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<journal-title>Zeitschrift Korpora Deutsch als Fremdsprache</journal-title>
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<publisher-name>Universit&#228;ts- und Landesbibliothek Darmstadt</publisher-name>
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<subject>Thematic issue articles</subject>
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<article-title>MITSCHRIFTEN UND IHRE SYNTAKTISCHE GESTALTUNG</article-title>
<subtitle>Ein Forschungs- und Lehrgegenstand f&#252;r die (schulische) Wissenschaftsprop&#228;deutik</subtitle>
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<surname>Reitbrecht</surname>
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<email>sandra.reitbrecht@phwien.ac.at</email>
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<aff id="aff-1"><label>1</label>P&#228;dagogische Hochschule Wien</aff>
<pub-date publication-format="electronic" date-type="pub" iso-8601-date="2024-12-09">
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<year>2024</year>
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<abstract>
<p>Die vorliegende Studie betrachtet die Textsorte Vorlesungsmitschrift aus linguistischer wie didaktischer Perspektive und stellt in einer Analyse von Mitschriften (n = 22) aus dem MIKO-Korpus (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B29">Wisniewski et al. 2022c</xref>) die Frage nach den von Studienanf&#228;nger*innen realisierten syntaktischen Strukturen. Dabei zeigt sich, dass die Mitschriften sowohl Strukturen mit als auch Strukturen ohne Verb umfassen und dass Studierende mit L1 oder mit einem h&#246;heren Sprachniveau bestimmte Strukturen, die Reduktionen aufweisen und zugleich aber mehrere Satzglieder b&#252;ndeln k&#246;nnen, h&#228;ufiger nutzen. Ebenso realisiert diese Gruppe mehr Nominalgruppen mit rechtserweiternden Attributen und nutzt von Verben abgeleitete Nomen und Adjektive zur Bildung komplexerer Strukturen erfolgreich. Die Befunde liefern damit nicht nur Erkenntnisse zu einem Oberfl&#228;chenmerkmal der Textsorte Mitschrift, sondern k&#246;nnen auch f&#252;r didaktische Zwecke nutzbar gemacht werden: Zu konzeptualisieren ist die didaktische Arbeit an der sprachlichen Gestaltung von Mitschriften angesichts der hier skizzierten Befunde nicht nur aus einer syntaktischen Perspektive, sondern auch unter Einschluss von &#220;berlegungen zur didaktischen Ber&#252;cksichtigung von derivationalem Wissen und Wortbildungsverfahren im Deutschen.</p>
</abstract>
<trans-abstract xml:lang="en">
<p>The present study investigates the genre of academic lecture notes from a linguistic as well as from a didactical perspective. 22 lecture notes from the MIKO-corpus (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B29">Wisniewski et al. 2022c</xref>) are analyzed with the objective to identify the syntactic structures that first-year university students produce in note-taking. The results reveal that syntactic structures with a verb are produced as well as structures without a verb. Moreover, students with German as L1 or a higher command of the target language use specific structures more frequently, namely elliptic forms that can attract several syntactic elements and nominal groups with right-expanding attributes. To build these structures, they use nouns and adjectives derived from verbs successfully. These findings thus do not only provide insights into a surface feature of the genre of lecture notes, but can also be fruitful for didactic purposes: In view of the presented findings, didactic work on the linguistic features of lecture notes should be conceptualized not only from a syntactic perspective, but also including considerations on the learning potential of derivational knowledge and principles of word formation in German.</p>
</trans-abstract>
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<kwd>Mitschrift</kwd>
<kwd>Vorlesung</kwd>
<kwd>syntaktische Strukturen</kwd>
<kwd>derivationales Wissen</kwd>
<kwd>(schulische) Wissenschaftsprop&#228;deutik</kwd>
</kwd-group>
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<kwd>lecture notes</kwd>
<kwd>lecture</kwd>
<kwd>syntactic structures</kwd>
<kwd>derivational knowledge</kwd>
<kwd>propaedeutics (at school)</kwd>
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<sec>
<title>1. Akademische Textsorten in der (schulischen) Wissenschaftsprop&#228;deutik</title>
<p>Betrachtet man rezente Forschungsvorhaben in der Deutschdidaktik sowie in Deutsch als Fremd- und Zweitsprache, so zeigt sich, dass sich die Auseinandersetzung mit der F&#246;rderung wissenschaftlicher Text- und Schreibkompetenz im Sinne einer schulischen Wissenschaftsprop&#228;deutik in den letzten Jahren als Forschungslinie etabliert hat und erste Belege f&#252;r das Potenzial wissenschaftsprop&#228;deutischer F&#246;rderangebote vorliegen (vgl. u.a. <xref ref-type="bibr" rid="B6">Bushati et al. 2018</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B1">Akbulut et al. 2020</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B21">Reitbrecht 2023</xref>). Orientiert ist die Forschungslinie prim&#228;r an akademischen Textsorten wie Seminararbeiten oder an den am Ende der Schullaufbahn in den deutschsprachigen L&#228;ndern zu schreibenden Facharbeiten bzw. Vorwissenschaftlichen Arbeiten (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B22">Rheindorf 2016</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B23">Schindler et al. 2018: 107&#8211;110</xref>). Mit dem Kontroversenreferat (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B10">Feilke / Lehnen 2011</xref>) und weiteren materialgest&#252;tzt zu erarbeitenden Schreibaufgaben wurden f&#252;r die schulische Lernsituation auch eigene Textformen entwickelt, die als &#8218;kleine&#8216; Texte einen Rahmen f&#252;r die Aneignung und Umsetzung dom&#228;nentypischer Schreibhandlungen (z.B. referieren, vergleichen, problematisieren, schlussfolgern, Forschungsergebnisse berichten) oder spezifischer auf das Lesen und Verarbeiten mehrerer Quellentexte gerichteter Lese- und Schreibstrategien bieten und auf das Schreiben &#8218;gr&#246;&#223;erer&#8216; akademischer Textsorten vorbereiten.</p>
<p>Die Mitschrift als Textsorte, die sich im akademischen Kontext u.a. gezielt als Vorlesungsmitschrift konkretisiert und als agentenbezogener Textualit&#228;tstyp einzustufen ist (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B7">Ehlich 2018: 24</xref>), ist bisher allerdings nicht in den Fokus der schulischen Wissenschaftsprop&#228;deutik ger&#252;ckt, obwohl zentrale Referenzdokumente f&#252;r den (Fremd-)Sprachenunterricht diese sehr wohl thematisieren und in ihren Kompetenzbeschreibungen ber&#252;cksichtigen. So formulieren die Bildungsstandards im Fach Deutsch f&#252;r die Allgemeine Hochschulreife f&#252;r den Kompetenzbereich Sprechen und Zuh&#246;ren die Teilkompetenz: &#8222;Die Sch&#252;lerinnen und Sch&#252;ler k&#246;nnen [&#8230;] den Verlauf fachlich anspruchsvoller monologischer und dialogischer Gespr&#228;chsformen konzentriert verfolgen, um Argumentation und Intention der Gespr&#228;chspartner wiederzugeben bzw. zusammenzufassen sowie ihr Verst&#228;ndnis durch Mitschriften oder Notizen zu sichern&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B15">Kultusministerkonferenz 2014: 15</xref>). Das Companion Volume zum Gemeinsamen Europ&#228;ischen Referenzrahmen f&#252;r Sprachen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B8">Europarat 2018: 115</xref>) umfasst Deskriptoren zum Mitschreiben ab der Niveaustufe A2, die f&#252;r die schulische Wissenschaftsprop&#228;deutik Anhaltspunkte f&#252;r eine didaktische Progression hin zum Mitschreiben in Vorlesungen bieten. So werden in der Niveaustufenmodellierung u.a. die Vertrautheit oder der Grad der Abstraktheit des Themas zur Differenzierung herangezogen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B8">Europarat 2018: 115</xref>). Die Kompetenzbeschreibung auf der Niveaustufe C2 sieht u.a. vor: &#8222;Can make notes selectively, paraphrasing and abbreviating successfully to capture abstract concepts and relationships between ideas&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B8">Europarat 2018: 115</xref>). Die Anforderung des erfolgreichen Mitschreibens besteht laut dieser Definition also in der Gratwanderung, einerseits Prozesse der Selektion, der Paraphrasierung und der Abk&#252;rzung beim Verfassen der Mitschrift in Bezug auf das Geh&#246;rte anzuwenden und andererseits aber dennoch abstrakte Sachverhalte und Zusammenh&#228;nge inhaltlich angemessen zu dokumentieren.</p>
<p>An diesem Punkt setzt der vorliegende Beitrag an und stellt die Frage nach der syntaktischen (Aus-)Gestaltung von bzw. nach den syntaktischen Einheiten in Mitschriften von Studienanf&#228;nger*innen (im fachlichen Kontext DaF/DaZ) mit Deutsch als L1 oder L2 an einer Universit&#228;t in Deutschland. In der Analyse der Mitschriften werden das Vorhandensein/Nicht-Vorhandensein von Verben sowie weitere grammatische Aspekte als zentraler Analysebereich in den Blick genommen und die Ergebnisse der Textanalyse zur Sprachkompetenz der Schreibenden in Beziehung gesetzt. Zudem erfolgt exemplarisch an einer Vorlesungssequenz ein Vergleich zwischen dem multimodalen Kommunikat (mediengest&#252;tzte Vorlesung) und den Mitschriften der Studierenden, um m&#246;gliche syntaktische Reduktions-, Reproduktions- bzw. Transformationsprozesse beim Mitschreiben zu explorieren. Herangezogen werden f&#252;r die Analyse Mitschriften aus dem Korpus MIKO &#8211; <italic>Mitschreiben in Vorlesungen: Ein multimodales Lehr-Lernkorpus</italic> (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B29">Wisniewski et al. 2022c</xref>), das im Rahmen des SpraStu-Projekts (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B27">Wisniewski et al. 2022a</xref>) erhoben und aufbereitet wurde.</p>
<p>Aus linguistischer Perspektive wird mit der Studie das Ziel verfolgt, weitere Erkenntnisse zur Textsorte Mitschrift, konkret zu ihrer syntaktischen Gestaltung, zu gewinnen. Aus (fremd-)sprachendidaktischer Perspektive interessiert zudem der Zusammenhang der Merkmale von Mitschriften mit der Sprachlernsituation (Deutsch als L1 vs. L2) und der Sprachkompetenz der Mitschreibenden einerseits und die &#8218;strategische&#8216; Auseinandersetzung der Studierenden mit der Vorlesung als multimodalem Kommunikat (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B5">Brinkschulte 2015</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B7">Ehlich 2018: 25</xref>) andererseits, um entsprechende Ergebnisse hinsichtlich ihrer Relevanz f&#252;r die Gestaltung von Lernangeboten zum Mitschreiben zu diskutieren.</p>
<p>Abschnitt 2 geht daher zun&#228;chst auf den Forschungsstand zum Mitschreiben in Vorlesungen ein und referiert dabei vor allem Studienergebnisse, die sich mit der &#8222;komplexen <italic>Sprachlichkeit des Mitschreibens</italic>&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B26">Wisniewski 2019: 154</xref>) besch&#228;ftigen. Abschnitt 3 leitet davon in einem n&#228;chsten Schritt das Erkenntnisinteresse der Untersuchung her. Abschnitt 4 beschreibt die Daten sowie das methodische Vorgehen, Abschnitt 5 fasst die Ergebnisse zusammen. In Abschnitt 6 werden diese aus Perspektive der schulischen Wissenschaftsprop&#228;deutik einer prim&#228;r didaktisch motivierten Diskussion unterzogen, Einschr&#228;nkungen der Untersuchung werden offengelegt.</p>
