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<journal-id journal-id-type="issn">2749-4411</journal-id>
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<journal-title>Zeitschrift Korpora Deutsch als Fremdsprache</journal-title>
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<issn pub-type="epub">2749-4411</issn>
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<publisher-name>Universit&#228;ts- und Landesbibliothek Darmstadt</publisher-name>
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<article-id pub-id-type="doi">10.48694/tujournals-4325</article-id>
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<subject>Thematic issue articles</subject>
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<article-title>&#8222;ALSO DIESE &#8230; DOPPELGESICHTIGKEIT IST IMMER NOCH DA&#8230;&#8220;</article-title>
<subtitle>Individuelle Erinnerungsr&#228;ume in sprachbiografischen Interviews zur Wende 1989</subtitle>
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<surname>Katelh&#246;n</surname>
<given-names>Peggy</given-names>
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<email>peggy.katelhoen@unimi.it</email>
<xref ref-type="aff" rid="aff-1">1</xref>
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<aff id="aff-1"><label>1</label>Universit&#224; degli Studi di Milano</aff>
<pub-date publication-format="electronic" date-type="pub" iso-8601-date="2025-07-25">
<day>25</day>
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<year>2025</year>
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<year>2025</year>
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<fpage>70</fpage>
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<copyright-year>2025</copyright-year>
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<abstract>
<p>Seit der deutschen Wiedervereinigung vor f&#252;nfunddrei&#223;ig Jahren wurden zahlreiche Publikationen zur DDR-Sprache ver&#246;ffentlicht, deren wissenschaftliche Neutralit&#228;t jedoch oft durch politische und/oder biografische Hintergr&#252;nde der Forschenden beeinflusst wurde. Die rasche Wiedervereinigung, die Vernichtung sprachlicher DDR-Zeugnisse und die Diglossie zwischen &#246;ffentlichem und privatem Sprachgebrauch erschweren bis heute die sprachhistorische Dokumentation. Der Beitrag untersucht sprachbiografische Interviews mit sprachhistorischen und diskurslinguistischen Methoden. Ziel ist es, individuelle Spracherinnerungen zu systematisieren und das Spannungsverh&#228;ltnis zwischen kommunikativem und kulturellem Ged&#228;chtnis zur DDR-Geschichte und zum Sprachgebrauch in der DDR nachzuzeichnen.</p>
</abstract>
<trans-abstract xml:lang="en">
<p>Since German reunification thirty-five years ago, numerous publications on the GDR language have been published, though researchers&#8217; political and biographical backgrounds have often influenced their scientific neutrality. The rapid reunification, the destruction of GDR linguistic documents, and the known diglossia between public and private language use complicate historical language documentation. This paper examines language biographical interviews using historical linguistic and discourse analysis methods. The aim is to systematize individual language memories and trace the tension between communicative and cultural memory regarding GDR history and GDR language use.</p>
</trans-abstract>
<kwd-group>
<kwd>deutsche Sprache</kwd>
<kwd>DDR</kwd>
<kwd>DDR-Sprache</kwd>
<kwd>Sprachbiografien</kwd>
<kwd>Diskurslinguistik</kwd>
<kwd>Sprachgebrauch</kwd>
<kwd>kulturelles Ged&#228;chtnis</kwd>
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<kwd>German language</kwd>
<kwd>GDR</kwd>
<kwd>language of the GDR</kwd>
<kwd>language biographical interviews</kwd>
<kwd>discourse linguistics</kwd>
<kwd>language use</kwd>
<kwd>cultural memory</kwd>
</kwd-group>
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<body>
<disp-quote>
<p><italic>Was bleiben wird, sind wir, die Menschen in diesem Territorium.</italic></p>
<p><italic>Ohne den Ort zu ver&#228;ndern, gehen wir in die Fremde.</italic></p>
<p>(Helga K&#246;nigsdorf: <italic>Adieu DDR. Protokoll eines Abschieds</italic>, 31.08.1990, Vorwort).</p>
</disp-quote>
<sec>
<title>1. Einleitung</title>
<p>Seit der deutschen Wiedervereinigung sind mehr als f&#252;nfunddrei&#223;ig Jahre vergangen, und es wurden unz&#228;hlige Publikationen zum Thema der deutschen Sprache in der DDR publiziert (Auswahlbibliografien zu diesem Thema finden sich u.a. in <xref ref-type="bibr" rid="B40">Katelh&#246;n 2009</xref> und <xref ref-type="bibr" rid="B56">Reiher 2024</xref>). Viele sprachwissenschaftlichen Untersuchungen konnten jedoch lange Zeit nicht wertungsneutral durchgef&#252;hrt werden, da Einsch&#228;tzungen, Schlussfolgerungen und Ausblicke je nach Herkunft der Wissenschaftler:innen und der aktuellen politischen Lage formuliert wurden<xref ref-type="fn" rid="n1">1</xref>.</p>
<p>Hinzu kommt, dass sich durch die rasche Wiedervereinigung auch der Sprach-(gebrauchs-)wandel<xref ref-type="fn" rid="n2">2</xref> in einem bis dato nie dokumentierten Tempo vollziehen musste (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B57">Reiher / Baumann 2004</xref>). Die Vernichtung sprachlicher Zeugnisse der DDR<xref ref-type="fn" rid="n3">3</xref> als auch die bekannte Diglossie<xref ref-type="fn" rid="n4">4</xref> zwischen &#246;ffentlichem und privatem Sprachgebrauch in der DDR stellen bis heute ein ernst zu nehmendes Problem f&#252;r sprachhistorische Dokumentationen dar, da sprachliche Zeugnisse aus dem privaten Bereich kaum vorliegen bzw. selten systematisch erfasst wurden<xref ref-type="fn" rid="n5">5</xref>.</p>
<p>Umso begr&#252;&#223;enswerter waren die einzelnen Initiativen einiger Linguist:innen, die in der Umbruchsphase versuchten, sprachliche Befindlichkeiten durch sprachbiografische Interviews zu attestieren. Ziel des vorliegenden Beitrages ist es, diese sprachlichen Erinnerungen, wie sie v.a. in (sprach-)biografischen Interviews u.a. von Fix / Barth (<xref ref-type="bibr" rid="B24">2000</xref>), Dittmar / Bredel (<xref ref-type="bibr" rid="B18">1999</xref>) und Dittmar / Paul (<xref ref-type="bibr" rid="B19">2019</xref>) zur Sprache in der DDR und in der Wende erfasst wurden, mit sprachhistorischen und diskurslinguistischen Methoden zu untersuchen, um die individuellen Spracherinnerungen zu erfassen und zu systematisieren, denn:</p>
<disp-quote>
<p>(Sprach-)biographische Erz&#228;hlungen sind als stets unvollst&#228;ndig, ko-konstruiert und ver&#228;nderlich in der Zeit zu betrachten: Biographische Narrative liefern W&#246;rter und nicht Fakten &#8211; diese h&#246;rbaren oder sichtbaren Worte sind, im Gegensatz zu nicht direkt zug&#228;nglichen Fakten, Ausdruck mehrsprachiger Subjekte, ihres Blicks auf die Welt und ihrer diversen Erfahrungen (<xref ref-type="bibr" rid="B55">Purkarthofer 2022: 559</xref>).</p>
</disp-quote>
<p>Auch die Interviews von Sprecher:innen aus der DDR sollen in diesem Beitrag hinsichtlich der (pluri-)lingualen Identit&#228;t ihrer Sprecher:innen erfasst und beschrieben werden, um mit sprachhistorischen diskurslinguistischen Methoden das Spannungsverh&#228;ltnis zwischen kommunikativem individuellem und kulturellem &#246;ffentlichem Ged&#228;chtnis zur Geschichte der DDR nachzuzeichnen und zu begr&#252;nden. Ziel ist es, diese individuellen Erinnerungen zu systematisieren und als Quelle f&#252;r sprachhistorische Dokumentationen zu nutzen.</p>
<p>Im n&#228;chsten Abschnitt (2) werde ich die theoretischen Grundlagen darstellen. Vor dem Hintergrund einer historischen Diskurslinguistik werden Sprachbiografien definiert. Sprachbiografien und sprachbiografische Interviews zum Leben in und nach der DDR werden dann in den Zusammenhang von Erinnerungsr&#228;umen und -gemeinschaften gestellt werden, da sie als Teile von individuellem Ged&#228;chtnis zur Konstruktion von gesellschaftlichem Ged&#228;chtnis beitragen. Im Hauptteil (Abschnitt 3) werden bereits vorhandene Korpora und Textsammlungen zu sprachbiografischen Interviews mit dem genannten historischen Bezug erfasst und vorgestellt. Ihnen gemeinsam ist das Schl&#252;sselthema &#8218;Sprache&#8216;, das hier gesondert analysiert wird. Abschlie&#223;end werde ich die Erkenntnisse zusammenfassen und mit einem Ausblick auf m&#246;gliche, zuk&#252;nftige Forschungsans&#228;tze enden (Abschnitt 4).</p>
</sec>
<sec>
<title>2. Theoretische Grundlagen</title>
<p>In diesem Abschnitt werde ich erl&#228;utern, welche Definition von Diskurs ich meiner Analyse zugrunde lege. Daher werde ich auch die historische Diskurslinguistik kurz umrei&#223;en, um dann speziell Umbruchsdiskurse zu definieren. Es schlie&#223;t sich eine linguistische Verortung des Begriffs Sprachbiografien an. Anschlie&#223;end werden die Konzepte der Erinnerungsr&#228;ume und des Ged&#228;chtnisses analysiert.</p>
