Lernen nachhaltiger wird, wenn es induktiv abl&#228;uft und eine Informationenverarbeitung verlangt (<xref ref-type="bibr" rid="B50">Williams 1999</xref>). Dementsprechend ist es auch hilfreich, dass Lernende auf keine vorgegebenen Regeln oder Beschreibungen zur&#252;ckgreifen m&#252;ssen, sondern dass sie selbst in der Lage sind (oder in die Lage versetzt werden), anhand von Daten ein Ph&#228;nomen kritisch zu beobachten, sodass im Sinne des didaktischen Szenarios des so genannten <italic>Forschenden Lernens</italic> ihr Forschergeist geweckt wird. Die Vorteile der Verwendung dieser digitalen Ressourcen f&#252;r DaF sind in der Fremdsprachenlehrforschung klar zutage getreten. Wie oben erw&#228;hnt liefern Korpora authentische Daten, die nicht nur qualitativ, sondern auch quantitativ nachvollziehbar sind. Anders gesagt, bieten Korpora nicht nur belegte Ergebnisse, sondern sie erm&#246;glichen auch ein Bild der H&#228;ufigkeit und der Verteilung der unterschiedlichen Formen. Je nach Korpus oder Sprachatlas sind die Untersuchungsm&#246;glichkeiten unterschiedlich und dienen verschiedenen Zwecken. Wenn sie gut strukturiert sind, haben alle diese Ressourcen gemeinsam, dass sie ein realistisches Bild der Sprache abbilden, das die Suche nach Authentizit&#228;t des Fremdsprachenunterrichts befriedigen kann. Zus&#228;tzlich sind die meisten Korpora frei zug&#228;nglich, wobei einige eine kostenfreie Anmeldung voraussetzen. Das Konzept des freien Zugangs ist essenziell, damit der Einsatz in der Lehre sichergestellt werden kann. Die Lernchancen, die digitale Datenbanken, Korpora und Sprachatlanten f&#252;r DaF aktuell anbieten, waren bis vor wenigen Jahren aufgrund eingeschr&#228;nkter Erreichbarkeit &#252;ber das Internet noch nicht wie heute vorstellbar<xref ref-type="fn" rid="n10">10</xref>. Zusammengefasst veranschaulichen die Daten, dass der Einsatz von digitalen Korpora sowohl in schulischem (oder universit&#228;rem) Bereich als auch im Rahmen einer autonomen explorativen Arbeit seitens des/der einzelnen Lernenden ohne gro&#223;e Schwierigkeiten umgesetzt werden kann, weil die technologische Ausr&#252;stung meist gen&#252;gend ist. Dar&#252;ber hinaus hat der Fernunterricht, der 2020 pandemiebedingt stattfinden musste, sicherlich weiter dazu beigetragen, die bestehende technologische Kluft zwischen den verschiedenen sozialen Herk&#252;nften zu &#252;berbr&#252;cken.</p>
<p>Obwohl wissenschaftlich belegt wurde, dass durch Korpora und Atlanten erarbeitete Lernaktivit&#228;ten gewinnbringend sein k&#246;nnten (vgl. u.a. <xref ref-type="bibr" rid="B49">Wallner 2013</xref>), und die technologischen Voraussetzungen im Durchschnitt keine un&#252;berwindbare H&#252;rde darstellen, werden diese Ressourcen in der Sprachvermittlung des Deutschen kaum eingesetzt. Unter DaF-Lehrenden herrscht eine gewisse Skepsis gegen&#252;ber deren Einsatz, die ihre Urspr&#252;nge darin findet, dass Korpora noch als eine &#8218;Sache f&#252;r Spezialisten&#8216; betrachtet werden, die der Forschung Informationen und Daten liefert, aber keine direkte Anwendung in der Praxis finden kann. Zu diesem Vorurteil tr&#228;gt auch die komplizierte Benutzeroberfl&#228;che f&#252;r die Untersuchung von einigen Korpora bei, die es tats&#228;chlich schwierig macht, dass sie in der Lehre ohne vorherige Schulung zur einzelnen Ressource eingesetzt werden k&#246;nnen. Zugleich muss festgestellt werden, dass Abfragetools-EntwicklerInnen immer st&#228;rker danach streben, unn&#246;tig komplizierte Suchfunktionen oder Ergebnisse zu vermeiden, damit breiter Zugang zu den Ressourcen erm&#246;glicht wird. Dar&#252;ber hinaus besteht die reiche Korpuslandschaft vor allem aus Datenbanken, die nicht f&#252;r didaktische Zwecke angefertigt wurden, sondern mit Forschungsabsichten. Das ist nat&#252;rlich nicht problematisch an sich, obwohl festgestellt werden muss, dass es dazu f&#252;hrt, dass deren Einf&#252;hrung in die Sprachvermittlung notwendigerweise nur sukzessive erfolgt. Eng damit verbunden ist der schon bei Wallner (<xref ref-type="bibr" rid="B49">2013</xref>) erw&#228;hnte Mangel an Didaktisierungsvorschl&#228;gen, die Korpusarbeit einbeziehen. Dieser aktuell noch bestehenden Knappheit an Korpusaufgaben in DaF-Lehrwerken und in Lehrmaterialien sowie an praxisbezogenen Aufs&#228;tzen in der DaF-Literatur zu Korpora (ebd.) ist wahrscheinlich der z&#246;gerliche Eingang von Korpora und korpusbasierten Atlanten im DaF-Unterricht zuzurechnen.</p>
<p>Ziel des im Folgenden dargestellten Arbeitsvorschlags ist es daher, einen Beitrag zur Behebung dieser Kluft zwischen Forschung und Praxis zu leisten, indem gezeigt wird, wie der AdA im Unterricht eingesetzt werden kann, um das Bewusstsein der regionalen Variation des Wortschatzes zu f&#246;rdern.</p>
</sec>
<sec>
<title>3.2 Pr&#228;sentation des <italic>Atlas zur deutschen Alltagssprache</italic> und Abgrenzung gegen&#252;ber anderen Ressourcentypen</title>
<p>Es bestehen viele zu Forschungszwecken erstellte Online-Ressourcen, welche Daten &#252;ber Sprachvariation, regionale Sprachen des Deutschen und &#246;rtliche Mundarten liefern<xref ref-type="fn" rid="n11">11</xref>. Da im Folgenden die Anwendungsm&#246;glichkeiten des AdA f&#252;r den DaF-Unterricht untersucht werden, ist es erforderlich, die Charakteristika dieses digitalen Sprachatlasses darzustellen.</p>
<p>Der AdA ist ein 2003 initiiertes und noch fortlaufendes Projekt in Zusammenarbeit der Universit&#228;ten Salzburg und L&#252;ttich. Das von S. Elspa&#223; und R. M&#246;ller betreute Projekt nutzt die M&#246;glichkeiten des Internets f&#252;r eine Neuerhebung des regionalen Wortschatzes, die auf die Erhebungen des &#8222;Wortatlas der deutschen Umgangssprachen, Bd. 1 und 2 (1977/78)&#8220; aufbaut. Es werden E-Mail-Umfragen zum jeweils &#8222;normalen orts&#252;blichen Sprachgebrauch&#8220;<xref ref-type="fn" rid="n12">12</xref> durchgef&#252;hrt, die darauf abzielen, zu &#252;berpr&#252;fen, welche regionalen Sprachvarianten in der Alltagskommunikation vorkommen. Erhoben werden Varianten des Wortschatzes, und in kleinerem Ma&#223;e auch Varianten der Aussprache und der grammatischen Formen. Bis 2020 wurden zw&#246;lf Befragungen in zw&#246;lf Erhebungsrunden durchgef&#252;hrt, deren Ergebnisse systematisch kartiert und kommentiert wurden. Die Resultate zum jeweiligen Begriff werden auf Karten dargestellt, auf denen farblich differenzierte Punktsymbole zu finden sind, die die jeweiligen Orte mit den Treffern verkn&#252;pfen. Der <italic>Crowdsourcing</italic>-Ansatz und die indirekte Methode<xref ref-type="fn" rid="n13">13</xref>, die zunehmend h&#228;ufiger verwendet werden<xref ref-type="fn" rid="n14">14</xref>, haben erm&#246;glicht, eine gro&#223;e Datenmenge zu sammeln, die den aktuellen Sprachgebrauch und dessen Ver&#228;nderungen in den letzten 30 bis 40 Jahren nachvollzieht und R&#252;ckschl&#252;sse auf Entwicklungstendenzen des Deutschen zul&#228;sst.</p>