</sec>
<sec>
<title>2. Merkmale der Textsorte Mitschrift</title>
<p>W&#228;hrend die schulische Wissenschaftsprop&#228;deutik das Mitschreiben bisher kaum in den Blick genommen hat, existieren sehr wohl Studien aus der angewandten Linguistik sowie aus Deutsch als Fremd- und Zweitsprache, die erste zentrale Befunde zu textsortenspezifischen Merkmalen von Mitschriften von (L2-)Studierenden bereithalten. Dabei handelt es sich bei den nachfolgend referierten Studien entweder um qualitative Arbeiten mit Beobachtungen zu bestimmten Merkmalen oder um rekonstruktive Darstellungen zum Zusammenhang von Vorlesung oder Lehrveranstaltungsdiskurs einerseits und den Mitschriften bzw. teils auch weiterf&#252;hrenden Verarbeitungen von Mitschriften (z.B. in Protokollen bei <xref ref-type="bibr" rid="B20">Moll 2003</xref>) andererseits. Mit dem SpraStu-Projekt werden die methodischen Zugriffe auf Mitschriften um einen korpuslinguistischen Zugang erweitert (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B29">Wisniewski et al. 2022c</xref>).</p>
<p>Hinsichtlich der Merkmale von Mitschriften besch&#228;ftigt sich die Forschungsliteratur mit der Tatsache, dass sich die Textsorte in ihren Oberfl&#228;chenmerkmalen nicht nur &#252;ber spezifische sprachliche Strukturen, sondern auch &#252;ber Satz- und Sonderzeichen, graphisch-semiotische Gestaltungsm&#246;glichkeiten und -mittel sowie &#252;ber Aspekte der r&#228;umlichen Anordnung der verbalen Bestandteile definiert. Moll (<xref ref-type="bibr" rid="B20">2003: 43</xref>) nennt in diesem Zusammenhang z.B. Unterstreichungen als Mittel der Hervorhebung sowie die Herstellung von Zusammenh&#228;ngen und logischen Relationen durch Nummerierungen, Pfeile und r&#228;umliche Gruppierungen (vgl. dazu auch <xref ref-type="bibr" rid="B25">Wildegans 1987: 240</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B19">Moll 2001: 106</xref>), die u.a. durch Textbl&#246;cke, Absatzgestaltung und Leerzeilen erreicht werden k&#246;nnen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B19">Moll 2001:136&#8211;137</xref>). Bohn (<xref ref-type="bibr" rid="B4">1988: 363&#8211;364</xref>) verweist diesbez&#252;glich allerdings auf den Sachverhalt, dass die &#228;u&#223;ere Gliederung in dem von ihm untersuchten DaF-Mitschriftenkorpus nicht zwingend eine inhaltlich logische Struktur repr&#228;sentierte. Im SpraStu-Projekt werden datenbasiert folgende Gestaltungselemente als Kriterien f&#252;r die Analyse ausgew&#228;hlter Mitschriften (n = 77) aus dem MIKO-Korpus erarbeitet: Zeichen, Zahl, Zeichengruppe, Gliederungselemente sowie Grafiken (eigene Tabellen, eigene Bilder, andere eigene Grafiken) (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B30">Wisniewski et al. 2022d: 332</xref>). Die Analyse der Mitschriften nach diesen Kriterien zeigt, dass sich die Mitschriften von L1- und L2-Studierenden in der Anzahl gr&#246;&#223;erer Symbolgruppen, Zahlen, typografischen oder mathematischen Zeichen oder Sonderzeichen nicht voneinander unterscheiden. Auch Gliederungsmarkierungen wie Aufz&#228;hlungszeichen oder Nummerierungen weisen in ihrem Vorkommen zwischen den Mitschriften der beiden Studierendengruppen keine auff&#228;lligen Unterschiede auf. Dass Studierende w&#228;hrend des Mitschreibens eigenst&#228;ndig Tabellen oder Grafiken/Abbildungen anfertigen, kommt im untersuchten Korpus (fast) nicht vor (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B30">Wisniewski et al. 2022d: 349</xref>). Das Darstellen von in der Vorlesung gezeigten Zeichnungen, Diagrammen oder Abbildungen hingegen ist f&#252;r die Textsorte Mitschrift belegt (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B25">Wildegans 1987: 241</xref>).</p>
<p>Dar&#252;ber hinaus stellt die generelle mediale Beschaffenheit von Mitschriften (handschriftlich/digital) ein weiteres Differenzierungsmerkmal innerhalb der Textsorte dar (vgl. z.B. <xref ref-type="bibr" rid="B17">Luo et al. 2018</xref>). Mitschriften sind zudem im Kontext m&#246;glicher weiterer Medien (z.B. Skriptum, zur Verf&#252;gung gestellte oder abfotografierte Folien und Unterlagen, Pflichtlekt&#252;re) und im funktionalen Zusammenwirken mit diesen zu betrachten (vgl. z.B. <xref ref-type="bibr" rid="B31">Wong / Lim 2023</xref>).</p>
<p>Hinsichtlich der verbalen Gestaltung von Mitschriften benennt die Fachliteratur manche Merkmale sehr konkret. So wird das Vorkommen von Abk&#252;rzungen mehrfach in Textsortenbeschreibungen thematisiert, auch wenn unterschiedliche Beobachtungen zur H&#228;ufigkeit ihres textsortenspezifischen Vorkommens wiedergegeben werden (vgl. u.a. <xref ref-type="bibr" rid="B4">Bohn 1988: 363&#8211;364</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B19">Moll 2001: 106</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B24">Steets 2003: 54</xref>). Ebenso finden sich kontextabh&#228;ngig und individuell bedingt (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B12">Hanna / Liedke 1994: 396&#8211;397</xref>) voneinander abweichende Befunde zum Vorkommen von W&#246;rtern in anderen Sprachen in Mitschriften. W&#228;hrend diese im MIKO-Korpus nur einen kleinen Anteil an der Gesamtzahl der untersuchten Tokens ausmachen und nur bei einzelnen Lernenden in gr&#246;&#223;erer Zahl vorkommen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B30">Wisniewski et al. 2022d: 349</xref>), zeigt Hu (<xref ref-type="bibr" rid="B13">2020</xref>) in einer Studie zur mehrsprachigen Studiersituation in Luxemburg, dass dort die Mitschriften h&#228;ufig als mehrsprachige Texte gestaltet werden und dass Studierende mit der Sprachenwahl durchaus sehr konkrete Ziele (z.B. Verwendung der Seminarsprache, um aufw&#228;ndige &#220;bersetzungsleistungen zu vermeiden; Verwendung der Erstsprache f&#252;r eine pr&#228;zisere Analyse der Lehrveranstaltungsinhalte) angesichts der komplexen Anforderungen in der Mitschreibsituation verfolgen.</p>
<p>Dar&#252;ber hinaus finden auch sprachliche Merkmale von Mitschriften in Analysen Ber&#252;cksichtigung, die auf die Prozesse der Selektion, Verdichtung und Reformulierung, auf den Wechsel von M&#252;ndlichkeit zu Schriftlichkeit oder auf individuelle Strategien beim Mitschreiben zur&#252;ckgef&#252;hrt werden. Zum einen werden dabei aus linguistischer Sicht definitorisch vergleichsweise nur vage bestimmte Begrifflichkeiten zur Beschreibung der sprachlichen Merkmale herangezogen: Moll (<xref ref-type="bibr" rid="B19">2001: 106</xref>) berichtet beispielsweise von &#8222;stichwortartige[n] Darstellungen&#8220;, Bohn (<xref ref-type="bibr" rid="B4">1988: 363</xref>) von &#8222;Einwortreihungen&#8220;. Hanna und Liedke (<xref ref-type="bibr" rid="B12">1994: 396&#8211;397</xref>) wiederum unterscheiden drei Notationsformen: (1) die &#8222;Stichwortnotation&#8220;, welche einer &#8222;Reduktion auf einige wenige sinntragende Ausdr&#252;cke&#8220; gleichkommt, (2) die zusammenh&#228;ngende Notation bei erfolgreichem koh&#228;rentem Mitschreiben und (3) die &#8222;Baustein-Notation&#8220; bei weniger gut gelingendem w&#246;rtlichem Mitschreiben, welches zu L&#252;cken und Satzabbr&#252;chen f&#252;hrt. Zum anderen werden einzelne Merkmale der Mitschriften aber auch grammatisch n&#228;her bestimmt. Es sind dies Ellipsen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B4">Bohn 1988: 363&#8211;364</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B19">Moll 2001: 106</xref>), Nomen-Verb-Verbindungen und substantivische Wortgruppen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B4">Bohn 1988: 363&#8211;364</xref>), Nominalisierungen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B20">Moll 2003: 44</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B24">Steets 2003: 54</xref>) sowie Partizipialkonstruktionen und das Fehlen einer ausgebauten Morphologie (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B19">Moll 2001: 106</xref>).</p>
<p>Ebenso werden Vergleiche zwischen den Mitschriften und den Vorlesungen/Lehrveranstaltungen als &#8222;prim&#228;re[n] &#196;u&#223;erungsformen&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B24">Steets 2003: 52&#8211;53</xref>) gezogen und auf deren Basis Bewertungen einzelner Merkmale der von Studierenden verfassten Mitschriften vorgenommen: So verursache die &#8222;Aneinanderreihung isolierter Symbolfeld-Ausdr&#252;cke [&#8230;] fehlende logische Verkn&#252;pfungen einzelner Wissenselemente (und fehlende Koh&#228;renz)&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B19">Moll 2001: 226</xref>; vgl. dazu auch <xref ref-type="bibr" rid="B4">Bohn 1988: 363&#8211;364</xref>). Als differenzierendes Merkmal f&#252;r die Qualit&#228;t von Mitschriften wird von Moll (<xref ref-type="bibr" rid="B19">2001: 260&#8211;261</xref>) und Steets (<xref ref-type="bibr" rid="B24">2003: 60</xref>) zudem der Aspekt herangezogen, ob es Studierenden gelingt, beim Mitschreiben die zugrundeliegenden Sprachhandlungen (z.B. definieren, ein Beispiel geben, begr&#252;nden) zu erkennen und folglich die Propositionen in der Mitschrift ebenfalls entsprechend (z.B. als Beispiel, Definition) zu kennzeichnen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B19">Moll 2001: 260&#8211;261</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B24">Steets 2003: 60</xref>). Ebenso legt der Abgleich mit dem Input der Vorlesung/Lehrveranstaltung in Molls (<xref ref-type="bibr" rid="B19">2001: 211</xref>) Untersuchung eine starke Orientierung am Tafelanschrieb in einigen Mitschriften offen.</p>
</sec>
<sec>
<title>3. Forschungsinteresse und Analysegr&#246;&#223;e der vorliegenden Studie</title>
<p>Der Forschungsstand geht damit bereits konkret auf Aspekte der syntaktischen Gestaltung von Mitschriften ein. Allerdings bleiben die Ausf&#252;hrungen in diesem Bereich aufgrund der methodischen Vorgehensweisen der Studien bisher weitgehend beispielhaft-beschreibend. Ebenso werden Mitschriften von (L2-)Studierenden dabei als gelungen oder weniger gelungen bewertet.</p>
<p>An diese beiden Punkte kn&#252;pft die vorliegende Studie wie folgt an: Sie nimmt eine syntaktische Analyse der sprachlichen Segmente von Mitschriften vor, die zwischen den gliedernden und strukturierenden Mitteln wie Nummerierungen, Satz- und Sonderzeichen oder Zeilenumbr&#252;chen liegen. Da mit diesem Vorgehen eine isolierte Betrachtung eines Oberfl&#228;chenph&#228;nomens von Mitschriften erfolgt und sich die Qualit&#228;t bzw. Funktionalit&#228;t der Mitschriften erst im Zusammenspiel der syntaktischen Strukturen mit weiteren Gestaltungsmitteln sowie im Abgleich mit der Vorlesung als solcher und in Abh&#228;ngigkeit von individuellen Zielsetzungen und Rekonstruktionsleistungen der Studierenden ausbildet, wird von einer Qualit&#228;tsbewertung der Mitschriften klar Abstand genommen (siehe zu dieser Problematik auch <xref ref-type="bibr" rid="B24">Steets 2003: 56</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B3">Arras / Fohr 2020: 138</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B30">Wisniewski et al. 2022d: 332&#8211;334</xref>).</p>