<sec>
<title>2.1 Diskurs, (historische) Diskurslinguistik und Umbruchsdiskurse</title>
<p>Der Begriff <italic>Diskurs</italic> ist &#228;u&#223;erst komplex und in der sprachwissenschaftlichen Literatur noch nicht eindeutig definiert (vgl. u.a. <xref ref-type="bibr" rid="B15">Busse / Teubert 1994</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B26">Fraas 1996: 7</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B9">Bendel Larcher 2015: 12</xref>). Eine m&#246;gliche Minimaldefinition von <italic>Diskurs</italic>, wie sie beispielsweise bei Adamzik (<xref ref-type="bibr" rid="B1">2004: 254</xref>) zu finden ist, basiert auf einem inhaltlichen Kriterium:</p>
<disp-quote>
<p>Ein Diskurs ist also eine prinzipiell offene Menge von thematisch zusammenh&#228;ngenden und aufeinander bezogenen &#196;u&#223;erungen.</p>
</disp-quote>
<p>In dem grundlegenden Artikel von Busse / Teubert (<xref ref-type="bibr" rid="B15">1994: 14</xref>, Wiederabdruck 2013) wird Diskurs wie folgt definiert:</p>
<disp-quote>
<p>Unter Diskursen verstehen wir im forschungspraktischen Sinn virtuelle Textkorpora, deren Zusammensetzung durch im weitesten Sinne inhaltliche (bzw. semantische) Kriterien bestimmt wird. Zu einem Diskurs geh&#246;ren alle Texte, die</p>
<list list-type="bullet">
<list-item><p>sich mit einem als Forschungsgegenstand gew&#228;hlten Gegenstand, Thema, Wissenskomplex oder Konzept befassen, untereinander semantische Beziehungen aufweisen und/oder in einem gemeinsamen Aussage-, Kommunikations-, Funktions- oder Zweckzusammenhang stehen,</p></list-item>
<list-item><p>den als Forschungsprogramm vorgegebenen Eingrenzungen in Hinblick auf Zeitraum / Zeitschnitte, Areal, Gesellschaftsausschnitt, Kommunikationsbereich, Texttypik und andere Parameter gen&#252;gen,</p></list-item>
<list-item><p>und durch explizite oder implizite (text- oder kontextsemantische erschlie&#223;bare) Verweisungen aufeinander Bezug nehmen bzw. einen intertextuellen Zusammenhang bilden.</p></list-item>
</list>
</disp-quote>
<p>Weiterf&#252;hrend erl&#228;utern die Autoren, dass Diskurse im Prinzip von den Untersuchenden vordefiniert werden, indem sie das Thema, den Zeitrahmen, die Diskursbeteiligten oder auch den Diskursraum vor der Zusammenstellung des zu untersuchenden Korpus selbst festlegen. Textkorpora seien Teilmengen der jeweiligen Diskurse, bei deren Auswahl auch praktische Gesichtspunkte wie Verf&#252;gbarkeit der Quellen neben den in inhaltlichen Relevanzkriterien eine Rolle spielen k&#246;nnen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B16">Busse / Teubert 2013: 13</xref>).</p>
<p>Einem weiteren Aspekt von Diskurs wird in der Definition von Gardt (<xref ref-type="bibr" rid="B27">2007: 30</xref>) Rechnung getragen, der Diskurs versteht als eine Auseinandersetzung mit einem Thema, die sich in &#196;u&#223;erungen und Texten der unterschiedlichsten Art niederschlage, von mehr oder weniger gro&#223;en gesellschaftlichen Gruppen getragen werde und das Wissen und die Einstellungen dieser Gruppen zu dem betreffenden Thema sowohl spiegele als auch aktiv pr&#228;ge und somit handlungsleitend f&#252;r die zuk&#252;nftige Gestaltung der gesellschaftlichen Wirklichkeit in Bezug auf dieses Thema wirke.</p>
<p>Diskurse sind folglich Texte, die eine thematische Verbindung haben und Wissen und Einstellungen bestimmter gesellschaftlicher Gruppen widerspiegeln als auch aktiv bestimmen oder ver&#228;ndern k&#246;nnen. Sehen wir uns noch eine letzte Definition genauer an:</p>
<disp-quote>
<p>Ein Diskurs besteht aus Serien themenidentischer Aussagen, [&#8230;] die von einer bestimmten Gruppe von Diskursbeteiligten realisiert werden, die in unterschiedlichen textuellen Mustern und kommunikativen Praktiken repr&#228;sentiert sind und die sich insbesondere in einem diskurstypischen und diskursrelevanten Vokabular verdichten. (<xref ref-type="bibr" rid="B37">K&#228;mper 2011: 35</xref>)</p>
</disp-quote>
<p>Diskursanalyse hat als zugleich auch den Anspruch, Gesellschaftsanalyse zu sein (<xref ref-type="bibr" rid="B36">J&#228;ger 1993: 210</xref>). Im Kontext dieses Aufsatzes sei noch auf einen weiteren Aspekt hingewiesen:</p>
<disp-quote>
<p>Was in den zitierten Definitionen nicht zur Sprache kommt, aber einen wichtigen Aspekt des Diskursbegriffs darstellt, ist die Frage, was zu einer bestimmten Zeit in einer bestimmten Gesellschaft zum fraglichen Thema nicht gesagt wird, weil es gesellschaftlich nicht legitim ist oder kollektiv verdr&#228;ngt wird. (<xref ref-type="bibr" rid="B9">Bendel Larcher 2015: 13</xref>)</p>
</disp-quote>
<p>Auch das Verschweigen und Verbergern bzw. Sprachlosigkeit<xref ref-type="fn" rid="n6">6</xref> der Diskursbeteiligten wird in der weiteren Untersuchung noch eine wichtige Rolle spielen.</p>
<p>Diese Ausf&#252;hrungen zusammenfassend, kann festgehalten werden, dass eine historische, sprachwissenschaftliche Diskursanalyse es zur Aufgabe hat, die thematischen Gemeinsamkeiten eines Diskurses von Diskursbeteiligten zu einer bestimmten Zeit herauszuarbeiten, um somit die Gesellschaft an sich zu charakterisieren, denn:</p>
<disp-quote>
<p>Die daraus abzuleitende Aufgabe der Diskurslinguistik ist es, einen Diskurs als gesellschaftliches Ph&#228;nomen in seiner Komplexit&#228;t und Heterogenit&#228;t hinsichtlich der Diskursbeteiligten [&#8230;] und seiner sprachlichen Manifestation zu beschreiben. Sprachwissenschaftliche Diskursanalyse stellt dar, wie eine gesellschaftliche Formation einer bestimmten Epoche bzw. zu einer bestimmten Zeit auf einen Sachverhalt kontrovers oder konsensuell sprachlich Bezug nimmt und damit konstituiert. Damit sind Diskurse durch die jeweils spezifischen (historischen, gesellschaftlichen, politischen, individuellen) Bedingungen gepr&#228;gte soziale Praktiken zur kollektiven Deutung von Wirklichkeit. In ihnen wird &#8211; je nach Sprecherperspektive bzw. Akteursbezug &#8211; Sinn und damit Wirklichkeit konstituiert. (<xref ref-type="bibr" rid="B38">K&#228;mper 2018: 55</xref>)</p>
</disp-quote>
<p>In einer fr&#252;heren Publikation widmet sich die Linguistin speziell Umbruchsdiskursen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B37">K&#228;mper 2011</xref>). Politische Z&#228;suren wie die von 1945 und 1989/90 hatten historisch weltweiten Einfluss und schlugen sich vor allem in den Diskursen dieser Epochen nieder. Die Elemente dieser Diskurse, wie &#8222;[&#8230;] Thema, Beteiligte, Texte und Textsorten, sowie Wortschatz sind demnach gesellschaftlich und sprachlich umbruchrelevante Faktoren&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B37">K&#228;mper 2011: 35</xref>). Neben der politischen Z&#228;sur werden Umbruchsdiskurse vor allen durch sprachliche Besonderheiten definiert, K&#228;mper f&#252;hrt weiter aus, dass (sprach-)geschichtlicher Umbruch nicht nur einen einfachen Abl&#246;seprozess darstelle, sondern unter bestimmten Bedingungen ein Kampf von Alt mit Neu realisiere. Eine sprachliche Neuerungsphase sei u.U. eine transitorische Phase, in der das Alte und Neue gleicherma&#223;en gelten.</p>
<p>Die hier zu betrachtenden Sprachbiografien zur Wende 1989 stellen einen deutlichen Umbruchsdiskurs dar<xref ref-type="fn" rid="n7">7</xref>. Doch betrachten wir nachfolgend zun&#228;chst, auf welche Art von Texten sich der Begriff Sprachbiografie bezieht.</p>
</sec>
<sec>
<title>2.2 Sprachbiografie</title>
<p>Die sprachwissenschaftliche Auseinandersetzung mit Sprachbiografien hat verst&#228;rkt im letzten Jahrzehnt des letzten Jahrhunderts eingesetzt und kann seit 2000 mittlerweile als fester Bestandteil linguistischer Forschungen betrachtet werden. K&#246;nig (<xref ref-type="bibr" rid="B47">2018</xref>) hat die bisherigen Schwerpunkte erfasst. So finden sich sprachbiografische Interviews mit folgenden sprachwissenschaftlichen Ausrichtungen: in der Migrations- und Mehrsprachigkeitsforschung, in der Dialektologie, in der Sprachhistoriografie, in der Neurobiologie und in der Patholinguistik. Die Relevanz von Sprachbiografien f&#252;r die linguistische Forschung wird von Th&#252;ne (<xref ref-type="bibr" rid="B60">2021: 16</xref>) folgenderma&#223;en beschrieben:</p>
<disp-quote>
<p>Es ist das subjektive Erleben von individuellen und gesellschaftlichen Konstellationen von Spracherwerb, Sprachverlust und Sprachgebrauch in bestimmten historischen Momenten, wof&#252;r Sprachbiographien eine zus&#228;tzliche Informationsquelle darstellen.</p>
</disp-quote>