<p>Damit der AdA im Umfeld der digitalen Ressourcen zur Sprachvariation zutreffend klassifiziert werden kann, lohnt es sich, auf die oben erw&#228;hnte Definition von &#8222;Korpus&#8220; zur&#252;ckzugreifen (s. Kap. 3.1). Der Erstellung des Atlasses liegt eine Sammlung von sprachlichen Belegen, in erster Linie von W&#246;rtern, zugrunde, die durch einen visuellen Input oder einen situativen Kontext erhoben wurden. Wenn man davon ausgeht, dass ein Korpus nicht notwendigerweise eine Textsammlung sein muss, sondern auch aus sprachlichen Belegen wie einzelnen Lemmata bestehen kann, kann man feststellen, dass der AdA auf einem Korpus basiert, selbst aber kein solches ist. Lernende arbeiten hier also mit einem Sprachatlas, der eine Visualisierung durch Karten integriert.</p>
</sec>
<sec>
<title>3.3 Verwendbarkeit des AdA im DaF-Unterricht</title>
<p>Unter den vielen m&#246;glichen Online-Ressourcen zur Sprachvariation eignet sich der AdA zur Arbeit im DaF-Bereich besonders gut, weil er &#252;ber einige Eigenschaften verf&#252;gt, die als Voraussetzungen gelten, um fruchtbar im DaF-Unterricht eingesetzt werden zu k&#246;nnen. Zu Lernzwecken sollten etwa Korpora und Atlanten intuitiv anzuwenden sein und keine lange Schulung verlangen, besonders wenn Lernende keine Vorerfahrung mitbringen. Der AdA charakterisiert sich durch eine ebensolche leichte Benutzeroberfl&#228;che: Dazu geh&#246;ren ein einfaches Navigationsmen&#252;, dessen Struktur schon auf der Homepage zu sehen ist, und intuitive Recherchetools wie ein Suchregister, das thematisch sortiert ist, sodass eine netzartige Organisation des Lexikons auf semantischer Basis entsteht.</p>
<p>Ein weiterer Vorteil des Atlasses ist eine klare Datenveranschaulichung: Wie oben erw&#228;hnt (s. Kap. 3.2), werden Karten f&#252;r jedes Abfragewort realisiert, die die verschiedenen Varianten durch farbige Markierungen visuell darstellen. Nicht nur werden Lernende in die Lage versetzt, eine Variante mit einem Ort zu assoziieren, sondern auch die r&#228;umliche Verteilung der Form auszuwerten und deren Verbreitung einzusch&#228;tzen. Karten als Visualisierungsmittel sind typisch f&#252;r sprachgeographische Arbeiten, sie dienen sowohl der Pr&#228;sentation als auch der Exploration. Der visuelle Kanal, der eine wichtige Rolle im Sprachlernen spielt, wird aktiviert und tr&#228;gt zur Verarbeitung des sprachlichen Inputs bei. Interessanterweise beschr&#228;nkt sich der bildliche Aspekt nicht auf die Ergebniskarten, sondern ist auch (mindestens teilweise) in der Umfrage pr&#228;sent, weil deren Teilnehmende auch darum gebeten werden, das Zielwort anhand eines Bildes zu benennen. Da der Atlas einsprachig ist, kann das Bild den Lernenden dabei helfen, die Bedeutung des unbekannten Wortes zu erlernen. Nicht zu untersch&#228;tzen ist die Formulierung der Fragen im Allgemeinen, die Synonyme oder Periphrasen verwenden, wenn der Begriff nicht bildlich dargestellt wird. Sowohl die Aktivierung des visuellen Kanals als auch die Umformulierung des Begriffes k&#246;nnen gut genutzt werden, um die sprachlichen Mittel der Lernenden zu verst&#228;rken.</p>
<p>Was didaktisch noch interessant ist, ist die Auswertung der Karten durch Kommentare, die nicht nur die geographische Verteilung der Varianten wiedergeben, sondern auch &#8211; jedoch kurz &#8211; einen Vergleich mit den entsprechenden Karten des &#8222;Wortatlas der deutschen Umgangssprachen&#8220; (1977/78) anf&#252;hren, was Beispiele der Entwicklungstendenzen des regionalen Deutschen zeigt. Schlie&#223;lich werden auch sprachhistorische Informationen angegeben, die erkl&#228;ren, warum eine Form gerade an einem Ort zu finden ist. Das ist besonders wichtig, damit Lernende eine Bewusstheit erwerben, dass die diachrone Entwicklung und die diatopische Variation der Sprache nie zuf&#228;llig sind. Im Folgenden wird beispielhaft die &#8222;Krapfen-Karte&#8220; abgebildet. Rechts (<xref ref-type="fig" rid="F2">Abbildung 2</xref>) liegt der begleitende Kommentar vor<xref ref-type="fn" rid="n15">15</xref>.</p>
<fig id="F1">
<label>Abbildung 1</label>
<caption>
<p>Karte Berliner/Krapfen</p>
</caption>
<graphic xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" xlink:href="kordaf-1-2-66-g1.png"/>
</fig>
<fig id="F2">
<label>Abbildung 2</label>
<caption>
<p>Kommentar zur Karte Berliner/Krapfen</p>
</caption>
<graphic xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" xlink:href="kordaf-1-2-66-g2.png"/>
</fig>
</sec>
</sec>
<sec>
<title>4. AdA zur F&#246;rderung des Bewusstseins der regionalen Sprachvariation des Deutschen in DaF: der Unterrichtsentwurf</title>
<sec sec-type="methods">
<title>4.1 Aufgabenstellung, Zielgruppe und Arbeitsmethode</title>
<p>Wie schon erw&#228;hnt (s. Kap. 3), sind die praxistauglichen Beitr&#228;ge, die den Einsatz von Korpora und Atlanten im DaF-Unterricht thematisieren, noch &#252;berschaubar<xref ref-type="fn" rid="n16">16</xref>. Konkrete Anwendungsbeispiele k&#246;nnen als Ansto&#223; gelten, damit motivierte Lehrkr&#228;fte solche Vorschl&#228;ge in der Praxis einsetzen, anpassen und selbst personalisierte Lernaktivit&#228;ten in ihren DaF-Klassen umsetzen. Im Folgenden wird ein praxisbezogener Arbeitsvorschlag ausf&#252;hrlich dargestellt, der eine m&#246;gliche Verwendung des AdA in DaF veranschaulicht. Der Unterrichtsentwurf bezieht sich auf A1-Lernende, kann aber als allgemeiner Ansatz zur Verwendung von Korpora und Sprachatlanten zum Thema der regionalen Sprachvariation f&#252;r DaF verstanden werden, da er auf die jeweiligen Sprachbed&#252;rfnissen der Lerngruppe zugeschnitten werden kann. Idealerweise wird der vorliegende Vorschlag f&#252;r DaF-Lernende eingesetzt, die sich noch im schulischen Bereich befinden. Beispielhaft z&#228;hlen darunter DaF-Lernende der italienischen <italic>Scuola Secondaria di Primo Grado</italic><xref ref-type="fn" rid="n17">17</xref>, die am Ende des Kurses laut der Empfehlungen des italienischen Kultusministeriums die A1-Stufe f&#252;r die zweite Fremdsprache erreichen sollten<xref ref-type="fn" rid="n18">18</xref>. Der Vorschlag eignet sich ebenfalls f&#252;r Lernende der ersten Jahre der <italic>Scuola Secondaria di Secondo Grado</italic><xref ref-type="fn" rid="n19">19</xref><italic>.</italic> An dieser Stelle sei unterstrichen, dass sich der Vorschlag nicht nur an Lernende italienischer Muttersprache richtet, da im Unterrichtsentwurf nicht vorausgesetzt wird, dass Italienischkenntnisse vorhanden sind. Es besteht nat&#252;rlich auch kein Hindernis, dass die Aufgabe f&#252;r Fortgeschrittene oder f&#252;r Erwachsene auch im universit&#228;ren Bereich eingesetzt wird. In diesem Fall soll nat&#252;rlich darauf hingewiesen werden, dass eine Niveauanpassung erforderlich wird, damit die Lernaktivit&#228;t motivierend bleibt.</p>