<p>Zugleich erm&#246;glicht das Vorgehen aber eine Quantifizierung der Analyseergebnisse. Ebenso k&#246;nnen subjektive Interpretationsspielr&#228;ume, wie sie z.B. bei der Deutung von Pfeilen oder dergleichen in den Mitschriften oder beim Rekonstruieren von Zusammenh&#228;ngen &#252;ber die von den Studierenden gesetzten Gliederungsmarken hinweg unweigerlich entstehen, weitestgehend ausgeklammert werden. Die weiteren Daten aus dem MIKO-Korpus (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B29">Wisniewski et al. 2022c</xref>) erlauben es zudem, die syntaktische Gestaltung der Mitschriften nach den Studierendengruppen mit Deutsch als L1/L2 getrennt und vergleichend zu betrachten sowie Zusammenh&#228;nge zwischen der syntaktischen Gestaltung der Mitschriften und der Sprachkompetenz der Studierenden herzustellen. Nicht zuletzt bietet das Vorliegen der Vorlesungen im multimodalen Lehr-Lernkorpus die M&#246;glichkeit, den rekonstruktiven Schritt des Vergleichs von Mitschrift mit multimodalem Input hinsichtlich der Frage syntaktischer Transformationsprozesse vorzunehmen. Ein entsprechender Abgleich erfolgt in der vorliegenden Untersuchung aber nur exemplarisch im Sinne eines Ausblicks auf weitere m&#246;gliche Forschungsvorhaben zur syntaktischen Gestaltung von Mitschriften.</p>
<p>Motiviert ist das Analysevorhaben durch die &#220;berlegung, dass die Textsorte Mitschrift nicht nur, wie in den Bildungsstandards (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B15">KMK 2014</xref>) und im Companion Volume (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B8">Europarat 2018</xref>) angesprochen, der Dokumentation/Sicherung von rezeptiv verarbeiteten Informationen dient, sondern auch Grundlage f&#252;r das Lernen sein kann (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B11">Frank et al. 2013: 150</xref>). Je nach dem Grad ihrer syntaktischen Vollst&#228;ndigkeit oder Fragmentierung und Reduktion verlangt die Mitschrift folglich in Lern- und Pr&#252;fungssituationen unterschiedlich komplexe sprachliche (Re-)Konstruktions- und (Re-)Produktionsleistungen von den Lernenden auf dem Weg (zur&#252;ck) zu einem syntaktisch vollst&#228;ndigen Kommunikat (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B12">Hanna / Liedke 1994: 386&#8211;387</xref>). Aus der Perspektive der schulischen Wissenschaftsprop&#228;deutik erweist sich zudem das Vorliegen von Mitschriften von Studierenden mit unterschiedlichen, (auch entsprechend) dokumentierten Sprachkompetenzen im MIKO-Korpus als besonders interessant. So k&#246;nnen Anhaltspunkte f&#252;r eine Progression oder f&#252;r zielgruppenspezifische Lerngegenst&#228;nde in Bezug auf die syntaktische Gestaltung von Mitschriften durch die Analyse gewonnen werden.</p>
</sec>
<sec>
<title>4. Forschungsfragen, Datengrundlage und methodisches Vorgehen</title>
<p>Damit ergeben sich f&#252;r die vorliegende Studie konkret folgende drei Forschungsfragen:</p>
<list list-type="order">
<list-item><p>Wie sind die verbalen Bestandteile von Mitschriften syntaktisch gestaltet? Welche syntaktischen Strukturen werden wie h&#228;ufig verwendet und lassen sich dabei Unterschiede zwischen den Mitschriften von L1- und L2-Studierenden bzw. Ausma&#223;e interindividueller Variation erkennen?</p></list-item>
<list-item><p>Welche Zusammenh&#228;nge bestehen zwischen dem Anteil bestimmter syntaktischer Strukturen in den Mitschriften und der in einer Sprachtestsituation (zu einer Schreibaufgabe) ermittelten Sprachkompetenz der Studierenden?</p></list-item>
<list-item><p>Welche syntaktischen Reproduktions-/Transformationsprozesse k&#246;nnen in einem exemplarischen Abgleich der Mitschriften mit zwei ausgew&#228;hlten Ausschnitten der Vorlesung als Anhaltspunkte f&#252;r weiterf&#252;hrende Analysen exploriert werden?</p></list-item>
</list>
<sec>
<title>4.1 Erhebungskontext, Lernende und verwendete Datens&#228;tze des MIKO-Korpus</title>
<p>Die analysierten Mitschriften stammen aus dem Korpus MIKO &#8211; <italic>Mitschreiben in Vorlesungen: Ein multimodales Lehr-Lernkorpus</italic> (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B29">Wisniewski et al. 2022c</xref>), welches im Rahmen des SpraStu-Projekts (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B27">Wisniewski et al. 2022a</xref>) erhoben und f&#252;r Forschungszwecke aufbereitet wurde. Die Dokumente liegen als Scandateien im Archiv f&#252;r Gesprochenes Deutsch (AGD) des Leibnitz-Instituts f&#252;r deutsche Sprache und k&#246;nnen &#252;ber eine Zugriffsanfrage und unter der Voraussetzung einer zweckgewidmeten Nutzungserkl&#228;rung angefragt und zu Forschungszwecken verarbeitet werden. Ebenso erfolgt damit eine Aush&#228;ndigung des vollst&#228;ndigen Metadatensatzes, aus dem die nachfolgenden Informationen (wenn nicht anders angegeben) entnommen sind (MIKO, IDS Mannheim).</p>
<p>F&#252;r die Analyse wurden jene Mitschriften herangezogen, die dem fachlichen Kontext Deutsch als Fremd- und Zweitsprache entstammen und im Studienjahr 2017/18 in drei Einheiten einer Vorlesung mit dem Titel &#8222;Grundz&#252;ge der Lexikologie der deutschen Gegenwartssprache&#8220; (Lex_1, Lex_2 und Lex_3)<xref ref-type="fn" rid="n1">1</xref> an der Universit&#228;t Leipzig angefertigt wurden. Die Vorlesung wurde in allen drei Einheiten mediengest&#252;tzt abgehalten (Medium: ein &#252;ber Beamer im H&#246;rsaal projizierter Foliensatz). Es handelt sich also bei allen drei Vorlesungseinheiten um multimodale Kommunikate, die es von den Studierenden h&#246;rend-lesend zu verarbeiten galt.</p>
<p>Von den insgesamt zu dieser Vorlesung vorliegenden 25 Mitschriften wurden drei Dokumente aus unterschiedlichen Gr&#252;nden von der Analyse ausgeschlossen (Lex_2_MiKo02_L2: gr&#246;&#223;ere Anzahl fremder W&#246;rter/Strukturen; Lex_2_MiKo04_L2: schlechte Aufl&#246;sung, eingeschr&#228;nkte Lesbarkeit; Lex_3_MiKo18_L1: Ausdruck einzelner Folien zur Vorlesung als Basis f&#252;r das Transkript verwendet). Die verbleibenden 22 Mitschriften wurden von elf Studierenden angefertigt. <xref ref-type="table" rid="T1">Tabelle 1</xref> zeigt das Vorhandensein (ja/nein) von Texten zu den drei Lehrveranstaltungsterminen je Student*in sowie weitere pers&#246;nliche Angaben zu den Schreibenden.</p>
<table-wrap id="T1">
<label>Tabelle 1</label>
<caption>
<p>Verteilung der Mitschriften und pers&#246;nliche Angaben zu den Studierenden</p>
</caption>
<table>
<thead>
<tr>
<td align="left" valign="top"><bold>Lernende*r (L1/L2)</bold></td>
<td align="left" valign="top" colspan="3"><bold>Vorlesungseinheiten</bold></td>
<td align="left" valign="top"><bold>Geschlecht</bold></td>
<td align="left" valign="top"><bold>Semester</bold></td>
<td align="left" valign="top"><bold>L1</bold></td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top"></td>
<td align="left" valign="top"><bold>Lex_1</bold></td>
<td align="left" valign="top"><bold>Lex_2</bold></td>
<td align="left" valign="top"><bold>Lex_3</bold></td>
<td align="left" valign="top"></td>
<td align="left" valign="top"></td>
<td align="left" valign="top"></td>
</tr>
</thead>
<tbody>
<tr>
<td align="left" valign="top">MIKO02_L2</td>
<td align="left" valign="top">Ja</td>
<td align="left" valign="top">Nein</td>
<td align="left" valign="top">Ja</td>
<td align="left" valign="top">weiblich</td>
<td align="left" valign="top">1</td>
<td align="left" valign="top">Koreanisch</td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top">MIKO04_L2</td>
<td align="left" valign="top">Ja</td>
<td align="left" valign="top">Nein</td>
<td align="left" valign="top">Ja</td>
<td align="left" valign="top">weiblich</td>
<td align="left" valign="top">1</td>
<td align="left" valign="top">Russisch</td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top">MIKO09_L2</td>
<td align="left" valign="top">Nein</td>
<td align="left" valign="top">Nein</td>
<td align="left" valign="top">Ja</td>
<td align="left" valign="top">weiblich</td>
<td align="left" valign="top">1</td>
<td align="left" valign="top">Albanisch</td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top">MIKO10_L1</td>
<td align="left" valign="top">Ja</td>
<td align="left" valign="top">Ja</td>
<td align="left" valign="top">Ja</td>
<td align="left" valign="top">m&#228;nnlich</td>
<td align="left" valign="top">3</td>
<td align="left" valign="top">Deutsch</td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top">MIKO18_L1</td>
<td align="left" valign="top">Ja</td>
<td align="left" valign="top">Nein</td>
<td align="left" valign="top">Nein</td>
<td align="left" valign="top">weiblich</td>
<td align="left" valign="top">1</td>
<td align="left" valign="top">Deutsch</td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top">MIKO19_L1</td>
<td align="left" valign="top">Ja</td>
<td align="left" valign="top">Ja</td>
<td align="left" valign="top">Ja</td>
<td align="left" valign="top">m&#228;nnlich</td>
<td align="left" valign="top">3</td>
<td align="left" valign="top">Deutsch</td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top">MIKO25_L1</td>
<td align="left" valign="top">Ja</td>
<td align="left" valign="top">Nein</td>
<td align="left" valign="top">Ja</td>
<td align="left" valign="top">weiblich</td>
<td align="left" valign="top">1</td>
<td align="left" valign="top">Deutsch</td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top">MIKO28_L2</td>
<td align="left" valign="top">Ja</td>
<td align="left" valign="top">Nein</td>
<td align="left" valign="top">Nein</td>
<td align="left" valign="top">weiblich</td>
<td align="left" valign="top">1</td>
<td align="left" valign="top">Arabisch</td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top">MIKO33_L1</td>
<td align="left" valign="top">Ja</td>
<td align="left" valign="top">Ja</td>
<td align="left" valign="top">Ja</td>
<td align="left" valign="top">weiblich</td>
<td align="left" valign="top">1</td>
<td align="left" valign="top">Deutsch</td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top">MIKO38_L1</td>
<td align="left" valign="top">Nein</td>
<td align="left" valign="top">Ja</td>
<td align="left" valign="top">Ja</td>
<td align="left" valign="top">weiblich</td>
<td align="left" valign="top">1</td>
<td align="left" valign="top">Deutsch</td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top">MIKO39_L2</td>
<td align="left" valign="top">Nein</td>
<td align="left" valign="top">Ja</td>
<td align="left" valign="top">Ja</td>
<td align="left" valign="top">weiblich</td>
<td align="left" valign="top">1</td>
<td align="left" valign="top">Vietnamesisch</td>
</tr>
</tbody>
</table>
</table-wrap>
<p>Die erste Spalte von <xref ref-type="table" rid="T1">Tabelle 1</xref> nennt mit dem anonymisierten K&#252;rzel auch bereits die Information, ob Deutsch f&#252;r die Studierenden L1 oder L2 ist. Es liegt diesbez&#252;glich ein Verh&#228;ltnis von sechs (Deutsch als L1) zu f&#252;nf (Deutsch als L2) Studierenden vor. Die Mitschriften als Dateneinheiten verteilen sich wie folgt: vierzehn Mitschriften von Lernenden mit Deutsch als L1 und acht Mitschriften von Lernenden mit Deutsch als L2. Weiters zeigt <xref ref-type="table" rid="T1">Tabelle 1</xref>, dass es sich bei den Verfasser*innen &#252;berwiegend um weibliche Studierende (9 von 11) handelt. Mehrheitlich befanden sich die Mitschreibenden zum Zeitpunkt der Vorlesungseinheiten im ersten Studiensemester. Die unter den L2-Studierenden vertretenen Erstsprachen sind Albanisch, Arabisch, Koreanisch, Russisch und Vietnamesisch. Hinsichtlich des Alters der Studierenden kann erg&#228;nzend vermerkt werden, dass sie sich in der Befragung unterschiedlichen Altersgruppen zwischen 16 und 35 Jahren zuordneten. 20 Mitschriften sind handschriftlich verfasst, zwei Texte wurden digital angefertigt (Lex_2_MIKO38_L1 und Lex_3_MIKO38_L1).</p>