<p>Eine Arbeitsdefinition f&#252;r Sprachbiografien findet sich in Kofer (<xref ref-type="bibr" rid="B42">2020: 1</xref>). Die Autorin f&#252;hrt aus, dass es bei Sprachbiografien um die Darstellung eines Lebens bzw. einer Lebensspanne unter dem Gesichtspunkt der Sprachentwicklung gehe. Ziel einer Sprachbiografie sei die Rekonstruktion eines Gesamtbildes der sprachlichen Entwicklung einer Person in ihrem gesellschaftlichen Umfeld, die R&#252;ckschl&#252;sse auf die sprachliche und soziale Identit&#228;t einer Person sowie auf den Zusammenhang zwischen der individuellen Sprachentwicklung und den f&#252;r sie relevanten Lebensbedingungen erm&#246;gliche.</p>
<p>Zur engen Relation zwischen Sprecher:in und Sprache und zur Bedeutungskonstitution in und durch Narrationen in Sprachbiografien &#228;u&#223;ert sich auch Busch (<xref ref-type="bibr" rid="B14">2011: 2-3</xref>):</p>
<disp-quote>
<p>Sprachbiografien r&#252;cken die pers&#246;nliche Beziehung zwischen Sprecher:in und Sprache in den Vordergrund. Aus Sicht der Biographieforschung geht es daher keineswegs nur um die Frage, was erz&#228;hlt wird, sondern ganz wesentlich darum, wie und warum etwas erz&#228;hlt (oder nicht erz&#228;hlt) wird, d. h. welche Bedeutung durch das Erz&#228;hlen geschaffen wird. Biographische Interviews oder autobiographische Textsorten sind demnach als Produktionen zu verstehen, die in ein komplexes Netz von Bez&#252;gen eingebunden sind: zu den konkreten Kontexten und Bedingungen ihrer Entstehung, zu den lebensgeschichtlichen und lebensweltlichen Erfahrungshorizonten der Erz&#228;hlenden und zu historisch-gesellschaftlichen Formationen, in die subjektives Erleben eingebettet und von denen es durchdrungen ist.</p>
</disp-quote>
<p>Es sind verschiedene Formen der Datenerhebungen denkbar, auch wenn das narrative Interview, in das die Interviewenden so wenig wie m&#246;glich in die Narration eingreifen<xref ref-type="fn" rid="n8">8</xref>, die vielleicht am h&#228;ufigsten verwendete Form ist. K&#246;nig (<xref ref-type="bibr" rid="B46">2017: 200</xref>) erw&#228;hnt sowohl schriftliche (z.B. Tagebuchaufzeichnungen, Romane) als auch m&#252;ndliche (z.B. spontane sprachbiografische &#196;u&#223;erungen im Gespr&#228;ch), mithin sogar bildliche Verarbeitungen als Dokumenttypen f&#252;r Sprachbiografien, wenngleich die Autorin das qualitative Interview als h&#228;ufigste Form der Erhebung f&#252;r Sprachbiografien bestimmt.</p>
<p>Sprachbiografische Erhebungen weisen drei Ebenen auf: die gelebte, die erinnerte und die (re-)konstruierte (Sprach-)Geschichte. Tophinke (<xref ref-type="bibr" rid="B61">2002: 1</xref>) pr&#228;zisiert diesen Aspekt wie folgt:</p>
<disp-quote>
<p>Einmal kann die gelebte Geschichte des Erwerbs von Sprache(n) und Sprachvariet&#228;ten, der Sprachpraxis und Spracheinstellungen gemeint sein, die ihren spezifischen sprachlichen und sozialen Kontext hat. Um Sprachbiografie geht es zum anderen im Falle einer rein erinnernden Rekonstruktion der sprachbiografisch relevanten Erfahrungen. Schlie&#223;lich kann Sprachbiografie die sprachliche Rekonstruktion einer Sprachbiografie bezeichnen, die schriftlich oder m&#252;ndlich realisiert werden kann.</p>
</disp-quote>
<p>Diese drei Ebenen k&#246;nnen nach individuellen und sozialen Aspekten unterschieden werden:</p>
<table-wrap id="T1">
<label>Tabelle 1</label>
<caption>
<p>Ebenen von Sprachbiografien nach Tophinke (<xref ref-type="bibr" rid="B61">2002: 2</xref>)</p>
</caption>
<table>
<tbody>
<tr>
<td align="left" valign="top">Sprachbiografie als:</td>
<td align="left" valign="top">Individueller Aspekt</td>
<td align="left" valign="top">Sozialer Aspekt</td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top">Gelebte Geschichte</td>
<td align="left" valign="top">Individuelle gelebte Geschichte des Erwerbs von Sprache(n) und Sprachvariet&#228;ten, der Sprachpraxis und der Einstellungen zur Sprache</td>
<td align="left" valign="top">vollzieht sich im Kontext von Sprachen und Sprachvariet&#228;ten, sozialen Sinnschemata und Ordnungsstrukturen, gesellschaftlichen Relevanzsetzungen und sprachlichen Anforderungen</td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top">Erinnerte Geschichte</td>
<td align="left" valign="top">Erinnernde (rein kognitive) Rekonstruktion sprachbiografisch relevanter Ereignisse und Erfahrungen</td>
<td align="left" valign="top">ist beeinflusst von sozialen Sinnschemata; wird als kognitive Rekonstruktion sozial-kommunikativ nicht pr&#228;sent</td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top">Sprachliche Rekonstruktion der Geschichte</td>
<td align="left" valign="top">Sprachliche Rekonstruktion einer Sprachbiografie unter Rekurs auf Erinnerungen, Quellen u.v.m.</td>
<td align="left" valign="top">erfolgt unter funktionaler Einbindung in ein sozialkommunikatives Geschehen</td>
</tr>
</tbody>
</table>
</table-wrap>
<p>Im n&#228;chsten Paragrafen soll kurz auf die Konzepte von Erinnerung und Ged&#228;chtnis in Bezug auf die DDR und die Wende 1989 eingegangen werden.</p>
</sec>
<sec>
<title>2.3 Erinnerung(-sorte) und Ged&#228;chtnis</title>
<p>Aleida Assmann (<xref ref-type="bibr" rid="B6">1999</xref>) pr&#228;gte den Begriff der Erinnerungsr&#228;ume, in denen Ged&#228;chtnis und Identit&#228;t verankert sind. Erinnerungsr&#228;ume entstehen in Erinnerungsgemeinschaften (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B13">Burke 1993: 298-230</xref>). Fix (<xref ref-type="bibr" rid="B21">2000: 30-31</xref>) pr&#228;zisiert in Zusammenhang zu den Sprachbiografien, die unter 3. analysiert werden sollen, dass man sich in diesem Kontext mehrere Fragen stellen k&#246;nne:</p>
<list list-type="order">
<list-item><p>Wer erinnert was in Gemeinschaft mit wem?</p></list-item>
<list-item><p>Wer erinnert was nicht in Gemeinschaft mit wem?</p></list-item>
<list-item><p>Was wird nicht erinnert? (<xref ref-type="bibr" rid="B21">Fix 2000: 30</xref>)<xref ref-type="fn" rid="n9">9</xref></p></list-item>
</list>
<p>Nach Jan Assmann (<xref ref-type="bibr" rid="B7">1992: 48-50</xref>) k&#246;nne das kulturelle Ged&#228;chtnis nur ein halbes Ged&#228;chtnis sein, es m&#252;sse immer durch das kommunikative bzw. individuelle Ged&#228;chtnis erg&#228;nzt werden. Genau hier setzt die Sprachbiografieforschung zu Umbruchsdiskursen an. In Sprachbiografien werden Erinnerungsgemeinschaften auch zu Erkl&#228;rungs- und Rechtfertigungsgemeinschaften:</p>
<list list-type="simple">
<list-item><p>4. Wer erkl&#228;rt in Gemeinschaft mit wem was auf welche Weise?</p></list-item>
<list-item><p>5. Wer rechtfertigt mit wem was auf welche Weise? (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B21">Fix 2000: 31</xref>)</p></list-item>
</list>
<p>Diese Erkl&#228;rungs- und Rechtfertigungsgemeinschaft kann in den &#8218;Sprachbiographien&#8216; von Fix / Barth (<xref ref-type="bibr" rid="B24">2000</xref>) in Nichtkonformist:innen und Konformist:innen unterteilt werden. Die Nichtkonformist:innen stellen sich als Beobachter:innen von au&#223;en dar; die Sprachhandlungen, die sie in ihren Narrationen verwenden, seien vor allem: offenlegen, erkl&#228;ren, warum etwas so war. Die Konformist:innen hingegen verst&#252;nden sich als Beteiligte, die sich auf ihre fr&#252;heren Positionen durch die Sprachhandlungen: rechtfertigen und Stellung, nehmen bez&#246;gen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B21">Fix 2000: 31-37</xref>).</p>
<p>Doch kehren wir zum individuellen und kollektiven Ged&#228;chtnis zur&#252;ck. Bredel (<xref ref-type="bibr" rid="B12">2019: 67</xref>) erkl&#228;rt, warum individuelle Diskurse zur DDR-Vergangenheit, zur Wende und zum Mauerfall relevant f&#252;r das kollektive Ged&#228;chtnis zu diesem Thema sind:</p>
<disp-quote>
<p>Versteht man unter dem kollektiven Ged&#228;chtnis diejenigen u&#776;berindividuellen Wissensbest&#228;nde, die die Selbst- und Fremdwahrnehmung von Gruppen mitbestimmen, stellen der Mauerfall und die Wiedervereinigung eine &#228;u&#223;erst wirkm&#228;chtige Quelle dar. Auch 30 Jahre sp&#228;ter bilden die Ereignisse rund um den 9. November ein zentrales Dispositiv f&#252;r das gesellschaftliche und politische Selbstverst&#228;ndnis im vereinigten Deutschland. Die Wissensbest&#228;nde, die dabei aktiviert werden, entstammen weniger den individuellen Erfahrungen als vielmehr medial erzeugten und reproduzierten Bildern sowie zu Schlagworten geronnenen Deutungen wie etwa das der &#8222;friedlichen Revolution&#8220;, das des &#8222;Zusammenwachsens, was zusammengeh&#246;rt&#8220;, das der &#8222;blu&#776;henden Landschaften&#8220; etc.; auch Bilder von Ossis und Wessis als Unter- und &#220;berlegene im Vereinigungsprozess geh&#246;ren dazu.</p>
</disp-quote>