<p>Bevor die Lernziele, das erforderliche Vorwissen und die verschiedenen Arbeitsphasen erl&#228;utert werden, ist es sinnvoll, die Aufgabe zu pr&#228;sentieren, mit der sich die DaF-Lernenden auseinandersetzen sollten. Diese besteht darin, dass die DaF-Gruppe eine eigene interaktive digitale Sprachkarte erstellt, die die vielf&#228;ltige deutsche Alltagssprache widerspiegelt. Auf der Karte sind Markierungen zu finden, die repr&#228;sentative Standorte f&#252;r die regionale Sprachvariation des Deutschen anzeigen. Jeder Markierung wird ein thematisches Grundw&#246;rterbuch des &#246;rtlichen Sprachgebrauchs zugeordnet, das Lernende aufgrund ihrer Auseinandersetzung mit dem AdA selbst erstellen, sodass es durch Anklicken der Stadtmarkierung online nachschlagbar ist.</p>
<p>Der Screenshot unten (<xref ref-type="fig" rid="F3">Abbildung 3</xref>) zeigt, wie die Karte aussieht: Beim Klicken auf die jeweilige Markierung &#246;ffnet sich ein Infofenster mit dem so genannten Grundw&#246;rterbuch der Stadt.</p>
<fig id="F3">
<label>Abbildung 3</label>
<caption>
<p>Beispiel der interaktiven digitalen Karte</p>
</caption>
<graphic xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" xlink:href="kordaf-1-2-66-g3.png"/>
</fig>
<p>Die Aufgabengestaltung zielt darauf ab, dass Lernende ein Endprodukt ihrer Studie erhalten, womit auch &#252;bergreifende Kompetenzen gef&#246;rdert werden und so einem handlungsorientierten Ansatz<xref ref-type="fn" rid="n20">20</xref> entsprochen wird. Besonders bei Jugendlichen ist die Erstellung eines Produktes motivierend, weil es zeigt, dass die Aufgabe zu einem konkreten Ergebnis gef&#252;hrt hat. Lernende f&#252;hlen sich durch die sch&#246;pferische T&#228;tigkeit unmittelbar angesprochen und motiviert. Somit wird auf ein instruktives Unterrichtsmodell zugunsten eines lernerzentrierten Ansatzes verzichtet. Der/die ProtagonistIn des Lernverfahrens ist nicht mehr die Lehrperson, die &#252;bergeordnet wirkt und ihr Wissen teilt, sondern sie versteht sich als RegisseurIn des Lernprozesses, der/die gewisserma&#223;en hinter den Kulissen steht, sodass der/die Lernende das aktive Subjekt des Spracherlernens wird und diesem nicht nur passiv unterliegt. Der Lernprozess erfolgt hier sowohl als autonomes Verfahren, wobei der sprachliche Input eigenst&#228;ndig verarbeitet wird, als auch als Interaktion und Austausch mit den Mitlernenden und mit der/dem Lehrenden, deren Steuerungsrolle besonders f&#252;r die Anf&#228;ngerstufe entscheidend ist, damit das Projekt erfolgreich sein kann. Alle Komponenten m&#252;ssen gut balanciert sein: Die Rolle des/der Lehrenden entfaltet sich in einer sorgf&#228;ltigen Planung und in der Kontrolle aller Lernphasen; Lernende arbeiten sowohl allein, als auch in kleinen Gruppen mit der <italic>Jigsaw</italic>-Methode<xref ref-type="fn" rid="n21">21</xref>, damit sich alle f&#252;r den Erfolg der ganzen Gruppe verantwortlich f&#252;hlen. Wie die <italic>Jigsaw</italic>-Methode bei dieser Aufgabe einzusetzen ist, wird in den folgenden Kapiteln, die die Arbeitsphasen illustrieren (s. Kap. 5.4.2), detailliert aufgezeigt.</p>
</sec>
<sec>
<title>4.2 Vorwissen und n&#246;tige IT-Ausstattung</title>
<p>Damit der vorliegende Unterrichtsentwurf im DaF-Unterricht effektiv umgesetzt werden kann, m&#252;ssen die notwendigen Vorkenntnisse gekl&#228;rt werden. Die Analyse der geforderten Anfangskompetenzen ist umso wichtiger, weil oft hinterfragt wird, ob das Thema Sprachvariation nur in hohen Niveaustufen bearbeitet werden soll (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B44">R&#246;sler 2017: 258-260</xref>). Es wird dabei behauptet, dass Sprachvariation erst in einer fortgeschrittenen Phase thematisiert werden sollte, weil Anf&#228;ngerInnen noch nicht &#252;ber gen&#252;gende Kompetenzen verf&#252;gen w&#252;rden, um sich einer solchen Komplexit&#228;t und Heterogenit&#228;t anzun&#228;hern. Hier wird hingegen daf&#252;r pl&#228;diert, dass eine passende Planung, die sich des AdA bedient, erm&#246;glicht, das Thema der Variation schon mit Lernenden der A1-Niveaustufe zu behandeln, ohne auf Authentizit&#228;t verzichten zu m&#252;ssen.</p>
<p>Erstens fokussiert der AdA auf die Alltagssprache, deren Themen nach dem GER zu den inhaltlichen Schwerpunkten der Anf&#228;ngerstufe geh&#246;ren. Veranschaulicht werden Varianten derselben Wortschatzeintr&#228;ge, mit denen sich DaF-Anf&#228;ngerInnen regelm&#228;&#223;ig auseinandersetzen: Wie den AdA-Karten zu entnehmen ist, geh&#246;ren viele dieser Formen zum Bereich des Essens, der Familie, des Zuhauses, der Schule, der Freizeit, des Sports. Zweitens ist die Suchplattform des AdA, wie schon beschrieben (s. Kap. 3.3), sehr anwenderfreundlich, was keine vorangehende komplizierte Schulung oder vorherige Erfahrung mit der Untersuchung in Korpora oder Atlanten von Seiten der Lehrkr&#228;fte oder der Lernenden verlangt<xref ref-type="fn" rid="n22">22</xref>. Der AdA ist definitionsgem&#228;&#223; &#8222;ein Atlas f&#252;r Fachleute und Laien&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B38">M&#246;ller / Elspa&#223; 2015: 533</xref>).</p>
<p>Eine Beherrschung des Grundwortschatzes des Alltags ist die einzige sprachliche Voraussetzung f&#252;r die Aufgabe. Voraussichtlich erlangen Lernende die notwendigen Kenntnisse am Ende des dritten Schuljahrs an der <italic>Scuola Secondaria di Primo Grado</italic> und am Anfang des zweiten Jahrs an der <italic>Scuola Secondaria di Secondo Grado</italic>, was empfehlen l&#228;sst, dass die Lernaktivit&#228;t in diesen Punkt des Lehrplans eingebettet wird. Auf der technologischen Ebene wird lediglich gefordert, dass Lernende &#252;ber grundlegende Computerkompetenzen verf&#252;gen. Zur Erstellung der interaktiven digitalen Karte k&#246;nnen Produkte der Google-Familie eingesetzt werden, die frei zug&#228;nglich sind, wie Google-My-Maps oder &#196;quivalente<xref ref-type="fn" rid="n23">23</xref>. Zur Durchf&#252;hrung der Arbeit und zur Untersuchung im AdA k&#246;nnen Lernende ihre privaten Endger&#228;te nutzen, wie Laptops oder Smartphones (<italic>BYOD</italic><xref ref-type="fn" rid="n24">24</xref>), was auch mit Fernunterricht kompatibel ist. Im schulischen Bereich kann man auch das Sprachlabor nutzen, und idealerweise w&#228;re es zur Erl&#228;uterung und Exploration der Karte im Plenum w&#252;nschenswert, &#252;ber eine interaktive Tafel zu verf&#252;gen, sodass die Karte angezeigt werden kann.</p>