<p>F&#252;r die Beantwortung der Forschungsfragen (2) und (3) werden weitere Datens&#228;tze genutzt: Dies sind zum einen die Bewertungsergebnisse zur TestDaF-Schreibaufgabe, welche die Studierenden im SpraStu-Projekt zu Studienbeginn (also im selben Semester wie den Vorlesungsbesuch) absolviert haben (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B28">Wisniewski et al. 2022b: 117</xref>). Konkret herangezogen werden davon neben dem allgemeinen Testergebnis zum Schreiben auch die Werte f&#252;r die Kriterien Sprachliche Mittel und Wortschatz (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B28">Wisniewski et al. 2022b: 122</xref>). Zum anderen werden f&#252;r den Vergleich zwischen der Vorlesung in ihrem multimodalen Charakter und den Mitschriften das Video (MIKO_E_00012; IDS Mannheim, online) sowie das Transkript (MIKO_E_00012, Lexikologie_3_Transkript; IDS Mannheim, online) zur dritten Vorlesungseinheit verwendet. Da die Lesbarkeit des Foliensatzes im Video nur bedingt gegeben ist, wird hierf&#252;r auch die aus der Analyse an sich ausgeschlossene Mitschrift Lex_3_MIKO18_L1, die einen Ausdruck einzelner Folien der Vorlesung umfasst, herangezogen.</p>
</sec>
<sec>
<title>4.2 Segmentierung der Mitschriften</title>
<p>Die Segmentierung der Mitschriften und die Nummerierung der Segmente erfolgt direkt in den Textdokumenten mit dem Ziel, jene sprachlichen Einheiten bzw. Wortgruppen zu ermitteln und voneinander abzugrenzen, die in einem n&#228;chsten Schritt der syntaktischen Analyse unterzogen werden. Dabei orientiert sich die Segmentierung eng an der Notation der Studierenden. Das hei&#223;t, dass keine Rekonstruktionen m&#246;glicher syntaktischer Zusammenh&#228;nge oder Einheiten &#252;ber die von den Studierenden gesetzten Gliederungsmittel, Satz- und Sonderzeichen (z.B. Doppelpunkte, Pfeile) vorgenommen werden, auch wenn das verbale Material zwischen den Zeichen oder dessen r&#228;umliche Anordnung/Gruppierung eine solche nahelegen. Folgende zwei Beispiele veranschaulichen dieses Vorgehen: In Beispiel (1) k&#246;nnten die Strukturen mit Verb als syntaktische Einheit mit der Zwischen&#252;berschrift &#8222;Wortbildung&#8220;, der sie untergeordnet sind, gewertet werden. Da allerdings sowohl der Zeilenumbruch als auch der Pfeil ein anderes Strukturierungsverst&#228;ndnis anzeigen, werden hier in Summe drei Segmente (&#124; = Segmentgrenze) gewertet. Auch in Beispiel (2) deuten Doppelpunkt, Pfeil und Klammersetzung auf Zusammenh&#228;nge zwischen den einzelnen syntaktischen Versatzst&#252;cken hin. Da diese aber nicht n&#228;her verbal ausgef&#252;hrt sind, wird hier ebenfalls von Rekonstruktionsschritten, die noch umfassender als in Beispiel (1) ausfallen m&#252;ssten, Abstand genommen.</p>
<list list-type="gloss">
<list-item>
<list list-type="wordfirst">
<list-item><p>(1)</p></list-item>
</list>
</list-item>
<list-item>
<list list-type="sentence-gloss">
<list-item>
<list list-type="final-sentence">
<list-item><p>Wortbildung &#124;</p></list-item>
<list-item><p>-&gt;f&#252;llt L&#252;cken, &#124; verdr&#228;ngt andere W&#246;rter (Lex_3_MiKo38_L1, 43&#8211;45)</p></list-item>
</list>
</list-item>
</list>
</list-item>
</list>
<list list-type="gloss">
<list-item>
<list list-type="wordfirst">
<list-item><p>(2)</p></list-item>
</list>
</list-item>
<list-item>
<list list-type="sentence-gloss">
<list-item>
<list list-type="final-sentence">
<list-item><p>&#8211; Prinzip der Anschaulichkeit: &#124; Prototyp nicht abstrakt &#124; (-&gt; Gestalttheorie &#124; (ganzheitliches Bild))</p></list-item>
<list-item><p>(Lex_3_MiKo10_L1, 3&#8211;6)</p></list-item>
</list>
</list-item>
</list>
</list-item>
</list>
<p>Eine Ausnahme bilden Strukturen, in denen das verwendete Zeichen der koordinierenden Funktion von <italic>und</italic> gleichkommt, wie dies in Beispiel (3) durch das Zeichen &amp; der Fall ist (siehe dazu auch Beispiel [6] unten).</p>
<list list-type="gloss">
<list-item>
<list list-type="wordfirst">
<list-item><p>(3)</p></list-item>
</list>
</list-item>
<list-item>
<list list-type="sentence-gloss">
<list-item>
<list list-type="final-sentence">
<list-item><p>Entlehnungen &amp; Synonyme (Lex_1_MiKo18_L1, 75)</p></list-item>
</list>
</list-item>
</list>
</list-item>
</list>
<p>Bei Hauptsatzreihen, Satzgef&#252;gen oder bei Infinitiv-Strukturen mit <italic>zu</italic> wird pro Verbform ein eigenes Segment gez&#228;hlt. Demnach setzen sich sowohl Beispiel (4) als auch Beispiel (5) aus jeweils zwei Segmenten zusammen. Strukturen wie in Beispiel (6), in denen eine Nominalgruppe um einen Relativsatz erweitert wird, werden hingegen als ein gemeinsames Segment gewertet.</p>
<list list-type="gloss">
<list-item>
<list list-type="wordfirst">
<list-item><p>(4)</p></list-item>
</list>
</list-item>
<list-item>
<list list-type="sentence-gloss">
<list-item>
<list list-type="final-sentence">
<list-item><p>es gibt keine &#220;berg&#228;nge zwischen den Polen, &#124; die Negation eines Ausdrucks impliziert nicht notwendigerweise die Behauptung des Anderen (Lex_3_MiKo18_L1, 27&#8211;28)</p></list-item>
</list>
</list-item>
</list>
</list-item>
</list>
<list list-type="gloss">
<list-item>
<list list-type="wordfirst">
<list-item><p>(5)</p></list-item>
</list>
</list-item>
<list-item>
<list list-type="sentence-gloss">
<list-item>
<list list-type="final-sentence">
<list-item><p>Merkmale helfen, &#124; typische Konzepte/Bedeutungskerne zu beschreiben (Lex_3_MiKo39_L2, 29&#8211;30)</p></list-item>
</list>
</list-item>
</list>
</list-item>
</list>
<list list-type="gloss">
<list-item>
<list list-type="wordfirst">
<list-item><p>(6)</p></list-item>
</list>
</list-item>
<list-item>
<list list-type="sentence-gloss">
<list-item>
<list list-type="final-sentence">
<list-item><p>Menge + Konfiguration, die Prototyp definieren (Lex_3_MiKo19_L1, 22)</p></list-item>
</list>
</list-item>
</list>
</list-item>
</list>
<p>Neben diesen grundlegenden Prinzipien f&#252;r die Segmentierung werden mit Blick auf den Untersuchungsgegenstand weitere Entscheidungen getroffen: <italic>Fremde W&#246;rter/Strukturen</italic> werden in der Gesamtzahl der Segmente mitgez&#228;hlt, ebenso <italic>nicht leserliche/nicht verst&#228;ndliche Passagen</italic>, auch wenn einschr&#228;nkend angemerkt werden muss, dass das Ziehen der Segmentgrenzen nach den oben genannten Prinzipien in beiden F&#228;llen einen h&#246;heren Grad an Unsicherheit verursacht (siehe dazu auch die Entscheidung, die Mitschrift Lex_2_MiKo02_L2 aufgrund einer gro&#223;en Anzahl an fremden W&#246;rtern/Strukturen nicht in die Datengrundlage f&#252;r die Analyse aufzunehmen).</p>
<p>Ebenso wird f&#252;r <italic>Beispiele</italic> ein abweichendes Vorgehen gew&#228;hlt: Beispiele zu <italic>einem</italic> inhaltlichen Sachverhalt der Vorlesung werden nur als ein Segment gewertet, auch wenn in den einzelnen Mitschriften unterschiedlich viele Beispiele genannt werden. Dieses Vorgehen soll dazu f&#252;hren, dass der unterschiedliche Umgang mit Beispielen keinen zu starken Einfluss auf die Gesamtzahl der Strukturen je Mitschrift nimmt. Beispiele werden zudem keiner syntaktischen Analyse unterzogen, da sie stark durch den jeweiligen Inhalt gepr&#228;gt sind und dies weitere Einfl&#252;sse auf die Analyseergebnisse zu den syntaktischen Strukturen in den Mitschriften haben kann (z.B. eine deutliche Erh&#246;hung der Anzahl an Strukturen mit Verben, wenn ein*e Studierende*r mehrere Verben als Beispiele f&#252;r einen in der Vorlesung besprochenen lexikalischen Sachverhalt anf&#252;hrt). Erfolgen allerdings weiterf&#252;hrende Erl&#228;uterungen zu einem Beispiel, so werden diese gesondert segmentiert, syntaktisch analysiert und in die Berechnung der Gesamtzahl an Segmenten aufgenommen.</p>
<p>Um das Ergebnis der Segmentierung zumindest auf Intracoder-Reliabilit&#228;t zu &#252;berpr&#252;fen, wurden drei Mitschriften (eine aus jeder Vorlesungseinheit) mit zeitlichem Abstand ein zweites Mal segmentiert und der relative Anteil der &#252;bereinstimmenden Segmentierungen an der Gesamtzahl der Codierungen als ein einfaches Ma&#223; der &#220;bereinstimmung ermittelt (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B14">Kuckartz 2018: 206</xref>). Bei 240 von 248 Einheiten erfolgte die Segmentierung in den beiden Durchg&#228;ngen identisch. Die &#220;bereinstimmung liegt somit bei 96,8%.</p>
</sec>
<sec>
<title>4.3 Analyse und Kategorisierung der Segmente</title>
<p>F&#252;r die weiterf&#252;hrende Analyse der einzelnen Segmente werden die Nummern der Segmente in eine Excel-Datei &#252;bertragen. Die in Abschnitt 4.2 genannten Kategorien der <italic>Beispiele</italic> sowie der <italic>unverst&#228;ndlichen/unleserlichen Strukturen</italic> und <italic>Strukturen mit sprachlichen Einheiten aus anderen Sprachen</italic> werden in drei entsprechenden Gruppen kategorisiert und keiner weiteren Analyse unterzogen.</p>
<p>F&#252;r die anderen Segmente erfolgt zun&#228;chst die Bestimmung, ob sie ein Verb beinhalten oder nicht. Begr&#252;ndet wird diese grunds&#228;tzliche Unterscheidung in Strukturen mit/ohne Verb mit der &#220;berlegung, dass Verben &#8222;als Organisationszentrum von S&#228;tzen und Texten&#8220; (<xref ref-type="bibr" rid="B9">Fandrych / Thurmair 2018: 17</xref>) das Potenzial haben, mehrere weitere syntaktische Elemente an sich zu binden und dadurch gr&#246;&#223;ere syntaktische Einheiten zu bilden.</p>
<p><italic>Strukturen mit Verb:</italic> Als Strukturen mit Verb werden dabei nicht nur <italic>Strukturen mit konjugiertem Verb</italic> (Beispiel [7]) kategorisiert, sondern auch solche, die ausschlie&#223;lich einen <italic>Infinitiv</italic> (Beispiel [8]) oder ein <italic>Partizip</italic> (Beispiel [9]) beinhalten, da auch sie &#252;ber das oben beschriebene Bindungspotenzial verf&#252;gen, wie die folgenden Beispiele zeigen. In der Darstellung der Ergebnisse werden sowohl der Gesamtanteil als auch die Anteile f&#252;r die drei Untergruppen ausgewiesen.</p>
<list list-type="gloss">
<list-item>
<list list-type="wordfirst">
<list-item><p>(7)</p></list-item>
</list>
</list-item>
<list-item>
<list list-type="sentence-gloss">
<list-item>
<list list-type="final-sentence">
<list-item><p>verdr&#228;ngt andere W&#246;rter (Lex_3_MiKo38_L1, 45)</p></list-item>
</list>
</list-item>
</list>
</list-item>
</list>
<list list-type="gloss">
<list-item>
<list list-type="wordfirst">
<list-item><p>(8)</p></list-item>
</list>
</list-item>
<list-item>
<list list-type="sentence-gloss">
<list-item>
<list list-type="final-sentence">
<list-item><p>bereits Benanntes pragmatisch g&#252;nstiger o. m. negativ erscheinendem Wort benennen (Lex_3_MiKo38_L1, 91)</p></list-item>
</list>
</list-item>
</list>
</list-item>
</list>
<list list-type="gloss">
<list-item>