<p>Das kollektive Ged&#228;chtnis an die DDR wird von einem vorherrschenden Mediendiskurs<xref ref-type="fn" rid="n10">10</xref> gepr&#228;gt: Sabrow (<xref ref-type="bibr" rid="B58">2009a: 18-19</xref>) ermittelt drei, sich in den 90er Jahre herausgebildete und bis heute vorherrschende, Erinnerungslandschaften: das Diktaturged&#228;chtnis, das Arrangementged&#228;chtnis und das Fortschrittsged&#228;chtnis:</p>
<p>Das <italic>Diktaturged&#228;chtnis</italic> weist auf den Unterdr&#252;ckungscharakter der SED-Herrschaft und ihre mutige &#220;berwindung in der friedlich gebliebenen Revolution von 1989/90 hin (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B58">Sabrow 2009a: 18</xref>).</p>
<disp-quote>
<p>Die diskurszentrierte Erinnerung widmet ihre Aufmerksamkeit vorrangig dem Macht- und Repressionsapparat des kommunistischen Regimes, und sie pocht darauf, dass zum Verst&#228;ndnis der DDR die Stasi wichtiger sei, als die Kinderkrippe. (ebd.)</p>
</disp-quote>
<p>Diese Art des Ged&#228;chtnisses beherrscht nach Sabrow das DDR-Bild der &#246;ffentlichen Erinnerung.</p>
<p>Das <italic>Arrangementged&#228;chtnis</italic> sei dagegen in Ostdeutschland bis heute dominant. Es verkn&#252;pfe Machtsph&#228;re mit der privaten Lebenswelt, es ist das Ged&#228;chtnis,</p>
<disp-quote>
<p>[&#8230;] das vom richtigen Leben im falschen wei&#223; und die M&#252;he des Auskommens mit einer mehrheitlich vielleicht nicht gewollten, aber doch als unab&#228;nderlich anerkannten oder f&#252;r selbstverst&#228;ndliche Normalit&#228;t gehaltene Parteiherrschaft. (ebd.: 19)</p>
</disp-quote>
<p>In diesem Ged&#228;chtnis gehe es darum, wie man sich mit den gesellschaftlichen Anforderungen und staatlichen Zumutungen in seiner Lebenswelt auseinandersetzte. Wie man pers&#246;nlich ein Arrangement fand, das vielleicht ein ungeliebter Kompromiss war. Doch die Erinnerung daran verbinde beispielsweise das Blauhemd der FDJ nicht nur mit der Parteimacht, &#8222;sondern auch [mit der] gl&#252;cklichen Zeit der eigenen Jugend&#8220;, und der Einkaufsbeutel erinnere nicht nur an die Mangelwirtschaft, &#8222;sondern auch an den einstigen Wert der Dinge&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B58">Sabrow 2009a: 19</xref>).</p>
<p>Das dritte Ged&#228;chtnis bezeichnet Sabrow als <italic>Fortschrittsged&#228;chtnis</italic>, bei dem die DDR von ihrem Anfang her gedacht werde, als Versuch, eine gerechtere Gesellschaft aufzubauen. Zwar werde zugebilligt, dass dieser Versuch gescheitert sei, doch als Bekr&#228;ftigung der an sich guten Absichten, werden immer wieder Institutionen oder gesellschaftliche Umst&#228;nde in der DDR genannt, die positiv gesehen werden m&#252;ssten (vgl. ebd.)</p>
<p>Jetzt, f&#252;nfunddrei&#223;ig Jahre nach Mauerfall und Einheit, l&#228;sst sich sowohl in der soziologischen als auch historischen Forschung die Tendenz erkennen, das &#246;ffentliche kollektive Ged&#228;chtnis an die DDR zu hinterfragen, bzw. um individuelle Erinnerungen zu erg&#228;nzen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B58">Sabrow 2009a</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B29">Goudin-Steinmann / H&#228;hnel-Mesnard 2013</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B4">Arp / Goudin-Steinmann 2022</xref>)<xref ref-type="fn" rid="n11">11</xref>.</p>
</sec>
</sec>
<sec>
<title>3. Untersuchung zu Sprachbiografien zur Wende 1989</title>
<p>In diesem Hauptteil m&#246;chte ich zwei verschiedene Sammlungen von Sprachbiografien zur Wende hinsichtlich der individuellen Erinnerungen zum Schl&#252;sselthema Sprache analysieren. Es handelt sich dabei um die Sammlung von sprachbiografischen Interviews mit dem Titel <italic>Sprachbiographien</italic> von Fix / Barth (<xref ref-type="bibr" rid="B24">2000</xref>)<xref ref-type="fn" rid="n12">12</xref> und zum anderen um das <italic>Berliner Wendekorpus</italic> von Dittmar / Paul (<xref ref-type="bibr" rid="B19">2019</xref>)<xref ref-type="fn" rid="n13">13</xref>.</p>
<sec>
<title>3.1 Empirische Grundlage und Analysemethode</title>
<p>In der folgenden &#220;bersicht werden die Eckdaten zu beiden Sammlungen<xref ref-type="fn" rid="n14">14</xref> von Sprachbiografien gegen&#252;bergestellt.</p>
<table-wrap id="T2">
<label>Tabelle 2</label>
<caption>
<p>Merkmale von SB und BW</p>
</caption>
<table>
<tbody>
<tr>
<td align="left" valign="top"></td>
<td align="left" valign="top">SB</td>
<td align="left" valign="top">BW</td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top">Thema</td>
<td align="left" valign="top">Sprache, Sprachgebrauchswandel</td>
<td align="left" valign="top">Umbrucherfahrungen zum Mauerfall und zur Wiedervereinigung</td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top">Wiss. Rahmen</td>
<td align="left" valign="top">DFG-Projekt</td>
<td align="left" valign="top">Universit&#228;tsseminar</td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top">Erhebungszeitraum</td>
<td align="left" valign="top">1994-1996</td>
<td align="left" valign="top">1992-1996</td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top">Interviewte</td>
<td align="left" valign="top">2 Personen aus Westdeutschland, 23 aus der DDR, teils aus dem Freundes- und Bekanntenkreis, teils den Interviewerinnen unbekannt<break/>Alter: zwischen 18 und 65 Jahre</td>
<td align="left" valign="top">31 Ost- und 25 Westberliner:innen, Freundes- und Bekanntenkreis<break/>Alter: 22-53 Jahre</td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top">Interviewer:innen</td>
<td align="left" valign="top">Claudia Carell, Anett Heitsch, Yvonne M&#252;ller, Stefan Schulze, Uta Springorum</td>
<td align="left" valign="top">Seminarteilnehmer:innen aus Berlin</td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top">Dauer / Umfang</td>
<td align="left" valign="top">1 schriftlicher Monolog, 25 Interviews, Dauer: 90 bis 120 Minuten</td>
<td align="left" valign="top">50 Interviews, Dauer: 30 bis 90 Minuten</td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top">Digitalisiert</td>
<td align="left" valign="top">Nein</td>
<td align="left" valign="top">ja</td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top">Annotiert</td>
<td align="left" valign="top">Nein</td>
<td align="left" valign="top">Ja</td>
</tr>
</tbody>
</table>
</table-wrap>
<p>Gemeinsam ist beiden Sammlungen, dass die Interviews direkt nach der Wende und der Wiedervereinigung erhoben wurden. Sie wurden in beiden F&#228;llen von Linguist:innen initiiert und sind nach sprachwissenschaftlichen Kriterien zusammengestellt worden. Thema ist in beiden F&#228;llen der sprachliche Umbruch und die individuelle Umbrucherfahrung. Quantitativ sind die beiden Sammlungen nicht &#228;quivalent, in SB wurden insgesamt 25 Personen befragt, in BW 56 Personen. In SB haben mit Ausnahme von 2 Befragten alle Personen eine ostdeutsche Herkunft. In BW ist das Verh&#228;ltnis zwischen Ost- und Westdeutschen relativ ausgeglichen, ist aber regional auf Berlin beschr&#228;nkt. Die Befragten in SB sind durchschnittlich &#228;lter als in BW. Bei SB handelt es sich um eine Textsammlung, die in Buchform ver&#246;ffentlicht wurde, bei BW um ein Korpus, das digitalisiert zur Verf&#252;gung steht.</p>
<p>Im Rahmen dieser ersten Untersuchung habe ich mich f&#252;r eine thematische Einschr&#228;nkung entschieden. Es wurden vor allem Belege erfasst, die die Sprache und den Sprachwandel vor, w&#228;hrend und nach der Wende betrafen. Dabei konzentrierte ich mich auf drei Topoi: Doppelsprachigkeit / Meinungsfreiheit, Sprache in den Medien, anders sprechen / Dialekte.</p>
<p>Da es sich bei SB um kein Korpus handelt, mussten quantitative bzw. quantitativ-qualitative Analysemetoden von vornherein ausgeschlossen werden. Es wurde unter den genannten Einschr&#228;nkungen ein korpusbasiertes Analyseverfahren (im Falle von BW)<xref ref-type="fn" rid="n15">15</xref> angewendet. Es wurden Suchanfragen v.a. zu den Lexeme &#8218;Sprache&#8216;, und &#8218;sprechen&#8216; als Token durchgef&#252;hrt, und dann in der Kontextsuche in Kombination zu Lexeme wie &#8218;anders&#8216;, &#8218;&#246;ffentlich&#8216;, nicht&#246;ffentlich&#8216; verfeinert. Zus&#228;tzliche Tokenabfragen erfolgten zu &#8218;doppelt&#8216;, &#8218;Zeile&#8216;, &#8218;Medien&#8216;. In SB wurden die Beispiele dagegen manuell extrahiert.</p>
</sec>
<sec>
<title>3.2 Doppelsprachigkeit / Meinungsfreiheit</title>
<p>Mit dem Topos <italic>Doppelsprachigkeit</italic> wird in den Interviews auf die bekannte Diglossie der DDR-B&#252;rger:innen (vgl. Abschnitt 1) verwiesen, die im privaten Bereich eine andere Sprache als im &#246;ffentlichen Bereich verwendet haben. Dieses Thema tritt mehrfach sowohl in SB auf (Bsp. (1-2)), als auch in BW (Bsp. (3)) auf. E.E. in Bsp. 1 gibt an, von der Doppelsprachigkeit gewusst zu haben, aber aufgrund ihrer Position als Parteilose keine Karrierechancen gehabt zu haben, und somit musste sie auch keine Bef&#252;rchtungen haben ob ihres eigenen Sprachgebrauchs haben (Z. 007-011).</p>