<p>Zusammenfassend besteht das zur Durchf&#252;hrung der Aufgabe n&#246;tige Vorwissen darin, dass Lernende den Wortschatz der A1-Themenbereiche beherrschen<xref ref-type="fn" rid="n25">25</xref>, und dass sie &#252;ber grundlegende Computerkompetenzen verf&#252;gen, die auch zu den Schl&#252;sselkompetenzen z&#228;hlen und als fach&#252;bergreifend gelten. Die n&#246;tige IT-Ausstattung ist einfach und besteht aus einem Endger&#228;t, Internetanschluss und dem Online-Zugang zur ausgew&#228;hlten Plattform zur Erstellung der interaktiven Karte.</p>
</sec>
<sec>
<title>4.3 Lernziele</title>
<p>Das Hauptlernziel dieses Unterrichtsentwurfs ist oben bereits vorgestellt worden. Es zielt darauf ab, dass Lernende dank des Einsatzes des AdA f&#252;r die Sprachvariation des Deutschen sensibilisiert werden. Es ist aber von Belang, genauer zu kl&#228;ren, was unter <italic>Sensibilisierung</italic> verstanden wird, und ob weitere Lernziele angestrebt werden. Der Zweck der Aufgabe kann zweifellos nicht sein, dass Lernende lexikalische Varianten auswendig lernen und aufz&#228;hlen k&#246;nnen, sondern, dass sie eine rezeptive Variet&#228;tenkompetenz erwerben, die ihnen die Begegnung mit der facettenreichen Zielsprache erleichtert (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B36">Maijala 2009: 449</xref>). Dieser Ansatz dient sowohl kommunikativen als auch landeskundlichen Zwecken und wirkt der sprachlichen Stereotypisierung entgegen, was zus&#228;tzlich Interesse am Fremden wecken kann<xref ref-type="fn" rid="n26">26</xref>. Verfolgt wird daher die Entwicklung eines neuen interkulturellen Bewusstseins im Rahmen der noch deutlich bestehenden Sprachgebrauchsunterschiede in den deutschsprachigen Gebieten.</p>
<p>Neben der Sprachvariation sind im Rahmen dieser Aufgabe weitere Lernziele zu verfolgen, die einerseits fachlich, anderseits fach&#252;bergreifend sind. Die Untersuchung der Varianten im Atlas sollte zur Festigung des Standardwortschatzes f&#252;hren, der in diesem Kontext aufgefrischt und m&#246;glicherweise auch erweitert wird. Dar&#252;ber hinaus erfahren Lernende einen ersten Kontakt mit digitalen Sprachatlanten, der als erster Schritt oder Grundstein zum Erwerb einer <italic>corpus literacy</italic> verstanden werden kann (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B39">Mukherjee 2009</xref>). Somit wird der Umgang mit Korpora vorentlastet. Erwartet ist, dass Lernende am Ende der Lernaktivit&#228;t in der Lage sind, mit einfachen Suchfunktionen umzugehen, und dass sie klar pr&#228;sentierte sprachliche Daten auswerten k&#246;nnen.</p>
</sec>
<sec>
<title>4.4 Die Arbeitsphasen</title>
<sec>
<title>4.4.1 Vorentlastung: Einstieg in die Sprachvariation und Schulung zur Untersuchung im AdA</title>
<p>Vor der Durchf&#252;hrung der Lernaktivit&#228;t ist eine Vorentlastung sinnvoll, die zwei Ebenen betrifft: Die thematische Ebene der Sprachvariation und die Ebene des Untersuchungstools, d.h. eine Schulung zur Untersuchung im AdA muss stattfinden, weil Lernende vermutlich noch keinen Umgang mit Korpora und Atlanten (im DaF-Unterricht) hatten.</p>
<p>Die Vorentlastung zum thematischen Schwerpunkt der Sprachvariation besteht darin, die Vorkenntnisse der Lernenden hinsichtlich des &#246;rtlichen Sprachgebrauchs zu aktivieren. Diese erste Phase dauert 10 bis 15 Minuten und erfolgt in der Sprache der Lernenden, damit die Verwendung des Deutschen keine unn&#246;tige H&#252;rde darstellt. Als Einstieg ins Thema werden Einf&#228;lle und Ideen &#252;ber eventuelle &#246;rtliche Auspr&#228;gungen in der Muttersprache der Lernenden gesammelt, sodass sich m&#246;glichst viele Teilnehmende einbringen. Anschlie&#223;end f&#252;hrt der/die Lehrende selbst ein Beispiel an, das m&#246;glicherweise schon eine Br&#252;cke mit den deutschsprachigen Kulturen bildet. F&#252;r DaF-Lernende aus Italien ist das Wort <italic>Krapfen</italic> ein gutes Beispiel daf&#252;r, weil dieses Geb&#228;ck n&#228;mlich auch in Italien unter vielen regional verschiedenen Bezeichnungen (<italic>krapfen, craffen, craf, graffa, bombolone</italic>, usw&#8230;) bekannt ist. Wie bei vielen Erhebungen im AdA, wird den Lernenden ein Bild gezeigt, sodass sie das dargestellte Geb&#228;ck in ihrer Muttersprache spontan benennen und Varianten aufzeigen k&#246;nnen. Im Anschluss daran werden Lernende danach gefragt, wie das Geb&#228;ck auf Deutsch hei&#223;t, und ob ihnen andere W&#246;rter f&#252;r denselben Begriff im Deutschen bekannt sind. Neben der erwarteten Form <italic>Krapfen</italic>, die auch im Italienischen verwendet wird, werden mit der Hilfe des/der Lehrenden andere Formen wie <italic>Berliner</italic> und <italic>Pfannkuchen</italic> aufgelistet, und erste Hypothesen werden aufgestellt, wo diese verschiedenen Auspr&#228;gungen zu finden sind. An diesem Punkt kann der zweite Teil der Vorentlastung eingef&#252;hrt werden. Es wird gezeigt, dass es wissenschaftliche Ressourcen wie Korpora und Atlanten gibt, die nach anerkannten Kriterien authentische Sprachdaten sammeln, organisieren und veranschaulichen. Es wird auch erkl&#228;rt, dass viele dieser Ressourcen frei zug&#228;nglich sind und zu Lernzwecken selbst&#228;ndig angewendet werden k&#246;nnen. Anschlie&#223;end wird der AdA vorgestellt, der im Unterricht eingesetzt wird. Im Plenum erfolgt eine erste explorative Untersuchung des Atlasses. F&#252;r die Beispielsuche wird das schon eingef&#252;hrte Wort <italic>Krapfen</italic> benutzt, sodass noch offene Fragen beantwortet werden k&#246;nnen. Zuerst wird im thematischen Register gesucht, dann wird die entsprechende Karte mit der regionalen Verteilung veranschaulicht, und die Ergebnisse werden auch im Hinblick auf den im AdA angegebenen Kommentar und auf die Ursachen der Variation, ausgewertet. Diese zweite Vorentlastungsphase dauert 10 Minuten. Es ist empfehlenswert, dass die Lehrperson noch in der Sprache der Lernenden spricht. Ein erster Umgang mit der deutschen Sprache erfolgt indirekt durch die Untersuchung der Plattform.</p>
</sec>
<sec>