<list list-type="wordfirst">
<list-item><p>(9)</p></list-item>
</list>
</list-item>
<list-item>
<list list-type="sentence-gloss">
<list-item>
<list list-type="final-sentence">
<list-item><p>von Sprachgem. Zu best. Zeitpunkt als &#8222;neu&#8220; empfunden (Lex_3_MiKo10_L1, 53)</p></list-item>
</list>
</list-item>
</list>
</list-item>
</list>
<p>F&#252;r die <italic>Strukturen ohne Verb</italic> erfolgen ebenfalls weitere Detailanalysen. Daf&#252;r werden zun&#228;chst die Wortarten der einzelnen Segmente bestimmt und anschlie&#223;end gleiche bis &#228;hnliche Strukturen zu folgenden Kategorien zusammengefasst:</p>
<p><italic>Nominalgruppen</italic> (<italic>NG</italic>): Bei den nominalen Gruppen werden minimale NG, einfache NG und komplexe NG je nach der Art weiterer Elemente, die sie an sich binden, unterschieden. Die <italic>minimalen NG</italic> umfassen in den meisten F&#228;llen nur ein Substantiv (Beispiel [10]). Ebenso in diese Kategorie aufgenommen werden Substantivgruppen, die z.B. mit <italic>und</italic> oder einem entsprechenden Zeichen verkn&#252;pft sind (siehe Beispiel [3] oben). Als <italic>einfache NG</italic> werden Strukturen zusammengefasst, in denen die Nominalgruppe um ein Adjektivattribut erg&#228;nzt wird (siehe Beispiel [11]) und dieses ggf. selbst adverbial n&#228;her bestimmt ist (siehe Beispiel [12]).</p>
<list list-type="gloss">
<list-item>
<list list-type="wordfirst">
<list-item><p>(10)</p></list-item>
</list>
</list-item>
<list-item>
<list list-type="sentence-gloss">
<list-item>
<list list-type="final-sentence">
<list-item><p>Annahme (Lex_2_MiKo10_L1, 20)</p></list-item>
</list>
</list-item>
</list>
</list-item>
</list>
<list list-type="gloss">
<list-item>
<list list-type="wordfirst">
<list-item><p>(11)</p></list-item>
</list>
</list-item>
<list-item>
<list list-type="sentence-gloss">
<list-item>
<list list-type="final-sentence">
<list-item><p>Holistische Konzepte (Lex_2_MiKo10_L1, 20)</p></list-item>
</list>
</list-item>
</list>
</list-item>
</list>
<list list-type="gloss">
<list-item>
<list list-type="wordfirst">
<list-item><p>(12)</p></list-item>
</list>
</list-item>
<list-item>
<list list-type="sentence-gloss">
<list-item>
<list list-type="final-sentence">
<list-item><p>eher psychologisches Interesse (Lex_2_MiKo39_L2, 93)</p></list-item>
</list>
</list-item>
</list>
</list-item>
</list>
<p><italic>Komplexe NG</italic> (siehe Beispiele [13] bis [16]) weisen mindestens eine rechtsseitige Erweiterung nach dem Kern der NG auf. Zumeist sind dies Genitiv- oder Pr&#228;positionalattribute, in wenigen F&#228;llen postnominale Phrasen mit <italic>wie/als</italic>. Zudem k&#246;nnen auch mehrere rechtsseitige Attribute vorliegen, wobei hier nicht n&#228;her differenziert wird, ob sich diese auf den nominalen Kern des Satzgliedes beziehen oder ein Attribut durch ein weiteres n&#228;her bestimmt wird (wie z.B. in Beispiel [16]). Weitere Adjektiv- und Adverbialattribute k&#246;nnen zudem vorliegen, ebenso auch einleitende Konjunktionen. Die Kategorie wird aber in der Analyse diesbez&#252;glich ebenfalls nicht weiter ausdifferenziert.</p>
<list list-type="gloss">
<list-item>
<list list-type="wordfirst">
<list-item><p>(13)</p></list-item>
</list>
</list-item>
<list-item>
<list list-type="sentence-gloss">
<list-item>
<list list-type="final-sentence">
<list-item><p>Unwort des Jahres (Lex_3_MiKo4_L2, 36)</p></list-item>
</list>
</list-item>
</list>
</list-item>
</list>
<list list-type="gloss">
<list-item>
<list list-type="wordfirst">
<list-item><p>(14)</p></list-item>
</list>
</list-item>
<list-item>
<list list-type="sentence-gloss">
<list-item>
<list list-type="final-sentence">
<list-item><p>Wortschatz im Wandel (Lex_3_MiKo4_L2, 29)</p></list-item>
</list>
</list-item>
</list>
</list-item>
</list>
<list list-type="gloss">
<list-item>
<list list-type="wordfirst">
<list-item><p>(15)</p></list-item>
</list>
</list-item>
<list-item>
<list list-type="sentence-gloss">
<list-item>
<list list-type="final-sentence">
<list-item><p>Wortbedeutung als Ganzheit (Lex_2_MiKo19_L1)</p></list-item>
</list>
</list-item>
</list>
</list-item>
</list>
<list list-type="gloss">
<list-item>
<list list-type="wordfirst">
<list-item><p>(16)</p></list-item>
</list>
</list-item>
<list-item>
<list list-type="sentence-gloss">
<list-item>
<list list-type="final-sentence">
<list-item><p>wichtige Rolle bei der Bildung von Gegensatzw&#246;rtern (Lex_1_MiKo28_L2)</p></list-item>
</list>
</list-item>
</list>
</list-item>
</list>
<p>Beispiel (16) verdeutlicht in diesem Zusammenhang auch, dass diese komplexen Strukturen ohne Verb als ein Segment gewertet werden, auch wenn im Endeffekt unklar bleibt, ob sie in der Phase der (Re-)Konstruktion als komplexe Segmente erhalten bleiben (z.B. <italic>Eine wichtige Rolle bei der Bildung von Gegensatzw&#246;rtern kommt &#8230; zu.</italic>) oder ob die Attribution zu einem eigenst&#228;ndigen Satzglied umfunktionalisiert wird (z.B. <italic>Bei der Bildung von Gegensatzw&#246;rtern kommt &#8230; eine wichtige Rolle zu.</italic>)</p>
<p><italic>Pr&#228;positionalgruppen</italic> (<italic>PG</italic>): In einzelnen F&#228;llen wurden auch lose Pr&#228;positionalgruppen (tw. mit Artikel und/oder Adjektivattribut) verschriftet. Sie werden in der Ergebnisdarstellung ebenfalls als eine Gruppe behandelt, dabei aber nicht weiter differenziert.</p>
<p><italic>Adjektivgruppen</italic> (<italic>AG</italic>): Bei den Adjektivgruppen handelt es sich entweder analog zu den NG um Minimalstrukturen bestehend aus einem (ggf. adverbial n&#228;her bestimmten) Adjektiv, z.B. regional (Lex_1_MiKo33_L1), oder aus einer Gruppe von Adjektiven verbunden mit einer Konjunktion (z.B. und) oder einem entsprechenden Zeichen (z.B. &amp;). Diese werden in der Auswertung auch als <italic>minimale AG</italic> bezeichnet. Zugleich werden pr&#228;dikativ verwendete Adjektive in den Mitschriften in einer den Partizipien &#228;hnlichen Weise genutzt, um umfangreichere Strukturen zu bilden. Segmente werden in der Analyse immer dann als <italic>komplexe AG</italic> gewertet, wenn sie in der Mitschrift mindestens eine NG/PG an sich gebunden haben, z.B. &#8222;in elementare Inhaltsmerkmale analysierbar&#8220; (Lex_2_MiKo19_L1).</p>
<p><italic>Restkategorie</italic>: Dar&#252;ber hinaus wird f&#252;r weitere Strukturen geringen Vorkommens eine Restkategorie gebildet. In den meisten F&#228;llen handelt es sich dabei um Strukturen eines mittleren Grads an Komplexit&#228;t/Umfang, z.B. Strukturen, in denen einer minimalen/einfachen NG, einer minimalen AG oder einer PG eine Konjunktion vorangestellt wird oder in denen eine der genannten Strukturen mit einer Adverbialbestimmung kombiniert wird, z.B. &#8222;aber &#228;hnliche oder gleiche Bedeutung&#8220; (Lex_1_MiKo10_L1, 64),&#8222;immer im Kontext&#8220; (Lex_1_MiKo02_L2, 39) oder &#8222;oft auch keine absoluten Synonyme&#8220; (Lex_1_MiKo10_L1, 80).</p>
</sec>
<sec>
<title>4.4 Statistisches Testverfahren zur Beantwortung von Forschungsfrage (2)</title>
<p>Zur Beantwortung der Forschungsfrage (2) werden ausgew&#228;hlte Analyseergebnisse zu den Mitschriften mit drei Sprachkompetenzwerten aus dem TestDaF (Testergebnis zum Schreiben sowie die Werte f&#252;r die Kriterien Sprachliche Mittel und Wortschatz) korreliert (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B28">Wisniewski et al. 2022b: 122</xref>). Die Anteile der einzelnen Strukturen werden dabei nicht je Mitschrift berechnet, sondern es wird ein Gesamtanteil &#252;ber alle vorhandenen Mitschriften je Student*in ermittelt. Da zu einer Person keine TestDaF-Ergebnisse vorliegen, erfolgen die Korrelationsberechnungen zu zehn Studierenden. Da es sich bei den TestDaF-Werten um ordinal skalierte Daten handelt, wird f&#252;r die Berechnung des Zusammenhangs in SPSS der Rangkorrelationskoeffizient Spearman&#8217;s Rho herangezogen. Die statistisch signifikanten Werte werden entsprechend ausgewiesen. Allerdings wird damit nicht der Anspruch erhoben, die Ergebnisse auf eine Grundgesamtheit beziehen zu k&#246;nnen. Prim&#228;r wird der Korrelationskoeffizient als deskriptives Ma&#223; zum Ausdruck der St&#228;rke der Zusammenh&#228;nge betrachtet.</p>
</sec>
</sec>
<sec>
<title>5. Ergebnisse</title>
<sec>
<title>5.1 Allgemeine Ergebnisse zur syntaktischen Gestaltung der Mitschriften</title>
<p>Das analysierte Korpus bestehend aus 22 Mitschriften umfasst insgesamt 1621 Segmente (Median: 75,5; Min.: 23; Max.:142), die sich wie folgt auf die in Abschnitt 4.3 besprochenen syntaktischen Kategorien verteilen.</p>
<table-wrap id="T2">
<label>Tabelle 2</label>
<caption>
<p>Anteile der syntaktischen Strukturen an der Gesamtheit der im Korpus ermittelten Segmente (absolutes Vorkommen in Klammern)</p>
</caption>
<table>
<thead>
<tr>
<td align="left" valign="top"><bold>Strukturen mit Verb</bold></td>
<td align="left" valign="top"><bold>21,3% (346)</bold></td>
<td align="left" valign="top"><bold>Strukturen ohne Verb</bold></td>
<td align="left" valign="top"><bold>62,4% (1011)</bold></td>
</tr>
</thead>
<tbody>
<tr>
<td align="left" valign="top">mit konjugiertem Verb</td>
<td align="left" valign="top">16,7% (271)</td>
<td align="left" valign="top">minimale NG</td>
<td align="left" valign="top">26,0% (421)</td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top">mit Infinitiv</td>
<td align="left" valign="top">1,2% (20)</td>
<td align="left" valign="top">minimale AG</td>
<td align="left" valign="top">3,7% (60)</td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top">mit Partizip II</td>
<td align="left" valign="top">3,4% (55)</td>
<td align="left" valign="top">einfache NG</td>
<td align="left" valign="top">11,4% (185)</td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top"><bold>Beispiele</bold></td>
<td align="left" valign="top"><bold>13,3% (215)</bold></td>
<td align="left" valign="top">komplexe AG</td>
<td align="left" valign="top">4,4% (72)</td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top"><bold>Anderes</bold></td>
<td align="left" valign="top"><bold>3,0% (49)</bold></td>
<td align="left" valign="top">komplexe NG</td>
<td align="left" valign="top">10,8% (175)</td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top">Anderssprachig</td>
<td align="left" valign="top">0,8% (13)</td>
<td align="left" valign="top">PG</td>
<td align="left" valign="top">1,4% (23)</td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top">nicht lesbar/kategorisierbar</td>
<td align="left" valign="top">2,2% (36)</td>
<td align="left" valign="top">Restkategorie</td>
<td align="left" valign="top">4,6% (75)</td>
</tr>
</tbody>
</table>
</table-wrap>
<p>Strukturen ohne Verb nehmen dabei einen deutlich gr&#246;&#223;eren Anteil an der Gesamtzahl der ermittelten Segmente als Einheiten mit Verb ein. Dennoch zeichnen die Ergebnisse &#8211; angesichts eines Anteils von Strukturen mit konjugiertem Verb von 16,7% &#8211; nicht das Bild ausschlie&#223;lich syntaktisch stark reduzierter und ausschlie&#223;lich fragmentarischer Notizen in den Mitschriften. Hinzukommen zudem die Strukturen mit Infinitiven, Partizipien II oder komplexe AG (Gesamtanteil: 9%), welche ebenfalls mehrere Satzglieder innerhalb einer Einheit in den Mitschriften an sich binden k&#246;nnen. Betrachtet man die in den komplexen AG pr&#228;dikativ verwendeten Adjektive, so zeigt sich, dass die Studierenden hier neben Adjektiven wie <italic>wichtig, m&#246;glich</italic> oder <italic>schwierig</italic> auch mehrfach von Verben abgeleitete Adjektive mit dem Suffix <italic>-bar</italic> verwenden (z.B. <italic>austauschbar, analysierbar, unterscheidbar, &#8222;zerlegbar&#8220;</italic>).</p>