<disp-quote>
<p>(1)&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;Doppelsprachigkeit 1</p>
<p>001 &#8222;&#214;ffentlicher Sprachgebrauch&#8220; in der DDR - darunter verstehe ich f&#252;r mich das Sprechen in verschie-</p>
<p>002 denen strukturellen Einheiten meines Betriebes [&#8230;], in dem ich von 1966 bis 1990 gearbeitet habe.</p>
<p>003 Als Besonderheit k&#228;me das mit meinem Beruf als &#220;bersetzer Dolmetscher zusammenh&#228;ngende</p>
<p>004 &#8222;&#246;ffentliche Sprechen&#8220; hinzu, auf das hier aber nicht eingegangen werden soll. Ich hatte keine</p>
<p>005 Funktion, die mir h&#228;ufig &#246;ffentliche Auftritte abverlangt h&#228;tte. &#8222;Grundsatzreferate&#8220; geh&#246;rten nicht zu</p>
<p>006 meinen Aufgaben. Keine [sic!] Rede war schon immer redundanzarm und f&#252;r ihre ironische Distanz</p>
<p>007 gegen&#252;ber den allgemein &#252;blichen Politfloskeln bekannt. <italic>Auf der untersten Stufe der Leitungskader-</italic></p>
<p>008 <italic>hierarchie stehend habe ich keine Benachteiligung erfahren, wenn man davon absieht, da&#223; ich als</italic></p>
<p>009 <italic>Parteilose sowieso nur geringe berufliche Aufstiegschancen hatte. Wichtiger als eine &#8222;Karriere&#8220; war</italic></p>
<p>010 <italic>mir allerdings, keiner Parteidisziplin verpflichtet zu sein, was sich offenbar auch im Sprachverhalten</italic></p>
<p>011 <italic>niederschlug</italic>. Eine gr&#246;&#223;ere Freiheit in der Ausdrucksweise, keine G&#228;ngelei und Anbiederei an</p>
<p>012 sprachlich-ideologische Einheitsnormen waren der Lohn f&#252;r diese Entscheidung, die &#252;brigens jedem</p>
<p>013 offenstand. Ich brauchte daher auch keine F&#228;higkeiten zum Umschalten von &#246;ffentlichem zu</p>
<p>014 nicht&#246;ffentlichen Sprachgebrauch entwickeln.</p>
<p>(SB, E.E.)</p>
</disp-quote>
<p>Anders W.H. in Bsp. (2), der angibt, aufgrund von Nichtbeachtung des &#8218;uniformen Sprachstils&#8216; (Z. 003) pers&#246;nlich negative Konsequenzen zu sp&#252;ren bekommen haben. In Z. 006 weist er darauf hin, dass es gef&#228;hrlich gewesen sei, anders zu sprechen.</p>
<disp-quote>
<p>(2)&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;Doppelsprachigkeit 2</p>
<p>001 <italic>Was ist eigentlich passiert, wenn man diese Angepa&#223;theit durchbrochen hat? Ist es s nicht verstanden</italic></p>
<p>002 <italic>worden, ist es reglementiert worden? Wo lag eigentlich die Angst der DDR-B&#252;rger?</italic></p>
<p>003 Das habe ich am eigenen Leib erfahren, da&#223; ein Durchbrechen <italic>dieses uniformen Sprachstils</italic> sogar</p>
<p>004 gef&#228;hrlich war. Wenn einer ganz individuelle Formulierungen benutzte in der DDR, die bewu&#223;t den</p>
<p>005 Parteijargon mieden, machte er sich verd&#228;chtig, galt er als Individualist und wurde sch&#228;rfer beobachtet</p>
<p>006 als andere. &#8230;<italic>Es war gef&#228;hrlich, anders zu sprechen. Vor allen Dingen: Es war nicht nur gef&#228;hrlich,</italic></p>
<p>007 <italic>anders zu sprechen, als es die Partei vorgab, wurde auch mit schlechten Noten belegt, in der Schule</italic>.</p>
<p>008 &#8230; Und das hat der Sch&#252;ler, &#252;berhaupt der B&#252;rger, ganz genau gemerkt, gewu&#223;t, und hat sich dann</p>
<p>009 darauf eingestellt, diesen Parteijargon, wenn er verlangt wurde, nachzuplappern.</p>
<p>(SB, W.H.)</p>
</disp-quote>
<p>Bsp. (3) stammt aus BW, in Z. 005-007 gibt Karin an, dass &#8222;jeder irgendwie Bedenken hatte, von der Stasi &#252;berwacht zu werden&#8220; und dass bestimmte Dinge am Telefon aus diesem Grund nicht besprochen werden konnten.</p>
<disp-quote>
<p>(3)&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;Doppelsprachigkeit 3</p>
<p>001 OL denkst du da&#223; wir * durch * unser * &#8217;nischendasein wie mans ja so sch&#246;n bezeichnet hat (2.0)</p>
<p>002&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;((unverst&#228;ndlich)) zu ddr zeiten (4.0) &#8217;andere positionen (3.0) hinsichtlich des (3.0) lebensgef&#252;hls</p>
<p>003&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;* dessen was (3.0) wichtig is im leben dessen was ne rolle spielt im leben ((unverst&#228;ndlich))</p>
<p>004 KARIN hm also ich glaube nicht da&#223; ehm zumindest (2.0) <italic>in in politisch intressierten kreisen es</italic></p>
<p>005&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;<italic>m&#246;glich war generell von offenheit und soweiter zu reden also da hatte schon jeder &#252;rgendwie *</italic></p>
<p>006&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;<italic>bedenken vonner stasi &#252;berwacht zu werden und wenn es noch so nichtige dinge warn also kann</italic></p>
<p>007&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;<italic>mich dran erinnern da&#223; auch wir jesagt ham also das kl&#228;rn wir jetzt mal nicht am telefon&#94;</italic></p>
<p>(BW--_E_00013_SE_01_T_01)</p>
</disp-quote>
<p>Bsp. (1-3) thematisieren die Doppelsprachigkeit aus verschiedenen Perspektiven. In (1) positioniert sich E.E. als Nichtkonformistin. Sie gibt an, ihren eigenen Sprachgebrauch nicht nach &#246;ffentlichen oder nicht nicht&#246;ffentlichen Situationen reguliert zu haben, da sie aufgrund ihrer Nichtzugeh&#246;rigkeit zur Partei von vornherein keine Karrierechancen gehabt habe. In (2) und (3) geben W.H. und Karin dagegen an, die eigene Sprache je nach Kontext reguliert bzw. selbst zensiert zu haben, da sie ansonsten negative Konsequenzen bef&#252;rchteten.</p>
<p>In Bsp. (4, 5, 6) zeigt sich die enge thematische N&#228;he zum Topos Meinungsfreiheit. In (4) berichtet E.P. davon, wie sie sowohl vor 1989 als auch nach 1989 in nicht-privaten Bereichen darauf achten musste, was sie sagte. Vor 1989 war es die Angst vor der Stasi, nach 1990 die Angst davor, die Anstellung zu verlieren (Z. 008-011). In Z. 012 sagt sie, dass &#8222;diese Doppelgesichtigkeit&#8220; immer noch da sei und bezieht sich damit ausdr&#252;cklich auf die oben erw&#228;hnte Diglossie der DDR-B&#252;rger:innen. &#196;hnlich das Bsp. 5, ebenfalls aus SB, in dem E.P. es noch etwas drastischer ausdr&#252;ckt. In Z. 007-009 schr&#228;nkt sie die neu erworbene Meinungsfreiheit mit dem Zusatz &#8222;theoretisch&#8220; ein, gibt aber an, sich ihre Worte &#8222;genau zu &#252;berlegen&#8220;, denn es ginge ihre Existenz. (6) stammt aus BW. Jenny zeigt sich durchaus zufrieden mit ihrem neuen Leben nach dem Mauerfall und den damit neu erworbenen Freiheiten, auch wenn sie diese zun&#228;chst in Z. 001 durch das Adjektiv <italic>sogenannt</italic> relativiert. In Z. 002-006 erz&#228;hlt sie von ihrer Freude &#252;ber die Reisefreiheit<xref ref-type="fn" rid="n16">16</xref>. In Z. 008-013 gibt sie dagegen ihrem Unmut zum Thema &#8218;Meinungsfreiheit&#8216; Ausdruck, die man vor 1989 nicht hatte. Aber nach 1989 habe man aus beruflichen Gr&#252;nden wiederum mit seiner politischen Meinung &#8222;hinterm Berg halten&#8220; m&#252;ssen.</p>
<disp-quote>
<p>(4)&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;Doppelsprachigkeit / Meinungsfreiheit 1</p>
<p>001 (&#8230;) auch immer versucht, &#8230; sagen wir mal, mich auch zu m&#228;&#223;igen, jetzt auch in Anf&#252;hrungstrichen,</p>
<p>002 was auch meine eigene Meinung vor Ihnen als Sch&#252;lern betrifft. Es ist mir letztendlich nicht gelungen,</p>
<p>003 weil es nicht meinem Wesen entspricht, zu sagen: Das mu&#223;t du jetzt sagen, und das darfst du nicht. Ich</p>
<p>004 meine, manchmal, gerad&#8217; auch in Deutsch, in Diskussionen, ist das ja ganz einfach so. Ja, und dann &#8230;</p>
<p>005 wie gesagt, auch noch einmal, als wir dann hier zusammengelegt wurden, EOS oben mit der POS, da</p>
<p>006 mu&#223;te ich mich dann auch noch einmal vor dem B. rechtfertigen in einer anderen Art und Weise, also,</p>
<p>007 das war schon &#8230; . Aber wir gucken uns heute genauso an. Wir haben gestern gerade wieder</p>
<p>008 festgestellt, <italic>wir m&#252;ssen uns angucken, auch heute noch, mit wem man spricht. Weil, fr&#252;her war viel</italic></p>
<p>009 <italic>leicht, ich &#252;bertreibe jetzt mal, ein Stasi-Kollege&#8217; im Kollegium, heute, durch diese Abh&#228;ngigkeit vom</italic></p>
<p>010 <italic>Job sind es so viele Zutr&#228;ger bis hin zur Frau Direktorin, da&#223; man dann v&#246;llig unerwartet eine</italic></p>
<p>011 <italic>&#196;u&#223;erung, vielleicht noch umgedreht, wieder an den Kopf geschmissen bekommt</italic>, an die man sich gar</p>
<p>012 nicht mehr erinnert in dem Moment. <italic>Also, diese &#8230; Doppelgesichtigkeit ist immer noch da</italic>. [&#8230;]</p>
<p>(SB, E.P.)</p>
</disp-quote>