<title>4.4.2 Vorgehensweise und Arbeitsverteilung</title>
<p>Nachdem die DaF-Lernenden eine erste Einf&#252;hrung bekommen haben und die Aufgabe im Plenum erkl&#228;rt worden ist (s. Kap. 4.1), kann die Arbeit in Gruppen beginnen, die mindestens eine Stunde dauert<xref ref-type="fn" rid="n27">27</xref>. Alle Teilnehmenden bekommen Arbeitsbl&#228;tter, in denen sie die Anweisungen f&#252;r die unterschiedlichen Arbeitsphasen wiederfinden, sodass alle Schritte klar dargestellt werden. Wenn sich die Aufgabe an eine Zielgruppe richtet, die sich in den Sprachstufen A befindet, werden Arbeitsbl&#228;tter in der Sprache der Lernenden erstellt, um sicherzustellen, dass keine Missverst&#228;ndnisse in der Durchf&#252;hrung der Arbeit entstehen.</p>
<p>Die DaF-Gruppe wird in Kleingruppen eingeteilt: Jede Gruppe bekommt eine Stadt des deutschsprachigen Raums zugewiesen, sodass ein Miniw&#246;rterbuch der Alltagssprache der Stadt erstellt werden kann, das den Beitrag der Gruppe zum Endprodukt, d.h. zur interaktiven digitalen Karte der deutschen Alltagssprache, darstellt. Um die Beteiligung der einzelnen Gruppenmitglieder zu f&#246;rdern, wird die <italic>Jigsaw</italic>-Methode angewandt.</p>
<p>Zuerst erstellt der/die DaF-Lehrende daf&#252;r eine Liste von Themen der Niveaustufe A1 (Essen und Trinken, Feste und Br&#228;uche, Zuhause usw.), die im AdA kartiert wurden und f&#252;r alle Gruppen gleich sind. Jedes Gruppenmitglied bekommt einen Themenbereich zugewiesen und soll vor Gebrauch des AdA an standarddeutsche W&#246;rter denken, die zum erhaltenen Thema geh&#246;ren, und wonach im AdA gesucht werden kann. Nachdem der/die Lernende die ihm/r eingefallenen W&#246;rter aufgelistet hat, nutzt er/sie erstmals selbst&#228;ndig das Suchregister des AdA, um zu &#252;berpr&#252;fen, ob seine/ihre W&#246;rter Gegenstand der Erhebungen waren und entsprechend im Atlas belegt sind. Gegebenenfalls werden einige Lemmata aus der Liste getilgt, andere k&#246;nnen hinzugef&#252;gt werden.</p>
<p>Nach der einleitenden Einzelarbeit treffen sich alle ExpertInnen eines Themenbereichs in der sogenannten Expertengruppe<xref ref-type="fn" rid="n28">28</xref>, um die Ergebnisse ihrer Suche im thematischen Register zu teilen und um eine gemeinsame Liste von W&#246;rtern zu erstellen, f&#252;r die Treffer im AdA zu finden sind. Ziel ist es, dass der Standardwortschatz f&#252;r den Themenbereich gefestigt und wom&#246;glich erweitert wird. Wichtig ist auch, dass die Auswahl der standarddeutschen W&#246;rter, deren regionale Varianten dargestellt werden, f&#252;r alle Gruppen gleich sind. Die st&#228;dtischen Miniw&#246;rterb&#252;cher m&#252;ssen vergleichbar sein. Jede Expertengruppe &#252;bt auf diese Weise die Suchfunktionen und den Umgang mit den Suchresultaten ein. Je nach der Gr&#246;&#223;e der DaF-Gruppe und den realen Kompetenzen werden die Arbeitszeiten sowie die Anzahl der zu untersuchenden W&#246;rter bestimmt und im Voraus klar mitgeteilt. Jede erfahrene Lehrperson hat hierf&#252;r das richtige Gesp&#252;r.</p>
<p>Im Anschluss kehren alle Lernenden zur Stammgruppe zur&#252;ck. Hier schlie&#223;t jedes Gruppenmitglied die autonome Suche im AdA ab und sammelt alle sprachlichen Ergebnisse f&#252;r den Themenbereich, f&#252;r den es verantwortlich ist. Die Gruppe setzt alle Suchresultate zusammen und erstellt ein digitales Miniw&#246;rterbuch der Alltagssprache der Stadt. Es w&#228;re empfehlenswert, dass alle Lernenden, die sich mit derselben Stadt besch&#228;ftigen, f&#252;r die Darstellung ihrer Suchergebnisse dasselbe Dokument kooperativ bearbeiten. Google-Dokumente bieten z.B. die M&#246;glichkeit, dass mehrere Personen an derselben Datei gleichzeitig arbeiten, und alle &#196;nderungen werden automatisch gespeichert. Das resultierende W&#246;rterbuch ist thematisch sortiert und f&#252;r alle St&#228;dte parallel.</p>
<p>Als Letztes greift ein/e VertreterIn jeder Stadt auf die digitale Karte des deutschsprachigen Raums zu, die mit den n&#246;tigen Markierungen auch im Voraus vorbereitet werden kann. Zu jeder Markierung, der eine Stadt zugeordnet wird, wird das Miniw&#246;rterbuch des &#246;rtlichen Gebrauchs hinzugef&#252;gt<xref ref-type="fn" rid="n29">29</xref>.</p>
</sec>
<sec>
<title>4.4.3 Die letzte Phase: &#220;berlegungen zur Variation und zum AdA als Untersuchungsmittel</title>
<p>Wenn die digitale interaktive Karte der Alltagssprache des Deutschen fertig ist, wird sie im Plenum vorgestellt, besprochen und ausgewertet. Es ist von gro&#223;er Bedeutung, dass sowohl der Erstellungsprozess und die zugrundeliegende Suche im Atlas als auch die Suchergebnisse besprochen werden, damit alle Lernenden ein Bewusstsein des Themas der Variation entwickeln und die Aspekte, die der Variation zugrunde liegen, erfassen.</p>
<p>Die Diskussion erfolgt im Plenum, damit sie von der Lehrperson gesteuert wird und das Lernen &#8211; auf Grundlage der beobachteten Daten &#8211; induktiv vor sich gehen kann. In dieser Phase, die ungef&#228;hr 45 Minuten dauert, kann die Lehrperson auf Deutsch sprechen, aber sie muss sich vergewissern, dass sie von den Lernenden gut verstanden wird. Auch Lernende sollten hier versuchen auf Deutsch zu sprechen. Wenn n&#246;tig, hilft die Lehrperson dabei, den Begriff zu finden, oder sie wiederholt in korrekter Form das, was von den Lernenden falsch formuliert wird.</p>
<p>Zuerst werden die jeweiligen Lemmata der einzelnen St&#228;dte von Mitgliedern der verschiedenen Gruppen dargestellt, und es wird auf beispielhafte W&#246;rter fokussiert, deren regionale Auspr&#228;gungen einander gegen&#252;bergestellt werden. Es wird reflektiert, ob die Variation in der Alltagssprache die Lernenden &#252;berrascht hat, und ob sie anhand ihrer Lernerfahrungen und Lehrwerke vermutet h&#228;tten, dass eine breite Palette von &#246;rtlichen Auspr&#228;gungen besteht, die nicht nur mit den Nationalvariet&#228;ten der DACH-L&#228;nder &#252;bereinstimmen, sondern potenziell noch vielf&#228;ltiger sind. Dank des Vergleichs zwischen den lokalen Begriffen wird beobachtet, dass Deutsch vielgestaltig ist, aber nicht alle W&#246;rter dieselbe Variationsbreite aufweisen. Beispielsweise gibt es viele Bezeichnungen f&#252;r den Begriff <italic>gro&#223;e Tasse</italic>, die wiederum in weiten Teilen Deutschlands sowie in der Schweiz, in Ostbelgien und S&#252;dtirol einfach als solche benannt wird. Im S&#252;dwesten Deutschlands u.a. hei&#223;t sie hingegen <italic>Becher</italic>, das mit dem italienischen <italic>bicchiere</italic> denselben Ursprung teilt, w&#228;hrend die Form <italic>Pott</italic> im