<p>Bei den Strukturen ohne Verb zeigt sich insgesamt jedoch ein gr&#246;&#223;erer Anteil einfacher Strukturen, die in vielen F&#228;llen nur einen syntaktischen Minimalgehalt von einem Wort umfassen: In knapp 30% der F&#228;lle bestehen die ermittelten Segmente ausschlie&#223;lich aus einzelnen Substantiven oder Adjektiven (siehe minimale NG/AG). Nominalgruppen mit Attributen erreichen einen Anteil von 22,2%, welcher sich zu beinahe gleichen Teilen auf einfache Strukturen bestehend aus Adjektivattribut und Substantiv (11,4%) und elaboriertere Nominalgruppen mit (auch) mindestens einem rechtsseitigen Attribut (10,8%) verteilt. Betrachtet man die Gruppe der komplexen Nominalgruppen genauer, so liegen vier Strukturen mit expandierter postnominaler Phrase mit <italic>wie/als</italic>, 46 nominale Gruppen mit einem Genitivattribut und 97 nominale Gruppen mit einem Pr&#228;positionalattribut vor. In 28 F&#228;llen reihen sich mehrere rechtsseitige Attribute aneinander. Zudem liegen in den elaborierten Nominalgruppen zum Teil noch weitere Adjektiv- oder Adverbialattribute vor, die in der Kategorienbildung nicht weiter ber&#252;cksichtigt wurden, sodass diese Segmente durchaus auch h&#246;here Komplexit&#228;tsgrade erreichen k&#246;nnen, wie die Beispiele (17) und (18) sie verdeutlichen:</p>
<list list-type="gloss">
<list-item>
<list list-type="wordfirst">
<list-item><p>(17)</p></list-item>
</list>
</list-item>
<list-item>
<list list-type="sentence-gloss">
<list-item>
<list list-type="final-sentence">
<list-item><p>Bezug nur auf eine Seite der Skala (Lex_1_MiKo10_L1, 29)</p></list-item>
</list>
</list-item>
</list>
</list-item>
</list>
<list list-type="gloss">
<list-item>
<list list-type="wordfirst">
<list-item><p>(18)</p></list-item>
</list>
</list-item>
<list-item>
<list list-type="sentence-gloss">
<list-item>
<list list-type="final-sentence">
<list-item><p>wichtige Rolle bei der Bildung von Gegensatzw&#246;rtern (Lex_1_MiKo28_L2, 31)</p></list-item>
</list>
</list-item>
</list>
</list-item>
</list>
<p>Ebenso zeigen sich hinsichtlich der in den Strukturen vorliegenden Substantive in ca. einem Drittel der F&#228;lle solche, die Ableitungen von Verben darstellen und demnach in einer Situation der Reproduktion in entsprechende Verbalstrukturen (zu Beispiel (17) etwa: &#8222;X bezieht sich nur auf eine Seite der Skala&#8220;) transformiert werden k&#246;nnen.</p>
<p>Ein weiterer Befund in diesem Zusammenhang ist das geringe Vorkommen strukturinitialer bestimmter oder unbestimmter Artikel in Nominalgruppen. Nur in insgesamt f&#252;nf F&#228;llen liegen solche im analysierten Korpus vor, z.B. &#8222;eine Art von Bedeutung&#8220; (Lex_1_MiKo02_L2, 13), weshalb ihr (Nicht-)Vorhandensein auch in der Kategorienbildung f&#252;r die Analyse nicht weiter ber&#252;cksichtigt wurde.</p>
<p>Hinsichtlich der Frage der syntaktischen Merkmale von Mitschriften von Studienanf&#228;nger*innen kann somit festgehalten werden, dass sehr unterschiedliche Strukturen verwendet werden, darunter zum einen einfache Minimalstrukturen, die in den Mitschriften durch Satz- und Sonderzeichen und weitere graphische Gestaltungsm&#246;glichkeiten oftmals nonverbal in Verbindung zueinander gesetzt werden, zum anderen aber auch deutlich umfassendere Einheiten, unter denen Strukturen mit Verben und pr&#228;dikativen Adjektiven einen beachtlichen Anteil einnehmen, also Strukturen, die mehrere Satzglieder an sich binden k&#246;nnen.</p>
</sec>
<sec>
<title>5.2 Vergleich nach Sprachlernsituation (Mitschreiben in der L1 vs. L2)</title>
<p>Von den 1621 ermittelten Segmenten befinden sich 985 in Mitschriften von Studierenden mit Deutsch als L1 und 636 in Texten von Studierenden mit Deutsch als L2. Betrachtet man die Anteile der unterschiedlichen syntaktischen Strukturen an der Gesamtzahl der Segmente nach L1- bzw. L2-Mitschreibsituation getrennt, so sind f&#252;r mehrere Strukturtypen gr&#246;&#223;ere Unterschiede zwischen den zwei Gruppen erkennbar.</p>
<p>Der Prozentsatz an Strukturen mit Verb liegt im L2-Teilkorpus (24,1%) etwas h&#246;her als im L1-Teilkorpus (19,6%). Betrachtet man in einem n&#228;chsten Schritt aber die Verteilung der Strukturen mit konjugiertem Verb und jener mit Partizip II, so ergibt sich folgendes Bild: W&#228;hrend der Anteil bei den Segmenten mit konjugiertem Verb in den Mitschriften der L2-Studierenden wie der Gesamtanteil an Verbalstrukturen h&#246;her liegt (L2: 20,8%; L1: 14,1%), erreichen die Einheiten mit Partizip II im L1-Teilkorpus einen etwa dreimal so hohen Anteil (L1: 4,6%; L2: 1,6%). Ein &#228;hnliches Verh&#228;ltnis zeigt sich auch bei den komplexen Strukturen mit pr&#228;dikativen Adjektiven, die mindestens eine Nominalgruppe an sich binden (L1: 6,2%; L2: 1,8%). Auch bei den komplexen Nominalgruppen ergibt sich ein minimaler Vorsprung im L1-Teilkorpus (L1: 11,8%; L2: 9,3%). Betrachtet man gezielt jene Nominalgruppen mit mehreren rechtserweiternden Attributen, so ist der Anteil dieser im L1-Teilkorpus mehr als doppelt so gro&#223; wie im L2-Teilkorpus (L1: 2,2%; L2: 0,9%). Ein genau umgekehrtes Verh&#228;ltnis zeigt sich hingegen bei alleinstehenden Pr&#228;positionalgruppen (L1: 0,9%; L2: 2,2 %).</p>
<p>Um Strukturen mit mehreren Satzgliedern zu bilden, greifen L2-Studierende also zu einem gr&#246;&#223;eren Anteil auf Strukturen mit konjugiertem Verb zur&#252;ck, w&#228;hrend L1-Studierende sich daf&#252;r auch das vergleichbare &#8222;Bindungspotenzial&#8220; von Partizipien und pr&#228;dikativen Adjektiven zunutze machen. Diese beiden Strukturtypen scheinen daher neben komplexen elaborierten Nominalgruppen aus didaktischer Perspektive Anhaltspunkte f&#252;r das Arbeiten an den syntaktischen Merkmalen von Mitschriften in der schulischen Wissenschaftsprop&#228;deutik darzustellen.</p>
</sec>
<sec>
<title>5.3 Darstellung der Ergebnisse nach den einzelnen Mitschriften</title>
<p>Zugleich gilt es aber auch in den Blick zu nehmen, dass die Vorlesungen in ihrem multimodalen Charakter Einfluss auf die Mitschriften nehmen k&#246;nnen, zudem interindividuelle Unterschiede vorliegen k&#246;nnen, die sich nicht mit einer kategorischen Unterscheidung zwischen dem Schreiben in der L1 vs. L2 fassen lassen. Dass von Vorlesungseinheit zu Vorlesungseinheit Unterschiede m&#246;glich sind, verdeutlicht ein Vergleich der entsprechenden Mitschriften. F&#252;r die Kategorie der Strukturen mit Verben ergibt sich z.B. eine Range von 11,1% &#252;ber die drei Vorlesungseinheiten (Lex_1: 17,9%; Lex_2: 16,7%; Lex_3: 27,8%).</p>
<p>Die folgende tabellarische Darstellung reiht daher die einzelnen Mitschriften nach den Anteilen in den jeweiligen Kategorien. Ausgewiesen werden dabei die Zahlen zu den zahlenst&#228;rkeren Strukturtypen im Korpus. Ebenso werden die Daten f&#252;r Einheiten mit konjugiertem Verb, Partizip II oder pr&#228;dikativem Adjektiv gesondert ausgewiesen, da diese bei der Auswertung nach der Differenzierung in L1- und L2-Schreibende hinsichtlich der Erwerbsfrage interessante Unterschiede aufweisen (siehe Abschnitt 5.2). Die K&#252;rzel f&#252;r die Mitschriften werden in der Tabelle aus Platzgr&#252;nden vereinfacht (z.B. von Lex_3_MiKo33_L1 auf 3_33). Sie zeigen aber nach wie vor die zentralen Bez&#252;ge an, n&#228;mlich durch die erste Zahl die Zuordnung zur Vorlesungseinheit und durch die zweite Zahl die Zuordnung zur ID der schreibenden Person. Werte zu Texten von L2-Schreibenden werden zudem grau hinterlegt, sodass auch der Aspekt der Sprachlernsituation direkt aus der Tabelle entnommen werden kann. In der letzten Zeile werden zur besseren Orientierung hinsichtlich der Spannweite der Anteile zu den einzelnen Kategorien die Werte aus dem Gesamtkorpus (siehe <xref ref-type="table" rid="T2">Tabelle 2</xref>) noch einmal angef&#252;hrt.</p>
<fig id="T3">
<label>Tabelle 3</label>
<caption>
<p>Individualisierte Darstellung zu ausgew&#228;hlten didaktischen Strukturen (Grau hinterlegte Werte geh&#246;ren zu L2-Studierenden)</p>
</caption>
</fig>
<p><graphic xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" xlink:href="kordaf-4126_reitbrecht-g1.png"/></p>
<p>Die individualisiert nach Mitschriften ermittelten Werte zeigen, dass es einen durchaus beachtlichen Grad an Variation im Korpus gibt. F&#252;r die elaborierten Strukturen mit pr&#228;dikativem Adjektiv ist der h&#246;chste Wert zum Beispiel das Vierfache des Anteils f&#252;r das gesamte Korpus, zugleich kommt die Struktur in vier Mitschriften &#252;berhaupt nicht vor. Auch die Vorlesungseinheit erweist sich f&#252;r manche Strukturtypen als einflussreicher Faktor, wenn z.B. Einheiten mit Verben in mehreren Mitschriften zur dritten Vorlesungseinheit oder elaborierte Gruppe mit pr&#228;dikativem Adjektiv in der zweiten Vorlesungseinheit einen hohen Anteil erreichen.</p>
<p>Zugleich zeigen sich unter Ber&#252;cksichtigung interindividueller Variationsgrade aber auch die oben genannten Befunde zur Sprachlernsituation zumindest als Tendenzen wieder: So sind die L2-Mitschriften beim Anteil von Strukturen mit konjugiertem Verb im oberen Drittel stark vertreten, beim Anteil von Strukturen mit Partizip II sowie beim Anteil von elaborierten Gruppen mit pr&#228;dikativem Adjektiv hingegen im unteren Drittel. Bei den nominalen Gruppen zeigt sich eine sukzessive Verlagerung dem Komplexit&#228;tsgrad der Strukturen entsprechend. So liegen bei den minimalen NG vier L2-Mitschriften, bei den einfachen und elaborierten Formen nur jeweils ein L2-Text im oberen Drittel.</p>
</sec>
<sec>
<title>5.4 Korrelationen: syntaktische Gestaltung der Mitschriften und Sprachkompetenz</title>
<p>Um die kategoriale Unterscheidung von L1 vs. L2 zu verlassen und einen direkten Zusammenhang zwischen den Merkmalen der Mitschriften und der Sprachkompetenz der Schreibenden herzustellen, werden jene Werte, die die Studierenden im Studiensemester des Vorlesungsbesuchs in einer TestDaF-Schreibaufgabe erreicht haben, f&#252;r entsprechende Korrelationsberechnungen herangezogen. Die folgenden Erl&#228;uterungen gehen ausschlie&#223;lich auf jene Werte ein, die zumindest eine schwache Korrelation (ab &#961; = 0,200) aufweisen<xref ref-type="fn" rid="n2">2</xref>.</p>
<table-wrap id="T4">
<label>Tabelle 4</label>
<caption>
<p>Rangkorrelationskoeffizienten (Spearman&#8217;s Rho) zum Zusammenhang zwischen den Anteilen der syntaktischen Strukturen in den Mitschriften und den Ma&#223;en f&#252;r die Sprachkompetenz aus der TestDaF-Schreibaufgabe (N = 10; * &#8230; p&#8804;0,05; ** p&#8804;0,01)</p>
</caption>
<table>
<thead>
<tr>
<td align="left" valign="top"></td>
<td align="left" valign="top"><bold>Testniveau</bold></td>
<td align="left" valign="top"><bold>Sprachliche Mittel</bold></td>
<td align="left" valign="top"><bold>Wortschatz</bold></td>
</tr>
</thead>
<tbody>
<tr>
<td align="left" valign="top"><bold>Strukturen mit Verb</bold></td>
<td align="left" valign="top"><bold>&#961; = -0,132</bold></td>