<disp-quote>
<p>(5)&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;Doppelsprachigkeit / Meinungsfreiheit 2</p>
<p>001 <italic>Also m Prinzip wie fr&#252;her auch, wo man in einer zu gro&#223;en &#214;ffentlichkeit &#8230;?</italic></p>
<p>002 Ja, ich meine, ich darf heute nicht alles sagen, und heute wird das - jedenfalls in meinen Augen &#8211;</p>
<p>003 wesentlich schwieriger f&#252;r einen &#8230; kreativen Menschen als fr&#252;her. Ich meine, fr&#252;her, mu&#223; man sich</p>
<p>004 das ja auch vorstellen in der DDR, da&#223; da diese Kluft besteht zwischen dem gesprochenen Wort und</p>
<p>005 dem eigenen Denken. Da&#223; ja da manchmal schon eine Geste oder eine Augenbewegung ausreichte, um</p>
<p>006 sichtbar zu machen - jedem sichtbar zu machen, auch dem D&#252;mmsten: Das mu&#223; ich jetzt sagen, aber</p>
<p>007 &#8230; nicht so tierisch ernst. <italic>Ich meine, unser ganzes Kabarett lebte ja eigentlich davon. Heute kann ich</italic></p>
<p>008 <italic>zwar alles sagen - theoretisch - mu&#223; es mir aber immer genau &#252;berlegen, weil es dann n&#228;mlich um</italic></p>
<p>009 <italic>meine eigene Existenz geht</italic>.</p>
<p>(SB, E.P.)</p>
</disp-quote>
<disp-quote>
<p>(6)&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;Doppelsprachigkeit / Meinungsfreiheit 3</p>
<p>001 JENNY (2.0) ja dann vielleicht noch mal ein paar * w&#246;rter zu den oder worte zu den <italic>sogenannten</italic></p>
<p>002 <italic>&#8217;freiheiten * die wir ja nun * massenweise ham also was mich wirklich gefreut hat un immer noch freut</italic></p>
<p>003 <italic>is da&#223; wir eben jetz eh: * ja * h&#246;rt sich doof an mu&#223; ick einfach so sagen reisen&#94; k&#246;nnen * also ick #</italic></p>
<p>004 <italic>finds unheimlich aufregend&#94; da mal in diese l&#228;nder zu fahrn die man eben fr&#252;her nich so besuchen</italic></p>
<p>005 <italic>konnte *</italic> und genie&#223;e das auch und: * eigentlich sind meine ganzen n&#228;chsten ferien schon alle verplant</p>
<p>006 da&#223; ich dann ebend &#8217;dahin fahre und &#8217;dahin fahre und &#8217;dahin fahre&#94; * und das macht mir wirklich sehr</p>
<p>007 viel spa&#223; * andere freiheiten sind nun * so * gro&#223;artig nicht dazugekommen wenn ich jetz blo&#223; mal an</p>
<p>008 die meinungsfreiheit denke * ich meine die hattn wa ja vorher nu nich&#94; * aba mir kann ooch keiner</p>
<p>009 az&#228;hln da&#223; wa nu heute auch die grenzenlose meinungsfreiheit ham * ick habs * bis jetz * ebend schon</p>
<p>010 * &#228;h: * sagn wa mal am eigenen leibe erfahrn was es hei&#223;t * &#228;h: nich seine eigne meinung sagn zu</p>
<p>011 d&#252;rfen * is f&#228;ngt dabei an da&#223; man eben beruflich gezwungen ist * &#228;h: mit seiner politischen meinung</p>
<p>012 hinterm berg zu halten&#94; * sollte sie jetz gro&#223; von vielleicht von der gesamtmeinung ab abgehn s geht</p>
<p>013 weita * da&#223; man seinn protest zu bestimmten politischen ereignissen nicht ausdruck verleihen kann</p>
<p>(BW--_E_00018_SE_01_T_01)</p>
</disp-quote>
<p>Diese Beispiele (4-6) zeigen in verschiedenen Facetten die Skepsis der Sprecher:innen hinsichtlich der neu erworbenen Meinungsfreiheit. Diese wird durch sprachliche Zus&#228;tze wie <italic>theoretisch</italic> oder <italic>sogenannt</italic> relativiert und somit semantisch eingeschr&#228;nkt. Bereits kurz nach der Wende wird die Skepsis der &#8218;Ostdeutschen&#8216; an der neuen demokratischen Ordnung in diesen &#196;u&#223;erungen sichtbar, die bis heute sp&#252;rbar ist und im aktuellen Mediendiskurs immer wieder thematisiert wird.</p>
</sec>
<sec>
<title>3.3 Medien</title>
<p>Zum Umgang mit den Medien, speziell mit der Presse, seien nur zwei Belege angef&#252;hrt. In Bsp. (7) aus SB beschreibt E.E. ihren Umgang mit der Presse der DDR. In Z. 001 sagt sie, dass sie Zeitungsartikel mit politischen Inhalten immer gelangweilt h&#228;tten, spezifiziert aber dann in Z. 004-005, dass man Parteitagstexte gr&#252;ndlich habe lesen m&#252;ssen, weil man sonst Gefahr habe laufen k&#246;nnen, etwas &#8222;zwischen den Zeilen&#8220; Stehendes &#252;berlesen zu k&#246;nnen<xref ref-type="fn" rid="n17">17</xref>.</p>
<disp-quote>
<p>(7)&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;Medien 1</p>
<p>001 Zeitungsartikel mit politischen Inhalten haben mich immer gelangweilt. Gelesen habe ich allenfalls die</p>
<p>002 Teile der Parteitagsberichte, die sich auf die Landwirtschaft, die Wissenschaft und die Kultur bezogen.</p>
<p>003 Die absolute Einf&#246;rmigkeit der ZK-Sprache, die von den Medien unver&#228;ndert weitergegeben wurde,</p>
<p>004 f&#252;hrte dazu, da&#223; die Parteitagstexte kaum diagonal gelesen werden konnten, weil man Gefahr lief,</p>
<p>005 etwaige Ver&#228;nderungen, Abweichungen vom bisherigen, zwischen den Zeilen Stehendes zu &#252;berlesen.</p>
<p>(SB, E.E.)</p>
</disp-quote>
<p>In Bsp. (8) aus BW &#252;bt Micha zun&#228;chst Kritik an aktuellen Presseerzeugnissen, die &#8222;bestimme Bev&#246;lkerungsschichten auf Niveau&#8220; halten sollen (Z. 006-009). In Z. 012 antwortet er auf Nachfrage, dass es fr&#252;her nur eine Zeitung gegeben habe (womit er sich auf das faktische Monopol des ND<xref ref-type="fn" rid="n18">18</xref> in der DDR beruft), dann aber in Z. 013-015 ausf&#252;hrt, dass Personen, die wussten, wie und wo man sich Informationen habe besorgen k&#246;nnen, sich die verbotene sowjetische Zeitschrift <italic>Sputnik</italic> organisiert h&#228;tten. Aus heutiger Sicht mag es absurd erscheinen, aber mit Beginn von Perestroika und Glasnost&#8216; wurden in der DDR tats&#228;chlich auch sowjetische Druckerzeugnisse in ihrer Verbreitung limitiert.</p>
<disp-quote>
<p>(8)&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;Medien 2</p>
<p>001 FK&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;(4.0)? und inwiefern meinen sie das wird heute gesteuert?</p>
<p>002 MICHA na dis is ja ooch ne fr &#8217;sache der * beziehungen * war fr&#252;her schon</p>
<p>003 FK&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;nee ich meine jetzt das die leute in soner art passivit&#228;t gehalten werden</p>
<p>004 MICHA na medienm&#228;&#223;ich absolut</p>
<p>005 FK&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;hm</p>
<p>006 MICHA w&#252;rd ick doch sagen * auf ner gewissen andern art (6.5) ja&#94; * das f&#228;ngt bei den</p>
<p>007 MICHA zeitungen an ja&#94;(2.5) da werden best&#252;mmte bev&#246;lkerungsgeschichten werden aufm niveau</p>
<p>008 MICHA &#8217;jehalten * und die lesen die lesen auch ihre ihre ihre &#8217;bl&#228;tter also wee&#223; ick so superillu hier</p>
<p>009 MICHA und und und und und(2.1) (1.0) na hier * bild * bild und frau und wee&#223; ick ach wei&#223; ick was</p>
<p>010 MICHA bildzeitung und was wei&#223; ick was diee gro&#223;e schlachzeilen * boulevardbl&#228;tter und so weiter</p>
<p>011 FK&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;? ja und fr&#252;her * wenn man zeitungen so vergleicht?</p>
<p>012 MICHA da gabs nur eene zeitung ((lacht)) (2.0) <italic>blo&#223; wer ebend weiter sich wissen * be &#228;h</italic></p>
<p>013 MICHA <italic>beschaffen wollte * sone typen wie sie und wie ich (1.1) der hat sich ebend * weil die russen</italic></p>
<p>014 MICHA <italic>ebend schneller waren als wir (0.9) durch gorbatschow und so weiter hat man sich ebend den</italic></p>
<p>015 MICHA <italic>(0.2) verbotenen sputnik * organisiert</italic> oder die neue zeit * ick wee&#223; nich ob se die kennen</p>
<p>016 FK	nur vom h&#246;ren</p>
<p>(BW--_E_00003_SE_01_T_01)</p>
</disp-quote>
</sec>
<sec>
<title>3.4 Anders sprechen / Dialekte</title>
<p>Dieser letzte Abschnitt sei dem &#8218;Anders sprechen&#8216; gewidmet. Tats&#228;chlich geht es hier h&#228;ufig um Sprecher:inneneinstellungen zu Dialekten, die immer eine implizite Fremd- und Selbstpositionierung beinhalten. In (9) aus SB l&#228;sst sich das gut nachlesen. E.E. beschreibt positive und negative Konnotationen von Dialekten, die aber eigentlich Ablehnung oder Zugeh&#246;rigkeit zur ost- bzw. westdeutschen Sprecher:innengruppe ausdr&#252;cken. Das in Z. 005-007 angef&#252;hrte Ph&#228;nomen wurde in der Fachliteratur als asymmetrischer Gebrauch von Geosynonymen beschrieben (vgl. u.a. in <xref ref-type="bibr" rid="B39">Katelh&#246;n 2006: 40</xref>), das den innerdeutschen Migrationsbewegungen in den 90er Jahren geschuldet war.</p>
<disp-quote>
<p>(9)&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;Anders sprechen / Dialekte 1</p>
<p>001 Die Erfahrungen der letzten Jahre haben bei mir deutliche Verschiebungen auf der Beliebtheitsskala</p>
<p>002 der deutschen Dialekte bewirkt. Die einst gern geh&#246;rten s&#252;ddeutschen Dialekte (bayrischer, schw&#228;bi-</p>