Norden Deutschlands &#252;berwiegt, die mit <italic>Topf</italic> verbunden ist. <italic>Haferl/H&#228;ferl</italic> sind in Bayern und &#214;sterreich &#252;blich. Wie die erstellten W&#246;rterb&#252;cher zeigen, gibt es aber auch W&#246;rter, die unter derselben Bezeichnung im nahezu gesamten deutschen Sprachraum bekannt sind. Ein Beispiel daf&#252;r ist <italic>Konditor</italic>, dessen Form &#252;berall gebr&#228;uchlich ist<xref ref-type="fn" rid="n30">30</xref>. Die Gegen&#252;berstellung von unterschiedlichen Bezeichnungen je nach &#246;rtlichem Sprachgebrauch kann f&#252;r verschiedene Formen wiederholt werden, sodass die Handhabung der Aufgabe zunehmend einfacher wird. W&#252;nschenswert ist, dass die AdA-Karten der ausgew&#228;hlten W&#246;rter und deren Kommentar, die die Basis der Untersuchungsergebnisse darstellten, auch im Plenum betrachtet und ausgewertet werden. In diesem Unterricht auf Anf&#228;ngerniveau werden etwa durch die Beobachtung der AdA-Karten einfache Regelm&#228;&#223;igkeiten in der r&#228;umlichen Verteilung herausgestellt.</p>
<p>Induktiv wird deutlich, dass zwei Hauptph&#228;nomene in der Sprachvariation des Deutschen identifizierbar sind, die u.a. von Leemann / Derungs / Elspa&#223; (<xref ref-type="bibr" rid="B32">2019: 10-20</xref>) wissenschaftlich erkl&#228;rt wurden und als allgemeine nat&#252;rliche Entwicklungstendenzen der Sprache verstanden werden k&#246;nnen: Divergenz und Konvergenz. Diese Feststellung kann als Ansto&#223; fungieren, anhand dessen die Ursachen der Variation kurz eingef&#252;hrt werden. Das Ziel ist hier nicht, die Gr&#252;nde hierf&#252;r ausf&#252;hrlich zu thematisieren, sondern die Voraussetzungen f&#252;r eine anschlie&#223;ende umfassende Behandlung des Themas zu schaffen, die nicht nur als Randanmerkung bzw. Randthematik erfolgen kann. Hier wird angemerkt, dass Divergenz auf historische und geographische Ursachen zur&#252;ckzuf&#252;hren ist, weil Sprachgrenzen meistens mit heutigen oder vorherigen Grenzen &#252;bereinstimmen, die gewisse Formen beibehalten haben, w&#228;hrend Konvergenz in der Regel mit geographischer und gesellschaftlicher Mobilit&#228;t verbunden ist, die die Angleichung gewisser Formen bevorteilt hat (vgl. ebd: 21)<xref ref-type="fn" rid="n31">31</xref>.</p>
<p>Zuletzt ist von der Lehrperson eine Reflexion des AdA als Lern- und Untersuchungsmittel gefordert, damit die Lernenden &#252;ber die Vorteile des Einsatzes der Ressource explizit nachdenken, ihre Verarbeitungsprozesse rekonstruieren und ihr erworbenes Wissen versprachlichen. Es zeigt sich, dass Online-Ressourcen, wie Korpora oder der hier genutzte Atlas, unersetzbare Tools sind, um zu Lernzwecken mit authentischen und zuverl&#228;ssigen Daten effektiv umzugehen. Die explorative Arbeit f&#246;rdert Lernkompetenz und methodisch geleitetes Arbeiten, dar&#252;ber hinaus sensibilisiert der Umgang mit der Variation f&#252;r Pluralismus.</p>
</sec>
</sec>
</sec>
<sec>
<title>5. Schlussfolgerungen und Ausblick</title>
<p>Im vorliegenden Beitrag ging es darum, die Einsatzm&#246;glichkeiten des <italic>Atlas zur deutschen Alltagssprache</italic> im DaF-Unterricht darzustellen. Dabei wurde der Frage nachgegangen, welche f&#252;r DaF-Anf&#228;ngerInnen tauglichen Aufgaben geplant werden k&#246;nnen, um die Bewusstheit &#252;ber die regionale Sprachvariation in DaF zu f&#246;rdern. Anliegen des Beitrags war daher anhand eines konkreten Beispiels das Anwendungspotenzial von Korpora und Sprachatlanten wie des AdA aufzuzeigen, welche bisher nur z&#246;gerlich Eingang in DaF-Unterrichtsszenarien gefunden haben. Nach einer Hinf&#252;hrung zum Thema der regionalen Variation wurde die Frage adressiert, warum der &#246;rtliche Sprachgebrauch einen Platz in DaF finden sollte. Es wurde argumentiert, dass es w&#252;nschenswert ist, dass sich DaF-Lernende mit der <italic>de-facto</italic>-Sprachrealit&#228;t auseinandersetzen, und dass Kenntnisse der Alltagssprache hier einen wichtigen Bestandteil darstellen. Es wurde zudem hervorgehoben, dass viele DaF-Lehrende gegen&#252;ber dem Einsatz von Korpora und Sprachatlanten eher skeptisch sind, weil sie diese als eine &#8222;Sache f&#252;r Spezialisten&#8220; betrachten, deren Anwendung kompliziert ist. Zu diesem verbreiteten Vorurteil tr&#228;gt der Mangel an praxisbezogenen Lern- und Lehrmaterialien deutlich bei, die als Muster f&#252;r die Umsetzung dieser Ressourcen im Unterricht fungieren k&#246;nnen. Anschlie&#223;end wurde der AdA vorgestellt, und es wurde erl&#228;utert, warum er eine leistungsf&#228;hige Ressource ist, die die sprachliche Wirklichkeit auch f&#252;r Lernzwecke ausgewogen dokumentiert. Dies ist eine notwendige Voraussetzung f&#252;r die anschlie&#223;ende umfassende Darstellung des Unterrichtsentwurfs, der als Beitrag verstanden werden kann, um korpuslinguistische Methoden f&#252;r DaF durch einen praxisbezogenen und direkt umsetzbaren Lernvorschlag zu veranschaulichen.</p>
<p>Ausgehend vom thematischen Schwerpunkt der Sprachvariation wurde eine Lernaktivit&#228;t erarbeitet, die zu einem Endprodukt &#8211; der Erstellung einer interaktiven digitalen Karte der Sprachvariation &#8211; f&#252;hrt. Der geplante Unterrichtsentwurf richtet sich an Lernende der Niveaustufe A1, wobei methodologische Aspekte beachtet werden: Der Vorschlag kennzeichnet sich in den unterschiedlichen Schritten durch einen lernerzentrierten und handlungsorientierten Ansatz. Die explorative Arbeit im AdA wird direkt von Seiten der Lernenden durchgef&#252;hrt, sodass <italic>Entdeckungslernen</italic> gef&#246;rdert wird. Der Umgang mit dem Atlas spielt dabei eine zentrale Rolle und erm&#246;glicht es, an unterschiedlichen Kompetenzen zu arbeiten: Er tr&#228;gt zur induktiven Entwicklung von Sprachkompetenzen wie etwa der Festigung des Wortschatzes bei; er f&#246;rdert Lernkompetenzen und erm&#246;glicht den Erwerb von Kenntnissen im Bereich der Sprachvariation und der Uneinheitlichkeit der deutschen Sprache, die oft kaum thematisiert werden, obwohl sie zu einem landeskundlichen Konzept geh&#246;ren. Durch die Aufgabenstellung n&#228;hern DaF-Lernende sich der sprachlichen Wirklichkeit und deren Vielf&#228;ltigkeit schon ab den ersten Lernstufen an, sodass sie schon zu Beginn von einem rigiden Pr&#228;skriptivismus befreit werden und eine neue Vorstellung von richtig und falsch im Rahmen der Sprachen erwerben. Dies f&#246;rdert nicht nur die Wahrnehmungstoleranz, was auch einen ersten Schritt zum Erwerb (inter-)kultureller Kompetenzen darstellt, sondern dient zudem kommunikativen Zwecken, weil der/die DaF-Lernende so schon auf eine sprachliche Realit&#228;t vorbereitet ist, die von einem abstrakten Sprachvorbild abweicht. Die dargestellte Lernaktivit&#228;t, die hier als Unterrichtseinheit im Rahmen des DaF-Unterrichts gedacht wurde, hat ein gro&#223;es Potenzial, indem sie auch in Verbindung mit anderen Disziplinen gesetzt werden kann. Die Verweise auf die diachronische Entwicklung der verschiedenen lexikalischen Auspr&#228;gungen k&#246;nnen zudem eine Anregung darstellen, um die Geschichte Deutschlands kennenzulernen. Au&#223;erdem ist die Verteilung der Varianten ein unkonventioneller Ausgangspunkt, um eine multidisziplin&#228;re Aktivit&#228;t zu gestalten, die Deutsch, Erdkunde aber auch Informatik verbindet. Wenn die Aktivit&#228;t f&#252;r Lernende einer h&#246;heren Niveaustufe &#8211; wie etwa B2 &#8211; angepasst wird, ist daher es auch vorstellbar, ein CLIL-Projekt zu erstellen, das in deutscher Sprache durchgef&#252;hrt wird.</p>