<td align="left" valign="top"><bold>&#961; = -0,332</bold></td>
<td align="left" valign="top"><bold>&#961; = -0,134</bold></td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top">mit konjugiertem Verb</td>
<td align="left" valign="top">&#961; = -0,132</td>
<td align="left" valign="top">&#961; = -0,389</td>
<td align="left" valign="top">&#961; = -0,241</td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top">mit Partizip II</td>
<td align="left" valign="top">&#961; = 0,474</td>
<td align="left" valign="top">&#961; = 0,623</td>
<td align="left" valign="top">&#961; = 0,697*</td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top"><bold>Strukturen ohne Verb</bold></td>
<td align="left" valign="top"><bold>&#961; = 0,434</bold></td>
<td align="left" valign="top"><bold>&#961; = 0,545</bold></td>
<td align="left" valign="top"><bold>&#961; = 0,378</bold></td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top">minimale Nominalgruppen</td>
<td align="left" valign="top">&#961; = 0,079</td>
<td align="left" valign="top">&#961; = -0,311</td>
<td align="left" valign="top">&#961; = -0,482</td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top">einfache Nominalgruppen</td>
<td align="left" valign="top">&#961; = -0,010</td>
<td align="left" valign="top">&#961; = 0,156</td>
<td align="left" valign="top">&#961; = -0,039</td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top">komplexe Nominalgruppen</td>
<td align="left" valign="top">&#961; = 0,461</td>
<td align="left" valign="top">&#961; = 0,662*</td>
<td align="left" valign="top">&#961; = 0,723*</td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top"><italic>mehrfache Attribution</italic></td>
<td align="left" valign="top"><italic>&#961;</italic> = <italic>0,672*</italic></td>
<td align="left" valign="top"><italic>&#961;</italic> = <italic>0,842**</italic></td>
<td align="left" valign="top"><italic>&#961;</italic> = <italic>0,874**</italic></td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top">minimale Adjektivgruppen</td>
<td align="left" valign="top">&#961; = 0,096</td>
<td align="left" valign="top">&#961; = 0,351</td>
<td align="left" valign="top">&#961; = 0,137</td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top">komplexe Adjektivgruppen</td>
<td align="left" valign="top">&#961; = 0,520</td>
<td align="left" valign="top">&#961; = 0,778**</td>
<td align="left" valign="top">&#961; = 0,866**</td>
</tr>
</tbody>
</table>
</table-wrap>
<p>Dabei zeigt sich bei den Strukturen mit konjugiertem Verb eine schwache negative Korrelation mit dem Testkriterium &#8222;Sprachliche Mittel&#8220;. Dieser Zusammenhang deutet an, dass Studierende mit einem geringeren Spektrum an sprachlichen Mitteln zur Formulierung vollst&#228;ndigerer S&#228;tze tendieren. Anders verh&#228;lt sich das Ergebnis hingegen bei den Strukturen mit Partizip II. Diese erreichen in Mitschriften dann einen h&#246;heren Anteil, wenn auch bei dem Sprachtest an sich sowie bei den Kriterien Sprachliche Mittel und Wortschatz h&#246;here Werte erzielt wurden. Dieser Zusammenhang ist beim Wortschatz sowie bei den sprachlichen Mitteln nicht nur schwach, sondern sogar substantiell ausgepr&#228;gt.</p>
<p>Die Segmente ohne Verb korrelieren in ihrem Gesamtanteil mit allen drei Testkriterien schwach oder in mittlerer St&#228;rke. Bei einer differenzierten Betrachtung nach einzelnen Strukturtypen, die entweder h&#228;ufiger im Korpus vertreten sind oder sich in der Auswertung der Daten zu den Mitschriften nach Sprachlernsituation als interessant erwiesen haben, ergeben sich weitere vielversprechende Anhaltspunkte f&#252;r weiterf&#252;hrende Betrachtungen und erste didaktische Schlussfolgerungen: So werden minimale Nominalgruppen, die zumeist nur aus einem Substantiv bestehen, bei besseren Ergebnissen hinsichtlich des Wortschatzes und der morphosyntaktischen Kompetenz im TestDaF seltener verwendet. Der Anteil komplexer Nominalgruppen in den Mitschriften korreliert hingegen substantiell bis ausgepr&#228;gt positiv mit den Ma&#223;en f&#252;r die Sprachkompetenz. Formen, bei denen rechtsseitig mehrere Attributionen vorliegen, erreichen dabei noch st&#228;rkere Rangkorrelationskoeffizienten. Nicht zuletzt zeigt sich auch bei dem Anteil komplexer Gruppen mit pr&#228;dikativem Adjektiv eine mittlere bis hohe Korrelation zu den drei Ma&#223;en f&#252;r die Sprachkompetenz.</p>
</sec>
<sec>
<title>5.5 Die multimodale Vorlesung und die Mitschriften im Vergleich</title>
<p>In diesem letzten Auswertungsschritt wird exemplarisch zu zwei kurzen Ausz&#252;gen der dritten Vorlesungseinheit in qualitativer Betrachtungsweise der Frage nachgegangen, wie sich der Zusammenhang zwischen den Mitschriften und der multimodalen Vorlesung im Sinne syntaktischer &#220;bernahme vs. Transformation gestaltet. Gew&#228;hlt wurden daf&#252;r zwei Ausschnitte, die im Folientext unterschiedliche Strukturen realisieren, n&#228;mlich zum einen eine Struktur mit Partizip II (Beispiel A), zum anderen eine Struktur mit konjugiertem Verb (Beispiel B).</p>
<table-wrap id="T5">
<label>Tabelle 5</label>
<caption>
<p>Vergleich der Vorlesung (Folientext und Transkript) mit den entsprechenden Passagen der Mitschriften.</p>
</caption>
<table>
<thead>
<tr>
<td align="left" valign="top"></td>
<td align="left" valign="top"><bold>Beispiel A</bold></td>
<td align="left" valign="top"><bold>Beispiel B</bold></td>
</tr>
</thead>
<tbody>
<tr>
<td align="left" valign="top"><bold>Foliensatz</bold></td>
<td align="left" valign="top">Metaphern nicht ber&#252;cksichtigt</td>
<td align="left" valign="top">Theorie gilt eher f&#252;r Allgemeinsprache, nicht in gleicher Weise f&#252;r Fach- und Wissenschaftssprache</td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top"><bold>Trans-kript</bold></td>
<td align="left" valign="top">es ist nat&#252;rlich so, dass &#228;hm &#8226; &#8226; &#8226; auch hier &#8226; &#8226; &#8226; &#228;hm &#8226; &#8226; &#8226; &#228;h dass Metaphern beispielsweise &#8226; &#8226; &#8226; &#228;h &#8226; &#8226; &#8226; nicht so leicht ber&#252;cksichtigt wurden oder werden k&#246;nnen. &#8226; &#8226; &#8226; &#196;hm muss man sozusagen noch mal neue &#8226; &#8226; &#8226; &#228;hm Kategorien denen zuordnen oder muss davon ausgehen, dass ein Wort, ein S Semem mehreren &#8226; &#8226; &#8226;Wortfeldern &#228;h zugeordnet sein kann. (MIKO_E_00012, 222&#8211;227; IDS, Datenbank f&#252;r gesprochenes Deutsch)</td>
<td align="left" valign="top">&#196;hm &#8226; &#8226; &#8226; und &#228;h es ist auch so nat&#252;rlich, dass die &#228;h Prototypensemantik &#8226; &#8226; &#8226; mehr die allgemeine Sprach &#228;h Verarbeitung in der Allgemeinsprache &#8226; &#8226; &#8226; &#228;h gut beschreibt. &#8226; &#8226; &#8226; Die Fach- und Wissenschaftssprache &#8226; &#8226; &#8226; versucht ja genau &#8226; &#8226; &#8226; das, was &#228;hm die Prototypensemantik &#8226; &#8226; &#8226; als nicht typisch beschreibt, &#8226; &#8226; &#8226; n&#228;mlich sie versucht ja genau, &#8226; &#8226; &#8226; feste Definitionen von &#8226; &#8226; &#8226; Begriffen &#228;hm zu etablieren, ja? &#8226; &#8226; &#8226; (<xref ref-type="bibr" rid="B18">MIKO_E_00012, 259&#8211;265</xref>; IDS, Datenbank f&#252;r gesprochenes Deutsch)</td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top"><bold>3_02_L2</bold></td>
<td align="center" valign="top">---</td>
<td align="left" valign="top">Allgemein Typische ________</td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top"><bold>3_04_L2</bold></td>
<td align="center" valign="top">---</td>
<td align="left" valign="top">nicht in gleicher Weise f&#252;r Wissenschaftssprache + Fachsprache</td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top"><bold>3_09_L2</bold></td>
<td align="left" valign="top">Metapher nicht ber&#252;cksichtigt</td>
<td align="left" valign="top">Theorie gilt eher f&#252;r Allgemeinsprache, nicht in gleicher Weise f&#252;r Fach- und Wissenschaftssprache.</td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top"><bold>3_10_L1</bold></td>
<td align="left" valign="top">keine Ber&#252;cksichtigung von Metaphern</td>
<td align="left" valign="top">G&#252;ltigkeit eher f&#252;r Allgemeinsprache, weniger f&#252;r Fach-/Wissenschaftssprache</td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top"><bold>3_19_L1</bold></td>
<td align="left" valign="top">(Problem:) Metaphern</td>
<td align="center" valign="top">---</td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top"><bold>3_25_L1</bold></td>
<td align="left" valign="top">Metaphern nicht ber&#252;cksichtigt</td>
<td align="left" valign="top">eher f&#252;r Allgemeinsprache anwendbar</td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top"><bold>3_33_L1</bold></td>
<td align="left" valign="top">Metaphern nicht ber&#252;cksichtigt</td>
<td align="left" valign="top">weniger f&#252;r Fach-/Wissenschaftssprache geeignet</td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top"><bold>3_38_L1</bold></td>
<td align="left" valign="top">Metaphern nicht ber&#252;cksichtigt</td>
<td align="left" valign="top">Theorie gilt eher f. Allgemeinsprache, nicht in gleicher Weise f. Fach- und Wissenschaftssprache</td>
</tr>
<tr>
<td align="left" valign="top"><bold>3_39_L2</bold></td>
<td align="left" valign="top">Metaphern nicht ber&#252;cksichtigt</td>
<td align="left" valign="top">[als unleserlich/unverst&#228;ndlich gewertet]</td>
</tr>
</tbody>
</table>
</table-wrap>
<p>Dabei zeigt sich in vielen F&#228;llen eine st&#228;rkere Orientierung am Folientext als an den &#196;u&#223;erungen des Dozenten. So wird die Partizipialstruktur in Beispiel A nicht um das in der Vorlesung m&#252;ndlich realisierte konjugierte Hilfsverb zur Bildung der vollst&#228;ndigen Passivstruktur erweitert. Dar&#252;ber hinaus zeigen sich zwei abweichende Realisierungen, die je spezifische Prozesse andeuten. In der Mitschrift 3_19_L1 gehen durch die Reduktion wichtige Informationen verloren. Bei 3_10_L1 erfolgt hingegen durch die Verwendung des Nomens &#8222;Ber&#252;cksichtigung&#8220; eine syntaktische Transformation ohne inhaltlichen Verlust.</p>
<p>In Beispiel B finden sich drei weitere F&#228;lle syntaktischer Transformationen, in denen die auf der Folie verschriftete Struktur mit konjugiertem Verb in eine jeweils andere syntaktische Form &#252;berf&#252;hrt wird. Schreiber 10_L1 greift auch hier f&#252;r seine Notiz auf eine Nominalstruktur mit &#8222;G&#252;ltigkeit&#8220; als Kern zur&#252;ck. Die Schreibenden 25_L1 und 33_L1 bilden eine semantisch angemessene Struktur mit Adjektiv (&#8222;anwendbar&#8220;) bzw. Partizip II (&#8222;geeignet&#8220;).</p>
<p>Erkennbar sind diese syntaktischen Transformationsprozesse ausschlie&#223;lich bei Studierenden mit Deutsch als L1 und sehr hohen Ergebnissen in der TestDaF-Schreibaufgabe, wobei dieses Ergebnis aufgrund der geringen Anzahl ausgewerteter Textstellen aber nicht vorschnell interpretiert werden darf. Ebenso k&#246;nnen anhand der zwei gezeigten Beispiele keine Aussagen weitreichender G&#252;ltigkeit &#252;ber die Bedeutsamkeit von geschriebenem vs. gesprochenem Input in der multimodalen Vorlesung gezogen werden. Die Beispiele deuten aber sehr wohl darauf hin, dass nicht nur von einem &#8222;Mitschreiben&#8220;, sondern auch von einem &#8222;Abschreiben&#8220; bei der Gestaltung von Mitschriften ausgegangen werden muss.</p>