<p>003 scher Dialekt) bringen geradezu eine Alarmglocke zum Klingen. Das in diesen Dialekten Gesagte wird</p>
<p>004 garantiert einer sehr kritischen Pr&#252;fung unterzogen. Dagegen stellt sich beim Klang des S&#228;chsischen</p>
<p>005 oder Th&#252;ringischen eine Art Zugeh&#246;rigkeitsgef&#252;hl ein, das mir bislang unbekannt war. <italic>Als anma&#223;end</italic></p>
<p>006 <italic>empfinde ich es, wenn ein bayrischer Unternehmer in seinem Leipziger Betrieb anstelle der</italic></p>
<p>007 &#8222;<italic>Fr&#252;hst&#252;ckspause&#8220; die &#8222;Brotzeit&#8220; ansetzt.</italic> Westliche Dialekte sind bei mir zur Zeit eindeutig negativ</p>
<p>008 konnotiert, wobei es nat&#252;rlich im einzelnen zu differenzieren gilt.</p>
<p>(SB, E.E.)</p>
</disp-quote>
<p>Das letzte Beispiel aus BW verweist dagegen auf eine spezifische Besonderheit dieses Korpus. Auf die Frage, ob sich der Sprachgebrauch zwischen Ost und West unterscheide, wird in BW immer auf den Berliner Dialekt verwiesen, der in Ostberlin tats&#228;chlich ein hohes Prestige aufgrund der Hauptstadtlage hatte, hingegen in Westberlin eher negativ konnotiert war, in Z. 004 antwortet der Westberliner Piet auf die Frage nach sprachlichen Unterschieden, dass Ostberliner mehr Mut zum Dialekt h&#228;tten. In BW ist der Berliner Dialekt tats&#228;chlich einer der am h&#228;ufigsten genannten Unterschiede zwischen Ost- und Westberliner Sprachgebrauch.</p>
<disp-quote>
<p>(10)&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;&#160;Anders sprechen / Dialekte 2</p>
<p>001 JD hmhm, und so rein eh (2.0) gespr&#228;chsm&#228;&#223;ig; diskursstrategisch sag ich mal; f&#228;llt ihnen da was</p>
<p>002 auf an unterschieden zwischen ost und west? wie die sich d&#225;rstellen. im * reden oder NICHT</p>
<p>003 darstellen.</p>
<p>004 PIET (3.0) <italic>ich also sie haben;/ was mir &#225;uff&#228;llt is sie haben * sie haben mehr mut zum dialekt</italic>.</p>
<p>005 JD mehr mut? zum dialekt.</p>
<p>(BW--_E_00043_SE_01_T_01)</p>
</disp-quote>
</sec>
</sec>
<sec>
<title>4. Zusammenfassung und Ausblick</title>
<p>Wie unter 1. und 2. angef&#252;hrt, gibt es zahlreiche Literatur zum deutsch-deutschen Sprachwandel und zu den Diskursen des Umbruches infolge der Wende und der Einheit. Aktuelle Analysen zu medialen Diskursen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B43">Kollmorgen 2011</xref>, <xref ref-type="bibr" rid="B44">2022</xref>) zeigen jedoch eine kontinuierliche Abnahme des Interesses sowie eine zunehmende Platzierung des Themas in den Bereichen Feuilleton und Unterhaltung (tendenzielle Entpolitisierung), die einerseits die Exotisierung der Ostdeutschen, d.h. die Thematisierung ihrer vermeintlichen Besonderheiten, Abweichungen und Anomalien gegen&#252;ber Westdeutschland betonen, anderseits auf die Skandalisierung, d.h. der &#246;ffentlichen Erregung, L&#228;cherlichkeit, und j&#252;ngst auch auf eine distanzierenden Belehrung abzielen. F&#252;r j&#252;ngere Generationen im In-und Ausland geh&#246;rt die deutsche Wiedervereinigung zudem zur Geschichte, und v.a. f&#252;r junge DaF-Lerner:innen ist es kein Thema, das in ihrer aktuellen Wirklichkeit unmittelbar als interessant erscheinen k&#246;nnte. Die deutsche Kultur stellt sich f&#252;r sie als sehr homogen dar. Der Zugang &#252;ber Sprachbiografien erm&#246;glicht hier differenzierte Sichtweisen auf verschiedene individuelle Erinnerungskulturen, die sich in ihrer Gesamtheit zu einem gesellschaftlichen Diskurs verdichten, der die Umbruchserfahrungen lebendig werden l&#228;sst. Das Vehikel der Sprache, die intensive Auseinandersetzungen mit dem Sprachgebrauch vor und nach 1989 in den hier vorgestellten Sprachbiografien erm&#246;glicht es, soziale und kulturelle Inhalte in den DaF-Unterricht zu transportieren. Die Authentizit&#228;t der Diskurse l&#228;sst Geschichte lebendig werden und kann zu einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Thema beitragen. &#220;ber Sprache und Sprachgebrauch im Unterricht zu reden, erscheint zudem als nicht gef&#228;hrlich und bedroht nicht unmittelbar die eigene kulturelle Identit&#228;t. Das Thema der Sprache weckt bei Lernenden erfahrungsgem&#228;&#223; sehr schnell Interesse, und &#252;ber bzw. mit der Sprache gelingt dann auch eine sehr aktive Auseinandersetzung mit den (inter-)kulturellen und erinnerungsdiskursiven Inhalten.</p>
<p>Der hier vorgestellte, diskurslinguistisch gepr&#228;gte Ansatz einer Analyse von Sprachbiografien will zudem zur Integration individueller Erinnerungsr&#228;ume zum kollektiven Ged&#228;chtnis und zu einer objektiven Versachlichung des Themas beitragen. Die hier analysierten Beispiele aus SB und BW zeigen, dass die Themen Sprache und Sprachgebrauch ein Schl&#252;sselthema im gesellschaftlichen Umbruchsdiskurs zur Wende darstellen. Bereits in diesen fr&#252;hen Nachwendediskursen manifestieren sich Argumentationslinien, die bis heute nachwirken. Anhand der Ausschnitte u.a. zu den Themen &#8218;Doppelsprachigkeit&#8216; und &#8218;Meinungsfreiheit&#8216; konnte gezeigt werden, dass Sprecher:innen aus der DDR sich in Diskursen &#252;ber den eigenen Sprachgebrauch vor 1989 klar selbst als Konformist:innen oder Nichtkonformist:innen positionieren und in ihrer individuellen Darstellung der historischen Ereignisse bereits in den ersten Jahren nach der Wende diskurslinguistisch die drei Arten des gesellschaftlichen Ged&#228;chtnisses konstruieren, wie sie von Sabrow (<xref ref-type="bibr" rid="B58">2009a</xref>, vgl. oben) beschrieben wurden.</p>
<p>Sprachbiografien werden hier auch als Quelle f&#252;r den privaten Sprachgebrauch von DDR-B&#252;rger:innen verstanden, dessen wissenschaftliche Beschreibung bis heute aufgrund der fehlenden Prim&#228;rdaten eine L&#252;cke in den Beschreibungen zur DDR-Sprache darstellt. Unter 2.3 wurde gezeigt, dass Sprachbiografien unterschiedlichster Natur sein k&#246;nnen. Tats&#228;chlich liegen mit Werken der Protokollliteratur der DDR (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B62">Wander 1977</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B50">Lambrecht 1986</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B48">K&#246;nigsdorf 1990</xref>), mit Interviews, die von Soziolog:innen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B32">Hoppe et al. 1997</xref>, <xref ref-type="bibr" rid="B33">1998a</xref>, <xref ref-type="bibr" rid="B34">1998b</xref>, <xref ref-type="bibr" rid="B35">1998c</xref>) und Historiker:innen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B64">Zoll 1999</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B5">Arp / Leo 2009</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B4">Arp / Goudin-Steinmann 2022</xref>) als Beitrag zur <italic>Oral History</italic> erhoben wurden, mit literarisch-journalistischer Erinnerungsliteratur (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B10">Bitterhof 2014</xref>) und mit Autobiografien von ostdeutschen Politiker:innen (zuletzt <xref ref-type="bibr" rid="B53">Merkel / Baumann 2024</xref>) noch nicht geborgene sprachwissenschaftliche Datensch&#228;tze vor. W&#252;nschenswert w&#228;re in naher Zukunft eine Annotierung und Digitalisierung dieser Daten, um den privaten Sprachgebrauch korpus- und diskurslinguistisch fundiert aufarbeiten zu k&#246;nnen, die technischen Neuerungen der letzten Jahre im Bereich der automatischen Texterkennung k&#246;nnten diesen Prozess beschleunigen. Ein letztes Desideratum betrifft eine interdisziplin&#228;re Vernetzung der Forscher:innen und Forschungsthemen in diesem Bereich, die sicherlich sehr fruchtbar sein kann.</p>
</sec>
</body>
<back>
<fn-group>
<fn id="n1"><p>Ausf&#252;hrlich dazu u.a. Bauer (<xref ref-type="bibr" rid="B8">1993</xref>) und Katelh&#246;n (<xref ref-type="bibr" rid="B41">2014</xref>).</p></fn>
<fn id="n2"><p>Die sprachwissenschaftlichen Begriffe <italic>Sprachwandel</italic> und <italic>Sprachgebrauchswandel</italic> im Zusammenhang zur Sprache in und nach der DDR unterlagen, nicht zuletzt aufgrund politischer Einfl&#252;sse, einer terminologischen Neukonnotation. Wenn direkt nach der Wende noch von Sprachwandel die Rede war (u.a. <xref ref-type="bibr" rid="B31">Hellmann 1990</xref>), wurde in sp&#228;teren Untersuchungen &#252;berwiegend der Begriff Sprachgebrauchswandel verwendet, so in Fix (<xref ref-type="bibr" rid="B20">1997</xref>), K&#252;hn (<xref ref-type="bibr" rid="B49">2002</xref>).</p></fn>
<fn id="n3"><p>Zur Vernichtung sprachlicher Zeugnisse siehe u.a. Weskott (<xref ref-type="bibr" rid="B63">2007: 253</xref>): &#8222;Im Mai 1991 wurden im Raum Borna Plottendorf, etwa 40 km s&#252;dlich von Leipzig, B&#252;cher geschreddert. Druckfrische Exemplare aus den Verlagen wanderten direkt zum Altstoff: B&#228;nde von Goethe und Schiller lagen neben den B&#252;chern von Heym, Wolf und Janka. Das Ged&#228;chtnis der Wende schien kurz zu sein&#8220;.</p></fn>