</sec>
</body>
<back>
<fn-group>
<fn id="n1"><p>Vgl. die Karte f&#252;r <italic>Krapfen</italic> im <italic>Atlas zur deutschen Alltagssprache</italic>&#160;<ext-link ext-link-type="uri" xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" xlink:href="https://www.atlas-alltagssprache.de/runde-4/f03/">https://www.atlas-alltagssprache.de/runde-4/f03/</ext-link> (11.09.2021).</p></fn>
<fn id="n2"><p><italic>Krapfen</italic>, bereitgestellt durch das Digitale W&#246;rterbuch der deutschen Sprache, <ext-link ext-link-type="uri" xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" xlink:href="https://www.dwds.de/wb/Krapfen">https://www.dwds.de/wb/Krapfen</ext-link> (11.09.2021).</p></fn>
<fn id="n3"><p>Vgl. <italic>Gemeinsamer Europ&#228;ischer Referenzrahmen f&#252;r Sprachen</italic> (<xref ref-type="bibr" rid="B48">GER 2001</xref>).</p></fn>
<fn id="n4"><p>AdA = Elspa&#223;, Stephan / M&#246;ller, Robert (<xref ref-type="bibr" rid="B1">2003</xref>): <italic>Atlas zur deutschen Alltagssprache</italic> (<italic>AdA</italic>)<italic>. www.atlas-alltagssprache.de</italic> (11.09.2021).</p></fn>
<fn id="n5"><p>Der Begriff wurde als solcher 1976 von H. Kloss bezeichnet, der die von W. Stewart 1968 vorgeschlagene Form <italic>polyzentrische Sprache</italic> ersetzte (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B3">Ammon 1995: 46</xref>).</p></fn>
<fn id="n6"><p>Vgl. die Karte f&#252;r <italic>Blaubeere/Heidelbeere</italic> im Ada <ext-link ext-link-type="uri" xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" xlink:href="http://www.atlas-alltagssprache.de/r11-f1c/">http://www.atlas-alltagssprache.de/r11-f1c/</ext-link> (11.09.2021).</p></fn>
<fn id="n7"><p>Vgl. auch das Zitat von der Homepage des AdA: &#8222;Regionale Unterschiede haben sich aber bis in die Standardsprache, das "Hochdeutsche", erhalten. Das betrifft lautliche Merkmale, besonders aber den Wortschatz. [&#8230;]. Besonders deutliche regionale Unterschiede weist die Alltagssprache auf&#8221;. <ext-link ext-link-type="uri" xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" xlink:href="http://www.atlas-alltagssprache.de/">http://www.atlas-alltagssprache.de/</ext-link> (11.09.2021).</p></fn>
<fn id="n8"><p>Ausgabe 2/2022 von KorDaF &#8222;Grammatikerwerb in DaF und DaZ: Lernerkorpuslinguistische Zug&#228;nge&#8220;, die von K. Wisniewski herausgegeben wird, hat Lernerkorpora als Thema.</p></fn>
<fn id="n9"><p>Restriktiver erscheint die Definition von Kehrein / Vorberger (<xref ref-type="bibr" rid="B29">2018: 125</xref>), die auf Lehmann (<xref ref-type="bibr" rid="B33">2007: 17</xref>) verweist, wonach es sich bei Korpora um eine &#8222;geschlossen verf&#252;gbare Sammlung von Texten&#8220; handelt. Gleichzeitig wird hinzugef&#252;gt (ebd.: 16), dass man dabei &#8222;auch von Korpora von S&#228;tzen, von Informantenurteilen oder von Lexikoneintr&#228;gen&#8220; spricht.</p></fn>
<fn id="n10"><p>Der Anstieg des Anteils der Internetnutzenden in Deutschland ist erheblich: Er lag bei 37% im Jahr 2001 und bei 60% im Jahr 2007, als nach Paschke (<xref ref-type="bibr" rid="B40">2018</xref>) das Interesse f&#252;r Korpuslinguistik f&#252;r DaF sp&#228;testens nachweisbar wurde; 2020 waren rund 94% der Deutschen online. Die Statistiken wurden vom Institut <italic>Statista</italic> erarbeitet und am 09.10.2020 auf der Webseite <ext-link ext-link-type="uri" xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" xlink:href="https://de.statista.com/statistik/daten/studie/36146/umfrage/anzahl-der-internetnutzer-in-deutschland-seit-1997/">https://de.statista.com/statistik/daten/studie/36146/umfrage/anzahl-der-internetnutzer-in-deutschland-seit-1997/</ext-link> ver&#246;ffentlicht (11.09.2021). Die Daten wurden unter den Menschen ab 14 Jahren erhoben. Der Anteil der Internetnutzenden ist im restlichen Europa nicht immer so hoch. Beispielsweise ist er in Italien mit 68% im Jahr 2019 niedriger, wobei ein gro&#223;er Unterschied zwischen &#228;lteren Leuten und Jugendlichen besteht. Die Daten stammen aus der offiziellen Erhebung vom ISTAT (dem italienischen Institut f&#252;r Statistik) und wurden am 18. Dezember 2019 auf der Webseite <ext-link ext-link-type="uri" xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" xlink:href="https://www.istat.it/it/files//2019/12/Cittadini-e-ICT-2019.pdf">https://www.istat.it/it/files//2019/12/Cittadini-e-ICT-2019.pdf</ext-link> ver&#246;ffentlicht (11.09.2021). Die niedrigere Anzahl der ItalienerInnen im Internet ist auch durch die Tatsache erkl&#228;rbar, dass die Daten von Menschen ab 6 Jahren einbezogen werden. Die Daten &#252;ber das Jahr 2020 sind noch nicht bereitgestellt worden.</p></fn>
<fn id="n11"><p>F&#252;r eine &#220;bersicht &#252;ber onlinebasierte Plattformen und Anwendungen f&#252;r regionale Variet&#228;ten des Deutschen vgl. <italic>www.regionalsprache.de</italic> (11.09.2021), die eine Linksammlung zu den unterschiedlichen Ressourcen liefert. Der &#220;berblick wurde im Rahmen von Fischer / Limper (<xref ref-type="bibr" rid="B22">2019</xref>) erarbeitet.</p></fn>
<fn id="n12"><p>Vgl. das Zitat von der Homepage des AdA: &#8222;Dabei wird nicht nach der individuellen Gebrauchsform der Internetnutzer gefragt, sondern nach dem normalen orts&#252;blichen Sprachgebrauch&#8220;.</p></fn>
<fn id="n13"><p>Unter &#8222;indirekte Methode&#8220; sind Umfragen, Gespr&#228;che und Fokusgruppen zu verstehen.</p></fn>