</sec>
<sec>
<title>6. Diskussion und Ausblick</title>
<p>F&#252;r die Frage der Textsortenmerkmale von Mitschriften kann die vorliegende Analyse einen Beitrag zu einem besseren Verst&#228;ndnis syntaktischer Strukturen von Mitschriften leisten. Zu ber&#252;cksichtigen gilt es aber, dass nur ein fachlicher Kontext und nur eine Form medialer Vorlesungsgestaltung untersucht wurden, sodass keine weitreichenden Schlussfolgerungen gezogen werden k&#246;nnen (vgl. <xref ref-type="bibr" rid="B3">Arras / Fohr 2020: 133</xref>; <xref ref-type="bibr" rid="B29">Wisniewski et al. 2022c: 322&#8211;323</xref>). Dennoch zeigte sich hinsichtlich der syntaktischen Strukturen, dass diese mit einem rein stichwortartigen Charakter nicht beschreibbar werden und vielmehr eine gr&#246;&#223;ere Bandbreite an Formen mit unterschiedlichen Komplexit&#228;tsgraden in den untersuchten Mitschriften vorliegt.</p>
<p>Von besonderem Interesse aus der Perspektive schulischer Wissenschaftsprop&#228;deutik im Kontext des Erst-, Zweit- und Fremdsprachenunterrichts Deutsch sind jene Befunde der Korpusanalyse, die Zusammenh&#228;nge der syntaktischen Gestaltung von Mitschriften mit der Sprachlern-/Schreibsituation (L1 vs. L2) und der Sprachkompetenz nahelegen. So ist es vor allem die Reduktion von Strukturen mit konjugiertem Verb bei gleichzeitiger Zunahme von komplexen Nominalgruppen und komplexen Adjektivgruppen sowie Strukturen mit Partizip II, die sich in diesem Zusammenhang als interessante Ankn&#252;pfungspunkte f&#252;r die didaktische und linguistisch fundierte Arbeit am Mitschreiben in Lehr-Lernsituationen anbietet. Dabei gilt es zugleich die Frage zu stellen, ob bzw. inwieweit die entsprechenden Strukturen auch in anderen Schreibsituationen von den Lernenden produktiv bereits angewandt werden k&#246;nnen. Die Befunde zu den von Verben abgeleiteten Nomen und Adjektiven (z.B. auf <italic>-bar</italic>) in den komplexen NG und AG verdeutlichen, dass der Lerngegenstand des Mitschreibens nicht nur syntaktisch zu denken ist, sondern auch die Vermittlung derivationalen Wissens (siehe zu einer Thematisierung im Kontext der L2-Schreibforschung/-didaktik <xref ref-type="bibr" rid="B16">Leontjev et al. 2016</xref>) beinhalten und mit Angeboten zur produktiven (bis kreativen) Nutzung der Wortbildung im Deutschen einhergehen sollte.</p>
<p>Dar&#252;ber hinaus scheint es f&#252;r zuk&#252;nftige Untersuchungen zu mediengest&#252;tzten Vorlesungen zielf&#252;hrend, den m&#246;glichen Einfluss des multimodalen Kommunikats auf die syntaktische Gestaltung von Mitschriften methodisch (akkurater) zu ber&#252;cksichtigen. In Abschnitt 5.3 wurde diesem weiteren Einflussfaktor zumindest beschreibend durch die individualisierten Darstellungen in <xref ref-type="fig" rid="T3">Tabelle 3</xref> Rechnung getragen.</p>
</sec>
</sec>
</body>
<back>
<fn-group>
<fn id="n1"><p>Weiterf&#252;hrende Angaben zu den Vorlesungskommunikaten k&#246;nnen der DGD-Plattform entnommen werden.</p></fn>
<fn id="n2"><p>Nach Albert / Marx (<xref ref-type="bibr" rid="B2">2014: 130</xref>) werden die Korrelationen nach der St&#228;rke ihres Zusammenhangs wie folgt kategorisiert: &#961;=0,200 bis &#961;=0,390 (schwache Korrelation, definitive, aber geringe Beziehung), &#961;=0,400 bis &#961;=0,690 (mittlere Korrelation, substantielle Beziehung), &#961;=0,700 bis &#961;=0,890 (hohe Korrelation, ausgepr&#228;gte Beziehung).</p></fn>
</fn-group>
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<title>Literatur und Ressourcen</title>
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<ref id="B25"><mixed-citation publication-type="journal"><string-name><surname>Wildegans</surname>, <given-names>Gotthard</given-names></string-name> (<year>1987</year>): <article-title>Schwierigkeiten im verstehenden H&#246;ren und Schreiben bei ausl&#228;ndischen Studenten (Nichtphilologen) am Studienbeginn &#8211; Ein Erfahrungsbericht</article-title>. In: <source>Deutsch als Fremdsprache</source> <volume>24</volume>: <issue>4</issue>, <fpage>239</fpage>&#8211;<lpage>241</lpage>.</mixed-citation></ref>
<ref id="B26"><mixed-citation publication-type="journal"><string-name><surname>Wisniewski</surname>, <given-names>Katrin</given-names></string-name> (<year>2019</year>): <article-title>Mitschreiben in Vorlesungen: ein interdisziplin&#228;rer Forschungs&#252;berblick mit Fokus Deutsch als L2</article-title>. In: <source>Bulletin suisse de linguistique appliqu&#233;e /VALS-ASLA</source> <volume>109</volume>, <fpage>153</fpage>&#8211;<lpage>170</lpage>.</mixed-citation></ref>
<ref id="B27"><mixed-citation publication-type="book"><string-name><surname>Wisniewski</surname>, <given-names>Katrin</given-names></string-name> / <string-name><surname>Lenhard</surname>, <given-names>Wolfgang</given-names></string-name> / <string-name><surname>M&#246;hring</surname>, <given-names>Jupp</given-names></string-name> / <string-name><surname>Spiegel</surname>, <given-names>Leonore</given-names></string-name> (Hrsg.) (<year>2022a</year>): <source>Sprache und Studienerfolg bei Bildungsausl&#228;nderinnen und Bildungsausl&#228;ndern</source>. <publisher-loc>M&#252;nster / New York</publisher-loc>: <publisher-name>Waxmann</publisher-name>.</mixed-citation></ref>
<ref id="B28"><mixed-citation publication-type="book"><string-name><surname>Wisniewski</surname>, <given-names>Katrin</given-names></string-name> / <string-name><surname>Lenhard</surname>, <given-names>Wolfgang</given-names></string-name> / <string-name><surname>M&#246;hring</surname>, <given-names>Jupp</given-names></string-name> (<year>2022b</year>): <chapter-title>Deutschkompetenzen von Bildungsausl&#228;nder:innen</chapter-title>. In: <string-name><surname>Wisniewski</surname>, <given-names>Katrin</given-names></string-name> / <string-name><surname>Lenhard</surname>, <given-names>Wolfgang</given-names></string-name> / <string-name><surname>M&#246;hring</surname>, <given-names>Jupp</given-names></string-name> / <string-name><surname>Spiegel</surname>, <given-names>Leonore</given-names></string-name> (Hrsg.): <source>Sprache und Studienerfolg bei Bildungsausl&#228;nderinnen und Bildungsausl&#228;ndern</source>. <publisher-loc>M&#252;nster / New York</publisher-loc>: <publisher-name>Waxmann</publisher-name>, <fpage>117</fpage>&#8211;<lpage>218</lpage>.</mixed-citation></ref>
<ref id="B29"><mixed-citation publication-type="webpage"><string-name><surname>Wisniewski</surname>, <given-names>Katrin</given-names></string-name> / <string-name><surname>Spiegel</surname>, <given-names>Leonore</given-names></string-name> / <string-name><surname>Feldm&#252;ller</surname>, <given-names>Tim</given-names></string-name> / <string-name><surname>Parker</surname>, <given-names>Maria</given-names></string-name> / <string-name><surname>Lenort</surname>, <given-names>Lisa</given-names></string-name> (<year>2022c</year>): <chapter-title>Das Korpus MIKO (&#8222;Mitschreiben in Vorlesungen: Ein multimodales Lehr-Lernkorpus&#8220;)</chapter-title>. In: <string-name><surname>Wisniewski</surname>, <given-names>Katrin</given-names></string-name> / <string-name><surname>Lenhard</surname>, <given-names>Wolfgang</given-names></string-name> / <string-name><surname>M&#246;hring</surname>, <given-names>Jupp</given-names></string-name> / <string-name><surname>Spiegel</surname>, <given-names>Leonore</given-names></string-name> (Hrsg.): <source>Sprache und Studienerfolg bei Bildungsausl&#228;nderinnen und Bildungsausl&#228;ndern</source>. <publisher-loc>M&#252;nster / New York</publisher-loc>: <publisher-name>Waxmann</publisher-name>, <fpage>305</fpage>&#8211;<lpage>323</lpage>. Zugleich: IDS, Datenbank f&#252;r Gesprochenes Deutsch (DGD), MIKO. <uri>http://dgd.ids-mannheim.de</uri> (20.04.2024).</mixed-citation></ref>
<ref id="B30"><mixed-citation publication-type="book"><string-name><surname>Wisniewski</surname>, <given-names>Katrin</given-names></string-name> / <string-name><surname>Spiegel</surname>, <given-names>Leonore</given-names></string-name> / <string-name><surname>Lenort</surname>, <given-names>Lisa</given-names></string-name> / <string-name><surname>Feldm&#252;ller</surname>, <given-names>Tim</given-names></string-name> (<year>2022d</year>): <chapter-title>Mitschreiben in Vorlesungen der Studieneingangsphase</chapter-title>. In: <string-name><surname>Wisniewski</surname>, <given-names>Katrin</given-names></string-name> / <string-name><surname>Lenhard</surname>, <given-names>Wolfgang</given-names></string-name> / <string-name><surname>M&#246;hring</surname>, <given-names>Jupp</given-names></string-name> / <string-name><surname>Spiegel</surname>, <given-names>Leonore</given-names></string-name> (Hrsg.): <source>Sprache und Studienerfolg bei Bildungsausl&#228;nderinnen und Bildungsausl&#228;ndern</source>. <publisher-loc>M&#252;nster / New York</publisher-loc>: <publisher-name>Waxmann</publisher-name>, <fpage>325</fpage>&#8211;<lpage>358</lpage>.</mixed-citation></ref>
<ref id="B31"><mixed-citation publication-type="journal"><string-name><surname>Wong</surname>, <given-names>Sarah Shi Hui</given-names></string-name> / <string-name><surname>Lim</surname>, <given-names>Stephen Wee Hun</given-names></string-name> (<year>2023</year>): <article-title>Take notes, not photos: Mind-Wandering mediates the impact of note-taking strategies on video-recorded lecture learning performance</article-title>. In: <source>Journal of Experimental Psychology: Applied</source> <volume>29</volume>: 1, <fpage>124</fpage>&#8211;<lpage>135</lpage>.</mixed-citation></ref>
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<title>Biographische Notiz</title>
<p>Sandra Reitbrecht promovierte im Fach Sprechwissenschaft und Phonetik an der Martin-Luther-Universit&#228;t Halle-Wittenberg und ist derzeit am Institut Urban Diversity Education der P&#228;dagogischen Hochschule Wien sowie am Fachdidaktikzentrum Deutsch als Zweitsprache und Sprachliche Bildung der Universit&#228;t Graz t&#228;tig. In ihrer Forschung besch&#228;ftigt sie sich u.a. mit der Entwicklung wissenschaftlicher Textkompetenz in Schule und Hochschule.</p>
<p><styled-content style="text-align: right; display: block; line-height: 0.5"><bold>Kontaktanschrift:</bold></styled-content></p>
<p><styled-content style="text-align: right; display: block; line-height: 0.5">Sandra Reitbrecht</styled-content></p>
<p><styled-content style="text-align: right; display: block; line-height: 0.5">P&#228;dagogische Hochschule Wien</styled-content></p>
<p><styled-content style="text-align: right; display: block; line-height: 0.5">Institut Urban Diversity Education</styled-content></p>
<p><styled-content style="text-align: right; display: block; line-height: 0.5">Grenzackerstra&#223;e 18</styled-content></p>
<p><styled-content style="text-align: right; display: block; line-height: 0.5">1100 Wien</styled-content></p>
<p><styled-content style="text-align: right; display: block; line-height: 0.5"><ext-link ext-link-type="uri" xmlns:xlink="http://www.w3.org/1999/xlink" xlink:href="mailto:sandra.reitbrecht@phwien.ac.at">sandra.reitbrecht@phwien.ac.at</ext-link></styled-content></p>
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