<fn id="n4"><p>Zur markanten Diglossie zwischen privatem und &#246;ffentlichem Sprachgebrauch in der DDR siehe u.a. Geier (<xref ref-type="bibr" rid="B28">2004: 11</xref>): &#8222;Immer wieder liest man in der Literatur zur DDR-Sprache von der Sprache der DDR. Diese Bezeichnung ist falsch, sie verallgemeinert unzul&#228;ssig. Es gab sie nicht, die DDR-Sprache. Es gab immer eine &#246;ffentliche und eine private Sprache in der DDR, und jeder DDR-B&#252;rger beherrschte beide, er war des Code-Switching m&#228;chtig&#8220;.</p></fn>
<fn id="n5"><p>Vor allem private und halb&#246;ffentliche Diskurse aus der DDR wurden in der linguistischen Forschung aus verschiedenen Gr&#252;nden vernachl&#228;ssigt. Siehe Fix (<xref ref-type="bibr" rid="B22">2011: 27</xref>): &#8222;Ein Feld, das &#8211; zu Recht beklagt &#8211; fast v&#246;llig brachliegt, ist der informelle, famili&#228;re Diskurs, das Sprechen im Familien-, Freundes- und Kollegenkreis. Dass die Untersuchung hier vor einer &#228;u&#223;erst schwierigen Situation steht, liegt auf der Hand. Dieses Sprechen ist so gut wie nicht dokumentiert&#8220;.</p></fn>
<fn id="n6"><p>Sprachlosigkeit ist ein wichtiger Topos im Wendediskurs, vgl. dazu u.a. Heck (<xref ref-type="bibr" rid="B30">2001</xref>), Antos (<xref ref-type="bibr" rid="B3">2003</xref>).</p></fn>
<fn id="n7"><p>Vgl. auch Bredel (<xref ref-type="bibr" rid="B11">2000: 182</xref>), die Umbruch definiert: &#8222;Eine Abweichung soll als Umbruch gelten, wenn sie eine Ver&#228;nderung der sozialen Lebenswelt bedingt, die durch die folgenden vier Merkmale gekennzeichnet ist: pl&#246;tzlich eintretend, nicht antizipiert/nicht antizipierbar, nicht intentional herbeigefu&#776;hrt und irreversibel&#8220;. Diese Merkmale erlauben es, Umbruchssituationen in ihrer Relevanz f&#252;r Personen zu differenzieren und zu gewichten. Zu einer diskurslinguistischen Analyse von Emotionen in Umbruchsdiskursen vgl. auch Flinz / Katelh&#246;n (<xref ref-type="bibr" rid="B25">2022</xref>).</p></fn>
<fn id="n8"><p>In K&#246;nig (<xref ref-type="bibr" rid="B46">2017</xref>) wird speziell auf die Interaktion zwischen Interviewende/r und Interviewter/n eingegangen; in K&#246;nig (<xref ref-type="bibr" rid="B45">2014: 66-100</xref>) werden alle Struktur- und Inhaltselemente von narrativen Interviews erfasst und ausf&#252;hrlich beschrieben.</p></fn>
<fn id="n9"><p>Zum Generationenged&#228;chtnis in der DDR schreibt Martens (<xref ref-type="bibr" rid="B52">2020: o.S</xref>.): &#8222;Es f&#228;llt auf, dass historische Ereignisse in den Erz&#228;hlungen fehlen. Dies ist vor allem bei den Gro&#223;eltern zu beobachten und bezieht sich beispielsweise auf die Kollektivierung der Landwirtschaft, den Stalinismus, den Prager Fr&#252;hling oder den Zusammenbruch des sozialistischen Staatensystems. Stattdessen ist der Schwerpunkt der Alltag. Das wird aber seitens der Kinder kritisiert, dass n&#228;mlich au&#223;erhalb des Allt&#228;glichen die gesellschaftlichen und politischen Dimensionen der DDR nicht greifbar seien&#8220;.</p></fn>
<fn id="n10"><p>Ahbe hat verschiedene Untersuchungen zu medialen Diskursen &#252;ber die DDR vorgelegt, u.a. Ahbe (<xref ref-type="bibr" rid="B2">2008</xref>), in denen er mit Mitteln der Diskurslinguistik analysiert, wie Ostdeutsche in der Presse dargestellt werden.</p></fn>
<fn id="n11"><p>Siehe auch Goudin-Steinmann / H&#228;hnel-Mesnard (<xref ref-type="bibr" rid="B29">2013: 14</xref>): &#8222;Gerade in diesem Zusammenhang ist es relevant, Forschungen zur Konstitution ostdeutscher Erinnerungsdiskurse mit &#220;berlegungen zur Narrativit&#228;t zu verbinden. Insgesamt stellt sich die Frage, inwiefern diese Erz&#228;hlungen eine kritische Distanz zum &#246;ffentlichen Diskurs &#252;ber den Stand der deutschen Einheit erzeugen [&#8230;].&#8220;</p></fn>
<fn id="n12"><p>Im Folgenden mit SB gekennzeichnet. F&#252;r eine bessere Orientierung habe ich eine Zeilennummerierung in den Beispielen vorgenommen, die im Originaltext nicht erscheint.</p></fn>
<fn id="n13"><p>Im Folgenden mit BW gekennzeichnet. F&#252;r die Transkriptionskonventionen verweise ich auf Dittmar / Bredel (<xref ref-type="bibr" rid="B18">1999</xref>) und Dittmar / Paul (<xref ref-type="bibr" rid="B19">2019</xref>) sowie auf die <italic>Datenbank f&#252;r Gesprochenes Deutsch</italic> des Leibniz-Institutes f&#252;r Deutsche Sprache Mannheim, unter der das BW &#246;ffentlich zug&#228;nglich ist.</p></fn>
<fn id="n14"><p>Ich spreche hier bewusst nicht von Korpora, da die Sprachbiografien von Fix / Barth (<xref ref-type="bibr" rid="B24">2000</xref>) nicht digitalisiert vorliegen. Nach der Definition von Lemnitzer / Zinsmeister (<xref ref-type="bibr" rid="B51">2015: 39</xref>) kann man hier aus mehreren Gr&#252;nden nicht von einem Korpus sprechen: Die Sammlung der Interviews liegt nicht in digitalisierter und linguistisch annotierter Form, versehen mit Metadaten, vor.</p></fn>
<fn id="n15"><p>Vgl. Lemnitzer / Zinsmeister (<xref ref-type="bibr" rid="B51">2015<sup>3</sup>: 22</xref>): &#8222;Im Rahmen empiristisch orientierter sprachwissenschaftlicher Forschung ist das Korpus die prim&#228;re Quelle der Erkenntnis. Aus Beobachtungen an authentischen Sprachdaten werden Gesetzesaussagen abgeleitet, die durch weitere Beobachtungen best&#228;tigt, modifiziert oder verworfen werden. Wir werden dies korpusbasierte Linguistik nennen, da das Korpus als die Basis der Erkenntnis, also auch der Bildung von Theorien und Hypothesen, herangezogen wird&#8220;.</p></fn>
<fn id="n16"><p>Reisefreiheit war eines der wichtigsten Schlagw&#246;rter der &#8218;friedlichen Revolution&#8216;, u.a. wurde es 1989 von der Gesellschaft f&#252;r Deutsche Sprache auf Platz 1 zum Wort des Jahres gek&#252;rt. Ausf&#252;hrlich dazu in Katelh&#246;n (<xref ref-type="bibr" rid="B39">2006: 40-44</xref>).</p></fn>
<fn id="n17"><p>Zur Pressesprache in der DDR auch Fix (<xref ref-type="bibr" rid="B23">2013</xref>). Die F&#228;higkeit der DDR-B&#252;rger:innen, auch die Informationen zwischen den Zeilen erfassen zu k&#246;nnen, findet ein bekanntes literarisches Beispiel in <italic>Die Legende vom Gl&#252;ck ohne Ende</italic>, in dem Paul Paula beibringt, die Zeitung richtig zu lesen. Wenn beispielweise vermehrt Rezepte f&#252;r Reisgerichte ver&#246;ffentlicht w&#252;rden, k&#246;nne es bedeuten, dass Kartoffeln knapp w&#252;rden (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B54">Plenzdorf 1979: 42-43</xref>).</p></fn>
<fn id="n18"><p>Neues Deutschland: bis 1990 offizielles Parteiorgan der SED.</p></fn>
</fn-group>
<ref-list>
<title>Literatur und Ressourcen</title>
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<title>Biographische Notiz</title>
<p>Peggy Katelh&#246;n ist Professorin f&#252;r Germanistische Sprachwissenschaft und Didaktik Deutsch als Fremdsprache an der Universit&#228;t Mailand (Italien). Fremdsprachenstudium an den Universit&#228;ten Halle-Wittenberg, Odessa (Ukraine), Bergamo (Italien); Promotion an der Universit&#228;t Potsdam, nationale Habilitation f&#252;r Germanistische Sprachwissenschaft. Lehrt&#228;tigkeit an den Universit&#228;ten Bergamo, Brno, Bukarest, D&#252;sseldorf, Heidelberg, Osnabr&#252;ck, Paris-Sorbonne, Potsdam, Turin, Verona. Ihre Forschungsinteressen liegen in den Bereichen Kontrastive Linguistik, Konstruktionsgrammatik, Variationslinguistik und Didaktik Deutsch als Fremdsprache.</p>
<p><styled-content style="text-align: right; display: block; line-height: 0.5"><bold>Kontaktanschrift:</bold></styled-content></p>
<p><styled-content style="text-align: right; display: block; line-height: 0.5">Peggy Katelh&#246;n</styled-content></p>
<p><styled-content style="text-align: right; display: block; line-height: 0.5">Universit&#224; degli Studi di Milano</styled-content></p>
<p><styled-content style="text-align: right; display: block; line-height: 0.5">Dipartimento di Lingue, Letterature, Culture e Mediazioni</styled-content></p>
<p><styled-content style="text-align: right; display: block; line-height: 0.5">Piazza S. Alessandro, 1</styled-content></p>
<p><styled-content style="text-align: right; display: block; line-height: 0.5">I &#8211; 20123 Milano</styled-content></p>
<p><styled-content style="text-align: right; display: block; line-height: 0.5"><ext-link ext-link-type="uri" xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" xlink:href="mailto:peggy.katelhoen@unimi.it">peggy.katelhoen@unimi.it</ext-link></styled-content></p>
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