<fn id="n14"><p>Vgl. beispielsweise die <italic>Crowdsourcing</italic>-Plattform VinKo &#8218;Variet&#228;ten in/im Kontakt&#8216; zur Erhebung von Sprachproben aus Minderheitensprachen. <ext-link ext-link-type="uri" xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" xlink:href="https://www.vinko.it/index.php?lang=de">https://www.vinko.it/index.php?lang=de</ext-link> (11.09.2021).</p></fn>
<fn id="n15"><p>Die Quelle f&#252;r die Karte und den begleitenden Kommentar ist <ext-link ext-link-type="uri" xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" xlink:href="http://www.atlas-alltagssprache.de/runde-4/f03/">http://www.atlas-alltagssprache.de/runde-4/f03/</ext-link> (11.09.2021).</p></fn>
<fn id="n16"><p>In der Landschaft der DaF-Didaktik in Italien und in vielen anderen L&#228;ndern ist der Einsatz von Korpora ein neues Thema, das zu einem erneuerten Konzept der Fremdsprachdidaktik und zu einer pluralistischen Perspektive f&#252;hren kann. Zum Erwerb einer Bewusstheit des Unterrichtspotenzials von Korpora ist eine Aus- und Fortbildung der Lehrpersonen erforderlich, die durch institutionelle Initiativen erfolgen kann. Einen Beitrag in dieser Hinsicht hat C. Flinz in Zusammenarbeit mit dem &#8222;Istituto Italiano di Studi Germanici&#8220; geleistet, die am 29.03.2019 das Seminar &#8222;L&#8217;uso dei corpora nelle lingue straniere. Potenzialit&#224; anche in prospettiva plurilingue&#8220; f&#252;r italienische Lehrende gehalten hat.</p></fn>
<fn id="n17"><p>Darunter versteht man Lernende im Alter zwischen 11 und 13.</p></fn>
<fn id="n18"><p>Vgl. &#8222;Indicazioni nazionali per il curricolo della scuola dell&#8217;infanzia e del primo ciclo d&#8217;istruzione&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B13">Cerini et al. 2012: 49</xref>). <ext-link ext-link-type="uri" xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" xlink:href="http://www.indicazioninazionali.it/wp-content/uploads/2018/08/Indicazioni_Annali_Definitivo.pdf">http://www.indicazioninazionali.it/wp-content/uploads/2018/08/Indicazioni_Annali_Definitivo.pdf</ext-link> (11.09.2021).</p></fn>
<fn id="n19"><p>Darunter versteht man Lernende im Alter von 14 bis ungef&#228;hr 17.</p></fn>
<fn id="n20"><p>F&#252;r eine ausf&#252;hrliche Diskussion zum Thema des handlungsorientierten Unterrichts vgl. Letgutke (<xref ref-type="bibr" rid="B34">2009</xref>).</p></fn>
<fn id="n21"><p>Im Deutschen ist diese Methode auch unter der Bezeichnung <italic>Gruppenpuzzle</italic> bekannt. Sie wurde 1971 von Aronson erstmals durchgef&#252;hrt. F&#252;r theoretische Bez&#252;ge auf die Methode vgl. u.a. Aronson / Patnoe (<xref ref-type="bibr" rid="B6">1997</xref>).</p></fn>
<fn id="n22"><p>Eine nicht-intuitive Oberfl&#228;che und ein kompliziertes Men&#252; voller Technizismen w&#228;ren f&#252;r den Einsatz in den Anf&#228;ngerstufen auch sprachlich ein Hindernis.</p></fn>
<fn id="n23"><p>Genauere Karten k&#246;nnten nach Anmeldung auch durch Sprach-GIS (<italic>www.regionalsprache.de, 11.09.2021</italic>) frei erstellt werden. Diese Plattform ist aber m.E. eher f&#252;r Forschungszwecke geeignet, da sie eine Schulung verlangt. Die Erstellung einer Karte in DaF erfordert geringere Pr&#228;zision, weshalb Benutzerfreundlichkeit vorzuziehen ist.</p></fn>
<fn id="n24"><p>Das englische Akronym steht f&#252;r <italic>Bring your own device.</italic></p></fn>
<fn id="n25"><p>F&#252;r eine vollst&#228;ndige Liste der Themen der ersten Stufe vgl. auch <xref ref-type="bibr" rid="B26"><italic>Goethe-Zertifikat A1 Start Deutsch 1 Wortliste</italic></xref>&#160;<ext-link ext-link-type="uri" xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" xlink:href="https://www.goethe.de/pro/relaunch/prf/de/A1_SD1_Wortliste_02.pdf">https://www.goethe.de/pro/relaunch/prf/de/A1_SD1_Wortliste_02.pdf</ext-link> (11.09.2021).</p></fn>
<fn id="n26"><p>Die Darstellung der Variation war schon in den ABCD-Thesen (<xref ref-type="bibr" rid="B20">1990: 12. These</xref>) explizit erw&#252;nscht und als Mittel betrachtet, landeskundliche Konzepte zu vermitteln, die heute als interkulturell bezeichnet werden k&#246;nnen.</p></fn>
<fn id="n27"><p>Je nach Bedarf kann die Zeit auch verl&#228;ngert werden.</p></fn>
<fn id="n28"><p>In der <italic>Jigsaw</italic>-Methode sind ExpertInnen alle Lernenden, die sich f&#252;r dasselbe Teilthema ausbilden.</p></fn>
<fn id="n29"><p>Dieser Schritt sollte ohne Schwierigkeiten erfolgen: Bei Google-My-Maps kann man f&#252;r jeden Ort einen Text (in diesem Fall den Inhalt des W&#246;rterbuchs) einfach kopieren und dann einf&#252;gen.</p></fn>
<fn id="n30"><p>Vgl. die Karte f&#252;r <italic>Kaffeetasse</italic> und <italic>Konditor</italic> im AdA: <ext-link ext-link-type="uri" xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" xlink:href="http://www.atlas-alltagssprache.de/r8-f3h-2/?child=runde">http://www.atlas-alltagssprache.de/r8-f3h-2/?child=runde</ext-link> (Kaffetasse) und <ext-link ext-link-type="uri" xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" xlink:href="http://www.atlas-alltagssprache.de/r10-f5d/">http://www.atlas-alltagssprache.de/r10-f5d/</ext-link> (Konditor) (11.09.2021).</p></fn>
<fn id="n31"><p>Damit Lernende eine Variet&#228;tenkompetenz entwickeln, w&#228;re es auch erstrebenswert, Karten vorzustellen, die die verschiedenen Sprachgebiete anzeigen und die wichtigsten Isoglossen angeben, die anhand der Sprachdaten identifiziert wurden. Somit w&#228;re auch eine diachrone Beschreibung der Vielfalt nachvollziehbar. Die unterschiedlichen Ressourcen der <xref ref-type="bibr" rid="B47">REDE-Plattform</xref> (<ext-link ext-link-type="uri" xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" xlink:href="http://www.regionalsprache.de">www.regionalsprache.de</ext-link>, 11.09.2021) k&#246;nnen zu diesen Zwecken eingesetzt werden. Da sich aber der vorliegende Lernvorschlag an Anf&#228;ngerInnen richtet, die noch &#252;ber wenige Deutschkenntnisse verf&#252;gen, werden die Gr&#252;nde der Variation nur in kurzer und deutlich vereinfachter Form erw&#228;hnt, damit das Thema sp&#228;ter im Lernprozess umfassend behandelt werden kann.</p></fn>
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<title>Kurzbio</title>
<p><bold>Sabrina Bertollo</bold>, Dr. Phil, hat 2014 im Fach Germanistische Sprachwissenschaft an der Universit&#228;t Padua promoviert. Seit 2019 ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin (RTDa) f&#252;r Deutsche Sprache an der Universit&#228;t Verona. Zu ihren Forschungsinteressen z&#228;hlen Didaktik f&#252;r Deutsch als Fremdsprache, Sprachvergleich und Syntax. Sie besch&#228;ftigt sich aber auch mit Mehrsprachigkeit und Dialekten.</p>
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